Einleitung
Einleitung
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das Feld der illegalen Drogen mit der
„harten” Droge Heroin als Leitsubstanz. Die Überlegungen schließen aber auch Kokain
mit ein und Analogieschlüsse zu weiteren illegalen und legalen Drogen lassen sich
ziehen.
Auch nach über 150-jähriger Auseinandersetzung der Medizin mit der Suchtthematik -
später der Psychologie, der Sozialarbeit, der Sozialpädagogik und anderen - wird bis
heute mehrheitlich von der Vorstellung ausgegangen, die Suchttherapie habe den Abhängigen
und die Gesellschaft von der Sucht zu befreien. Dieser Leitsatz hat seine Gültigkeit
bewahrt, auch wenn er oft etwas modifiziert und in ein humaneres Mäntelchen gehüllt
daherkommt. Bei Opiatabhängigkeit wird die Substitution als Mittel zur Schadensverminderung
weit gehend akzeptiert. Das Kredo heißt dann: Wenn schon nicht abstinent, so doch
abstinent von Beikonsum - und langfristig lauert die Abstinenz weiterhin als unumgängliches
Ziel. Man könnte diese Haltung „Abstinenzparadigma light” nennen. Sei es ambulant
oder stationär, das Abstinenzparadigma in der Suchttherapie lebt weiter.
Ein wichtiger Grund für das Festhalten an der Abstinenz als oberstes Behandlungsziel
dürfte sein, dass wohl in keinem anderen Gebiet der Medizin derart viele verschiedene,
auch konträr positionierte Kräfte bei der Gestaltung des Hilfsangebots mitmischen
wie im Bereich der illegalen Drogen. Weit gehend moralische und normative Ansätze,
die Strömungen aus der Bevölkerung, der politischen Parteien, der Sozialämter, der
Justiz und der Polizei entstammen, bestimmen die Rahmenbedingungen von Behandlungen.
Dies wird dann Drogenpolitik genannt. Kein Internist würde sich in seinem Gebiet Ähnliches
gefallen lassen, kein Psychiater würde Derartiges in der Behandlung schizophrener
Menschen akzeptieren. Es gibt keine Diabetespolitik und keine Schizophreniepolitik.
Sucht (oder Abhängigkeit) ist per definitionem eine chronische Erkrankung [1]
[2]. Um vom Abstinenzparadigma wegzukommen, kann man sich bei der Behandlung von drogenabhängigen
Menschen lediglich an zwei Grundzielen in der Behandlung chronischer Erkrankungen
orientieren: erstens der Reduktion der wichtigsten Schädigungen und zweitens der Verbesserung
der Lebensqualität. Generell müssen Zielsetzungen realistischerweise erreichbar sein
(Realitätsprinzip). Deren Festlegung und die Planung zur Umsetzung müssen gemeinschaftlich
zwischen den zu Behandelnden und den Therapierenden festgelegt und akzeptiert werden
(Gemeinschaftsprinzip), um stabile Veränderungen zu erlangen. Wie in der Folge gezeigt
wird, kommt es in der Behandlung von Opiatabhängigen zu einer grundlegend anderen
Gewichtung des Angebots, wenn die Reduktion der Mortalitätsrate und die Förderung
der Lebensqualität ins Zentrum des therapeutischen Schaffens rücken.
Zielsetzungen in der Suchttherapie anhand von Prognose und Beeinflussbarkeit
Zielsetzungen in der Suchttherapie anhand von Prognose und Beeinflussbarkeit
Bei Diskussionen unter Fachkräften muss immer wieder erstaunt festgestellt werden,
wie Zielsetzungen mit derselben Patientengruppe um 180 Grad divergieren können. Das
Spektrum reicht von der Abstinenz als unabdingbares oberstes Ziel bis zur Forderung
der kompletten Freigabe der Drogen, da der Drogenkonsum in der Verantwortung des Einzelnen
liegen müsse. Wie soll es da möglich sein, den Abhängigen Ziele vorzugeben oder erst
noch gemeinsam mit ihnen zu erarbeiten?
Welche Ziele haben überhaupt eine Chance, erreicht zu werden? Schließlich sind Ziele
nur dann sinnvoll, wenn auf den Prozess ein Einfluss ausgeübt werden kann, der eine
Veränderung in Richtung der Zielumsetzung bewirkt (Realitätsprinzip).
