Rehabilitation (Stuttg) 2021; 60(01): 29-36
DOI: 10.1055/a-1248-5703
Originalarbeit

Berufsbezogene Problemlagen und erwünschte Unterstützungsangebote bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Ergebnisse einer multiperspektivischen ErhebungWork-Related Problems and Requested Support in Inflammatory Bowel DiseaseResults of a Multi-Perspective Survey
Jana Langbrandtner
1  Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Universität Lübeck
,
Gero Steimann
2  Klinik Föhrenkamp, Reha-Zentrum Mölln
,
Christoph Reichel
3  Klinik Hartwald, Reha-Zentrum Bad Brückenau
4  Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit/Public Health, Universität Bonn
,
Bernd Bokemeyer
5  Gastroenterologische Gemeinschaftspraxis, Minden
,
Angelika Hüppe
1  Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Universität Lübeck
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Zusammenfassung

Ziel der Studie Betroffene mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung (CED) sind durch die spezifische Krankheitssymptomatik sowie psychosoziale Probleme oftmals in ihrer beruflichen Teilhabe und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Angezielt wurden eine multiperspektivische Exploration der berufsbezogenen Problemlagen von CED-Betroffenen sowie die Ableitung bedarfsgerechter Unterstützungsangebote für den rehabilitativen Sektor.

Methodik Dazu wurden Längsschnitt-Einzelinterviews mit erwerbstätigen CED-Rehabilitanden zu 2 Messzeitpunkten (N=12), Querschnitt-Einzelinterviews mit erwerbstätigen CED-Patienten in gastroenterologischer Facharztbetreuung (N=7), 4 Fokusgruppeninterviews mit Reha-Mitarbeitern (N=27) und leitfadengestützte Experteninterviews (N=8) durchgeführt. Die Auswertung der Interviewdaten erfolgte in MAXQDA mittels inhaltlich-strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse.

Ergebnisse Die Aussagen der 4 unterschiedlichen Untersuchungsgruppen bilden ein ähnliches Gesamtspektrum der erwerbsbezogenen Probleme von CED-Betroffenen ab und weisen auf vielfältige körperliche und psychosoziale Beeinträchtigungen im Arbeitsleben hin. Berichtet werden körperliche wie kognitive Einschränkungen, Müdigkeit, Schmerzen und psychosoziale Barrieren, die oftmals mit einer reduzierten Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz verbunden sind. Hinzu treten Einschränkungen und Belastungen, die aus gesundheitsschädlichen berufsbezogenen Verhaltensweisen resultieren. Unter den erwerbstätigen Betroffenen zeigte sich ein erhöhter Bedarf an berufsbezogenen rehabilitativen Angeboten. Eine intensivere Ausrichtung der Reha-Inhalte auf berufliche Probleme sowie ein erweitertes Schulungs- und Beratungsangebot zur Aneignung bzw. zur Erweiterung persönlicher arbeitsrelevanter Kompetenzen waren für die meisten Betroffenen für eine weitere Teilhabe am Arbeitsleben von zentraler Bedeutung.

Schlussfolgerung Die Studienergebnisse bilden die Bandbreite von Problemen im Arbeitsleben von CED-Betroffenen ab und liefern wichtige Anhaltspunkte für die Entwicklung von bedarfsgerechten Unterstützungsangeboten im rehabilitativen Versorgungssektor. Die Ergebnisse legen nahe, dass die CED-Reha stärker auf die Bedürfnisse von chronisch kranken Erwerbstätigen zugeschnitten werden könnte. Standardmäßige Reha-Inhalte sollten mehr auf den Umgang mit Herausforderungen am Arbeitsplatz ausgerichtet werden. Ein stärkerer Berufsbezug sowie ein standardisiertes Screening auf berufsbezogene Probleme und eine kompetenzfördernde Ausrichtung der CED-Rehabilitation dürften das Spektrum bestehender Angebote erweitern und könnten mittel- bzw. langfristig zur Erhaltung der Erwerbstätigkeit beitragen.

Abstract

Purpose Patients with inflammatory bowel diseases (IBD) are often impaired in their occupational participation and ability to work due to IBD-symptoms and complex psychosocial problems. The aim was to explore work-related problems and requested support of IBD-patients and to develop adequate occupational-oriented offers in rehabilitation with a multi-perspective approach.

Methods Guided interviews with employed IBD-patients in medical rehabilitation at 2 measurement points (N=12), guided interviews with employed IBD-patients in specialist gastroenterological care (N=7), 4 focus group interviews with rehabilitation staff (N=27) and expert interviews (N=8) were conducted. The qualitative data have been examined in MAXQDA using content-structuring qualitative content analysis.

Results The 4 different interview groups report a similar spectrum of work-related problems and describe various somatic and psychosocial impairments in the working life of IBD-patients. Physical as well as cognitive impairments, fatigue, pain and psychosocial barriers, which are often associated with reduced productivity at work, are described. Additional restrictions result from unhealthy behaviour at work. The results show an increased need for rehabilitative occupational-oriented offers. IBD patients want a more work-related orientation of rehabilitative offers. They ask for competence-promoting offers to develop specific working skills and coping strategies to maintain their ability to work.

Conclusion The results highlight the range of work-related problems of IBD-patients and show occupational-oriented support opportunities and potentials in rehabilitation sector. Medical rehabilitation must be more tailored to the needs of working IBD-patients and should be more focused on health-related challenges at work. A stronger occupational focus, standardised screening for work-related problems and a competence-promoting orientation of IBD-rehabilitation could enhance the spectrum of rehabilitation offers and maintain the ability to work.

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Publikationsdatum:
05. November 2020 (online)

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