TumorDiagnostik & Therapie 2016; 37(10): 560-564
DOI: 10.1055/s-0042-118685
Schwerpunkt: Psychoonkologie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Übersicht – Kommt die personalisierte Psychoonkologie?

M. Kusch
,
H. Labouvie
,
A. Gerlach
,
M. Hellmich
,
M. Hallek
Further Information

Publication History

Publication Date:
19 December 2016 (online)

Begriffe wie personalisiert, individualisiert, stratifiziert, maßgeschneidert oder zielgerichtet bezeichnen in der Medizin den Ansatz, Diagnose- und Behandlungsmethoden zu entwickeln, die passgenau auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten oder spezifischer Patientengruppen zugeschnitten sind. Ziel ist es, die Effektivität der Behandlung zu steigern, unerwünschte Behandlungseffekte zu vermeiden und Kosten zu reduzieren.

Personalisierte Medizin ist vor allem eine Folge genombasierter molekularer Diagnostik sowie der Identifikation molekularer Marker und Mechanismen von Krankheiten. In der Krebstherapie kommen der molekularen Diagnostik und der zielgerichteten Therapie eine besondere Stellung zu, da viele Krebserkrankungen so erfolgreicher behandelt werden können. Die Onkologie entwickelt sich von einem unselektionierten Vorgehen, das alle Patienten mit einer bestimmten Krebserkrankung gleich behandelt, zu einer personalisierten Onkologie, die die „richtige Therapie“ der „richtigen Person“ zum „richtigen Zeitpunkt“ anbieten kann.

Auch in der Psychoonkologie zeichnen sich vergleichbare Entwicklungen ab. Hier beschreiben Begriffe wie patientenzentriert, bedarfsgerecht, risikogruppenbezogen oder gestuft die Anpassung psychoonkologischer Versorgungsangebote an die individuelle Problem- und Bedürfnislage eines Krebspatienten. Der „Uniformitätsmythos“ der Psychoonkologie, wonach alle Krebspatienten gleich belastet seien, hat sich nicht bestätigt. Vielmehr ist belegt, dass biologische, psychologische und soziale Faktoren einen individuellen Krankheitsverarbeitungsprozess in Gang setzen, der wiederum Ursache für die beobachtbaren Reaktionen auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene ist.

Aktuell ist die psychoonkologische Therapieforschung damit befasst, die Faktoren zu identifizieren, die erklären können, wie psychoonkologische Interventionen wirken und welche Patienten von welchen psychoonkologischen Versorgungsangeboten profitieren. Die personalisierte Psychoonkologie berücksichtigt und prüft dabei umfassend angelegte bio-psycho-soziale Wirkmodelle. Dies wird zu einer auf den individuellen Versorgungsbedarf von Krebspatienten maßgeschneiderten Patientenversorgung führen und eine vollständige Integration der Psychoonkologie in die personalisierte Onkologie ermöglichen.