Im psychosozialen Bereich (Wohnen, Arbeit, Kriminalität) ist die positive Einflussnahme
durch therapeutische Maßnahmen bei Drogenabhängigen, seien sie stationär oder ambulant,
weit gehend unbestritten. Wenden wir uns also auf der einen Seite der unbekannteren
Mortalitätsrate zu, auf der anderen Seite dem Drogenkonsum bzw. der Abstinenz. Die
Ausführungen dazu beziehen sich zu einem großen Teil auf Übersichtsarbeiten wie beispielsweise
diejenige aus dem Jahr 1998 von Ward, Mattick und Hall, die sich die Mühe machten,
weltweit die Erkenntnisse über Substitutionsbehandlungen zu sichten und zu werten
[3].
Mortalität - das verdrängte Problem
Mortalität - das verdrängte Problem
Bei unbehandelten Opiatabhängigen wird die Sterberate auf etwa 2,5 - 3 % pro Jahr
geschätzt [4]. Darunter werden alle Todesfälle subsumiert, seien es Intoxikationen,
infektionsbedingte Sterbefälle, Unfälle, Suizide und anderweitig bedingte Todesfälle.
Vielleicht hat sich diese Zahl mit den neuen HIV-Behandlungen etwas gesenkt, dafür
wird nach heutigem Stand des Wissens die Zahl der Hepatitis-C-Toten drastisch zunehmen
[5]. Im Vergleich dazu liegt die berichtete Todesrate unter Substitutionsbehandlungen
meistens bei rund 1 % pro Jahr [6].
Die Spanne zwischen 1 und 3 % sieht zwar nach einer relativ kleinen Differenz aus,
es handelt sich aber um die jährliche Rate. Werden diese Werte auf 10 oder 20 Jahre
kumuliert, sieht dies dann sehr dramatisch aus (vgl. Abb. [1]). 20 Jahre entsprechen beispielsweise dem Altersbereich von 17 bis 37 Jahren. Dies
ist bei einem abhängigen Menschen eine normale Zeitspanne in der oftmals mit dem zynischen
Begriff „Suchtkarriere” bezeichneten Lebensphase. Aufgrund dieser Berechnungen ist
nach 10 Jahren bereits ein Viertel der Unbehandelten verstorben, nach 20 Jahren sind
es ca. 45 %. Unter Substitution liegen diese Werte nach 10 Jahren bei maximal einem
Zehntel bzw. nach 20 Jahren bei unter 20 %.
Abb. 1 Verstorbene nach 1 bis 20 Jahren bei Sterberaten von 1 %, resp. 2,5 - 3 % pro Jahr
(bei problematischem Konsum von Heroin/Kokain).
Am Beispiel der Schweiz sei zur Illustration der problematische Umgang mit Drogentodesstatistiken
aufgezeigt. Etwa die Hälfte der 30 000 Drogenabhängigen mit problematischem Konsum
ist substituiert (im Jahr 2002 waren es insgesamt knapp 18 000 Methadon-[7] und rund 1200 Heroinbehandlungen [8] - dies entspricht allerdings nur einer durchschnittlichen Behandlungszahl von 15
000 - 16 000). Daneben existieren rund 1000 abstinenzorientierte Behandlungsplätze.
Beinahe die Hälfte der Abhängigen befindet sich also nicht in einer Behandlung. In
der offiziellen Drogentodesstatistik werden nur vermutete oder sichere Intoxikationen
aufgeführt. Im Jahr 2002 waren dies 167 [9]. Nach den Erkenntnissen der Sterberate liegt die Zahl der jährlichen Todesfälle
bei Drogenabhängigen aber bei ca. 580; etwa 160 (1 % von 16 000) bei der Gruppe der
Behandelten und ca. 420 (3 % von 14 000) bei der Gruppe der Unbehandelten (Estermanns
Berechnungen für die 90er-Jahre mit im Durchschnitt 700 Toten lagen sogar noch höher
[4]). Dies sind mehr Tote als die gut 500, die der Verkehr in der Schweiz im Jahr 2002
gefordert hat [10].
Wesentlich ist, dass sich die jährliche Mortalitätsrate stark, nämlich auf etwa ein
Drittel senken lässt, wenn eine substitutionsgestützte Behandlung mit wenigen Behandlungsauflagen,
genügend hoher Dosierung und diversifiziertem professionellen Hilfsangebot stattfindet
[3]
[6].
