Erfahrungsheilkunde 2019; 68(06): 305
DOI: 10.1055/a-1019-5816
Editorial
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„Kinder müssen mit Erwachsenen sehr viel Nachsicht haben.“

(Antoine de Saint-Exupéry)
Volker Schmiedel
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Publication Date:
03 December 2019 (online)

Dieses weniger bekannte Zitat des französischen Autors ist eine schöne Einleitung für ein „Kinderheft“. Kinder sind wesentlich empfindsamer und empfindlicher, was Reize von außen angeht und darum naturheilkundlichen Reizen gegenüber besonders gut zugänglich. Man sollte aber bei der Dosierung der Reize besondere Vorsicht walten lassen.

Feinstoffliche Reize wie wir sie bei homöopathischer Therapie antreffen wirken daher gerade bei Kindern oftmals sehr gut. „Das Fiebermittel“ gibt es in der Homöopathie nicht, wohl aber bewährte Mittel, die bei den verschiedenen Arten von Fieber – je nach den Modalitäten – ihre Dienste tun. Der vorliegende Beitrag liefert eine schöne, ausführliche Kasuistik mit einem tiefen Einblick in das individuelle homöopathische Procedere. Gut gefällt mir auch die Darstellung der offiziellen Leitlinien, die durchaus Zurückhaltung bei der medikamentösen Fiebersenkung empfiehlt, was vielen Eltern und Ärzten offensichtlich gar nicht bekannt ist.

Dass Kneipp´sche Anwendungen wie Waschungen, Wickel und Güsse nach wie vor aktuell sind, beschreibt der Artikel über die segensreichen Wirkungen dieser hydro- und thermotherapeutischen Verfahren bei Kindern. Die natürliche Lust von Kindern am Umgang mit Wasser kann hier gut eingesetzt werden und Kinder von früh auf daran gewöhnt werden, gesundheitlichen Beschwerden mit selbstverantwortlichen und aktiven Maßnahmen zu begegnen, anstatt gleich eine „Pille einzuwerfen“, um wieder gesund zu werden.

Viele Kinder leiden an atopischen Erkrankungen wie Allergien, Asthma und Neurodermitis – und das soziale Umfeld gleich mit. Studien zeigen klar auf, wie viel Leid verhindert werden könnte, wenn die Mutter in Schwangerschaft und Stillzeit gut mit Omega-3-Fettsäuren versorgt wäre – die offiziellen gynäkologischen Leitlinien empfehlen zwar Omega-3 in der Schwangerschaft, aber selbst die viel zu geringe Dosis mit der für atopische Erkrankungen auch noch wenig geeigneten Fettsäure DHA wird kaum umgesetzt. Aber selbst wenn die Krankheit schon ausgebrochen ist, bestehen sehr gute Chancen für eine Linderung oder gar Heilung.

Immer mehr Kinder werden vegetarisch oder sogar vegan ernährt. Stellt dies eine unverantwortliche Körperverletzung dar, für die Rabeneltern sanktioniert gehören? Werden die „Problem-Nährstoffe“ außer Acht gelassen, wird den Kindern so tatsächlich kein guter Start ins Leben gewährt. Ob eine Kost mit reichlich Nuss-Nougat-Aufstrich und Hamburgern bei den „omnivoren“ Kindern so viel besser ist, wird dagegen kaum diskutiert. Die Autorin widmet sich dem Thema undogmatisch und differenziert und fordert den Ersatz der möglicherweise fehlenden Nährstoffe unter Berücksichtigung entsprechender Laborkontrollen. Dann – und nur dann – kann vegane Ernährung vermutlich die gesündeste der Welt sein.

Kopfschmerzen und vor allem richtige Migräne sind eine Plage für die betroffenen Kinder und deren Eltern. Quengeln und verpasster Schulunterricht sind nur zwei der unangenehmen Folgen. Neben medikamentöser und Verhaltenstherapie werden die Möglichkeiten chinesischer Ernährungs- und Phytotherapie sowie von Akupunktur und TENS aufgezeigt, wofür es sogar eine überzeugende Studienlage gibt. Kopfschmerz/Migräne muss kein unabwendbares Schicksal bei Kindern sein.

Der Beitrag über Vitamin D und Diabetes passt zwar nur bedingt in ein Kinder-Heft. Wenn wir aber wissen, dass nahezu jedes zweite heute geborene Kind laut epidemiologischer Prognosen irgendwann Diabetiker werden wird, bedeutet dieser Beitrag, dass wir (unter anderem) mit einer guten Vitamin-D-Versorgung in der Kindheit und im weiteren Leben eine erfolgreiche Primärprävention betreiben können. Der Beitrag zeigt die physiologischen Zusammenhänge zwischen Vitamin D und Kohlenhydratstoffwechsel auf und spiegelt die aktuelle Studienlage hierzu wider.

Kinder sind unser schönstes und wertvollstes Gut. Dass sie ihren Eltern aber bereits in der Antike durchaus schon Anlass zur Sorge geben konnten, zeigt das antike Zitat:

„Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“

(Sokrates)

Herzlichst, Ihr
Dr. Volker Schmiedel