Der Studiengang Kosmetikwissenschaft der Universität Hamburg ist im Department Chemie
der Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften angesiedelt. Seit
dem Wintersemester 2000 steht der erste eigenständige Studiengang für Kosmetikwissenschaft
in Deutschland unter dermatologischer Leitung, was sich in den wissenschaftlichen
Schwerpunkten wie auch in der Lehre bemerkbar macht. Das wissenschaftliche Team umfasst
neben Dermatologen und Pharmazeuten inzwischen auch Absolventen des Studiengangs und
übernimmt Aufgaben sowohl in der Lehre als auch in der Forschung.
Die Absolvent/innen des Studiengangs Kosmetikwissenschaft, der mit Beginn des Wintersemesters
2007/2008 auf das international anerkannte Bachelor (BA)/Master (MA)-System umgestellt
wurde, sollen vor Beginn des Studiums neben der Allgemeinen Hochschulreife eine berufliche
Ausbildung in relevanten Berufsfeldern absolviert haben. Mit dieser Doppelqualifikation
und dem abgeschlossenen Studium bieten sich ihnen zahlreiche Möglichkeiten beruflicher
Tätigkeit: Neben der Ausübung des Lehramtes an Berufsbildenden Schulen sind sie ebenso
qualifiziert, in der universitären oder industriellen Forschung tätig zu sein, zentrale
Positionen in der Marktforschung einzunehmen oder im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit
für Firmen zu arbeiten. Auch bieten sich für Absolventinnen und Absolventen mit entsprechendem
Studienschwerpunkt journalistische Tätigkeiten mit einer Spezialisierung auf kosmetologische
Fragestellungen an.
Studium
Studium
Das Studium der Kosmetikwissenschaft gliedert sich in eine sechssemestrige Bachelor-
und eine viersemestrige Master-Phase. An Stelle des 1. Staatsexamens, mit dem die
Absloventen derzeit ihr Studium beenden, wird mit der Umstellung auf das BA/MA-System
der Erwerb des international anerkannten Bachelor bzw. Master of Science möglich.
Der Studiengang Kosmetikwissenschaft integriert verschiedenste Aspekte: Neben dermatologisch-kosmetologischen
Modulen sind Grundlagen und fachspezifische Kenntnisse der Chemie und Biologie ebenso
Bestandteil der Bachelor-Phase wie Lehrveranstaltungen mit gestalterischen und soziokulturellen
Schwerpunkten ([Tab. 1 ]). Im Rahmen des Master-Studiums werden über theoretische Inhalte hinaus auch praktische
studentische Forschungsprojekte wie beispielsweise die Evaluation der kutanen Effekte
einer topisch applizierten Wirkstoffkombination mittels nichtinvasiver, biophysikalischer
Messmethoden durchgeführt. Von der Konzeption über die Durchführung bis zur Auswertung
werden die Projekte studentisch organisiert, was auch Aufgaben wie Pobandenrekrutierung
und Materialherstellung einschließt ([Abb. 1 ]). Weitere Untersuchungen mit chemisch orientierten Fragestellungen - beispielsweise
die Beeinflussung der Haut durch topisch applizierte Irritanzien - , aber auch künstlerisch-gestalterische
Projekte sind ähnlich umfassend und runden die Ausbildung ab.
Tab. 1 Die Übersicht über die Module der Bachelor-Phase am Studiengang Kosmetikwissenschaft
zeigt den interdisziplinären Ansatz.
Modul
Semester
Anzahl der Lehrveranstaltungen
Umfang (SWS)
1
Grundlagen der Kosmetikwissenschaft
1/2
4
8
2a
Grundlagen der Chemie und kleines chemisches Praktikum
1
4
7,5
2b
Grundlagen der Biologie
1
3
7
3
Dermatologie und Kosmetologie
2/3
4
9
4
Gestaltung I
3
2
5
5
Gestaltung II
4
2
6
6
Kosmetische Chemie
4/5
3
10
7
Kosmetische Verfahren
5/6
5
12
8
Gestaltung III
6
1
4
9
Abschlussmodul
6
Bachelor-Arbeit
12 Wochen
Abb. 1 Auch die Herstellung wirkstoffhaltiger Formulierungen findet im Rahmen studentischer
Forschungsprojekte statt.
