CC BY-NC-ND 4.0 · Geburtshilfe Frauenheilkd 2019; 79(06): 584-590
DOI: 10.1055/a-0873-8110
GebFra Science
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Operative Studien in der rekonstruktiven Mammachirurgie – ein Beitrag von der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Wiederherstellende Onkologie in der Gynäkologie 2019

Article in several languages: English | deutsch
Stefan Paepke
1  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, München, Germany
,
Marion Kiechle
1  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, München, Germany
,
Christine Ankel
2  Rotkreuzklinikum München, München, Germany
,
Joy Weyrich
1  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, München, Germany
,
Evelyn Klein
1  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, München, Germany
,
Anna Schneider
1  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, München, Germany
,
Navid Johannigmann-Malek
3  Klinikum rechts der Isar der Technischen Universitat München, München, Germany
,
Anna-Sophia Dietrich
1  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, München, Germany
,
Ralf Ohlinger
4  Gynaecology and Obstetrics, Universitatsmedizin Greifswald, Greifswald, Germany
,
Marc Thill
5  Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Interdisziplinäres Brustzentrum, Agaplesion Markus Krankenhaus Frankfurt am Main, Frankfurt am Main, Germany
› Author Affiliations
Further Information

Correspondence/Korrespondenzadresse

Dr. Stefan Paepke
Leiter des Interdisziplinären Brustzentrums der Frauenklinik
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Comprehensive Cancer Center Munich
Ismaninger Straße 22
81675 München
Germany   

Publication History

received 27 February 2019

accepted 12 March 2019

Publication Date:
14 June 2019 (online)

 

Zusammenfassung

In der diesjährigen AWOgyn-Tagung wurde die Studienlandschaft der rekonstruktiven Mammachirurgie beleuchtet. Da die Mehrzahl der Brustrekonstruktionen implantatbasiert durchgeführt wird, liegt hier auch der Fokus der Studienaktivitäten. Seit 2011 wird die Verwendung von unterstützenden und interponierenden Netzmaterialien in den AGO-Leitlinien empfohlen. Die Idee hinter allen Materialien besteht in der Bedeckung und Stabilisierung des Implantats durch Bildung eines inneren BH und der damit zu erreichenden Form- und Positionsstabilität des Implantats. Die Arbeitsgemeinschaft Wiederherstellende Onkologie in der Gynäkologie (AWOgyn) hat sich zum Ziel gesetzt, die unterschiedlichen Materialien in ihren Indikationen, Erfolgsraten und Nebenwirkungen in Registern und klinischen Untersuchungen sowie in Studienprotokollen zu analysieren. Dadurch wurde und wird die Anwendungssicherheit insgesamt deutlich erhöht werden. Durch prospektive Untersuchungen werden die Fragen nach dem optimalen Material, der optimalen Implantatlage und dem besten kosmetischen Ergebnis prospektiv untersucht. Zu porcinen und humanen azellulären dermalen Matrices, zu teilresorbierbaren und titanisierten synthetischen Polypropylennetzen liegen erste Daten vor. 2019 werden weitere Studien, die eine perforierte azelluläre dermale Matrix (Fortiva®), die titanisierte Implantattasche (TiLOOP® Bra Pocket) und ein voll resorbierbares synthetisches Netz (TIGR®mesh) bewerten, im Rahmen der AWOgyn-Studienarbeit initiiert.


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Eingangsbemerkung

In der diesjährigen AWO-Gyn-Tagung wurden breit gefächert aktuelle Behandlungskonzepte, internationale Kooperationen, laufende und geplante Studien vorgestellt und diskutiert.

