Rehabilitation (Stuttg) 2014; 53(01): 59
DOI: 10.1055/s-0033-1364038
Diskussion
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Ermittlung des Bedarfs an Hygienefachpersonal in Rehabilitationseinrichtungen durch Score-basierte Einschätzung des patientenbezogenen Risikoprofils

Identifying the Need for Hygiene Professionals in Rehabilitation Facilities Using a Score-based Assessment of the Risk Profile in Patients
A. Eichhorn
1  Klinik Nordfriesland, St. Peter-Ording
,
J. Barth
1  Klinik Nordfriesland, St. Peter-Ording
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Publication Date:
28 January 2014 (online)

Das am 3.8.2011 in Kraft getretene „Gesetz zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes und weiterer Gesetze“ [1] wertet die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) auf. Sie gelten nunmehr als rechtlicher Standard, an dem das Hygienemanagement aller Einrichtungen im Gesundheitswesen gemessen werden muss. Die gesetzlichen Vorgaben sind inzwischen auf Länderebene in den einzelnen Hygieneverordnungen geregelt [2]. Ein wichtiger jetzt verbindlich zu erfüllender Punkt ist die je nach Einrichtung erforderliche Ausstattung mit Hygienefachpersonal – insbesondere Hygienefachkräften. Alle 16 Landeshygieneverordnungen stützen sich auf die 2009 erschienene KRINKO-Empfehlung „Personelle und organisatorische Voraussetzungen zur Prävention nosokomialer Infektionen“ [3]. Die Empfehlung bezieht sich in erster Linie auf die Verhältnisse in Krankenhäusern und ambulanten Einrichtungen der Akutversorgung, muss nun aber auch von Rehabilitationskliniken, in denen „eine den Krankenhäusern vergleichbare medizinische Versorgung erfolgt“, umgesetzt werden. Dies bringt Rehabilitationskliniken nun regelhaft in einen unlösbaren Spagat, weil aus hygienischer Sicht der größte Teil der Rehabilitationspatienten bezüglich ihres Infektionsrisikos viel eher mit ambulanten Pa­tienten als mit Krankenhauspatienten vergleichbar ist. Eine 1:1-Umsetzung dieser Empfehlung hätte eine völlig überdimensionierte und unwirtschaftliche Versorgung von Rehabilitationskliniken mit Hygienefachkraftkapazitäten zur Folge.

In einem in der Zeitschrift „Hygiene & Medizin“ kürzlich erschienenen Artikel [4] wird als Ausweg aus diesem Dilemma am Beispiel der onkologischen Rehabilitation auf heuristischer Ebene ein Score-System zur Einschätzung des Risikoprofils von Rehabilitationspatienten und -kliniken vorgestellt und beispielhaft auf 238 Rehabilitationspatienten angewandt. Es ergibt sich unter Anwendung des Scores, dass der tatsächliche Bedarf an Hygienefachkraftkapazität für die betreffende Klinik um den Faktor 8 niedriger liegt verglichen mit einer (bezogen auf die Patientenzahl) gleich großen Akutklinik der niedrigsten Risikostufe. Das Score-System ist zwar weder validiert noch evaluiert – es wurde aber aus Sicherheitsgründen bei seiner Erstellung systematisch darauf geachtet, im Zweifelsfall einzelne patientenbezogene Risiko-Aspekte eher zu überschätzen als zu unterschätzen.

Zusammenfassend ist der Bedarf an Hygienefachpersonal in Rehabilitationseinrichtungen erheblich geringer als in Akutkliniken. Durch das vorgestellte Score-System lässt sich risikoadaptiert und konform zur KRINKO-Empfehlung und damit zur neuen Hygienegesetzgebung der Hy­gienefachkraft-Bedarf in Rehabilitationskliniken ermitteln. Das Verfahren scheint sich in der Praxis zu bewähren. Die Anwendung des Scores auf unsere Patienten lieferte aus klinischer Sicht keinerlei Implausibilitäten. Da wir bei Unschärfen im Zweifelsfall das Risiko überschätzt haben, muss berücksichtigt werden, dass der tatsächliche Bedarf eher sogar noch geringer ist. Individuelle Entscheidungen zur Bereitstellung von Hy­gienefachkraftkapazitäten hängen von der bereits bestehenden Infrastruktur der einzelnen Klinik ab. Eine Ressourcenverschwendung ist unbedingt zu vermeiden.

Das vorgestellte Verfahren ist als Beispiel zu sehen. Übertragbar ist das Score-System – wenn überhaupt – vielleicht auf andere Rehabilitationskliniken, die sich auf den onkologischen Sektor spezialisiert haben. Eine andere Klinik, wie bspw. eine orthopädische Rehabilitationsklinik, müsste das Score-System möglicherweise erheblich abwandeln, um es sinnvoll einsetzen zu können. Inwieweit aus diesen Ansätzen ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren entwickelt wird oder werden kann, muss die Zukunft zeigen.

Literatur