Diese Verbindung von theoretischen Kenntnissen mit eigenen Forschungsprojekten bedingt
so auch die besondere Qualifikation der Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs
Kosmetikwissenschaft an der Universität Hamburg.
Forschung
Forschung
Die Forschungsschwerpunkte am Institut für Kosmetikwissenschaft sind breit gefächert
und reichen von der anwendungsorientierten Grundlagenforschung zur Beeinflussung der
Hautphysiologie durch externe Noxen wie etwa Zigarettennebenstromqualm über die Evaluation
der Effekte topisch applizierter Dermatokosmetika bis hin zur Untersuchung des Einflusses
verschiedener minimalinvasiver Eingriffe auf die Hautphysiologie mittels biophysikalischer
Messmethoden [3 ]
[10 ]. Auch soziokulturellen Fragestellungen aus unterschiedlichen Bereichen, etwa der
Attraktivitätsforschung, wird nachgegangen.
Darüber hinaus ist am Institut eine regelmäßige dermatologische Sprechstunde eingerichtet.
Schwerpunkte sind hier vor allem minimalinvasive Verfahren wie die Behandlung mit
Botulinumtoxin A, mit verschiedensten Füllmaterialien sowie die Durchführung von chemischen
Peelings unterschiedlicher Tiefe neben der Entwicklung individueller, hautzustandsgerechter
Pflegekonzepte. Trichologische Untersuchungen mittels Trichoscan®-Technologie (Haarsprechstunde)
runden das Angebot ab.
Evaluation der Effekte dermatokosmetischer Verfahren
Evaluation der Effekte dermatokosmetischer Verfahren
Subklinische Veränderungen von Epidermis und Corium können mit Hilfe nichtinvasiver
biophysikalischer Messmethoden evaluiert werden. So ist es möglich, neben der Beurteilung
des individuellen Hautzustandes etwa die Wirksamkeit topisch applizierter Subtanzen
oder intrakutan injizierter Präparate in vivo zu überprüfen. Unterschiedliche Messverfahren
ermöglichen dabei Aussagen über spezifische Strukturen und Funktionen der Haut.
Aussagen über den Zustand der epidermalen Barriere werden beispielsweise über die
Ermittlung des transepidermalen Wasserverlustes (Evaporimetrie) und die Erfassung
der Wasserspeicherkapazität des Stratum corneum (Corneometrie) möglich. Im Alter sowie
bei physiologischen Funktionsstörungen wie Xerosis cutis oder pathologischen Hautveränderungen,
etwa atopischer Dermatitis, steigt der transepidermale Wasserverlust an, die Wasserspeicherkapazität
des Stratum corneum dagegen nimmt deutlich ab.
Ein weiterer wichtiger Barriereparameter ist die quantitative Bestimmung der Hautoberflächenlipide
(Sebumetrie). Insbesondere die androgenabhängige Talgdrüsenaktivität, die in der Pubertät
häufig zur Ausprägung einer fettigen, unreinen und zu Akne neigenden Haut führt, kann
mit Hilfe der Sebumetrie objektiviert werden, was beispielsweise die Erfassung der
Effekte topischer Antiseborrhoika oder systemischer Antiandrogene ermöglicht [4 ].
Der Hautoberflächen-pH-Wert als vierter Barriereparameter lässt Rückschlüsse auf die
Pufferkapazität der Haut zu und kann daneben als Indikator für eine Veränderung der
Mikroflora dienen.
