Geburtshilfe Frauenheilkd 2002; 62(11): 1069-1076
DOI: 10.1055/s-2002-35969
Originalarbeit

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Das Erleben des Menstruationszyklus - eine empirische Untersuchung bei 234 Frauen in der Schweiz

Teil 2: Einstellungen und Bewertungen zur Menstruation, Umgang mit Beschwerden und Einschätzung von menstruationsverändernden KontrazeptivaThe Experience of the Menstrual Cycle - An Empirical Study of 234 Women in SwitzerlandPart 2: Attitudes and Beliefs Regarding Menstruation, Coping Styles and Evaluation of Contraceptives Changing the Menstrual PatternJ. Bitzer, J. Alder, A. Schwendke, S. Tschudin
  • Universitätsfrauenklinik Basel, Chefarzt und Departementsvorsteher: Prof. Dr. Dr. h.c. W. Holzgreve
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Publication History

Eingang Manuskript: 31. Januar 2002 Eingang revidiertes Manuskript: 10. Juli 2002

Akzeptiert: 21. August 2002

Publication Date:
05 December 2002 (online)

Zusammenfassung

In einer repräsentativen Untersuchung wurden 234 Frauen aus der Schweiz zu ihrem Erleben des Menstruationszyklus mit Hilfe eines strukturierten Interviews zu Hause befragt. Vom Gesamtkollektiv waren 41 % eher negativ eingestellt, 41 % neutral und 18 % eher positiv. 30 % der Frauen fühlen sich nicht, 34 % wenig, 32 % ziemlich und 4 % sehr stark durch die Menstruation beeinträchtigt.

Bei der Beeinträchtigung insgesamt zeigt sich, dass sich die Frauen aus der französischen Schweiz im Gegensatz zu den Deutschschweizerinnen, sowie Pilleneinnehmerinnen im Gegensatz zu den Frauen, die keine Verhütung betreiben, weniger beeinträchtigt fühlen.

Die Menstruation wird zwar mehrheitlich als unangenehm erlebt, aber als dazugehörig und Teil der Natürlichkeit oder Natur. Deutlich weniger wird die Menstruation als Ausdruck des Frauseins, der Weiblichkeit, gewertet.

26 % der Befragten bewerten Blutungen, bei denen sie bis zu 5 Binden am Tag verwenden müssen, als abnorm und behandlungsbedürftig. Knapp die Hälfte der Frauen würde nur bei subjektiv sehr starken Schmerzen einen Arzt aufsuchen.

Beim Umgang mit Beschwerden fällt auf, dass knapp 30 % gelegentlich medikamentöse Hilfe (Schmerzmittel) in Anspruch nehmen. Der Rest wendet Verhaltensmaßnahmen an, die der Ruhe, des Rückzuges entsprechen und gewissermaßen eine heilende Regression darstellen. Es werden offensichtlich in der Schweiz keine oder vernachlässigbar wenige Psychopharmaka oder andere Medikamente eingesetzt, obgleich wie im ersten Teil der Studie gezeigt, die psychischen Beschwerden im Vordergrund stehen.

Fast die Hälfte der Frauen äußert Bedenken gegen den Einsatz eines Kontrazeptivums zur Beeinflussung der Menstruation. Die Verhütung wird bejaht, die Menstruationsbeeinflussung uneinheitlich beurteilt. Ganz deutlich finden sich hier wieder Ängste vor dem Eingriff in die Natur und die möglichen Folgen. Auf der einen Seite werden die Vorteile gesehen und praktisch benannt, auf der anderen Seite aber befürchten die Frauen nicht näher bezeichnete Risiken durch Unnatürlichkeit etc.

Insgesamt ist also eine Ambivalenz dem Phänomen Menstruation gegenüber spürbar. Einerseits unangenehm, belastend, einschränkend und andererseits dazugehörend, natürlich und reinigend. Diese Ambivalenz gilt es in der ärztlichen Beratung zu verstehen und zu berücksichtigen.

Abstract

In a representative survey 234 Swiss women were interviewed at home about their experiences regarding the menstrual cycle. 41 % had a more negative, 41 % a neutral and 17 % a more positive attitude towards menstruation. 30 % considered themselves not at all, 34 % a little, 32 % rather and 4 % severely handicapped by menstruation. Women from the French speaking part of Switzerland and women using oral contraceptives rated themselves less bothered by menstruation than woman from the German speaking part and those not using OCs. The majority of women regards menstruation as unpleasant but at the same as belonging to oneself and being part of nature. Menstruation is much less viewed as symbol of being a woman or part of female identity. 26 % consider menstrual bleeding abnormal and demanding treatment if they would have to use more than five sanitary pads a day. Almost half of the women would consult a physician only if they have very strong dysmenorrhea. Regarding the coping with menstrual complaints, 30 % of the women use analgesics intermittently. 70 % take behavioral measures like rest and withdrawal from activities corresponding to a partial “healing regression”. None or very little psychopharmaca are used although affective complaints are predominant. Almost half of the women are reluctant using contraceptives to modify menstruation. Contraception is accepted but changes in the menstrual pattern cause ambivalent feelings. On one hand the advantages regarding quality of life are seen and described on the other hand there is considerable anxiety regarding undefined risks of interfering with nature. This ambivalence with respect to menstruation has to be understood in counselling women with menstrual complaints and with respect to contraception.

Literatur

J. Bitzer

Universitätsfrauenklinik

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4031 Basel

Schweiz

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