Laryngorhinootologie 2013; 92(S 01): S1-S22
DOI: 10.1055/s-0032-1333252
Referat
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Aufklärung und Behandlungsfehlervorwurf – Das zweite Opfer

Briefing and Accusation of Medical Malpractice – the Second Victim
A. Wienke
1  Wienke & Becker – Köln, Köln
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Publication Date:
26 April 2013 (online)

Zusammenfassung

Im Juni 2012 hat die Bundesärztekammer die Behandlungsfehler-Statistik der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für das Jahr 2011 veröffentlicht [1]. Nach wie vor betreffen im Krankenhausbereich und neu auch im ambulanten Bereich mit Abstand die wenigsten Behandlungsfehlervorwürfe das Fachgebiet der HNO-Heilkunde. Deutlich die meisten Zwischenfälle ereignen sich immer noch in den Disziplinen Unfallchirurgie und Orthopädie. Insgesamt ist jedoch fachübergreifend eine Zunahme der Zahl der Behandlungsfehler gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen: In 25,5% der bearbeiteten Fälle wurde ein Behandlungsfehler als Ursache für einen Gesundheitsschaden ermittelt, der einen Schadensersatzanspruch des Patienten begründete. Im Vorjahr waren es dagegen nur 24,7%. Über die Gründe kann vielfach spekuliert werden, eine Rolle spielt jedoch sicherlich auch das Gesundheitssystem selbst: Durch die gesundheitspolitischen Entwicklungen der letzten Zeit findet fortlaufend eine Ökonomisierung der Medizin statt. Rationierungen und Honorardeckelungen führen mehr und mehr dazu, dass Therapieentscheidungen nicht mehr ausschließlich am Wohl des Patienten orientiert sind, sondern aus finanziellen oder bürokratischen Erwägungen getroffen werden. Die Ausübung des Arztberufs unterliegt damit langfristig einem Wandel. Die ärztliche Tätigkeit ist als freier Beruf zwar nach §§ 1, 3 der Musterberufsordnung für Ärzte (MBO-Ä) grundsätzlich mit einem Gewinnstreben unvereinbar, jedoch muss auch der Arzt Geld verdienen, was ihn mehr und mehr in die Rolle eines Gewerbetreibenden drängt. Personalmangel und Personaleinsparungen führen zu einer Überlastung von Ärzten und Pflegekräften und begünstigen somit ebenfalls Fehler. Unter dem Kostendruck leiden dabei fast zwangsläufig die Qualität und auch das für den Behandlungserfolg so wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Leidtragende sind dabei jedoch nicht nur die Patienten, auch die Ärzteschaft befindet sich im ständigen Konflikt zwischen den ethischen Anforderungen an ihren Berufsstand und den tatsächlichen Anforderungen der Versorgungsrealität. Aber auch technischer und wissenschaftlicher Fortschritt birgt neben Behandlungserfolgen neue Risiken, daneben erfordern insbesondere große Krankenhäuser einen Organisationsaufwand, der bei Schwachstellen Fehler begünstigt. Auch durch die zunehmende Verrechtlichung der Medizin, die nunmehr in dem geplanten Patientenrechtegesetz einen vorläufigen Höhepunkt erreichen soll, rückt die Qualität der ärztlichen Versorgung immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit [2]. Die ausdrückliche gesetzliche Regelung von Patientenrechten, die auch bislang außer Frage standen, verfestigt das Bild vom Patienten, der vor seinem Arzt geschützt werden muss. Dies begünstigt ein natürliches Misstrauen an der Qualität der Behandlung und den Wunsch nach einer rechtlichen Überprüfung bei Misserfolg der Behandlung. Eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es jedoch wohl niemals geben. Schon daraus resultiert daher die Verpflichtung, alles dafür zu tun, das Risiko so klein wie möglich zu halten. Die Gefahren, die sich aus dem Behandlungsverhältnis ergeben können, sind vielseitig. Nicht nur für den Patienten bestehen Risiken, insbesondere durch nicht oder nur unzureichend erfolgte Aufklärung, Komplikationen oder Behandlungsfehler. Auch dem Arzt drohen rechtliche Konsequenzen, wenn er sich nicht eindeutig an die immer größer werdenden Anforderungen hält, die die Rechtsprechung und Gesetzgebung – nicht zuletzt durch das geplante Patientenrechtegesetz – an ihn stellen. Im Folgenden sollen daher die Grundsätze und Besonderheiten dargestellt werden, die bei der Aufklärung der Patienten gelten. Weiter soll auf die unterschiedlichen Formen des Behandlungsfehlers mit den sich daraus ergebenden prozessrechtlichen Konsequenzen eingegangen werden. Anschließend werden einige aktuelle Problemfelder in Bezug auf die sonstigen möglichen Haftungsbereiche des Arztes in Klinik und Praxis dargestellt.

