Z Geburtshilfe Neonatol 2000; 204(3): 99-105
DOI: 10.1055/s-2000-10204
ORIGINALARBEIT

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Psychosoziale Betreuung einer erneuten Schwangerschaft nach Plötzlichem Säuglingstod (SID) -Ergebnisse einer Langzeitstudie[*] in 115 Familien[**]

Psychosocial care during a subsequent pregnancy after sudden infant death (SID). Results of a long-term study* on 115 familiesJutta Helmerichs, Klaus-Steffen Saternus
  • Institut für Rechtsmedizin der Georg-August Universität Göttingen
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
31. Dezember 2000 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund und Fragestellung Jede Folgeschwangerschaft nach Verlust eines Kindes durch den Plötzlichen Säuglingstod ist stark angstbesetzt. Gefragt wurde, ob es - neben der Angst vor einem erneuten Verlust - weitere Empfindungen und Erfahrungen bei den betroffenen Familien gibt, die als prägend für eine Folgeschwangerschaft anzunehmen sind. Übergreifende Zielsetzung war es, Vorschläge für eine tragfähige Folgeschwangerschaftsbegleitung zu entwickeln.

Material Ausgewertet wurden 787 Beratungsgespräche der Langzeitbetreuung von 115 vom Plötzlichen Säuglingstod (SID) betroffenen Familien. 9 Mütter waren zum Zeitpunkt, als ihr Kind am SID starb, bereits schwanger, bei 47 (58,7%) der länger als ein halbes Jahr betreuten Familien (n=80) wurde eine Folgeschwangerschaft bekannt. Bis auf zwei Ausnahmen traten alle Folgeschwangerschaften innerhalb des ersten Jahres nach dem Verlust ein.

Ergebnisse Typisch für SID-Folgeschwangerschaften war ein starkes Bedürfnis der Eltern nach Information, Struktur und Absicherung während der gesamten Folgeschwangerschaft, abzuleiten aus ihrem hohen Unruhe- und Angstpotential. Kennzeichnend waren weiterhin erhebliche Zweifel der Mütter an ihrer elterlichen Kompetenz und veränderte, aber dennoch stark ausgeprägte Traueraffekte - aber ebenso Zuversicht und große Freude. Danneben wurden problematische soziale Erfahrungen aufgezeigt. Besonders belastend war das „Totschweigen” des gestorbenen Kindes und die fehlende Akzeptanz von Trauer im sozialen Umfeld.

Schlussfolgerung Eine tragfähige und entlastende Folgeschwangerschaftsbegleitung umfasst kontinuierliche Aufklärung der Eltern, dabei Ehrlichkeit und Offenheit auch bei unangenehmen oder belastenden Informationen. Zu empfehlen ist es, Verständnis für die Überängstlichkeit der Eltern zu zeigen, ihnen mehr Untersuchungs- und Gesprächsangebote als gemeinhin üblich anzubieten und vor allem, mit ihnen offen über ihr gestorbenes Kind und ihre Trauer zu sprechen. Die Kontaktvermittlung zu Elternselbsthilfeorganisationen ist oft ein wesentliches Unterstützungsangebot.

Background Every subsequent pregnancy after the loss of a child due to Sudden Infant Death (SID) causes highly anxious parents. The aim of this investigation was to point out which feelings and experiences have to be considered as influencing factors for a following pregnancy - besides being afraid of a repeated loss. The overlapping fixing of our aim was to develop some proposals and recommendations for a capable accompanying during a subsequent pregnancy.

Materials The base of the evaluation were 789 consultations during long-term cares of 115 families affected by Sudden Infant Death (SID). When their children died because of SID 9 of all the mothers were pregnant again. In the families which were cared for half-a-year or longer (n=80), 47 (58.7%) subsequent pregnancies became known. All gravidities occurred within one year after SID except two cases.

Results We found a strong exigency for information, structure and protection during the whole pregnancy. This fact can be deducted from a high potential of anxiety and fear within the parents. Furthermore, our investigation revealed considerable doubts of the mothers about their parental competence and altered, but still intensive affects of grief yet confidence and great joy as well. Besides, we also observed problematic social experiences, as e.g. hushing up of the dead child or a lacking acceptance of grief by the social environment.

Conclusions A supporting and reliefing accompanying during a subsequent pregnancy comprises a continuous enlightenment of parents by being honest and open even in giving unpleasant and burdensome informations. It is recommended to show understanding for the exceeding anxieties of the parents, to offer them more possibilities of examinations and conversations as usually appropriate and to talk to them about their dead child and grief. Often the arrangement of contact to a parent-self-help association is the essential offer of support.

1 gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales

2 Eingang: 14. 5. 1998Angenommen: 31. 8. 1999

Literatur

1 gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales

2 Eingang: 14. 5. 1998Angenommen: 31. 8. 1999

3 1Bundesweite Elternselbsthilfeorganisation Gemeinsame Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod (GEPS) e.V.

4 2Die Beratungsgespräche wurden interdisziplinär begonnen (Arzt/Familientherapeutin: Prof. Dr. Klaus-Steffen Saternus mit Frau Monika Kastner-Voigt oder Frau Sybille Walter-Humke oder Frau Dr. Jutta Helmerichs), die weitere Begleitung allein von der jeweiligen Familientherapeutin fortgesetzt und dokumentiert. Alle Eltern wünschten eine wissenschaftliche Auswertung sämtlicher Untersuchungsergebnisse an ihrem Kind, der Inhalte der Betreuungsgespräche sowie die der Einzelfallkonferenzen.

5 5Die Datenbank wurde aufgebaut und betreut von Herrn Reinhard Zölle.

Dr. Jutta Helmerichs

Zähringerstr. 13

10707 Berlin

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