Rehabilitation (Stuttg) 2020; 59(05): 263-272
DOI: 10.1055/a-1194-0114
Originalarbeit

Betriebsnahe Versorgungsnetzwerke und -angebote zur Unterstützung des Return to Work nach psychischer Krise: Zwischen gesundheitsförderlicher Organisationsentwicklung und Selbstmanagement der Zurückkehrenden

Workplace and Work-Related Return to Work Interventions for Employees with Common Mental Disorders: Between Health-Promoting Organisational Development and Self-Management
Betje Schwarz
1  Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – Standort Berlin, Fachgruppe 3.3 „Evidenzbasierte Arbeitsmedizin, Betriebliches Gesundheitsmanagement“
,
Ralf Stegmann
1  Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – Standort Berlin, Fachgruppe 3.3 „Evidenzbasierte Arbeitsmedizin, Betriebliches Gesundheitsmanagement“
,
Uta Wegewitz
1  Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – Standort Berlin, Fachgruppe 3.3 „Evidenzbasierte Arbeitsmedizin, Betriebliches Gesundheitsmanagement“
› Author Affiliations
Finanzielle Unterstützung Die Studie wurde von der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen des Forschungsverbundes „Neue Allianzen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit“ gefördert (Projekt-Nr.: 2016-980-4).

Zusammenfassung

Ziel der Studie Noch immer bilden Kooperationen zwischen medizinisch-therapeutischen Einrichtungen und Betrieben sowie arbeitsplatzbezogene Interventionen für Beschäftigte mit psychischen Krisen und Erkrankungen Ausnahmen in der nationalen Versorgung. Die vorliegende Studie untersucht einige dieser Ausnahmen mit dem Ziel, ihre Vernetzungsformen und (Be-)Handlungsansätze zu beschreiben, ihre Stärken und Grenzen zu identifizieren und so wichtige Hinweise zu ihrer Weiterentwicklung und Dissemination zu geben.

Methodik Auf Basis einer Onlinerecherche wurden 5 Angebote ausgewählt. Anschließend wurden 11 Gruppendiskussionen und 17 Interviews mit den in diese Angebote involvierten betrieblichen und überbetrieblichen Akteuren (n=44) sowie mit Betroffenen (n=27) durchgeführt und mittels dokumentarischer Methode der Interpretation bzw. qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse Es ließen sich 2 (Be-)Handlungsansätze und Vernetzungsformen identifizieren. Ein individuumsbezogener Selbstmanagementansatz und ein systemischer Fallmanagementansatz. Im Fokus des ersten Ansatzes steht die Frage, was der Betroffene tun muss, um an seinen Arbeitsplatz zurückkehren zu können, der zweite Ansatz fragt zusätzlich danach, was hierfür am Arbeitsplatz getan werden kann. Geprägt werden die Ansätze u. a. durch die (be-)handlungsleitenden Orientierungsrahmen der beteiligten Akteure, wie z. B. deren Annahmen zur Veränderbarkeit arbeitsbezogener Risikofaktoren. Die größte Stärke des individuumsbezogenen Ansatzes liegt in der Stärkung der Selbstsorge, seine größte Begrenzung im einseitigen Fokus auf die individuelle (An-)Passung und der damit einhergehenden Gefahr der Individualisierung von Erkrankung, Ursachen und Bewältigung. Der systemische Ansatz verspricht Nachhaltigkeit durch die Kombination individuumsbezogener und betrieblicher Maßnahmen. Die Herausforderung hier besteht darin, die richtige Balance zwischen individueller Selbst- und betrieblicher Fürsorge zu finden.

Schlussfolgerung Die Ergebnisse zeigen, wie psychisch erkrankte Beschäftigte mittels vernetzter und arbeitsplatzbezogener Angebote bei ihrer Wiedereingliederung unterstützt werden können. Sie zeigen jedoch auch, an welche Grenzen bisherige Ansätze stoßen und geben damit wichtige Hinweise für deren Weiterentwicklung und Dissemination.

Abstract

Purpose Work-related interventions and alliances between healthcare institutions and companies that aim to support employees with common mental disorders (CMD) returning to work are still quite rare in Germany. The present study examines a small sample of existing alliances and interventions with the aim to describe their cooperation forms and treatment approaches, to identify their strengths and weaknesses, and thus to provide guidance for their further development and dissemination.

Methods Five alliances/interventions were selected on the basis of a web search. Subsequently 11 group discussions and 17 qualitative interviews with involved health care professionals and occupational stakeholders (n=44) as well as employees with CMD (n=17) were conducted and evaluated by documentary method and qualitative content analysis.

Results The examined interventions follow either a person oriented self-management or a systemic case management approach. The self-management approach focusses on what has to be done by the person him-/herself to get back to work (focus on individual adaption). The systemic approach additionally asks for workplace adaption. Which approach is chosen, depends inter alia on the involved actors’ preconscious frames of orientation, i. e. their assumptions regarding the modifiability of work-related risk factors. The main strength of the self-management approach lies in its ability to reinforce self-care, its main shortcoming in the one-sided focus on individual adaption and the risk of individualizing the disease, its causes and coverage. The systemic approach seems to be more sustainable through the combination of individual and workplace adaptions. The challenge here is to find an appropriate balance between individual self-care and occupational health care.

Conclusion The findings show how the RTW of employees with CMD can be supported by more collaborative and work-related interventions. However, they also reveal limits and barriers of existing interventions and therefore provide useful hints for their further development and dissemination.

1 Eine ausführlichere, mit Zitaten illustrierte, Ergebnisdarstellung findet sich im Abschlussbericht unter: Link folgt


Zusatzmaterial



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Publication Date:
01 September 2020 (online)

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