Zieht man die Parallele zu somatischen Erkrankungen mit einer ähnlich hohen Mortalität,
würde man nicht zögern, von einem malignen oder bösartigen Verlauf zu sprechen. Therapeutische
Maßnahmen, welche die Sterblichkeit um einen ähnlichen Faktor senken, werden als sehr
erfolgreich beurteilt, auch wenn sie nicht zu einer vollständigen Heilung führen.
Die basale Aufgabe der Suchtmedizin muss somit sein, den Abhängigen zu ermöglichen,
ihre Krankheit zu überleben.
Abstinenz - das überbewertete Ziel
Abstinenz - das überbewertete Ziel
Wenden wir uns der Abstinenz zu, stellen wir ernüchtert fest:
Im Langzeitverlauf über 10 bis 20 Jahre gibt es kaum eine Evidenz, dass sich die Abstinenzquote
durch irgendwelche therapeutischen Maßnahmen, sei es durch abstinenzorientierte,
sei es durch substitutionsgestützte Behandlungen, wesentlich beeinflussen ließe. Es
deutet alles darauf hin, dass ein allfälliger Unterschied nach Jahren sukzessive verschwindet.
Bei einem Teil der Abhängigen scheint der Konsum selbstlimitierend zu sein.
Als Beispiel für viele sei Patrick O‘Connor von der Yale University School of Medicine
zitiert [11]:
„Dennoch gibt es wenig Forschungsresultate über die langfristige Wirksamkeit bezüglich
der Opioidabstinenz über die akute Entzugsphase hinaus (einige Tage oder Wochen).
Die Effektivität der Entzugsbehandlung ist für die meisten Patienten fraglich, insbesondere
für diejenigen, die täglich Heroin konsumieren.”
Dass das Abstinenzparadigma, mindestens in der Light-Version, weiterhin das drogentherapeutische
Feld dominiert, zeigt sich zum einen in der Gewichtung der Forschungsbemühungen, zum
anderen in den Konzepten oder Leitlinien von Substitutionsprogrammen. Stellvertretend
die folgende Aussage zu den Schweizer Heroinverschreibungsprojekten - Ähnliches findet
sich auch bei sehr vielen Methadonprogrammen: „Oberstes Ziel in der Suchtbehandlung
ist das Erreichen einer selbstständigen und eigenverantwortlichen Lebensführung in
Suchtfreiheit” [12]. Die tägliche Praxis hat dazugeführt, dass in den meisten Programmen mittlerweile
die Überlebenssicherung und Steigerung der Lebensqualität im Zentrum stehen.
Doch die bekannten, immer wieder anzutreffenden Stufenmodelle belegen, dass in vielen
therapeutischen Einrichtungen im Hintergrund die Abstinenz als letztes Ziel wartet
und die Behandlung mitprägt:
-
Eintrittsphase, Integration ins Programm
-
Stabilisierung und Konsolidierung der gesundheitlichen Situation
-
Rehabilitation, Resozialisation
-
Abstinenz und Austritt
Dem ausbleibenden langfristigen Erfolg nach zu schließen, widerspricht eine solche
Zielsetzung deutlich dem Realitätsprinzip. Realistischere Erfolgsvorgaben sind notwendig,
wenn wir weder unsere selbstgesteckten Ziele dauernd außer Acht lassen noch in „therapeutischem
Pessimismus” [13] versinken wollen.
Kontrollierter Konsum - das unterschätzte Phänomen
Kontrollierter Konsum - das unterschätzte Phänomen
Der kontrollierte Konsum „harter” Drogen ist ein weiterer Bereich, in dem gut abgestützte
Erkenntnisse vorliegen, die aber selbst von vielen Fachleuten kaum zur Kenntnis genommen
oder ignoriert werden.
