Obwohl der Nutzen inhalierbarer Kortikosteroide (ICS) bei der Behandlung der chronisch
obstruktiven Lungenerkrankung (COPD, chronic obstructive pulmonary disease) umstritten
ist, werden sie häufig verordnet. Als wichtiges Therapieziel gilt, eine erste akute
Exazerbation einer COPD so lang wie möglich hinauszuzögern.
N. N. de Melo und Mitarbeiter, Montreal/Kanada, bewerteten in einer Fall-Kontroll-Studie
anhand von elektronischen Krankenunterlagen einer gesetzlichen Krankenversicherung,
ob ICS effektiv eine erste Exazerbation verhindern können. Als mittelschwere Verschlechterung
der COPD wurde die Verschreibung eines Antibiotikums und eines ICS am gleichen Tag
eingestuft, eine schwere als Krankenhauseinweisung und entsprechende Haupt-Entlassungsdiagnose
(Eur Respir J 2004; 23: 692-697).
Von 4 455 Personen im Alter von über 55 Jahren verschlechterte sich der Gesundheitszustand
von 995 Patienten im Beobachtungszeitraum zwischen 1990 und 1999, davon hatten 381
eine mittelschwere und 614 eine schwere COPD. Die Exazerbationsrate erhöhte sich mit
dem Gebrauch eines ICS im Jahr vor der akuten Verschlechterung einer COPD und mit
dem gegenwärtigen ICS-Einsatz.
Die Mehrheit der Patienten inhalierte täglich Beclomethason in einer Dosis weniger
als 500 µg oder der äquivalenten Dosis eines anderen Kortikosteroids. Das Risiko einer
ersten Exazerbation erhöhte sich mit zunehmender Wirkstoffmenge. Es lag bei 1,28 bei
einer Dosis kleiner 500 µg und stieg bis auf 2,94 bei einer täglichen Dosis von mehr
als 1500 µg. Dies bedeutet, dass für jede zusätzlich inhalierte 1000 µg Beclomethason-
oder der Äquivalenzdosis eines anderen ICS das Risiko um 83% zunahm.
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass inhalierbare Kortikosteroide das Risiko der
ersten Exazerbation einer COPD nicht zu verringern scheinen. Diese Ergebnisse gelten
der Studie zufolge jedoch nur für Patienten im Alter von mehr als 55 Jahren.
Fazit
Die Resultate stehen im Gegensatz zu einer 2002 veröffentlichten Übersichtsarbeit,
in der ein 30%-iger protektiver Effekt der ICS bei der Prävention einer akuten Exazerbation
einer COPD nachgewiesen wurde. Diese Arbeit baute jedoch auf Studien auf, in denen
eine akute Exazerbation nicht definiert wurde oder in denen die Definitionen sich
in den einzelnen Studien grundsätzlich unterschieden. Auch untersuchten die Autoren
nicht erste Exazerbationen, wie es in der vorliegenden Studie geschehen ist.
Dr. Ralph Hausmann, Frankfurt