Dtsch Med Wochenschr 2012; 137(27): 1395-1400
DOI: 10.1055/s-0032-1305084
Originalarbeit | Original article
Allgemeinmedizin, Pharmakotherapie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der Einfluss des Beipackzettels auf die medikamentöse Adhärenz bei hausärztlichen Patienten

Influence of package inserts on adherence to medication in primary care patients
D. Gröber-Grätz
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
,
U.-M. Waldmann
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
,
W. Knaus
2   Fachärztin für Allgemeinmedizin, Ulm
,
M. Gulich
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
,
H.-P. Zeitler
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
› Author Affiliations
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Publication History

13 October 2011

12 January 2012

Publication Date:
26 June 2012 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Das Arzneimittelgesetz schreibt vor, dass jedem Arzneimittel ein Beipackzettel (BPZ) beizulegen ist, der den Patienten über Anwendung, Indikation, Dosierung und eventuelle Nebenwirkungen informiert. Dieser BPZ wird jedoch häufig für bewusste Abweichungen der Patienten vom verordneten medikamentösen Therapieschema verantwortlich gemacht. Es ist nicht bekannt, inwieweit die Möglichkeit, sich im BPZ zu informieren, genutzt wird und welche Konsequenzen dies in Bezug auf die Medikamenten-Adhärenz mit sich bringt.

Methode: Es wurden leitfadengestützte Einzelinterviews mit Patienten über die Nutzung, Einschätzung und mögliche Konsequenzen des BPZ durchgeführt. Einbezogen wurden Patienten, denen vom Hausarzt eine neue medikamentöse Dauertherapie verordnet wurde. Die Analyse erfolgte in einem Konsensusverfahren nach der Qualitativen-Inhaltsanalyse von P. Mayring.

Ergebnisse: Es wurden 71 Interviews ausgewertet. Der Beipackzettel wird in sehr unterschiedlicher Weise und Intensität genutzt. Überwiegend werden mit dem Beipackzettel negative Assoziationen verbunden. Das Lesen des Beipackzettels scheint keinen unmittelbaren Einfluss auf die medikamentöse Adhärenz zu haben. Neben Vertrauen in die pharmazeutische Industrie äußerten Patienten vor allem, dass sie sich auf die Fachkompetenz des Hausarztes verlassen.

Schlussfolgerung: Das Lesen des Beipackzettels hat möglicherweise geringere Folgen, als oft angenommen wird. Es scheint keinen großen Einfluss auf die medikamentöse Adhärenz zu haben.

Abstract

Background: German legislation requires a package insert (PI) to be attached to any drug that informs patients about the use, indications, dosage and possible side effects. This PI is often blamed for deliberate deviations from the patient's prescribed medication regimen. It is unknown to what extent patients use the opportunity to inform themselves by the PI and potential consequences for medication adherence.

Methods: In semi-structured interviews patients were asked about their use of package inserts, their opinion about PI and potential consequences of PI. Patients with newly prescribed drugs were included in the study. Data analysis was carried according to the qualitative content analysis by Mayring.

Results: 71 interviews were analyzed. PIs are used in very different ways and intensity. PIs are predominantly associated with negative connotations. Reading of PI seems to have hardly any immediate impact on medication adherence. Patients expressed that they feel confidence in the pharmaceutical industry and especially rely on the expertise of theirs general practitioner.

Conclusion: These results point out that the use of PIs may have less impact than often assumed. Reading the package insert in these patients did hardly affect medication adherence.