Abstract

Briefing and Accusation of Medical Malpractice – the Second Victim

In June 2012, the German Medical Association (Bundesärztekammer) published the statistics of medical malpractice for 2011 [1]. Still ENT-specific accusations of medical malpractice are by far the fewest in the field of hospitals and actually even in the outpatient context. Clearly most of the unforeseen incidents still occur in the disciplines of trauma surgery and orthopedics. In total, however, an increasing number of errors in treatment can be noticed on the multidisciplinary level: in 25.5% of the registered cases, an error in treatment was found to be the origin of damage to health justifying a claim for compensation of the patient. In the year before, it was only 24.7%. The reasons may be manifold, but the medical system itself certainly plays a major role in this context: the recent developments related to health policy lead to a continuous economisation of medical care. Rationing and limited remuneration more and more result in the fact that therapeutic decisions are not exclusively made for the benefit of the patient but that they are oriented at economic or bureaucratic aspects. Thus, in the long term, practising medicine undergoes a change. According to the §§ 1, 3 of the professional code of conduct for doctors (Musterberufsordnung für Ärzte; MBO-Ä) medical practice as liberal profession is principally incompatible with the pursuit of profit, however, even doctors have to earn money which more and more makes him play the role of a businessman. Lack of personnel and staff savings lead to excessive workloads of physicians, caregivers, and nurses, which also favour errors. The quality and even the confidential relationship between doctor and patient, which is important for the treatment success, are necessarily affected by the cost pressure. The victims in this context are not only the patients but also the physicians find themselves in the continuous conflict between ethical requirements of their profession and the actual requirements of the realities in the healthcare field. But also the technical and scientific progress bear new risks beside the therapeutic successes, further especially bigger hospitals require high efforts regarding organisation favouring errors in cases of deficiencies. Even the increasing juridification of the medicine that is expected to achieve a provisional highlight with the planned law of patients’ rights leads to an important focus on the quality of medical care [2]. The explicit legal regulation of patients’ rights, which have never been out of question up to now, confirms the impression of patients who have to be protected from their doctors. This development favours a natural mistrust in the quality of the treatment and the desire of legal verification in cases of treatment failures. A totally perfect and error-free treatment, however, will never occur. Already this fact leads to the obligation to do everything possible to reduce the risk to an absolute minimum. The risks that might arise from a relation of treatment are manifold. Not only may the patient undergo risks that arise in particular from lacking or insufficient briefing, complications, or medical malpractice. Also the doctor has to fear legal consequences if he does not stick clearly to the increasing requirements that jurisdiction and legislation impose – not least by the planned law of patients’ rights. In the following, the basic principles and particularities will be described that apply for the patients’ briefing. Further the different types of medical malpractice will be explained in relation to the resulting procedural consequences. Finally some current problematic fields will be described with regard to other possible liabilities or responsibilities of physicians in hospitals or doctor’s offices.

