Psychother Psych Med
DOI: 10.1055/s-0043-117773
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Auf dem Weg zu kultursensitiven Patienteninformationsmaterialien: Ergebnisse einer Fokusgruppenuntersuchung

On the Way to Culture-Sensitive Patient Information Materials: Results of a Focus Group StudyZivile Ries1, Fabian Frank1, Isaac Bermejo2, Chariklia Kalaitsidou1, Jördis Zill3, Jörg Dirmaier3, Martin Härter3, Jürgen Bengel4, Lars Hölzel1, 5
  • 1Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg
  • 2Supervisions- und Coachingdienst für Beschäftigte, Universitätsklinikum Freiburg
  • 3Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • 4Abteilung für Rehabilitationspsychologie und Psychotherapie, Institut für Psychologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • 5Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad
Further Information

Publication History

eingereicht 16 February 2017

akzeptiert 25 July 2017

Publication Date:
28 September 2017 (eFirst)

Zusammenfassung

Zielsetzung Die Studie war ein Teil einer größeren, randomisiert-kontrollierten Studie, in der die Effekte kultursensitiver Patienteninformationsmaterialien (PIM) im Vergleich mit übersetzten PIM evaluiert wurden. Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, Daten zur Entwicklung von PIM zu unipolarer Depression für die 4 größten Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund (türkischer, polnischer, russischer und italienischer Migrationshintergrund) in Deutschland zu gewinnen.

Methode Im Rahmen einer qualitativen Studie wurde pro Migrantengruppe jeweils eine leitfadenbasierte Fokusgruppe (FG) mit insgesamt n=29 Teilnehmenden (n=9 mit türkischem (TüG), n=8 polnischem (PoG), n=5 russischem (RuG), n=7 italienischem (ItG) Migrationshintergrund) durchgeführt, aufgezeichnet, transkribiert und mittels eines qualitativ-inhaltsanalytischen Analysemodells ausgewertet.

Ergebnisse Es konnten 7 Kategorien identifiziert werden. Über alle 4 FG wurde kulturübergreifend als wichtig die (1.) Gestaltung einer guten kultursensitiven PIM durch eine einfache Sprache, eine klare Struktur, einen überschaubareren Informationsumfang sowie die Vermeidung von Stereotypien erachtet. (2.) Informationsdefizite über das Gesundheitssystem zeigten sich v. a. bei der RuG und der PoG. Bezogen auf das (3.) Krankheitsbild der Depression wurden von der RuG Schwierigkeiten bzgl. des Erkennens und des Verstehens einer Depression beschrieben. In der PoG, der RuG und der TüG wurde die (4.) befürchteten Folgen der Erkrankung sowie der Inanspruchnahme professioneller Hilfe thematisiert. In den ItG, PoG und RuG wurden Angstgefühle aufgrund von Wissenslücken im Zusammenhang mit (5.) Psychopharmaka beschrieben. In der Kategorie (6.) Arzt-Patienten-Beziehung konnten kulturspezifische Besonderheiten für die RuG und die TüG und in der Kategorie (7.) migrations- und kulturspezifische Depressionsursachen für die RuG, die ItG und die TüG identifiziert werden.

Schlussfolgerung Obwohl einige Kategorien kulturübergreifend für alle bzw. für die Mehrheit untersuchter Migrantengruppen eine Relevanz zeigten, waren bei einer Vielzahl von Kategorien kulturelle Spezifika erkennbar. Dies spricht für die Wichtigkeit einer kultursensitiven Anpassung von PIM.

Abstract

Aim This study was part of a double-blind randomised controlled trial aimed to evaluate the effects of culture-sensitive patient information materials (PIM) compared with standard translated material. The study aimed to obtain the data for the development of culture sensitive PIM about unipolar depression for the 4 largest migrant groups in Germany (Turkish, Polish, Russian and Italian migration background).

Method A qualitative study using 4 manual-based focus groups (FG), one for each migrant group, with 29 participants (9 with a Turkish (TüG), 8 with a Polish (PoG), 5 with a Russian (RuG) and 7 with an Italian (ItG) migration background) was conducted. The discussions were recorded, transcribed and analyzed using qualitative content analysis.

Results 7 categories were identified. For the (1.) development of a good culture-sensitive PIM an easy language, a clear structure, an assessable extent of information and the avoidance of stereotypes were highlighted cross-culturally in all four FG. RuG and PoG had the largest (2.) lack of information about the German health care system. Concerning the (3.) illness perception RuG named problems with recognizing and understanding depression. PoG, RuG and TüG thematized (4.) feared consequences of the illness and of professional helpseeking. ItG, PoG, RuG had fears concerning (5.) psychotropic drugs as a result from insufficient knowledge about medication. For (6.) doctor-patient relationship cultural specifics were identified in RuG and TüG and for (7.) migration or culture specific reasons for depression in RuG, ItG and TüG.

Conclusion Although the identified categories were relevant for all or for the majority of migrant groups, for most categories specific cultural aspects were discovered. These findings show the importance of a culture sensitive adaptation of PIM.