Die neurogene Inkontinenz ist eine häufige Folge von Verletzungen oder Erkrankungen
des Rückenmarkes. Ergebnisse einer internationalen europäischen Studie zeigen, dass
die Gabe von Botulinus-Toxin die Blasenfunktion signifikant verbessern kann. Insbesondere
die Lebensqualität der Patienten wird dadurch deutlich gehoben.
Multiple Sklerose, Myelomeningozele und Rückenmarksverletzung - Erkrankungen wie diese
können Ursache einer Blasenentleerungsstörung sein und durch eine Überaktivität des
M. detrusor vesicae zur neurogenen Inkontinenz führen. Urologen aus fünf europäischen
Ländern untersuchten nun, welche Auswirkungen die intramuskuläre Injektion von Botulinus-A-Toxin
(BTA) auf die klinischen Symptome und Begleitumständen hat (Eur Urol 45; 2004: 510-515).
Acetylcholin-Ausschüttung wird gehemmt
Acetylcholin-Ausschüttung wird gehemmt
Die Ärzte werteten in der retrospektiven Multicenter-Studie Daten von 231 Patienten
mit neurogener Inkontinenz aus, bei denen zystoskopisch BTA in den M. detrusor vesicae
injiziert wurde. BTA hemmt die neuronale Ausschüttung des Acetylcholins am neuromuskulären
Übergang und führt auf diesem Wege zu einer reversiblen "Denervierung". Diese hat
zur Folge, dass die Aktivität der Muskulatur abnimmt und der Tonus nachlässt. Ein
Mechanismus, der schon bei anderen Krankheitsbildern wie zum Beispiel zervikaler Dystonie
oder Achalasie erfolgreich eingesetzt wurde.
BTA-Gabe verbessert Blasenfunktion
BTA-Gabe verbessert Blasenfunktion
Im Wesentlichen beurteilten die Forscher die Blasenfunktion anhand verschiedener urodynamischer
Parameter, die Menge der zusätzlich eingenommenen Anticholinergika sowie die Zufriedenheit
der Patienten nach 12 bzw. 36 Wochen.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Nachuntersuchung
zeigte sich eine signifikante Verbesserung von Blasenkapazität (272 ml auf 420 bzw.
352 ml) und Entleerungsdruck (61 cm H20 auf 30 bzw. 44 cm H20). Darüber hinaus konnte das so genannte Reflexvolumen, bei dem die erste Kontraktion
des Detrusors ausgelöst wird, signifikant von 236 ml auf 387 bzw. 291 ml gesteigert
wurden. Die Blasen-Compliance - das Verhältnis zwischen steigendem Blasenvolumen und
Detrusordruck - verbesserte sich ebenfalls, bei der zweiten Analyse jedoch ohne signifikante
Relevanz.
Die praktischen Auswirkungen dieser technischen Daten sind für die Patienten von besonderer
Bedeutung. 132 von 180 zuvor inkontinenten Patienten (73,3%) berichteten im Verlauf
von einer vollständigen Kontinenz, weitere 48 Patienten von einer wesentlichen Symptomabmilderung.
45 Patienten konnten ganz auf eine zusätzliche Einnahme von Anticholinergika verzichten,
118 gelang es, nach der BTA-Injektion den Medikamentenbedarf deutlich zureduzieren.
Weder im Rahmen der zystoskopischen Injektion noch danach traten Komplikationen oder
toxische Effekte auf. Lediglich neun Patienten hatten aus ungeklärter Ursache nicht
auf die BTA-Gabe angesprochen.
Fazit
Fazit
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die intramuskuläre BTA-Injektion ein effektives
und zugleich sicheres Behandlungsverfahren bei neurogener Inkontinenz ist. Die Wirkdauer
der Injektion beträgt ca. 9 Monate. Bei der Applikation sollte nach Auffassung der
Autoren das Trigonum vesicae ausgespart bleiben, um nicht die dort vermehrt vorhandene
Innervierung der Blase zu schädigen.
Erster Kommentar
Erster Kommentar
M. Coen
Zwei Antworten bleibt uns die Arbeit schuldig
In den letzten Jahren wurden in mehreren urologischen Zeitschriften Arbeiten über
die Verwendung von Botulinum-A toxin (BTA) veröffentlicht.
Die intramuskuläre Injektion von BTA in den Musculus detrusor vesicae wurde erstmals
im Jahr 2000 durch Schurch et al. im Journal of Urology veröffentlicht.
Die erste veröffentlichte Verwendung von BTA in der Urologie geht auf die späten 80er-Jahre
zurück. Diese Arbeiten betreffen die Behandlung des externen urethralen Sphinkters
bei Patienten mit Rückenmarksverletzung.
