Flug u Reisemed 2019; 26(01): 5
DOI: 10.1055/a-0815-9326
Journal-Club
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Ein Plädoyer für die Verbesserung der Medizinerausbildung

Notfallsituationen an Bord eines Flugzeugs trainieren
Carla Ledderhos
Padaki A, Redha W, Clark T. et al.
Simulation training for in-flight medical emergencies improves provider knowledge and confidence..
Aerosp Med Hum Perform; 2018. 89; 1076–1079
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Korrespondenzadresse

OFA PD Dr. med. habil. Carla Ledderhos
Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe
Str. der Luftwaffe 322
82242 Fürstenfeldbruck

Publication History

Publication Date:
27 February 2019 (online)

 

Medizinische Notfallsituationen während eines Fluges verlangen vom Hilfe leistenden Arzt ein Agieren unter veränderten Umwelt- und beengten räumlichen Verhältnissen, mit begrenzten Ressourcen (sowohl hinsichtlich Material als auch Personal) und verzögertem Zugriff auf umfängliche professionelle Versorgung. Obwohl solche Ereignisse in geschätzt einem von 100 bis 1000 Flügen vorkommen und damit nicht gerade selten sind, werden Mediziner auf diese Gegebenheiten in ihrer Ausbildung eher nicht oder nur ungenügend vorbereitet.


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In der Arbeit gingen die Autoren der Frage nach, inwieweit ein simulationsgestütztes Training diese Situation verbessern könnte. Ihre Literaturrecherche zu medizinischen Notfallsituationen im Flug hat 4 häufig auftretende lebensbedrohende Zustände (Synkopen, Herzstillstand, allergische Reaktionen und Atemnot) ergeben, die anhand konkreter Fälle in einem 2-wöchigen Kurs in Räumen, die den Bedingungen des Flugzeugs wirklichkeitsgetreu nachempfunden waren, simuliert wurden. 18 Medizinstudenten absolvierten zu Beginn und nach Abschluss des Trainings einen Multiple-Choice-Test und gaben ein qualitatives Feedback. Im Vergleich zum Vortest hat sich das durchschnittliche Testergebnis nach dem Training um 11 % auf insgesamt 87 % richtige Antworten verbessert. Qualitativ bewerteten die Teilnehmer den Kurs überwältigend positiv. Die Autoren empfehlen, ein simulationsgestütztes Training von Notfallsituationen im Flug in die Ausbildungscurricula des Medizininstudiums aufzunehmen, aber auch eines für Flugbesatzungen zu entwickeln.

Kommentar

Jeder Arzt, der schon einmal einen medizinischen Zwischenfall an Bord eines Flugzeugs erlebt hat, stellt sehr schnell fest, dass er mit Bedingungen konfrontiert ist, die drastisch von seinem gewohnten Arbeitsumfeld abweichen. Die zu versorgenden Patienten sind schwer zugänglich, Lärm und Vibrationen behindern die Untersuchung und die Kommunikation, der Zugriff auf Medikamente und Notfallequipment ist begrenzt, die medizinische Ausstattung von Verkehrsflugzeugen sehr unterschiedlich [1]–[3] und die rechtliche Situation den betroffenen Ärzten nicht immer ganz klar [1], [4]. Die Besonderheiten der Kabinenatmosphäre mit dem reduzierten Sauerstoffpartialdruck, der mit einem Anstieg von Atmung und Herzfrequenz einhergehen kann, sowie die geringe Luftfeuchte tun ihr Übriges.

Der Wert der vorliegenden Arbeit, die in einer der renommiertesten Zeitschriften für Flugmedizin erschienen ist, liegt sicher nicht darin, nachzuweisen, dass ein Training Wissen sowie Fähig- und Fertigkeiten von Studenten verbessert. Er ist vielmehr darin zu suchen, dass diese Arbeit ein Manko in der Ausbildung zukünftiger Mediziner aufzeigt, das angesichts steigender Zahlen im Flugverkehr nicht mehr hingenommen werden kann. Während 2011 global noch circa 2,5 Mrd. Passagiere pro Jahr im kommerziellen Luftverkehr befördert wurden [1], waren es 2016 bereits 3 Mrd. [5]. Es ist davon auszugehen, dass die zunehmende Mobilität von Menschen mit akuten und chronischen Erkrankungen auch die medizinischen Notfälle beim Fliegen hochschnellen lassen wird. Angesichts dieser Zahlen sollten wir unseren medizinischen Nachwuchs bestmöglich auf das vorbereiten, was ihn zukünftig erwartet. Ein Training im Umgang mit Notfallsituationen an Bord eines Flugzeugs sollte in jedem Fall dazugehören. Über das „wie?“, „wie lange?“ und die Inhalte der Ausbildung sollte noch trefflich gestritten werden, über das „ob?“ aber auf keinen Fall! Dabei wird die Flugmedizin mehr denn je gefragt sein: Leitlinien, wie sie in anderen medizinischen Fachgebieten als wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Handlungsempfehlungen für Ärzte bereits existieren, sind für medizinische Notfälle an Bord eines Flugzeugs bisher nur spärlich erarbeitet. Die DGLRM hat einen ersten erfolgreichen Versuch hierzu unternommen [6]. Weitere sollen folgen.

FAZIT

Um künftig gut aufgestellt zu sein, sollten Ausbildungscurricula im Medizinstudium auch ein Training von Notfallsituationen an Bord eines Flugzeugs enthalten. Betroffene Passagiere werden für eine adäquate professionelle Behandlung sehr dankbar sein.


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Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe
Str. der Luftwaffe 322
82242 Fürstenfeldbruck