Einige Grundthemen der rekonstruktiven Mammachirurgie wurden dem Blick in die Studienlandschaft vorangestellt:

  • Indikationen und Entscheidungsalgorithmen für die autologe oder heterologe Rekonstruktion

  • Notwendigkeit und Bedingungsgefüge für den Einsatz von unterstützenden, interponierenden und implantatabdeckenden Fremdmaterialien

  • Einsatzgebiete und Indikationen für biologische Matrices und synthetische Netze

  • Relevanz der Integration von Fremdmaterialien in die Implantatkapsel

  • Relevanz der Resorbierbarkeit und Auflösung von synthetischen Materialien im Prozess des Einwachsens und der Integration in die Implantatkapsel

  • Entscheidungsalgorithmus für die optimale Implantatposition, prä- oder subpektoral

  • Bewertung der verschiedenen rekonstruktiven Methoden durch Operateure und Patientinnen (Patient Reported Outcome) [1], [2]

  • Langzeitergebnisse der verschiedenen Rekonstruktionsverfahren


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Rekonstruktive Behandlungsmethoden – von der Innovation zur Routine

In der Mammachirurgie wurde die Operationsplanung als „targeted surgery“ (Begrifflichkeit nach M. Rezai) immer weiter umgesetzt [3]. Die Möglichkeiten eines brusterhaltenden Vorgehens sind durch das Downstaging der Tumorgröße durch primär-systemische Behandlungsansätze und die Vielfalt onkoplastischer Operationstechniken deutlich erweitert worden. Das zeigt sich durch die Rate der brusterhaltenden Operationen von weit über 70% durchgehend in den letzten Jahren. Andererseits zeigt sich eine deutliche Zunahme primärer, sekundärer und prophylaktischer bilateraler oder kontralateraler Mastektomien [4]. Das definierte Target ist die Entfernung des gesamten Brustdrüsengewebes, um die erwartete Risikoreduktion auch tatsächlich zu gewährleisten. Eine umfangreiche Datenlage bestätigt die subkutane hautsparende Mastektomie mit Erhalt des Mamillen-Areola-Komplexes (MAK) (Nipple-sparing-mastectomy, NSM) als sichere und ästhetisch günstigste Operationsvariante [5], [6], [7], [8], [9]. Bei anatomisch exakter Durchführung verbleibt bei der NSM im Vergleich zur modifizierten radikalen Mastektomie (MRM) die identische Menge an Brustdrüsengewebe (ca. 1,4%, 1 – 3%) mit einer äquivalenten Rate an zentralen und peripheren lokalen Rezidiven. Dies ermöglicht für eine Vielzahl von Patientinnen mit dem Wunsch nach einer Rekonstruktion den Erhalt des Hautmantels und damit der anatomisch-kosmetischen Grundgegebenheiten der Brust [10], [11]. Der verbliebene Hautmantel kann schließlich durch Volumina aus dem körpereigenen Fettgewebe (DIEP, TRAM, FCI, S-GAP) oder durch ein Implantat mit Unterstützung durch ein Netz oder eine Matrix gefüllt werden.

Implantatbasierte plastisch-rekonstruktive Mammachirurgie

Implantatbasierte Techniken machen in Europa ca. 40 – 60% und in den USA ca. 75% aller Brustrekonstruktionen aus [12], [13], [14]. Aufgrunddessen ist es nachvollziehbar, dass darauf der Fokus liegt und auf der Art und Weise, wie die Implantatabdeckung und Formung der Rekonstruktion optimal zu gestalten ist [15], [16]. Zur Verfügung stehen Fremdmaterialien, über deren erste Verwendung Brunnert und Warm bereits 2008 berichteten [17]. Seitdem ist eine Vielfalt von synthetischen Netzen mit unterschiedlicher Resorbierbarkeit und biologischen Matrizes unterschiedlicher Herkunft, Dicke, Konsistenz und Faltbarkeit verfügbar, deren Einsatz in verschiedenen Ländern und bei verschiedenen Indikationen unübersichtlich erscheint, auch, weil Daten zu den unterschiedlichen Materialien nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen [18]. Die Idee hinter allen Materialien besteht in der Bedeckung und Stabilisierung des Implantats durch Bildung eines inneren BH und der damit zu erreichenden Form- und Positionsstabilität des Implantats. Beide Materialgruppen gewährleisten nach abgeschlossener Integration in das Gewebe eine harmonische Implantatkapselstruktur und damit glatte Kapselinnenseite, die eine optimale Bedeckung des Implantats ermöglicht [19], [20], [21], [22], [23], [24], [25], [26], [27].