Im Gegensatz zu früheren Arbeiten handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine
Multicenter-Studie mit hoher Fallzahl.
200 Patienten mit neurogener Harninkontinenz und Detrusorhyperaktivität wurden mit
einer Höchstdosis von 300 I.E. BTA per Injektion in den Musculus detrusor vesicae
an 30 verschiedenen Stellen unter Aussparung des Trigonums behandelt.
132 von 180 zuvor inkontinenter Patienten berichteten nach Behandlung von einer vollständigen
Kontinenz, weitere 48 von einer wesentlichen Symptommilderung. 45 der Patienten konnten
auf die Einnahme von Anticholinergika verzichten, weitere 118 konnten ihren Medikamentenbedarf
reduzieren.
Außer diesem wesentlichen klinischen Benefit wurden eine statistisch signifikante
Verbesserung der Blasenkapazität und des Entleerungsdruckes sowie eine Steigerung
des sog. "Reflexvolumens" erreicht. Diese Parameter wurden 12 bzw. 36 Wochen nach
der Behandlung evaluiert. Die BTA-Injektion wurde hinsichtlich der Nebenwirkungen
und Komplikationen in der Durchführung, sowie auch in mehreren anderen Arbeiten als
eine sichere Methode befunden.
Ähnliche Daten konnten wir in unserer im Journal of Urology veröffentlichten Arbeit
Botulinum-A toxin injection into the detrusor: a save alternative treatment of children
with myelomeningocele with detrusor hyperreflexia (Riccabona et al. Journal of Urology 2004) erheben.
Zwei Antworten, die von Bedeutung sind, bleibt uns auch diese Arbeit schuldig.
Zum einen, dass es weiterhin keine Langzeitdaten bezüglich der Wiederholbarkeit dieser
Methode ohne Verlust der Effektivität gibt. Dies ist auch hinsichtlich des relativ
jungen Alters der zu behandelnden Patienten nicht unwesentlich.
Zum zweiten gibt es außer Untersuchungen im Tiermodel keine Erkenntnisse über eventuelle
Veränderungen der neuromuskulären Architektur des Musculus detrusor vesicae durch
wiederholte Injektionen. Untersuchungen in diese Richtung könnten eventuell auch die
Frage beantworten, warum es auch sog. "BTA- Versager" gibt, was auch die Autoren in
ihrer Arbeit zur Diskussion stellen.
Zusammenfassend bleibt eine Behandlung mit BTA eine minimal invasive, sicher anwendbare
Methode, die die Lebensqualität der Patienten verbessert und eine gute Alternative
zur druckfreien Harnableitung darstellt. Diese Studie mit hoher Fallzahl unterstreicht
diese Aussage.
Um diese Therapie, wie zuzeit die pharmakologische Therapie mit Anticholinergika,
als sog. "First-Line-Therapie" anbieten zu können, sind Langzeitdaten und wie oben
erwähnt genauere Untersuchungen unter Studienbedingungen erforderlich.
Zweiter Kommentar
Zweiter Kommentar
S. Corvin
Eine Langzeitstudie wäre wünschenswert
Bei Patienten mit neurogener Detrusorhyperaktivität wird im Regelfall eine medikamentöse
Therapie mit z.T. sehr hohen Dosen anticholinerger Substanzen durchgeführt. Im Falle
eines mangelnden Therapieerfolgs oder signifikanter Nebenwirkungen z.B. in Form von
Mundtrockenheit oder Obstipation wurden bislang v.a. operative Maßnahmen wie z.B.
die Blasenaugmentation angewandt. Seit einigen Jahren steht mit der Injektion von
Botulinumtoxin (BTX) eine weitere Therapiealternative zur Verfügung. Erste Ergebnisse
dieser Therapie bei selbstkatheterisierenden Patienten nach traumatischem Querschnitt
und konsekutiver neurogener Blasenentleerungsstörung wurden 2000 von Schurch et al.
vorgestellt [1]. In dieser und weiteren Studien mit zunächst kleinen Patientenkollektiven
konnten gute Erfolge bez. Harnkontinenz erreicht werden. In der vorliegenden Untersuchung
wurden nun erstmals die Ergebnisse der BTX-Detrusorinjektion in einer großen Multicenterstudie
mit insgesamt 200 vollständig dokumentierten Patienten evaluiert.
