Inf Orthod Kieferorthop 2012; 44(04): 241-246
DOI: 10.1055/s-0032-1329982
Übersichtsartikel
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Irreguläre orofaziale Funktionen während der Wachstums- und Entwicklungsjahre – gibt es einen Zusammenhang?

Irregular Orofacial Functions and Malocclusion in the Years of Growth and Development – Is There a Correlation?M. Ovsenik1
  • 1Department Jaw and Dental Orthopaedics, Medical Faculty, University of Ljubljana, Ljubljana, Slovenia
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Publication Date:
09 January 2013 (online)

Zusammenfassung

Eine enge Beziehung zwischen Form und Funk­tion wird zwar von vielen Wissenschaftlern anerkannt. Allerdings ist das Ausmaß der gegenseitigen Beeinflussung immer noch umstritten. Untersuchungen zu den Beziehungen zwischen funktionellen Mustern und der Entstehung von Malokklusionen stellen einen Aspekt der Beziehung zwischen Form und Funktion dar. Longitudinalstudien in ganzen Populationen sind notwendig, um diese Zusammenhänge ausreichend verstehen zu lernen.

Im Rahmen einer Verlaufsstudie an Kindern im Alter von 3 bis 12 Jahren blieb der morphologische Schweregrad der Malokklusionen im Verlauf der Wachstums- und Entwicklungsjahre nahezu unverändert, während sich der funktionelle Schweregrad signifikant verringerte. Kinder mit Saughabits zeigen signifikant mehr morphologische Anzeichen für Malokklusionen und haben deshalb auch einen höheren morphologischen Schweregrad. Funktionelle Faktoren, insbesondere schädliche Saughabits bis zum 5. Lebensjahr, gelten als hauptsächliche ätiologische Faktoren für die Ausbildung von Malokklusionen. Sie haben einerseits direkten Einfluss auf die sich entwickelnde Okklusion, und andererseits einen indirekten Einfluss durch Veränderung des Schluckmusters. In den frühen Phasen der Dentitionsentwicklung ist der morphologische Schweregrad mit dem dentalen Entwicklungsstadium verknüpft. Im fortgeschrittenen Alter ist der Schweregrad der Malokklusionen demgegenüber Folge einer früheren fehlerhaften orofazialen Funktionalität.

Bei Kindern mit habituellem Schnullernuckeln sollte die Länge des Frenulum linguae bereits in einem frühen Entwicklungsstadium bestimmt werden, da sie wahrscheinlich in Folge einer falschen Lage und Funktionalität der Zunge verändert ist, eine Folge funktioneller Anpassung an ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Form und Funktion.

Saughabits verändern das dynamische Gleichgewicht innerhalb der Mundhöhle (Funktionsänderung), was transversale morphologische Veränderungen an Kiefern und Zähnen zur Folge hat (Formänderung). Dies führt wiederum zu einer weiteren Funktionsänderung, indem sich der Unterkiefer zu einer Seite hin verschiebt (Funktionsänderung), was weitere morphologische Veränderungen der Kiefer und Zahnreihen nach sich zieht, die schließlich als unilateraler seitlicher Kreuzbiss mit funktionellem Zwangsbiss des Unterkiefers diagnostiziert werden.

Dies ist wahrscheinlich Folge einer fehlerhaften Lage und Funktionalität der Zunge, als Folge der gestörten Dynamik der Mundhöhle und Ergebnis einer Anpassung an das gestörte Gleichgewicht zwischen Form und Funktion.

Abstract

While a close relationship between form and function is recognized by many authors the degree of interplay is still a matter of conjecture. Studies of the relationship between the functional pattern and the prevalence of malocclusion reflect one aspect of form/function relationship, adequate understanding of these traits requires longitudinal studies on populations.

In a follow-up study in children, aged from 3 to 12 years, the morphological malocclusion severity score was almost the same in the years of growth and development, while the functional malocclusion score decreased significantly. Children with sucking habits have significantly more morphological signs of malocclusion and therefore a higher malocclusion severity score. Functional traits of malocclusion, in particular deleterious sucking habits until the age of 5 are considered a factor of major influence in the aetiology of malocclusion. They have a direct influence on the developing occlusion, as well as an indirect one by changing the swallowing pattern. In the early period of dental development the morphological severity score is related to the stage of dental development, while at a later period, malocclusion severity score is also the result of incorrect orofacial functions at an early stage of dental development.

In children with dummy sucking behaviour, the length of frenulum linguae should be determined early in the period of growth and development, because it is probably a result of improper tongue posture and function due to the changed dynamics in the oral cavity as a result of functional adaptation to differences in form and function balance.

Sucking habits change the dynamic balance in the oral cavity (the change in function), which leads to a transverse disharmony between the jaws and the dentition (the change in form), which in turn leads to another change presented by a shift of the mandible to one side (the change in function), leading to ­another change in form of the jaws and dentition diagnosed as unilateral posterior crossbite with a functional shift of the ­mandible.

This is probably a result of improper tongue posture and function due to changed dynamics in the oral cavity as a result of functional adaptation to differences in the form and function ­balance.