Schippers und Cramer [14], die eine breite Übersichtsarbeit zum Thema kontrollierter Konsum von Drogen verfasst
haben, definieren das Phänomen folgendermaßen:
„Kontrollierter Konsum harter Drogen lässt sich demnach als ein Konsum definieren,
der nicht in nennenswertem Maß mit persönlichen Zielen kollidiert und durch Selbstkontrollregeln
gesteuert wird.” Sie beziehen sich auf fünf Reviews von Langzeitstudien mit insgesamt
über 30 000 Drogenabhängigen und stellen fest, dass nach 10 Jahren ein Viertel zwar
immer noch Drogen konsumiert, aber keinen problematischen Umgang damit aufweist. Weber
und Schneider [15], die kontrollierte Drogenkonsumenten und Selbstaussteiger verglichen haben, kommen
zum Schluss, dass eine solche Entwicklung die Nutzung und Wirksamkeit vorhandener
Hilfssysteme, die Antizipation positiver Folgen und die Aktivierung vorhandener Identitätsressourcen
voraussetzt. Dass sich der kontrollierte Konsum gezielt fördern lässt, ist somit zu
vermuten.
Zu bedenken ist auch, dass selbst während einer stationären Entwöhnungstherapie von
illegalen Drogen oder Alkohol (sowohl zu Beginn wie am Ende der Therapiemaßnahme!)
für ca. ein Drittel der PatientInnen nicht die totale Abstinenz das Ziel der Wahl
ist, sondern ein reduzierter Konsum oder eine nur vorübergehende Abstinenzphase angestrebt
wird [16]. Wenn dies bereits bei der Gruppe gilt, die sich in einer langfristigen Entzugsbehandlung
befindet, so werden alle anderen Konsumenten noch seltener Abstinenz als primäres
und realistisches Behandlungsziel sehen!
Wollen wir uns aber an das Prinzip der gemeinschaftlichen Zielsetzung halten - was
für eine erfolgreiche Therapie, mindestens im ambulanten Kontext, unabdingbar ist
-, so zeigt auch dies, dass wir andere Ziele als die Abstinenz in den Vordergrund
stellen müssen. Nämlich Ziele, die aus dem Lebenszusammenhang der PatientInnen heraus
Sinn ergeben und für diese selbst erstrebenswert sind.
Prognostische Drittelsregel
Prognostische Drittelsregel
Trotz der spärlichen validen Langzeituntersuchungen wagen wir abzuschätzen, wie die
Prognose für Opiatabhängige retrospektiv in den vergangenen Jahrzehnten ausgesehen
haben könnte. Betrachtet werden die Mortalität und die Konsummuster 15 bis 20 Jahre
nach Konsumbeginn. Zusammenfassend kann von einer „Drittelregel” ausgegangen werden:
Ein Drittel der Patienten starb, zwei Drittel überlebten. Von den Überlebenden verharrte
ein Drittel in dekompensiertem, problematischen Drogenkonsum, ein Drittel wechselte
zu einem sporadischen und/oder kontrollierten Konsum und nur ein Drittel erlangte
die nachhaltige Abstinenz (vgl. Abb. [2]).
Abb. 2 Drittelregel: geschätzte Langzeitprognose (ca. 20 Jahre) in der Vergangenheit.
Zwischenstand in Kürze
Zwischenstand in Kürze
Bisher wurden drei Dinge aufgezeigt:
Erstens:
Sucht ist eine chronische Krankheit. Vom Konzept der Heilung auszugehen verkennt die
Realität des Verlaufs. In Anbetracht der hohen Mortalität, die als größtmögliche Schädigung
betrachtet werden muss, können wir von einem basalen Behandlungsziel sprechen: Drogenabhängigen muss die Möglichkeit geschaffen
werden, ihr Überleben zu sichern.
Zweitens:
Die Abstinenz lässt sich langfristig durch therapeutische Maßnahmen nicht wesentlich
beeinflussen. Entsprechend dem Realitätsprinzip kann sie keine sinnvolle und erst
noch übergeordnete Zielsetzung sein.
Drittens:
Der kontrollierte Konsum harter Drogen, auch bei längerer Abhängigkeit, ist vermutlich
ebenso häufig wie die Abstinenz nach Abhängigkeit. Beim gemeinsamen Erarbeiten von
Zielsetzungen muss dies berücksichtigt werden.
Neue Ausrichtung der Zielhierarchie
Neue Ausrichtung der Zielhierarchie
Aus den obigen drei Erkenntniskomplexen sollen im Folgenden die Konsequenzen für die
Ausrichtung der therapeutischen Arbeit aufgezeigt werden.
Die Suchtmedizin hat sich lange Zeit von Zielvorstellungen leiten lassen, wie sie
beispielsweise von Körkel und Kruse vor einigen Jahren (1997) in einer Zielpyramide
dargestellt wurden (Abb. [3]). Aus den neueren Arbeiten dieser Autoren, mit Schwergewicht auf kontrolliertes
Trinken bei Alkoholabhängigkeit, geht hervor, dass sie sich von der Abstinenz als
oberstem bzw. einzigem Ziel einer Behandlung verabschiedet haben [17 20].
