Rehabilitation (Stuttg) 2021; 60(01): 11-20
DOI: 10.1055/a-1276-6811
Originalarbeit

Inanspruchnahme medizinischer Rehabilitation und Zugangsbarrieren bei Personen mit Migrationshintergrund – Ergebnisse der lidA-Kohortenstudie

Utilization of Medical Rehabilitation and Access Barriers for Persons with a Migrant Background – Results of the lidA Cohort Study
Jürgen Breckenkamp
1  AG3 Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
2  Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft, Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik, Bergische Universität Wuppertal
,
Maria Dyck
1  AG3 Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
,
Chloé Charlotte Schröder
2  Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft, Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik, Bergische Universität Wuppertal
,
Simone Schönfeld
1  AG3 Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
,
Jean-Baptist du Prel
2  Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft, Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik, Bergische Universität Wuppertal
,
Oliver Razum
1  AG3 Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
,
Hans Martin Hasselhorn
2  Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft, Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik, Bergische Universität Wuppertal
› Author Affiliations

Zusammenfassung

Einleitung Rehabilitationsleistungen werden von Personen mit Migrationshintergrund im erwerbstätigen Alter in Deutschland weniger in Anspruch genommen als von Personen ohne Migrationshintergrund. Ein Grund könnten Zugangsbarrieren sein. Sie können sowohl durch die Strukturen des Gesundheits-/Rehabilitationssystems als auch durch Einflüsse aus dem persönlichen Umfeld entstehen, z. B. finanzielle Belastungen durch Inanspruchnahme der Rehabilitation, oder kulturell bedingte Bedürfnisse. Neben dem Migrationshintergrund könnten weitere Faktoren wie Herkunftsland, Zuwanderungsgrund, Aufenthaltsdauer sowie Sozialstatus und religiöse Zugehörigkeit die Inanspruchnahme beeinflussen. Es wurde untersucht, inwieweit Unterschiede im Inanspruchnahmeverhalten auf den Migrationshintergrund und auf migrationsunabhängige Zugangsbarrieren zurückzuführen sind.

Methoden Die lidA-Studie ist eine deutschlandweite, repräsentative prospektive Kohortenstudie unter sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten der Geburtsjahrgänge 1959 und 1965 mit Fokus auf Arbeit, Alter, Gesundheit und Erwerbsteilhabe. Für die Analysen wurden Daten der ersten (2011) und zweiten Welle (2014) kombiniert. Neben bivariaten Auswertungen zur Beschreibung der Stichprobe nach dem Migrationsstatus wurden logistische Regressionsanalysen durchgeführt, um die Odds Ratios für den Einfluss des Migrationshintergrundes bzw. der Staatsangehörigkeit und weiterer Faktoren auf die Inanspruchnahme einer medizinischen Rehabilitationsmaßnahme zu schätzen.

Ergebnisse Die Chance der Inanspruchnahme einer medizinischen Rehabilitation ist für Migranten der 1. Generation erhöht (OR: 1,56; 95%-KI: 1,09–2,25). Wird zuhause überwiegend oder ausschließlich nicht Deutsch gesprochen, könnte dies mit einer vergleichsweise deutlich geringeren Chance einer Inanspruchnahme assoziiert sein (OR: 0,56; 95%-KI: 0,28–1,15). Da in Routinedaten zur Bestimmung des Migrationsstatus häufig nur die Staatsangehörigkeit verfügbar ist, wurden in einem weiteren Modell nur Migranten sowie Personen aus der 2. Generation berücksichtigt und der Einfluss der Staatsangehörigkeit auf die Inanspruchnahme untersucht. Eine ausländische Staatsangehörigkeit war nicht mit einer höheren Inanspruchnahme assoziiert (OR: 1,07; 95% KI: 0,55–2,08).

Diskussion Ergebnisse bisheriger Studien zur Inanspruchnahme einer medizinischen Rehabilitation von Personen mit Migrationshintergrund sind inkonsistent. Ursachen können unterschiedliche untersuchte Bevölkerungsgruppen, verschiedene Indikationen für eine Rehabilitation, eine zeitliche Veränderung im Inanspruchnahmeverhalten und auch die diversen Datenquellen sein. Wir fanden eine höhere Inanspruchnahme der medizinischen Rehabilitation durch selbst migrierte Personen im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund. Eine Ursache könnte unsere im Vergleich zu Auswertungen von Routinedaten präzisere Definition des Migrationshintergrundes sein. Personen mit Migrationshintergrund der 2. Generation unterscheiden sich in ihrem Inanspruchnahmeverhalten dagegen nicht signifikant von Personen ohne Migrationshintergrund. Wird zuhause überwiegend oder ausschließlich eine andere als die deutsche Sprache gesprochen, ist die Inanspruchnahme tendenziell geringer. Dieser Befund deckt sich mit den in der Literatur als Zugangsbarriere beschriebenen fehlenden Deutschkenntnissen.

Abstract

Introduction Rehabilitation services are considerably less used by persons with a migration background of working age in Germany than by persons without migration background. One reason could be access barriers. They can arise both from the structures of the health/rehabilitation system as well as from influences of the personal environment, e. g. financial burdens incurred through the use of rehabilitation or cultural expectations. In addition to the migration status, other factors such as country of origin, reasons for immigration, length of stay as well as the religious affiliation and social status could influence the utilization of medical rehabilitation. It was examined to what extent differences in utilisation are due to the migration background and to migration-independent personal barriers to access.

Methods The lidA-study is a nationwide, representative prospective cohort study among employees with insurable employment born in 1959 and 1965 with a focus on work, age, health and employment. Data from the first (2011) and the second wave (2014) were combined for the analyses. In addition to bivariate analyses to describe the sample according to migration status, logistic regression analyses were carried out to estimate the odds ratios for the influence of migration background or nationality and other factors on the use of a medical rehabilitation measure.

Results The chance of receiving medical rehabilitation is increased for migrants of the 1st generation (odds ratio (OR) 1.56, 95% confidence interval (CI): 1.09–2.25). If predominantly or exclusively no German is spoken at home, this could be associated with a comparatively much lower chance of utilisation (OR: 0.56, 95% CI: 0.28–1.15). Because only nationality is often available in routine data to determine the status of migration, another model only considers migrants and 2nd generation nationals and examines the influence of nationality on utilisation. A foreign nationality was not associated with a higher utilisation (OR: 1.07, 95% CI: 0.55–2.08).

Discussion Results of previous studies on the use of medical rehabilitation for people with a migration background are inconsistent. This could be due to different examined population groups, different indications for rehabilitation, a temporal change in utilisation and the various study designs as well as data sources. We found a higher use of medical rehabilitation services by persons with a migrant background (1st generation) compared to non-migrant persons. One reason could be our more precise definition of the migration background compared to analyses of routine data. If predominantly or exclusively another language than German is spoken at home, the utilisation tends to be lower. The finding coincides with a lack of German language skills described as an access barrier in the literature.



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Publication Date:
05 November 2020 (online)

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