Die einheimische Sprue hat in den letzten Jahren zum einen durch die Entdeckung
des endomysialen Autoantigens, der Gewebetransglutaminase, durch Dieterich und
Schuppan, zum anderen durch den Nachweis einer früher deutlich unterschätzten
Prävalenz zu Recht deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen [2] [6]. Die einheimische Sprue ist definiert als immunologische, vielleicht auch toxische
Reaktion der intestinalen Mukosa und des Epithels auf Gliadin und bestimmte
Glutenine, einer Subfraktionen von Gluten, vorkommend in Weizen, Roggen und Gerste.
Per definitionem ist diese Reaktion unter Vermeiden des auslösenden Agens reversibel.
Unerlässlich für die Diagnose der einheimischen Sprue ist auf Basis der ESPGAN-Kriterien
von 1990 der Nachweis von typischen intestinalen Veränderungen unter glutenhaltiger
Kost, die unter glutenfreier Diät rückläufig sein müssen. Für die Diagnose
wünschenswert ist das Vorhandensein von klinischen Beschwerden und Sprue-assoziierten
Antikörpern, wie Anti-Gliadin-IgA, Anti-Endomysium-IgA oder Anti-Transglutaminase-IgA,
im Serum, welche sich unter glutenfreier Diät bessern bzw. normalisieren sollten.
Allerdings können sowohl Klinik wie auch Sprue-assoziierte Antikörper im Serum
bei atypischen Formen, wie sie heutzutage gehäuft diagnostiziert werden, fehlen.
Daher können eine ganze Reihe von milden Verlaufsformen oder Formen, bei denen
die gastrointestinale Symptomatik nicht im Vordergrund steht und die Sprue-assoziierten
Antikörper im Serum ebenfalls fehlen, diagnostisch und therapeutisch Probleme
bereiten [7].
Klassische Verlaufsform
Die klassische Form der einheimischen Sprue, wie sie von den Erstbeschreibern
Dicke et al. 1953 dargestellt wurde, findet sich gerade im Erwachsenenalter eher
selten [5]. Diese ist vor allem gekennzeichnet durch die Malabsorption mit großen voluminösen,
teilweise Fettstühlen und nachfolgend eine Gewichtsabnahme trotz ausreichender
Nahrungszufuhr. Eine erhöhte Stuhlfrequenz und abdominelle Beschwerden können,
müssen aber nicht vorliegen. Bei der klinischen Untersuchung findet man ein vorgewölbtes
Abdomen, eine trockene Haut und verhältnismäßig schlanke Extremitäten. Diese Symptome
sollten unter einer überprüft strengen glutenfreien Diät innerhalb weniger
Wochen rückläufig sein. Die Normalisierung der intestinalen Morphologie dauert
dagegen sehr viel länger und kann in einzelnen Fällen trotz einer strengen Diät
dauerhaft milde Zeichen einer Enteropathie wie z. B. eine Vermehrung der intraepithelialen
Lymphozyten (IEL) aufweisen.
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kurzgefasst: Das klassische Krankheitsbild der einheimische Sprue mit starker Gewichtsabnahme
und Fettstühlen wird im Vergleich zu den atypischen milden Formen heutzutage verhältnismäßig
deutlich seltener diagnostiziert.
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Atypische Formen
Gastrointestinale Symptomatik
Neben der klassischen haben die atypisch verlaufenden Formen in den letzten Jahren
an Bedeutung gewonnen. Hierunter fallen Patienten mit einer „silenten”, „latenten”
oder „potenziellen” einheimischen Sprue. „Silente” einheimische Sprue bedeutet, dass nur sehr geringe oder gar keine klinischen Symptome, aber klassische
histologische Duodenalveränderungen oder ein klassisches Antikörpermuster
bei nur geringen Duodenalveränderungen vorliegen. Von einer „latenten” einheimischen Sprue spricht man, wenn unter normaler Kost bei normaler Schleimhautmorphologie evt.
erhöhte IEL nachzuweisen sind, aber zu einem Zeitpunkt davor oder danach eine
transformierte Mukosa mit Zottenreduktion dokumentiert wurde, die sich nach Glutenentzug
zurückbildet [8]. Unter die Bezeichnung fallen z. B. Jugendliche, bei denen in der Kindheit eine
einheimische Sprue gesichert nachgewiesen wurde, und die nach Jahren wieder zu
einer Normalkost zurückkehren, ohne erneut histologische, serologische oder
klinische Zeichen der einheimischen Sprue zu entwickeln [11]. Von einer „potenziellen” einheimischen Sprue spricht man, wenn zu keinem Zeitpunkt Veränderungen in der Zotten-Krypten-Struktur
nachgewiesen werden konnten oder zum Untersuchungszeitpunkt vorliegen, aber trotzdem
eine einheimische Sprue als Ursache des klinischen Beschwerdebildes vorliegen
kann. Identisch zur „latenten Sprue” kann man zelluläre Veränderungen, wie die
Vermehrung der IEL oder das so genannte „coeliac like intestinal antibody pattern”,
im Succus entericus nachweisbare Antikörper gegen Gliadin, beta-Laktoglobulin
und Ovalbumin - bei gleichzeitigem Fehlen dieser Antikörper im Serum - finden.