Gerade bei der Anwendung von BTX ist eine sorgfältige Patientenselektion von großer
Bedeutung. In die vorliegenden Studie wurden ausschließlich Patienten mit neurogener
Detrusorhyperaktivität aufgrund einer Multiplen Sklerose (n=11), Myelomeningozele
(n=22) bzw. Rückenmarksläsion (n=167) aufgenommen. Eine Heterogenität in der Zusammensetzung
des Patientenkollektivs entsteht allerdings dadurch, dass sowohl Patienten mit Inkontinenz
unter anticholinerger Medikation als auch solche mit Kontinenz, aber schwerwiegenden
Nebenwirkungen in die Therapie eingeschlossen wurden. Hier wäre es sicherlich interessant,
zu überprüfen, ob Unterschiede z.B. in den postoperativen urodynamischen Messparametern
zwischen diesen beiden Gruppen bestehen. Leider wurde von den Autoren auch nicht angegeben,
ob alle inkontinenten Patienten vor BTX-Injektion medikamentös komplett "austherapiert"
waren.
Die BTX-Detrusorinjektion sollte, wie in dieser Studie dargestellt, unter streng standardisierten
Bedingungen erfolgen. Die Substanz sollte an ca. 20 bis 30 Stellen unter Aussparung
des Trigonum vesicae transurethral in den Detrusor injeziert werden. In einer vorangegangenen
Dosisfindungsstudie wurde eine Injektionsmenge von 300 U Botox als optimale Dosis
identifiziert. Niedrigere Dosen scheinen mit eingeschränktem Erfolg, höhere Dosen
möglicherweise mit einer erhöhten Toxizität assoziiert zu sein. In bisher publizierten
Studien konnten bis zu einer Gesamtdosis von 360 U jedoch keine signifikanten unerwünschten
Nebenwirkungen beobachtet werden.
Die urodynamische Untersuchung erfolgte standardisiert nach der Empfehlung der "International
Continence Society". Einschränkend ist jedoch anzumerken, dass die postoperative Evaluation
nicht nach einem definierten Zeitintervall, sondern "durchschnittlich" nach 83,6±29
Tagen bzw. eine zweite Messung nach 256±51 Tagen, also mit einer großen Variationsbreite,
durchgeführt wurde.
Die BTX-Injektion zeigte eine signifikante Zunahme von Blasenkapazität, Blasen-Compliance,
max. Detrusordruck sowie Restharn. 132 der 180 inkontinenten Patienten gab ein vollständiges
Verschwinden, 48 zumindest eine Besserung der Inkontinenz an. Die begleitende anticholinerge
Medikation konnte bei den meisten Patienten abgesetzt oder zumindest reduziert werden.
Dies deckt sich mit Ergebnissen früherer Studien mit kleineren Patientenkollektiven.
Leider fehlen Angaben darüber, ob bei den 9 Non-Respondern, wie an unserer Klinik
üblich, eine frühe Reinjektion durchgeführt wurde. Die Autoren geben als Wirkdauer
einen Zeitraum von mindestens 9 Monaten an. Dies deckt sich mit Daten von Riccabona,
der in einer kürzlich publizierten Studie bei Kindern mit Myelomeningozele eine durchschnittliche
Wirkung der BTX-Therapie von 10,5 Monaten fand.
In der vorliegenden Arbeit werden die Daten der bislang größten Multizenterstudie
zur Wirkung einer BTX-Detrusorinjektion bei neurogener Detrusorhyperaktivität dargestellt.
Der Erfolg der Therapie konnte gut dokumentiert werden, auch wenn aufgrund geringer
Mängel bei der Standardisierung und einer fehlenden Randomisierung natürlich Einschränkungen
bestehen. Es wäre wünschenswert, wenn die Autoren in einer Folgestudie auch den Langzeitverlauf
der Patienten dokumentieren könnten.
Literatur beim Autor
PD. Dr. Stefan Corvin, Tübingen
Dritter Kommentar
Dritter Kommentar
B. Wefer
Exzellent aufbereitete Daten, auch für den Niedergelassenen
Reitz et al. stellen in ihrer Arbeit "European Experience of 200 Cases Treated with
Botulinum-A Toxin Injections into the Detrusor Muscle for Urinary Incontinence due
to Neurogenic Detrusor Overactivity" die Ergebnisse einer Multicenter-Studie nach
Botolinum-A-Toxin-Injektion in den Detrusor bei neurogener Inkontinenz vor.