Verschiebungen dieser Parameter, etwa in Folge eines veränderten Hormonstatus in der
Pubertät oder postmenopausal, können sich auch durch morphologische Änderungen im
Sinne einer erhöhten Hautrauigkeit bemerkbar machen. Eine altersbedingt verringerte
Hautfelderung oder die Entstehung von Fältchen und Falten zählen auch zu den Veränderungen
der Hautoberflächenstruktur, die mittels profilometrischer Verfahren optisch oder
mechanisch analysiert werden können. Damit eignen sich diese Verfahren beispielsweise
für die Evaluation der Effekte topisch applizierter Dermatokosmetika zur Minderung
klinisch sichtbarer altersbedingter Texturveränderungen der Hautoberfläche [5 ].
Dermale Bindegewebsstrukturen können mit Hilfe der hochfrequenten Sonografie erfasst
werden. Das bildgebende Verfahren beruht auf der je nach Gewebe differierenden Reflexion
von Ultraschallwellen und ist beispielsweise zur Evaluation von Hautalterungszuständen,
aber auch zur Dokumentation der Wirkung topisch applizierter oder minimalinvasiv eingebrachter
Wirkstoffe gut geeignet ([Abb. 2 a, b ]). Ergänzt wird dieses Verfahren optimalerweise durch die Bestimmung der elastischen
Eigenschaften der Haut, die ebenfalls von großer Bedeutung für die Ausprägung klinischer
Zeichen der Hautalterung sind. Neben Methoden wie etwa der Ballistometrie oder Torsions-Verfahren
kommt zur Messung der mechanischen Eigenschaften heute vor allem die Suktions-Methode
zum Einsatz, die eine Erfassung verschiedener Elastizitätsparameter durch Analyse
der Hautdeformation und -relaxation bei intermittierender Suktion und Aussetzung des
Unterdrucks ermöglicht ([Abb. 3 a ]). Ein Gerät zur Durchführung dieses Verfahrens ist das Cutometer® (Courage & Khazaka,
Köln), mit dem unterschiedlichste Elastizitätsparameter analysiert werden können.
So können Aussagen zur Hautfestigkeit (R0; Uf), zur Rückstellkraft (R8; Ua/R1; Uf-Ua)
sowie zu Ermüdungserscheinungen der Haut (R3; Uf5 /R4; Ua5 /R9; Uf5 -Uf) ebenso gemacht werden wie zur Bruttoelastizität (R2; Ua/Uf) und den elastischen
und viskoelastischen Anteilen der Dehnung und Rückstellung (R5; Ur/Ue/R6; Uv/Ue/R7;
Ur/Uf). Diese Parameter spielen vor allem in Bezug auf die Hautalterung eine wichtige
Rolle ([Abb. 3 b ]). Darüber hinaus bietet dieses Verfahren jedoch insbesondere bei der Erforschung
möglicher Wirkmechanismen, zum Beispiel bei intradermal injizierter Hyaluronsäure,
die Option der nichtinvasiven Gewinnung von Erkenntnissen über das dermale Bindegewebe.
So weisen eigene Untersuchungen, bei der unter anderem auch die Cutometrie eingesetzt
wurde, darauf hin, dass durch die Substitution von Hyaluronsäure die altersbedingt
reduzierte Hautelastizität signifikant verbessert werden kann [1 ]
[2 ]
[8 ].
Abb. 2 Exemplarische Ultraschall-Aufnahmen an der Wangepartie a ) vor und b ) nach Injektion eines Implantats. Die Akkumulation des injizierten Materials wird
durch die Zunahme der dunklen, echoarmen Bereiche illustriert.
Abb. 3 a Messprinzip des Cutometer® MPA 580 (Courage & Khazaka, Köln). b Elastizitätskurven (Cutometer® MPA 580, Courage & Khazaka, Köln). Die rote Kurve
ist mit ihrer starken Rückstellung, die über den gesamten Messvorgang anhält, charakteristisch
für junge Haut. Die blaue Kurve illustriert die verringerte Rückstellkraft sowie die
verstärkten Ermüdungserscheinungen der Haut im Alter.
Der Einsatz dieser hier vorgestellten Verfahren im Bereich der ästhetischen Dermatologie
kann wesentlich zur Etablierung einer evidenzbasierten Dermatokosmetik beitragen.
