Notfall & Hausarztmedizin (Notfallmedizin) 2005; 31(12): 565
DOI: 10.1055/s-2006-932381
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Anhedonie - ein psychopathologisches Phänomen

Ulrich Rendenbach
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Publication Date:
24 January 2006 (online)

Die unterschiedlichsten Menschen suchen hausärztlichen Kontakt, darunter Misanthrope, Missmutige, Versager, reaktiv traurige Menschen, Menschen mit beginnender Demenz, einem hirnorganischen Psychosyndrom, mit psychischen Störungen oder organisch Kranke mit beispielsweise einer Hypothyreose. Sehr häufig ist bei diesen Patienten im non-verbalen Verhalten, in Sprache und Stimmung eine freudlose Grundhaltung zu erkennen. Kaum jemand kommt in die Praxis und sagt, er leide an einer Depression. Depressiv zu sein, ist wenig gesellschaftsfähig und wird von vielen Patienten - zumal männlichen - als solches verleugnet oder einfach nicht wahrgenommen. Die Depression im Sinne einer psychischen Störung ist klinisch definiert. Sie könnte somit vom Hausarzt erkannt werden, wenn er die Hypothese einräumt, die vorgetragenen Symptome auch einer solchen Störung prinzipiell zuzuordnen.

Aufmerksamkeit erfordert der Grenzbereich zum Gesunden. Viele Menschen klagen über unterschiedlichste Beschwerden. Oft kann man dann ein „Symptom” beobachten, die Anhedonie im Zusammenhang mit den mannigfaltigen Klagen. Gemeint ist damit der Verlust an Lebensfreude, Genussfähigkeit, Aktivität, Interesse und Neugier, begleitet von Antriebsarmut, Passivität und Langeweile. Auch scheint die Wahrnehmung eingeengt, wird Pessimismus beschrieben, ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, Hoffnungslosigkeit und sozialer Rückzug. Dieser wird von der Umwelt gefördert, zumal die ewig klagende Grundstimmung Freunde, ja die Familie vertreiben kann, wenn Mitleid heischendes Jammern die Kommunikation beherrscht. Dies wird auch als „Verbitterungsstörung” (Linden) den Anpassungsstörungen zugeordnet, ist jedoch umstritten, wird aber in England und der Schweiz „beobachtet und beforscht”. Körperliche Symptome wie Rückenschmerzen werden hingegen von der sozialen Umgebung akzeptiert und stehen sehr oft im Vordergrund: „Du weißt doch, mein Rücken...” und sowohl Hausarzt als auch andere Fachkollegen wie Orthopäden werden konsultiert. Ihnen mag auffallen, dass die Schilderung selbst ausgeprägter Schmerzen kaum entsprechenden mimischen Niederschlag findet. Auch mögen sie sofort erkennen, dass diese Beschwerden keine somatischen Ursachen haben. In der Regel werden zunächst technische Untersuchungen anberaumt und der Patient ist zufrieden. Er fühlt sich ernst genommen. Am Ende wird möglicherweise doch noch ein Befund erhoben, der zwar die Beschwerden nicht erklärt, jedoch eine nachträgliche Begründung für die Untersuchung bietet. Ein Gespräch mit dem Patienten über eine vermutete psychische Genese oder gar Harmlosigkeit der Beschwerden wird jedoch immer schwieriger. Es ist leicht verständlich, dass solche Menschen zu den teueren Patienten gehören.

Anhedonie ist ein unspezifisches Charakteristikum häufigen seelischen Leids, ein psychopathologisches Phänomen, das für sich selbst noch nicht krankheitsspezifisch ist und dessen nosologische Einordnung erst durch weitere Symptome möglich wird. Leider scheitert dies oft, zum einen, weil viele Ärzte bei diffusen somatischen Beschwerden gemäß der universitären Ausbildung und des schulmedizinischen Denkens zu lange und intensiv nach somatischen Krankheiten suchen. Zum anderen lehnt der Patient oft eine Psychopathologie für sich ab. Und der Markt für neue Krankheiten ist eröffnet: Selbsthilfegruppen entstehen, Ärzte geben dem ungeliebten Kind einen Namen. Altbekannt sind das Klimakterium virile und das Menopausensyndrom. Die vegetative Dystonie hat einen neuen Namen und heißt jetzt „Chronic-Fatigue-Syndrom” (CFS), ein schillernder Begriff für vieles, und die Fibromyalgie kann sogar mit einem ® aufwarten. Eine normale, reaktive Trauer mutiert zur Anpassungsstörung, Belastung am Arbeitsplatz führt zum Burn-out. Verfechter der pathologischen Umwelteinflüsse sind „Willkommen bei der Deutschen Gesellschaft Multiple-Chemical-Sensitivity e.V.”

Neuere so genannte „Krankheiten” sind das Sissi-Syndrom, die Leisure-Sickness, die Elektrosensibilität und die Hyperosmie. Hat das vermutete Phänomen aber einen Namen, gibt es gar eine ICD 10 Nummer, löst dies auch Ansprüche nach dem SGB V aus, es resultiert der bei vielen „Patienten” beliebte tertiäre Krankheitsgewinn, wie zum Beispiel die Befreiung von sozialen Pflichten.

Dem Hausarzt obliegt zu guter Letzt auch zu erkennen, ob sein Patient eine Krankheit regelrecht „braucht”, um mit sich selbst, vor seiner Familie, bei Arbeitskollegen und in dieser Gesellschaftsordnung psychisch zu überleben. Denn dann dürfte jede Hilfe scheitern. Der Patient sucht sich immer wieder eine neue Krankheit.... (doctors hopping).

Der Mensch braucht Sicherheit und Orientierung, bemerkt er somatische Missempfindungen, und diese muss der Hausarzt bieten. Eine schwere Aufgabe!