Rehabilitation (Stuttg) 2015; 54(01): 53-59
DOI: 10.1055/s-0034-1394443
Methoden in der Rehabilitationsforschung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das kognitive Interview – Ein Instrument zur Entwicklung und Validierung von Erhebungsinstrumenten

Cognitive Interviewing – A Tool to Develop and Validate Questionnaires
N. Pohontsch
1  Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
,
T. Meyer
2  Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover
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Publication Date:
12 February 2015 (online)

Zusammenfassung

Erhebungsinstrumente zum subjektiven Gesundheitszustand sind ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitationsforschung. Angaben zur Güte dieser Erhebungsinstrumente stützen sich zumeist auf quantitative psychometrische Analysen. Diese Analysen können jedoch keine explizite Auskunft darüber geben, ob und wie die Befragten die Fragen des Erhebungsinstruments verstehen. Die Methode des kognitiven Interviews wird in den letzten Jahren zunehmend in der Entwicklung und Überprüfung von Erhebungsinstrumenten eingesetzt. Sie dient der Identifikation von potentiell problematischen Fragen bzw. Unklarheiten oder Schwierigkeiten, die zu nicht intendierten Antworten führen können. Sie ermöglichen zu überprüfen, ob die von den Befragten gegebenen Antworten das repräsentieren, was mit der Frage intendiert war. Die durch das kognitive Interview gewonnenen Erkenntnisse können der Überarbeitung und Verbesserung neu entwickelter bzw. Überprüfung schon etablierter Erhebungsinstrumente dienen.

Das 4-Stufen-Modell von Tourangeau hat sich als konzeptuelle Basis kognitiver Interviewmethoden etabliert. Die 2 prominentesten kognitiven Interviewmethoden sind das laute Denken und das verbal probing. Es gibt von verschiedenen Autoren Empfehlungen zur Durchführung kognitiver Interviews, jedoch kaum Empfehlungen dazu, unter welchen Bedingungen welche Methode zum Einsatz kommen sollte.

Die Anwendungsmöglichkeiten des kognitiven Interviews gehen über die Entwicklung und Validierung von Erhebungsinstrumenten hinaus. Aufgrund seiner Verankerung in der Kognitionswissenschaft kann es auch zur Klärung von inhaltlichen Fragen, z. B. nach den Ursachen von Diskrepanzen zwischen 2 verschiedenen Arten der Veränderungsmessung, genutzt werden.

Abstract

Questionnaires concerning subjective health status are an important element of rehabilitation research. The appraisal of the quality of these instruments mostly relies on quantitative psychometric analyses. However, these analyses do not explicitly reveal whether or how respondents understand questionnaire content. Over the past few years cognitive interviewing has been increasingly used in questionnaire design and validation. It serves to identify potentially problematic questions, ambiguities and difficulties which could lead to unintended answers. It analyses whether the answers given by respondents represent the intended meaning of the question. Findings derived from cognitive interviewing serve to improve new and further validate well-established questionnaires.

The 4-stage model of the survey response process by Tourangeau provides a conceptual basis for cognitive interviewing. The 2 most prominent methods of cognitive interviewing are think aloud and verbal probing. Various authors give recommendations on executing cognitive interviews but almost no recommendations exist on the ­indications of the different methods.

Potential applications of cognitive interviewing go beyond questionnaire design and improvement. Due to its origin in cognitive science it can also be used to resolve substantive questions, e. g. concerning reasons for discrepancies between the results of 2 different methods of measuring change.