Abb. 3 Klassische Zielpyramide in der Suchttherapie (n. Körkel & Kruse).
Wir schlagen eine Neuauflage der generellen Zielsetzungen der Suchtbehandlung vor
und verzichten auf die Abstinenz als Ziel (Abb. [4]).
Abb. 4 Zielsetzungen in der Suchttherapie jenseits des Abstinenzparadigmas.
Die suchtmedizinische Grundversorgung muss den Abhängigen als Basis das Überleben
ermöglichen. Alle weiteren Zielsetzungen haben sich an den Ressourcen, am individuellen
Hintergrund und den aktuellen Problemstellungen des drogenabhängigen Menschen zu orientieren.
Fähigkeiten sollen sich entwickeln können, um Lebensumstände aufzubauen, die sowohl
eine größere Frustrationstoleranz ermöglichen als auch verlässlichere Befriedigungsmöglichkeiten,
bessere körperliche und psychische Gesundheit und größere soziale Sicherheit bieten.
Schadensminderung, Stabilisieren der Lebenssituation und Ausbau der Fähigkeiten sind
Prozesse, die aufeinander aufbauen, sich aber auch parallel entwickeln können. Die
Vorstellungen und Wünsche der Abhängigen müssen berücksichtigt und in einem gemeinschaftlichen
Entscheidungsprozess integriert werden. Die Zielfindung hat unabhängig davon zu geschehen,
was die gesellschaftlichen Erwartungen einfordern, aber abhängig davon, was individuell
maximal erreichbar ist. Und hier setzt eine zentrale therapeutische Leistung ein:
der undogmatische Diskurs über individuell sinnvolle Zielinhalte und deren Realisierungschance.
Diese Auseinandersetzung muss immer darauf ausgerichtet sein, die Lebensqualität und
Lebensbewältigung der Drogenabhängigen zu verbessern, da Entwicklungsschritte nur
Bestand haben, wenn daraus eine subjektiv positive Bilanz resultiert.
Therapeutische Methoden
Therapeutische Methoden
Die Entwicklung der Unterteilung von Suchttherapien in abstinenzorientierte stationäre
und substitutionsgestützte ambulante Behandlungen als Grundsystem ist ein historisch
bedingter Irrtum. Denn hier definiert, vor allem im stationären Setting, der Behandlungsrahmen
die Hauptzielsetzung, in diesem Fall die Abstinenz.
Ein kategorisches und kategoriales Umdenken ist dringend nötig. Wie bei allen Erkrankungen
üblich müssen die optimalen Methoden und Techniken für eine Behandlung in einem geeigneten
Rahmen oder Setting zur Verfügung stehen.
Wenn Opiate als zentrale Drogen konsumiert werden, stehen zwei grundlegende Behandlungsmöglichkeiten
zur Verfügung: Therapien mit oder ohne Substitution.
Die heute weit gehend praktizierte Dichotomie - substitutionsgestützte ambulante Behandlung
versus abstinenzorientierte stationäre Therapie - soll in eine Vierfeldmatrix von
Methoden und Settings überführt werden. Einerseits sollen substitutionsgestützte Behandlungen
konsequent ambulant wie auch stationär angeboten werden. Andererseits wird eine Methode
vorgestellt, in welcher Abhängige mindestens phasenweise nicht unter Drogenwirkung
stehen - dies aber nicht mit dem Ziel der Abstinenz. Auch diese Therapieform soll
im ambulanten wie stationären Rahmen zur Anwendung gelangen.
Substitutionsgestützte Behandlung
In der substitutionsgestützten Behandlung wird als Basis eine illegal konsumierte
Droge durch eine legal ärztlich verschriebene ersetzt. Die Verwendung der heute gebräuchlichen
Substitutionsmittel, wie Methadon, Buprenorphin, Heroin oder anderen Opiaten, erfüllt
die Basisforderung der Zielpyramide, indem sich die Mortalitätsrate massiv senken
lässt [3]
[6] und sich Sekundärrisiken, wie Neuansteckungen mit Hepatits B und C und HIV reduzieren
[21]
[22].