Die Arbeitsgemeinschaft Wiederherstellende Operationen in der Gynäkologie (AWOgyn) hat sich zum Ziel gesetzt, die verschiedenen Materialien in ihren Indikationen, Erfolgsraten und Nebenwirkungen in Registern und klinischen Untersuchungen, sowie in Studienprotokollen zu analysieren. Dadurch wurde und wird die Anwendungssicherheit insgesamt deutlich erhöht werden. Die ersten Evaluationen wurden, wie bereits erwähnt, durch Brunnert und Warm (2008) [17] vorgenommen, in den darauffolgenden Jahren wurden für die verschiedenen Materialien retrospektive Analysen mit unterschiedlichen Fallzahlen präsentiert, die eine nur zufriedenstellende Datenlage herstellten, ohne dass tatsächlich ein hoher Evidenzlevel erreicht wurde [28], [29], [30], [31], [32], [33], [34]. In der neuesten Literatur finden sich bereits Reviews und Metaanalysen, die aber aufgrund des zumeist retrospektiven Charakters der ausgewerteten Daten und der Heterogenität sowohl der Indikationen als auch der operativen Techniken keine konklusiven Erkenntnisse vermitteln können [35]. Erst die Ergebnisse einer multizentrischen, allerdings wieder retrospektiven Datenauswertung von Dieterich et al. ermöglichten zumindest durch größere Fallzahlen einen indirekten Vergleich des titanisierten Polypropylennetzes zu anderen Materialien [36].

Mit der Zeit entwickelte sich die subpektorale Implantateinlage zur bisherigen Standardmethode der implantatbasierten Rekonstruktion, entweder mit

  • ausschließlicher Hautbedeckung (zumeist als Zwischenlösung bis zur Festlegung der definitiven Rekonstruktion),

  • kompletter Muskelbedeckung,

  • Dual-Plane-Methode mit einem deepithelisierten Corium-Flap,

  • kaudolateraler Interponation einer azellulären Matrix,

  • kaudolateraler Interponation eines synthetischen Netzes,

  • Kombinationstechniken.

Komplikationsarten und -raten sind in vielen, wenn auch vornehmlich retrospektiven Analysen beschrieben [37]. Die wenigen prospektiven Studien unterstützen weitgehend die Untersuchungsergebnisse aus retrospektiven Analysen. Fasst man diese kurz zusammen, kann ausgeführt werden, dass sowohl der Einsatz von synthetischen Netzen als auch von azellulären dermalen und Gewebe-Matrices als sicher angesehen wird [38], [39], [40]. Der Einsatz synthetischer Netze scheint hinsichtlich der Serombildung und des Implantatverlustes komplikationsärmer zu sein. Eine einzige prospektive direkt vergleichende Studie weist einen Vorteil für das titanisierte Polypropylennetz (TiLOOP® Bra) gegenüber einer azellulären dermalen Matrix (ADM) hinsichtlich der Komplikationsrate, aber auch des kosmetischen Ergebnisses aus [41]. Neu entwickelte dermale Matrices zeigen in ersten Anwendungen geringere Nebenwirkungsraten und werden weiter in Studien und Registraturen analysiert.

Neben der Frage nach dem optimalen Material ist die Frage nach der Implantatloge von herausragender Bedeutung: prä- oder subpektoral?

