Notfall & Hausarztmedizin (Notfallmedizin) 2005; 31(12): 598-601
DOI: 10.1055/s-2006-932386
Notfallmanagement in der Arztpraxis

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Teil 9 - Notfallmanagement bei akutem Koronarsyndrom

Hubert Reichle, Ingo Wahlster
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Publication Date:
24 January 2006 (online)

Medizinische Grundlagen und Prinzipien des Vorgehens

Erkrankungen der Koronararterien können zu akuten Störungen der Sauerstoffversorgung des Herzmuskels führen. Der häufigste Auslöser für solche Ereignisse ist eine Arteriosklerose. Die wichtigsten klinischen Manifestationen sind die Angina pectoris und der akute Myokardinfarkt.

Die stabile Angina pectoris tritt mit relativ gleichförmigen, rezidivierenden Beschwerden vor allem bei Belastung auf und spricht gut auf Nitroglycerinpäparate an. Kennzeichen einer instabilen Angina pectoris sind Anfälle in Ruhe, Anfälle mit zunehmender Häufigkeit und Intensität sowie das erstmalige Auftreten einer Angina. Beim Herzinfarkt handelt es sich um einen akuten Verschluss eines Herzkranzgefäßes welcher mit dem Untergang von Herzmuskelgewebe verbunden ist. Das typisches EKG-Merkmal ist die persistierende Hebung der ST-Strecke. Daneben gibt es jedoch auch Infarkte, die keine Hebung der ST-Strecke aufweisen.

Die instabile Angina pectoris, der ST-Streckenhebungsinfarkt und der Nicht-ST-Streckenhebungsinfarkt werden unter dem Oberbegriff des akuten Koronarsyndroms zusammengefasst. Diese Formen der koronaren Herzerkrankung stellen lebensbedrohliche Ereignisse dar und weisen einen gemeinsamen Entstehungsmechanismus auf. In der arteriosklerotisch veränderten Koronararterie kommt es durch die Aktivierung der Gerinnungskaskade zur Bildung eines Thrombus. Dieser Thrombus kann die Koronararterie vollständig verstopfen und zum Vollbild eines Infarktes mit Anhebung der ST-Strecke im EKG führen. Wenn der gebildete Thrombus die betroffene Arterie nicht ganz okkludiert, können dennoch kleinere Thromben mit dem Blutstrom mitgerissen werden und Mikronekrosen in der Peripherie des Versorgungsgebietes der Koronararterie auslösen (instabile Angina pectoris, Nicht-ST-Streckenhebungsinfarkt).

Ein akutes Koronarsyndrom äußert sich in zirka 55 % der Fälle als Angina pectoris, in 25 % als akuter Myokardinfarkt und in 20 % als akuter Herztod. 50 % der Patienten, welche die ersten 24 Stunden nicht überleben, versterben innerhalb der ersten 15 Minuten nach dem akuten Ereignis.

Hauptziel der Therapie eines Myokardinfarktes ist die schnelle Wiedereröffnung des geschlossenen Gefäßes durch eine Fibrinolyse oder eine perkutane koronare Katheterintervention. Hierzu muss der Patient so schnell wie möglich durch den Notarzt in eine geeignete Klinik gebracht werden. Die präklinische Basistherapie umfasst die körperliche Schonung und richtige Lagerung, die Sauerstoffgabe, die sublinguale Gabe von Glyceroltrinitrat, die Schmerztherapie mit Morphin, die Anxiolyse und die Gabe eines Thrombozytenaggregationshemmers.

Im Folgenden wird das Vorgehen beim Auftreten eines akuten Koronarsyndroms in der Praxis des (nicht auf Kardiologie spezialisierten) niedergelassenen Arztes bis zum Eintreffen des Notarztes beschrieben. Vorrausgesetzt wird, dass zumindest die im Teil 1 der Serie vorgestellte Notfallausstattung zur Verfügung steht.