Ambulant
Die substitutionsgestützte ambulante Behandlung als weit gehend bekannte Methode
ist sicher die zentrale Säule der Überlebenshilfe bei Opiatabhängigen. Die wichtigsten
Modifikationen, die vielerorts vorgenommen werden müssten, sind: definitives Verabschieden
von der Abstinenz als Ziel, Senken der Eintrittsschwelle, höhere Dosen, flexiblerer
und eigenverantwortlicherer Umgang mit der Dosierung, weniger obligatorische Auflagen
an die Betreuung, Ausbau des fakultativen Angebots an medizinischer, d. h. psychiatrischer
und vor allem auch somatischer Betreuung. Der soziale Aspekt ist meistens genügend
berücksichtigt.
Stationär
Für eine Gruppe Abhängiger in desolatem psychischen, körperlichen und/oder sozialen
Zustand, für die keine andere Behandlungsmethode geeignet ist, sollen stationäre substitutionsgestützte
Behandlungen geschaffen werden. Der beschrittene Weg soll dahin führen, dass die Behandlung
in eine stabile ambulante substitutionsgestützte Therapie überführt werden kann. Beispielsweise
könnte die Grundlage dafür erarbeitet werden, dass eine Patientin nach Austritt aus
der stationären Einrichtung einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehen oder ihre Kinder
adäquat versorgen kann. Neben verschiedenen Therapieformen würden wie auch Aus- und
Weiterbildungselemente helfen, die soziale Kompetenz zu erhöhen.
Daneben könnten somatische Zielsetzungen in den Fokus genommen werden, zum Beispiel
die Durchführung oder das Einleiten einer Hepatitis-C-Therapie oder das Einstellen
einer HIV-Behandlung, sofern dies ambulant nicht gelingt. Hierfür würden sich therapeutische
Gemeinschaften mit Einbezug kompetenter medizinischer Versorgung hervorragend eignen.
Vom Damoklesschwert der Abstinenz befreit, dürften unter Substitution im stationären
Rahmen viele Reifungsprozesse eher gelingen als in den herkömmlichen abstinenzorientierten
Settings. Die Dauer der Behandlung müsste den Zielsetzungen entsprechend individuell
geplant werden können.
Abstinenzgestützte Behandlung
Neben der substitutionsgestützten Behandlung wird eine zweite Behandlungsmethode vorgestellt.
Dazu soll ein neuer Terminus eingeführt werden, der aus anderem Munde stammt und für
die hier wiedergegebene Haltung sehr treffend erscheint. Thomas Meyer, Chefarzt der
Forelklinik in der Schweiz (einer Klinik, in der Alkoholabhängige behandelt werden),
äußerte im Frühjahr 2002 in einem Referat über Therapieziele im Suchtbereich Folgendes:
„Abstinenz ist kein Behandlungsziel, sondern, wenn schon, eine Behandlungsmethode;
Stichwort: abstinenzgestützte Therapie” (mündliche Mitteilung vom 13.3.2002).
Abstinenzorientiert oder sinnverwandte Begriffe wie Abstinenzbehandlung, denen die Abstinenz als Hauptziel
gemeinsam ist, sollen aufgegeben werden. Analog zur Methode der substitutionsgestützten Behandlung soll diejenige der abstinenzgestützten Behandlung konzeptualisiert werden.
Bei der abstinenzgestützten Behandlung werden Phasen angestrebt, in denen die Abhängigen
nicht unter Drogenwirkung stehen. Die Länge dieser Phasen soll individuell festgelegt
und je nach Lebensumständen angepasst werden. In diesen Phasen kann - ebenso wie unter
stabiler Substitution - einerseits die Auseinandersetzung mit eigenen Konsummustern
und Konsumformen gefördert und andererseits können andere therapeutische Ziele, die
zur Stabilisierung der Lebenssituation und Verbesserung der Lebensqualität beitragen,
verfolgt werden. Ein positiver Effekt, der erreicht werden kann, ist ein stabiler
kontrollierter Konsum, „der nicht in nennenswertem Maße mit persönlichen Zielen kollidiert
und durch Selbstkontrollregeln gesteuert wird und im Hinblick auf Menge und Häufigkeit
limitiert und hinsichtlich der Konsequenzen unproblematisch” ist [14]. Ebenso können weniger riskante Konsumformen gesucht werden. Angestrebt wird das
individuell höchste Kontrollniveau, welches aktuell erreicht werden kann und eine
größtmögliche Stabilisierung der Lebenssituation ermöglicht. Die maximale Kontrolle
des Konsums ist die anhaltende Abstinenz, die als längst mögliche Phase ohne Drogenwirkung
betrachtet werden kann.