Das Patientengut umfasste hauptsächlich querschnittsgelähmte (n = 167), aber auch
Meningomyelozelen (n = 22) und Multiple-Sklerose-Patienten (n = 11). All diese Patienten
wiesen eine neurogene Blasenentleerungsstörung im Sinne einer neurogenen Detrusorüberaktivität
auf. Die überwiegende Mehrheit der Patienten litt an neurogener Inkontinenz (n = 146),
während 20 Patienten starke Nebenwirkungen aufgrund der anticholinergen Therapie und
34 Patienten sowohl Inkontinenz als auch Nebenwirkungen dieser Therapie aufwiesen.
Bei diesen Patienten wurde vor Injektion von 300 IE Botox A in den Detrusor sowohl
eine urodynamische Messung als auch eine Befragung nach der Schwere der Inkontinenz
und der bestehenden Medikation durchgeführt. Im Mittel 12 bzw. 36 Wochen nach Injektion
erfolgten die Follow-up- Untersuchungen.
Das Botulinum-Toxin A konnte ohne Nebenwirkungen durch die Injektion oder durch das
Medikament selbst appliziert werden. Bei der ersten Kontrolluntersuchung 3 Monaten
nach Injektion konnten signifikante Verbesserungen aller urodynamischen Parameter
gezeigt werden. Die zweite Kontrolluntersuchung, zu der allerdings bis zur Veröffentlichung
des Artikels nur 99 von 200 Patienten eingeschleust werden konnten, zeigte ebenfalls
deutliche Verbesserungen der urodynamischen Parameter, wenngleich diese im Vergleich
zur ersten Follow-up-Messung weniger gute Werte erzielte. Dennoch waren sowohl maximale
Blasenkapazität, Reflexvolumen und Detrusordruck bei Miktion signifikant gebessert.
Klinisch zeigten 132 von zuvor 180 inkontinenten Patienten nach Injektion eine komplette
Kontinenz; beim zweiten Follow-up waren 72 von 99 Patienten noch komplett trocken.
48 Patienten berichteten über eine Verbesserung der Inkontinenzsituation.
Bezüglich der anticholinergen Medikation konnten 45 Patienten diese komplett absetzen,
während 118 Patienten diese zumindest in reduzierter Dosierung nach Injektion von
Botox A einnahmen.
In der Diskussion gehen die Autoren auf weitere Fragestellungen ein, die sich aus
ihren Daten ergeben. Was ist die ideale Dosierung und Verdünnung für die Detrusorinjektion?
Welche histologischen Auswirkungen hat die Botoxinjektion auf den Detrusormuskel?
Warum profitierten 9 von 200 Patienten nicht von der Injektion? Handelte es sich um
Non-Responder oder lagen möglicherweise Fehler bei der Verdünnung oder beim Toxin
selbst vor? Inwieweit konnte die Katheterisierungsfrequenz nach Injektion gesenkt
werden?
Insgesamt handelt es sich bei dieser Veröffentlichung um exzellent aufbereitete Daten,
die nicht nur den neurourologisch interessierten Kollegen, sondern auch den niedergelassenen
Arzt, der bisher dem von Inkontinenz und Nebenwirkungen gebeutelten Patienten mit
neurologischer Grunderkrankung, von der Anwendung der Botox-Injektion überzeugen.
Es steht nun neben den klassischen anticholinergen Medikamenten eine weitere nichtoperative
Therapiealternative für neurogene Inkontinenz zur Verfügung, die minimal invasiv und
bisher ohne wesentliche Nebenwirkungen appliziert werden kann. Die Daten sind suffizient
aufgearbeitet, werden von Anfang an detailiert präsentiert und sind von klinischer
Relevanz. Abzuwarten bleiben die Langzeitergebnisse dieser Patienten nach möglichen
Re-Injektionen. Ebenfalls interessant und in einigen Kliniken bereits durchgeführt
ist die Möglichkeit der Botoxinjektion auch bei nichtneurogener Urgency bzw. Urge-Inkontinenz.
Mitentscheidend für eine erfolgreiche Anwendung in dieser Patientengruppe werden mögliche
Nebenwirkungen, der Leidensdruck der Patienten und mögliche Blasenentleerungsstörungen
nach Injektion (Möglichkeit der kompletten Detrusorlähmung mit der Konsequenz der
Blasenentleerung z.B. per Selbstkatheterismus) sein. Erste Daten aus unserer Klinik
zeigen ermutigende Ergebnisse.
Ein weiterer wichtiger Punkt, damit die Botox-Injektion als Therapiealternative überhaupt
eingesetzt wird, ist die offizielle Zulassung zur Behandlung von Blasenentleerungsstörungen.
Diese Veröffentlichung von Reitz et al. unterstreicht die Notwendigkeit, Botox endlich
auch in der Urologie zuzulassen.
Dr. Björn Wefer
PD Peter M. Braun, Kiel