Beide Patientengruppen können klinisch asymptomatisch sein. Eine Vermehrung von
IEL stellt eine unspezifische Reaktion dar und wird auch bei gastrointestinalen
Infektionen, typischerweise bei der Lambliasis, gesehen. Von besonderem Interesse
ist diese Fragestellung in der großen Gruppe der Patienten mit Reizdarmsyndrom
und diarrhoischer Komponente. Auch wenn randomisierte prospektive Studien fehlen,
scheint ein Teil dieser Patienten von einer glutenfreien Diät zu profitieren [14]. Möglicherweise stellt der Nachweis der Sprue-assoziierten Antikörper im Succus
entericus eine diagnostische Möglichkeit dar, inwieweit ein Ansprechen zu erwarten
ist.
Extraintestinale Symptomatik
Neben den eben beschriebenen gastrointestinalen Beschwerdebildern exisiert eine
Vielzahl von nicht-gastroenterologischen Erkrankungen, die mit der einheimischen
Sprue assoziiert bzw. Manifestationsformen darstellen. Klassisch beschrieben ist
die Dermatitis herpetiformis. Hier finden sich makroskopisch häufig symmetrisch
juckende Bläschen vor allem an Ellenbogen, Knien, Oberschenkel, Gesicht, Hals
und Stamm. Mikroskopisch zeigen sich granuläre IgA-Ablagerungen im Bereich des
dermoepidermalen Übergangs. Das Autoantigen stellt hier die mit der Gewebetransglutaminase
eng verwandte epidermale Transglutaminase dar. Bei der Dermatitis herpetiformis
besteht eine fast 100 %-ige Konkordanz mit dem Vorliegen von Sprue-assoziierten
Antikörpern bzw. Veränderungen in der Duodenalarchitektur inklusive erhöhter Anzahl
der IEL [12].
Andere milde Verlaufsformen stellen die chronische Eisenmangelanämie, die unter
glutenfreier Diät regrediente Transaminasenerhöhung, eine Osteopenie/ Osteoporose
und andere Erkrankungen dar (Tab. [1]) [7]. Bisher wenig bekannt ist eine deutlich erhöhte Rate von Aborten bei einheimischer
Sprue, die sich unter Einhalten einer glutenfreien Diät normalisiert [9]. Weiter wurden auf dem „International Symposium on Celiac Disease 2004” kürzlich
Daten präsentiert, die eine Assoziation der einheimischen Sprue mit akuten abdominellen
Beschwerden aufwiesen, die zur Einweisung in eine chirurgische Klinik führten
[13].
Tab. 1 Erkrankungen, die bei einheimischer Sprue gehäuft auftreten.
<TD VALIGN="TOP">
Malabsorptions-assoziiert
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Anämie
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Osteoporose/Kleinwuchs
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Polyneuropathie
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Nicht-Malabsorptions-assoziiert
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
aphtöse Stomatitis
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
chronische (autoimmune) Hepatitis
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
chronische autoimmune Gastritis
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Dermatitis herpetiformis
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Diabetes mellitus Typ 1
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Infertilität/ Frühgeburten/ Aborte
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Kollagenosen/ rheumatoide Arthritis
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Psoriasis und andere dermatologische Erkrankungen
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
psychiatrische/ neurologische Erkrankungen
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Thyreoiditis
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Zahnschmelzhypoplasie
</TD>
Mit einheimischer Sprue gehäuft assoziierte eigenständige Erkrankungen
Daneben muss man Erkrankungen unterscheiden, die möglicherweise aufgrund eines
ähnlichen HLA-Haplotyps oder aufgrund eines dauerhaft stimulierten intestinalen
Immunsystems vermehrt bei einheimischer Sprue auftreten. Hierzu zählt vor allem
der Diabetes mellitus Typ 1, welcher in ca. 10 % der Fälle mit dem Nachweis
einer einheimischen Sprue assoziiert ist. Auf Basis der Möglichkeit eines Screenings
mittels Serum-Antikörper konnten in den letzten Jahren weitere Assoziationen für
Kollagenosen, die Gluten-induzierte zerebelläre Ataxie, autoimmune Schilddrüsenerkrankungen
sowie die autoimmune Hepatitis, die bis zum akuten Leberversagen führen kann,
nachgewiesen werden [7].
Eine erhöhte Inzidenz mit einer einheimischen Sprue ist weiter beschrieben für
den primären IgA-Mangel und das Down-Syndrom [7], so dass bei diesen Erkrankugen auch ohne offenkundige Symptome ein Antikörper-Screening
empfohlen werden kann. Bei Vorliegen eines IgA-Mangels sollte an den Einsatz entsprechender
Anti-IgG-basierter Tests gedacht werden (Tab. [2]).
Tab. 2 Konstellationen mit erhöhtem Risiko für Entwicklung einer einheimischen Sprue.