Der Drogenkonsum, auch nach längerer Abstinenz, sollte weder als Rückfall noch als
Misserfolg bewertet werden, sondern als Beikonsum zur Abstinenz, analog zum Beikonsum
zur Substitution. Gerade bei längerer drogenfreier Zeit ist es äußerst wichtig, Vorkehrungen
zu treffen, um sicherzustellen, dass sich bei erneutem Konsum die Kontrolle aufrecht
erhalten lässt und ein Eintauchen in die Spirale des unkontrollierten Konsums verhindert
werden kann. Dies ist unter anderem wegen der physiologischen Toleranzbildung auf
Drogen notwendig.
Ambulant
Die ambulante abstinenzgestützte Behandlung kann nach einer langsamen Reduktion eines
Substitutionsmittels, nach einem rascheren ambulanten oder stationären „körperlichen”
Entzug (mit oder ohne medikamentöse Unterstützung bzw. Substitutionsmittel), nach
einer stationären abstinenzgestützten Behandlung oder ohne Vorbehandlung direkt zur
Anwendung gelangen.
Um die Kontrolle des Konsums zu vergrößern, sind oft kognitiv-verhaltenstherapeutische
Elemente hilfreich, wie sie auch in Programmen zum kontrollierten Alkoholkonsum angewendet
werden.
Günstig kann die ambulant angewandte Methode speziell bei Berufstätigen oder sozial
Gebundenen sein, z. B. bei Patienten mit Kindern. Geeignet ist sie aber auch für Abhängige,
die den Konsum nicht so radikal verändern können oder wollen, wie es in einem stationären
Setting notwendig wäre (s. unten). Im ambulanten Bereich kann beispielsweise eine
Reduktion von sechs intravenösen Applikationen auf eine pro Tag bereits als minimale
abstinenzgestützte Intervention bezeichnet werden, die sehr erfolgreich hinsichtlich
Schadensminderung ist.
Eigene Erfahrungen liegen im Einzelsetting sowohl mit Opiat- als auch mit Kokainabhängigen
und solchen mit polytoxikomanem Konsummuster vor. Da bei Kokainabhängigen die Substitution
keine legale Option darstellt, kommt die abstinenzgestützte Behandlung hier häufiger
zum Zuge. Es zeigt sich, dass die unterschiedlichsten kontrollierten oder zumindest
kontrollierteren Konsummuster Bestand haben können.
Stationär
Die stationäre abstinenzgestützte Behandlung ist vermutlich für alle als Therapieversuch
geeignet, die sich auf diesen Rahmen einlassen wollen. Wir müssen uns dabei bewusst
sein, dass wir den Patienten nur Empfehlungen über sinnvolle Behandlungsmethoden und
-settings abgeben können, sie aber ihre Wege und scheinbaren Umwege selbst bestimmen.
Nur dann kann auch das Prinzip der gemeinschaftlichen Zielsetzung wirklich Anwendung
finden.
Zu Beginn einer solchen Behandlung muss gegenwärtig eine starke Konsumreduktion vorausgesetzt
oder sogleich angestrebt werden, da aufgrund der Praktikabilität und aus rechtlichen
Gründen der Konsum illegaler Drogen in der jeweiligen Institution kaum tolerierbar
ist.
Mit den Abhängigen können Strategien erarbeitet werden, die darauf abzielen, dass
die Chance steigt, nicht mehr zu konsumieren (maximale Kontrolle) oder kontrolliert
zu konsumieren. Wird der Konsum nicht als Rückfall, sondern als optimal zu kontrollierender
Beikonsum gewertet, macht die bei abstinenzorientierten Therapien oftmals lange Abschirmung
von der Außenwelt kaum Sinn. Die frühzeitige Konfrontation mit Konsum oder Konsummöglichkeiten
soll fester Bestandteil der Behandlung sein. Erfolgreich zu sein, kann dann bedeuten,
den Konsum im Ausgang zu reduzieren, beispielsweise auf einmal pro Woche oder auf
das Wochenende und diese Frequenz nach Austritt nicht wieder auszudehnen.
