Akt Rheumatol 2018; 43(01): 24-25
DOI: 10.1055/s-0043-123751
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Risikofaktoren für anhaltende Opioideinnahme nach Gelenkersatz

Kim SC.
Patterns and predictors of persistent opioid use following hip or knee arthroplasty.

Osteoarthritis Cartilage 2017;
25: 1399-1406
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Publication History

Publication Date:
05 March 2018 (online)

 

    Die Implantation von Totalendoprothesen (TEP) im Hüft oder Kniegelenk wegen einer degenerativen Arthrose gehört zu den häufigsten orthopädischen Operationen. Im Allgemeinen wird die OP empfohlen, wenn konservative Therapiemaßnahmen nicht (mehr) greifen.


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    Im Rahmen der perioperativen Schmerzbehandlung werden nach TEP-Implantation oft auch Opioide verschrieben – aber manche Patienten nehmen dieser Opioide auch langfristig postoperativ ein. In Anbetracht der zunehmenden Zahl von Todesfällen im Zusammenhang auch mit verschriebenen Opioiden in den USA ist es von Bedeutung, Risikopatienten für eine solche anhaltende Opioideinnahme möglichst schon präoperativ zu identifizieren. Mediziner aus Harvard legen Daten dazu vor. Kim et al. haben dazu Daten eines großen US-amerikanischen Krankenversicherers für die Jahre 2004–2013 herangezogen. Die Wissenschaftler suchten zunächst nach Patienten ab dem 50. Lebensjahr, bei denen im untersuchten Zeitraum eine Hüft- oder Kniegelenk-TEP implantiert worden war. Anschließend prüften sie, wie viele dieser Patienten postoperativ anhaltend Opioide einnahmen. Anhaltende Einnahme war hier definiert als Einlösen eines Opioidrezepts in jedem der 12 auf die OP folgenden Monate. Im letzten Schritt schließlich suchten sie nach Faktoren, die mit einer anhaltenden Einnahme unabhängig und signifikant verbunden waren. In die Auswertung gingen >57000 Patienten mit Hüft- oder Kniegelenk-TEP ein. Ihr Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Operation betrug 61,5 Jahre, und etwas mehr als die Hälfte waren Frauen (57%). Bei 68,7% war eine Knie-TEP und bei 31,5% eine Hüft-TEP erfolgt. Von ihnen nahmen

    • fast 30000 Patienten nach dem 3.postoperativen Monat keine Opioide mehr ein oder allenfalls in minimaler Dosierung (Gruppe 1), im Gegensatz zu

    • 4394 Patienten (7,6%), die anhaltend Opioide wie oben definiert einnahmen (Gruppe 2).

    Bei den restlichen Patienten nahm die Opioideinnahme im Jahr nach dem Eingriff zeitweilig oder anhaltend ab. Im Vergleich zu allen anderen Gruppen waren Patienten der Gruppe 2 jünger, Frauen waren häufiger vertreten, bei ihnen bestanden häufige chronische Schmerzerkrankungen, und sie hatten häufiger bereits präoperativ längere Zeit Opioide eingenommen. Nach Adjustierung für Störfaktoren errechneten sich in der multivariaten logistischen Regressionsanalyse als mit einem höheren Risiko für eine anhaltende postoperative Opioideinnahme verbunden:

    • eine Knie-TEP (Odds Ratio [OR] 1,75 vs. Hüft-TEP),

    • Entlassung in eine postoperative Rehabilitationsklinik (OR 1,26 vs. alle anderen Entlassungsziele) und

    • längerer Klinikaufenthalt bei der TEP-Implantation (OR 1,04 pro zusätzlichem Tag).

    Weiterhin war eine Reihe präoperativ feststellbarer Faktoren ebenfalls mit einem erhöhten Risiko verbunden, darunter

    • präoperative Einnahme von Benzodiazepinen (OR 1,42),

    • eine höhere Zahl von Begleiterkrankungen, insbesondere

      • Rückenschmerzen (OR 1,28),

      • Fibromyalgie (OR 1,22),

      • Migräne (OR 1,19) und

      • rheumatoide Arthritis (OR 1,40), sowie

    • Nikotinkonsum (OR 1,20).

    Und schließlich waren Parameter einer bereits präoperativ bestehenden Opioideinnahme mit der weiteren, postoperativen Opioideinnahme verbunden, wie

    • präoperative Opioideinnahme insgesamt (OR 1,72)

    • längere Dauer der präoperativen Opioideinnahme (OR 1,47)

    • Opioideinnahme über ≥1 Monat in einer Tagesdosis ≥100 mg Morphinäquivalent (OR 1,44) und

    • eine größere Zahl von Monaten, in denen ≥80% der Tage Opioide eingenommen worden waren (OR 4,54 für 7 Monate vs. 0 Monate).

    Stratifizierte man die Patienten nach präoperativer Opioideinnahme, so nahmen 0,65% derjenigen, die präoperativ kein Opioid eingenommen hatten, langfristig postoperativ Opioide ein – im Vergleich zu 8,67% derjenigen, die präoperativ Opioide eingenommen hatten. Und in der Gruppe der Patienten mit langer, hoch dosierter Einnahme waren es sogar 72,1%.

    Fazit

    Mehr als 7% der Patienten nehmen nach einer Hüft- oder Knie-TEP langfristig Opioide ein, fassen die Autoren zusammen. Besonders hoch ist das Risiko bei bereits präoperativer, lang anhaltender, hoch dosierter Opioideinnahme – fast ¾ dieser Patienten können zu Langzeit „nutzern“ werden. Zukünftige Studien sollten untersuchen, wie sich die perioperative Schmerztherapie ebenso wie die Therapie chronischer Schmerzerkrankungen optimieren lässt, um dieses Risiko zu senken.

    Dr. Elke Ruchalla, Bad Dürrheim


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