<TD VALIGN="TOP">
1.-/2.-gradige Angehörige von Patienten mit einheimischer Sprue
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
HLA-Typ DQ2/DQ8
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<TD VALIGN="TOP">
IgA-Mangel
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<TD VALIGN="TOP">
sehr frühe glutenhaltige Ernährung
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<TD VALIGN="TOP">
Down-Syndrom
</TD>
<TD VALIGN="TOP">
Turner-Syndrom
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kurzgefasst: Zu den atypischen Manifestationen der einheimischen Sprue zählen inzwischen
nicht nur internistische Krankheitsbilder wie Leber- und Gelenkerkrankungen,
sondern auch gynäkologische, dermatologische und neurologische Erkrankungen.
Daneben sollte das erhöhte Risiko einer einheimischen Sprue immer bei Vorliegen
eines Diabetes mellitus Typ 1, eines IgA-Mangels und anderer autoimmuner
Erkrankungen bedacht werden.
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Refraktäre Sprue/Malignome
Refraktäre Sprue
Im Gegensatz zu den bisher dargestellten Krankheitsbildern stellt die refraktäre
Sprue nicht nur eine diagnostische, sondern auch eine therapeutische Herausforderung
dar. Als refraktäre Sprue bezeichnet man jede Enteropathie, die trotz einer glaubhaften
und überprüften strengen glutenfreien Diät über mindestens 6 Monate zu keiner
histologischen und klinischen Verbesserung führt. Die refraktäre Sprue kann
primär - ohne Phase einer Besserung unter glutenfreier Diät - oder sekundär -
nach einer Phase der Besserung unter glutenfreier Diät - auftreten. Weiter kann
die refraktäre Sprue mit und ohne Assoziation mit der einheimischen Sprue auftreten.
Unter diesem Krankheitsbild werden eine Vielzahl von Erkrankungen subsummiert,
die einer sehr speziellen Diagnostik und Therapie bedürfen [3]. Kürzlich konnte gezeigt werden, dass Patienten ohne Klonalitätsnachweis des
T-Zellrezeptor-γ oder β-Gens in den Duodenalbiopsien und ohne Verlust verschiedener
Antigene auf IEL (CD8, T-Zellrezeptor αβ) von einer immunsuppressiven Therapie
profitieren, während Patienten mit Nachweis derselbigen einen sehr viel schlechteren
Verlauf aufweisen [10]. Aufgrund dieser Daten erscheint eine Einteilung in refraktäre Sprue Typ I (ohne
Nachweis Lymphom-assoziierter Eigenschaften) und refraktäre Sprue Typ II (mit
Nachweis Lymphom-assoziierter Eigenschaften) sinnvoll, die möglichst einem spezialisierten
Zentrum zur weiterführenden Diagnostik und Therapieeinleitung zugewiesen werden
sollten.
Malignome
Neben dem eben beschriebenen „frühen intestinalen T-Zelllymphom”, der refraktären
Sprue Typ II, besteht für unbehandelte Patienten mit einheimischer Sprue ein ca.
40-fach erhöhtes Risiko an einem Enteropathie-Typ T-Zelllymphom (ETZL) zu erkranken.
Diesem kann das Krankheitsbild einer refraktären Sprue vorausgehen, das ETZL kann
sich jedoch auch primär mit Perforation, intestinaler Blutung oder Stenose manifestieren
[4]. Für andere gastrointestinale Malignome (hepatobiliäre-, oropharyngeale-, Ösophagus-,
Pankreas- und Adenokarzinom des Dünndarms), wie auch extraintestinale Non-Hodgkin-Lymphome
ist ebenfalls eine erhöhte Assoziation mit der einheimischen Sprue beschrieben
[1]. Die Ursache ist bisher nicht bekannt, jedoch sollten diese Daten zu einer besonderen
Sensibiltität bei entsprechenden Symptomen bei Patienten mit einheimischer Sprue
führen.
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kurzgefasst: Die Differenzialdiagnostik der unter einer glutenfreien Diät refraktären Sprue
umfasst eine Vielzahl von unterschiedlichen Grunderkrankungen. Neben einem deutlich
erhöhten Risiko mit unbehandelter einheimischer Sprue ein intestinales
T-Zelllymphom zu entwickeln, besteht auch ein erhöhtes Risiko an anderen Malignomen
zu erkranken.
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Fazit
Durch die subtilere serologische und endoskopisch-histologische Diagnostik hat
sich der Anteil der einheimischen Sprue-Erkrankungen hin zu den atypischen Verlaufsformen
verschoben. Atypisch kann sich die einheimische Sprue aber nicht nur gastrointestinal,
sondern auch extraintestinal manifestieren. Ein wesentlicher Fortschritt liegt
bereits in der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das mögliche Vorliegen der
einheimischen Sprue. Auch bei Diagnose einer silenten (asymptomatischen) oder
oligosymptomatischen einheimischen Sprue empfehlen wir aufgrund des erhöhten
Risikos autoimmuner aber auch maligner Erkrankungen, eine konsequente lebenslange
glutenfreie Diät. Für die latente und potenzielle einheimische Sprue liegen
keine Daten vor, so dass hier keine klare Empfehlung gegeben werden kann. Bei
unklaren Fällen sollte die Hilfe von spezialisierten Zentren/ Praxen in Anspruch
genommen werden.