Beeinflussung der Haut durch externe Noxen
Beeinflussung der Haut durch externe Noxen
Der negative Einfluss von Rauchen auf die Haut ist seit Langem bekannt. Am Studiengang
Kosmetikwissenschaft werden derzeit die Effekte von Zigarettenrauch auf die Haut in
vivo wie in vitro evaluiert. Dabei konnten negative Effekte der Noxe sowohl bei topischer
Einwirkung durch Zigarettennebenstromqualm („Passiv-Rauchen”) ([Abb. 4 ]) als auch bei systemischer Wirkung gezeigt werden. Unsere Untersuchungen haben gezeigt,
dass eine Exposition mit Zigarettennebenstromqualm beispielsweise zu einem vorübergehenden
Anstieg des Hautoberflächen-pH-Wertes und damit zu einer Beeinträchtigung der Barrierefunktion
der Haut führt [11 ]. Zudem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Zigarettennebenstromqualm die Membran
der Keratinozyten schädigt [9 ]. In-vivo-Untersuchungen der Hautelastizität bei Rauchern und Nichtrauchern zeigten
zudem einen signifikanten Einfluss des Rauchens auf die Haut: Die alterskorrelierte
Analyse der Elastizitätswerte ergab, dass die Gesamtelastizität bei Raucherinnen deutlich
eingeschränkt ist, wohingegen Alterungserscheinungen der Haut bei Nichtraucherinnen
vor allem durch die Zunahme von Ermüdungserscheinungen und Veränderungen der Dehnungscharakteristik
zutage treten [7 ]. Darüber hinaus weisen die Daten einer weiteren Untersuchung mit weiblichen Rauchern
und Nichtrauchern darauf hin, dass der Ammoniumgehalt der Hautoberfläche durch Rauchen
ebenfalls beeinflusst wird [12 ]. Durch die Evaluation der Einflüsse des Rauchens auf die Hautphysiologie können
unsere Untersuchungsergebnisse somit dazu beitragen, zu einem tieferen Verständnis
biochemischer Abläufe zu gelangen.
Abb. 4 Exposition in der Rauchkammer zur Evaluation der Effekte von Zigarettennebenstromqualm
auf die Haut.
Soziokulturelle Fragestellungen
Soziokulturelle Fragestellungen
Der interdisziplinär ausgerichtete Studiengang Kosmetikwissenschaft bietet neben dermatologisch-kosmetisch
ausgerichteten Fragestellungen ebenso Raum für die Erforschung soziokultureller Zusammenhänge.
So stellt sich etwa in Bezug auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen rejuvenativer
und anderer attraktivitätssteigernder Verfahren aus soziologischer und kulturwissenschaftlicher
Sicht die Frage nach den Beweggründen, aus denen Menschen sich diesen Verfahren unterziehen.
Dabei ist nicht allein die Veränderung des Hauterscheinungsbildes, sondern ebenso
die Einflussnahme auf das Haar als Werkzeug nonverbaler Kommunikation in die Überlegungen
einzubeziehen. Auf Basis einer breitgefächerten Literaturauswahl - etwa aus den Bereichen
Evolutionsbiologie, Psychologie oder Philosophie - lassen sich bislang zwar Erklärungsansätze
entwickeln, die mit Erkenntnissen der Attraktivitätsforschung übereinstimmen und einen
Hinweis auf die Motivation der Durchführung unterschiedlichster kultureller Strategien
am Körper geben. Allerdings fehlen bislang differenzierte Untersuchungen dieser möglichen
Zusammenhänge, so dass die Forschungsarbeit des Studiengangs auch auf diesem Feld
zu innovativen Ergebnissen führen kann.
Auf diese Weise werden psychologische, aber auch philosophische, künstlerische und
historische Aspekte der menschlichen Gestalt in die aktuelle Forschung einbezogen
und verknüpfen unterschiedlichste wissenschaftliche Disziplinen.