Psychotraumatologie 2002; 3(4): 45
DOI: 10.1055/s-2002-35265
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Überlegungen zur stellvertretenden Traumatisierung bei Therapeuten in der Behandlung von Folterüberlebenden

Norbert F. Gurris1
  • 1Katholische Fachhochschule Berlin
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Publication Date:
23 November 2002 (online)

 

Zusammenfassung

Während die Phänomene der stellvertretenden Traumatisierung bzw. Compassion Fatigue zu zahlreichen Untersuchungen in vielen Feldern der Psychotraumatologie geführt hat, wurde die Bedeutung dieser gesundheitlichen Gefahren für Therapeuten in der spezifischen Arbeit mit asylsuchenden Folterüberlebenden kaum berücksichtigt. Der Aufsatz versucht, Hypothesenbildung und Forschung in Bezug auf diese vulnerable Gruppe von Therapeuten anzuregen. Auf der Basis von Felderfahrungen wird die dynamische Interaktion von Stressoren in dieser Arbeit reflektiert und Vorschläge zur Unterscheidung von 3 hauptsächlichen Stressorengruppen gemacht:

A.: Hermetisches Vermeidungsverhalten bei traumatisierten Asylbewerbern, das durch die Aufenthaltsunsicherheit im Exil verstärkt wird.

B.: Angriffe auf den therapeutischen Schutzraum durch Asylbehörden.

C.: Stressoren, die innerhalb kontaminierter Behandlungsteams generiert werden. Diese können professionelle Grenzen verletzen und den Schutz und die Integrität der Therapeuten zerstören.

Schließlich werden für Europäische Behandlungseinrichtungen, die mit asylsuchenden Folterüberlebenden arbeiten, Vorschläge skizziert, wie Voraussetzungen geschaffen werden können, die den Schutz von Therapeuten ermöglichen und verbessern. Diese gründen sich vor allem auf allgemeine übergreifende Statuten und von außen geführte Evaluationen und Forschung.

Considerations on Compassion Fatigue of Therapists in the Treatment of Torture Survivors

While vicarious traumatisation or compassion fatigue has been subject to research in many spheres of psychotraumatology, the specific therapeutic work with asylum seeking torture survivors and the impact on their therapist’s health has been neglected. The article’s aim is to stimulate hypotheses and research on this specific vulnerable group. From field experience, dynamic interaction of stressors are reflected and proposals are given to discriminate three main stressors:

A.: Hermetic avoidance behaviour of traumatised asylum seekers, reinforced by unsafe residence status.

B.: Restriction of therapeutic space by authorities with loss of protection for asylum seekers.

C.: Stressors within „contaminated” teams in trauma centres for torture survivors, which violate professional boundaries and devastate therapist’s protection and integrity. Finally, ideas for European treatment centres which work with asylum seeking torture survivors are developed in order to establish and enhance protecting preconditions, based on common regulations and objective evaluation and research.