Eine Vielzahl von zum Teil beachtlichen Problemen sind durch die als Standard geltende subpektorale Implantateinlage bedingt ([Abb. 1]):

  • zum Teil unnatürliche Brustform

  • „Jumping-Breast“-Phänomen

  • Mitgehen der Muskulatur auch bei wenig raumgreifenden Bewegungen

  • Schmerzen in der Muskulatur

  • Zusammenziehen des abgetrennten M. pectoralis major oben außen mit Faltenbildung unterhalb des Muskelursprungs

  • Faszikulationen

  • Einschränkungen in der Schulter-Arm-Mobilität

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Abb. 1 34-jährige Patientin 7 Monate nach subkutaner Mastektomie (Z. n. primärer Chemotherapie, Z. n. Bestrahlung) Sofortrekonstruktion durch subpektorale Implantateinlage mit kaudaler Netzinterponation. Aktuell mit Jumping-Breast-Phänomen, Kapselfibrose III°, Kranialisierung des Implantats und Volumenleere in den kaudalen Quadranten.

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Wie geht es weiter?

Implantatposition: sub- versus präpektoral

Sigalove et al. berichten aktuell über 207 seit 2008 operierte Patientinnen mit präpektoraler Implantateinlage, ADM-Bedeckung und Lipofilling („bio-engineered breast concept“) bei 353 Operationen. Die Komplikationsrate ist bemerkenswert niedrig. So finden sich in 4,5% Infektionen, in nur 2% Serome und in 2,5% Lappennekrosen [42].

Die präpektorale Implantatloge hat seit einigen Jahren auch im deutschsprachigen Raum wieder mehr Verbreitung gefunden, wie Veröffentlichungen von Fällen, Fallserien und retrospektiven Analysen belegen [43]. Reitsamer et al. stellten im Rahmen der freien Vorträge der letztjährigen DGS-Tagung ein Operationsverfahren vor, welches eine komplette Implantatumhüllung aus porciner ADM beinhaltet [44], [45]. Der präpektoralen Implantateinlage mittels ADM wird der Vorteil des Gewebesupports zugeschrieben. Verschiedene Hersteller sind auf die besonderen Erfordernisse der präpektoralen Implantateinlage mit der Entwicklung neuer Formen eingegangen. Als vorgeformte ADM-Materialien sind Braxon (Decomed Srl, Italien) in diesem Fall direkt als Implantattasche, und weitere ADMs, wie Tutomesh, Fortiva, Strattice und Artia in der Konturform einsetzbar [46].

Auch im Bereich der synthetischen Netze existieren neue Materialentwicklungen. Aufbauend auf den Erfahrungen von Cassella et al. und Rezai wurde eine aus titanisiertem Polypropylen bestehende vorgeformte Implantattasche entwickelt, die die präpektorale Implantateinlage mit kompletter Titannetzbedeckung erheblich vereinfacht ([Abb. 2]) [47], [48].

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Abb. 2 Speziell für die präpektorale Implantateinlage gefertiges synthetisches Netz (TiLOOP® Bra Pocket).

Zur Verfügung stehen 3 verschiedene Implantattaschen, die stufenweise Implantatvolumina von < 270; < 420 und < 550 cm3 bzw. Implantatbreiten von 11,0 bis 15,0 cm mit Projektionen von < 4,5 bis < 6,0 cm ermöglichen. Neben einem in Italien bereits häufigeren Einsatz des TiLOOP® Bra Pocket fanden deutschlandweit bereits ca. 450 Anwendungen in verschiedenen Brustzentren statt ([Abb. 3 a] bis [c]).

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Abb. 3 53-jährige Patientin; Z. n. Mammakarzinom rechts mit Segmententfernung und SLNB 2015 bei Luminal-B-Subtyp, adjuvanter Chemotherapie und Strahlentherapie und kontralateralem TNBC-Mammakarzinom links; PALB2-Mutation, primär-systemischer Chemotherapie und aktuell beidseitiger subkutaner, Nipple-sparender Mastektomie und SLNB links, Portentfernung. Sofortrekonstruktion mit präpektoraler Implantateinlage und TiLOOP® Bra Pocket medium-Bedeckung. a Präoperatives Bild, b 4. postoperativer Tag, c 8 Wochen postoperativ.