Ein Behandlungsrahmen, der gegen außen zu stark schützt und in welchem diese Exposition
nicht möglich ist, kann eine Atmosphäre schaffen, in der sich eine vermeintliche
Sicherheit entwickelt, abstinent zu bleiben. Gruppenprozesse fördern allzu gerne das
Gefühl „wir haben es geschafft und sind keine Junkies mehr”. Ein allfälliger späterer
Konsum kommt dann häufig unvorbereitet, d. h. ohne internalisierte Strategie zur Selbstlimitierung,
und hat oftmals ein lebensgefährliches Ausmaß [23].
Das Argument, die Thematisierung eines möglichen Konsums auch bei länger dauernder
Abstinenz fördere den Konsum, ist vermutlich ebenso wenig stichhaltig, wie die Angst
berechtigt ist, das Ansprechen auf Suizidalität erhöhe die Suizidgefahr.
Der Austritt aus der stationären abstinenzgestützten Behandlung mit Drogenkonsum ist somit nicht mehr ein grundsätzlicher Misserfolg und derjenige ohne Drogenkonsum ein Erfolg. Beides kann mit dem Erreichen von vorher festgelegten sinnvollen Zielen verknüpft sein.
Aus all diesen Überlegungen resultiert eine Ergänzung der Pyramide mit Integration
der beiden therapeutischen Basismethoden und des kontrollierten Konsums (Abb. [5]).
Abb. 5 Zielsetzungen in der Suchttherapie in Kombination mit Behandlungsmethoden.
Abhängigkeit kennt keine lineare Entwicklung
Abhängigkeit kennt keine lineare Entwicklung
Da der Verlauf des Drogenkonsums beinahe nie durch eine lineare Entwicklung gekennzeichnet
ist, muss gewährleistet sein, dass die einzelnen Methoden und Settings - je nach Lebensumständen
und Problemstellungen - frei ineinander überführt werden können. Sinnvoll erscheint,
dass ambulante und stationäre Institutionen je beide Methoden - substitutions- und
abstinenzgestützt - anbieten, damit nicht bei jeder Veränderung ein Institutionswechsel
nötig wird und somit die Konstanz der Behandlung gesichert werden kann. Möglicherweise
könnte es sogar optimal sein, wenn alle vier Systeme unter einem Dach offeriert würden.
Die Konfrontation des einzelnen Abhängigen mit verschiedenen Methoden und Settings
könnte durchaus konzeptionell eingesetzt werden, um sich von Standardlösungen zu distanzieren
und dem einzelnen Menschen zu ermöglichen, einen individuellen, maßgeschneiderten
Weg zu beschreiten. Eine zusammenfassende schematische Darstellung der Zielsetzungen,
Behandlungsmethoden und Settings findet sich in Abb. [6]. Zahlenmäßig wird das Schwergewicht auch zukünftig auf dem ambulanten Bereich liegen,
in beiden Settings vermutlich stärker auf der substitutionsgestützten Methode.
Abb. 6 Zielsetzungen, Behandlungsmethoden und Settings in einer Suchttherapie jenseits des
Abstinenzparadigmas.
Fazit
Fazit
Erst wenn wir lernen, uns in der Suchtmedizin vom dogmatischen Ziel der Abstinenz
vollständig zu verabschieden, ist es möglich, individuelle Ziele gemeinsam mit den
Abhängigen auf ihre Machbarkeit hin zu überprüfen, zu diskutieren, Modifikationen
vorzuschlagen, neue Ideen einzubringen und Wege zusammen zu beschreiten, deren Ende
wir nicht kennen. Auf diese Weise können die Abstinenz von Beikonsum oder die Abstinenz
generell zu einem sinnvollen Nebenprodukt werden. Als Ziel zieht das „Irrlicht Abstinenz”
aber die Aufmerksamkeit auf sich und lässt einen allzu oft vom Weg abkommen, was im
Abgrund enden kann - für die Abhängigen zuweilen tödlich.
Zum Schluss kann eine von uns aufgestellte Behauptung relativiert werden: Selbstverständlich
lässt sich die Zahl der Abstinenten beeinflussen, und zwar indem die Behandelnden
sich darauf konzentrieren, die Überlebenschance der Abhängigen zu steigern. Denn:
Tote konsumieren zwar keine Drogen, aber nur Lebende können abstinent werden.