 
  • Literatur

  • 1 Veröffentlicht unter www.bundesaerztekammer.de
  • 2 siehe auch Wienke, A./Stenger, A.: Patientenrechtegesetz – Kritische Bewertung des Referentenentwurfs, HNO-Informationen, Heft 2/2012 2a 
  • 2a Veröffentlicht unter www.bundesaerztekammer.de
  • 3 BGH, Urteil vom 10.03.1981 – VI ZR 202/79
  • 4 BGH, Urteil vom 14.06.2005 – VI ZR 179/04
  • 5 Veröffentlicht unter www.dgai.de
  • 6 OLG Köln, Urteil vom 17.03.2010 – 5 U 51/09
  • 7 BGH, Urteil vom 02.11.1993 – VI ZR 245/92
  • 8 OLG Köln, Beschluss vom 04.10.2011 – 5 U 184/10
  • 9 OLG Oldenburg, Urteil vom 14.11.2007 – 5 U 61/07
  • 10 BGH, Urteil vom 22.05.2008 – VI ZR 35/06
  • 11 BGH, Urteil vom 22.12.2010–3 StR 239/10
  • 12 BGH, Urteil vom 06.11.1990 – VI ZR 8/90
  • 13 LG Lübeck, Urteil vom 15.05.2007 – 11 O 2/07
  • 14 OLG Oldenburg, Beschluss vom 17.05.2011 – 5 U 2/11
  • 15 Brandenburgisches OLG, Urteil vom 22.04.2010 – 12 U 186/08
  • 16 BGH, Urteil vom 25.10.2011 – VI ZR 139/10
  • 17 OLG Köln, Urteil vom 18.08.2010– 5 U 7/10
  • 18 LG München I, Urteil vom 27.08.2008 – 9 O 11016/05
  • 19 LG Regenburg, Urteil vom 10.05.2007 – 4 O 2112/04 (3), 4 O 2112/04
  • 20 LG Zwickau, Urteil vom 16.03.2005 – 1 O 827/03
  • 21 BGH, Urteil vom 15.03.1977 – VI ZR 201/75
  • 22 BGH, Urteil vom 26.01.1999 – VI ZR 376/97 f
  • 23 OLG Hamm, Urteil vom 20.05.2011 – I-26 U 23/10
  • 24 BVerfG, Beschluss vom 01.02.2011 – 1 BvR 2383/10
  • 25 siehe auch Wienke, A.: Ein Arzt darf, was er kann – auch außerhalb seines Fachgebietes, HNO-Mitteilungen, Heft 3/2011
  • 26 www.bmg.bund.de
  • 27 BGH, Urteil vom 20.03.2007 – VI ZR 158/06
  • 28 AG Limburg, Urteil vom 25.03.2011 – 3 Js 7075/08–52 Ls
  • 29 BGH, Urteil vom 20.09.2011 – VI ZR 55/09
  • 30 www.g-ba.de
  • 31 AG München, Urteil vom 21.07.2011 – 275 C 9085/11
  • 32 LG Itzehoe, 06.05.2003 – 1 S 264/02
  • 33 AG Nettetal, Urteil vom 12.09.2006 – 17 C 71/03
  • 34 LG Osnabrück, Urteil vom 30.08.2011 – 2 O 3/09
  • 35 siehe auch Wienke, A.: Aktuelle Entscheidung zur Liegedauer nach Tonsillektomie, HNO-Mitteilungen, Heft 2/2011
  • 36 siehe auch Wienke, A./Stenger, A. Versorgungsstrukturgesetz 2012 – Was ändert sich tatsächlich? HNO-Mitteilungen, Heft 2/2012
  • 37 BGH, Urteil vom 08.12.2011 – III ZR 114/11
  • 38 BSG, Urteil vom 23.03.2011 – B 6 KA 11/10 R
  • 39 BGH, Beschluss vom 29.03.2012 – GSSt 2/11
  • 40 www.bundesaerztekammer.de