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Studienarbeit der AWOgyn

In den vergangenen Jahren haben die Bemühungen der AWOgyn einer umfassenden Registratur aller implantatbasierten Rekonstruktionen gegolten. Darüber hinaus wurden verschiedene multizentrische Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnisse in naher Zukunft diskutiert und publiziert werden. Erste Ergebnisse der NOGGO/AWOgyn-Studie zum Einsatz der humanen ADM Epiflex® z. B. wurden anlässlich der diesjährigen Senologietagung vorgestellt [2]. Eine Umfrage der AWOgyn unter den Brustzentren Deutschlands hat die Bereitschaft von 81 Kliniken, die sich an operativen Studien beteiligen würden, festgestellt.

Die Beantwortung der Fragen nach der besten Implantatposition und dem optimalen Bedeckungsmaterial in der jeweils individuellen Patientinnensituation wird durch mehrere Studienprojekte der AWOgyn adressiert:

  1. Erarbeitung eines Algorithmus der Entscheidungskriterien für eine sub- oder eine präpektorale Implantateinlage. Die Entscheidung für die Implantatposition wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, die bisher in keinem Bewertungssystem gegenübergestellt wurden. In einem Konsensusverfahren wurden Faktoren (Anamnese, Lifestyle, Tumorparameter, habituelle Faktoren, Weichteildicke u. a. m.) für einen Entscheidungsalgorithmus zusammengestellt, der auf seine Praxistauglichkeit hin überprüft werden wird.

  2. Einsatz einer neu entwickelten dünnen, gut faltbaren, perforierten, porcinen, azellulären dermalen Matrix (Fortiva 1.0) ([Abb. 4]) in der rekonstruktiven Mammachirurgie. In dieser prospektiven Studie werden in 5 Zentren und an 100 Patientinnen die grundsätzliche Materialfrage, die Frage nach den Indikationen und der Einfluss einer Perforation auf die Komplikationsrate untersucht sowie die mittelfristigen Komplikationen und Verlaufsergebnisse erhoben.

  3. Einsatz eines speziell für die präpektorale Implantateinlage entwickelten Pockets aus titanisiertem Polypropylen ([Abb. 2]). Anknüpfend an die PRO-BRA-Patient-Reported-Outcome-Studie, die den Einsatz des Bra-Zuschnitts des titanisierten Polypropylennetzes prüfte, wird, wiederum unter Verwendung des Breast-Q-Lebensqualitäts-Fragebogens, prospektiv an ca. 10 Zentren in Deutschland und Österreich der präpektorale Einsatz anhand von 350 Patientinnen mit einem Follow-up von 36 Monaten evaluiert werden.

  4. Einsatz eines vollständig resorbierbaren synthetischen Netzes für die präpektorale Implantateinlage ([Abb. 5]). Einer ähnlichen Fragestellung, die der optimalen Implantatbedeckung bei präpektoraler Implantateinlage, widmet sich ein Studienkonzept, das die Verwendung eines vollständig resorbierbaren synthetischen Netzes vorsieht (TIGRmesh, Novusscientific, Schweden). Die Frage ist bisher unbeantwortet, ob die komplette Resorbierbarkeit einen (messbaren) Vorteil gegenüber nicht resorbierbaren oder partiell resorbierbaren Materialien darstellt. Hier sind vor allem Langzeitergebnisse hinsichtlich der Re-Operationsrate und der Kapselfibroserate von Interesse. Untersucht werden in einem AWOgyn/NOGGO-Projekt 130 Patientinnen mit einem Follow-up von 36 Monaten.

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Abb. 4 Fortiva – perforierte, azelluläre derrmale Matrix porcinen Ursprungs.
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Abb. 5 Voll resorbierbares synthetisches TIGR-Mesh.

Darüber hinaus wird der Einsatz der porcinen azellulären dermalen Matrix Artia®, einer Weiterentwicklung von Strattice, mit Veränderungen des Zuschnitts, der Materialdicke und der Faltbarkeit innerhalb einer Registratur durchgeführt. Die Nachbeobachtungszeit der 2017 mit 271 Patientinnen fertig rekrutierten Patientinnen der PRO-BRA-Studie, die den Einsatz des titanisierten Polypropylennetzes TiLOOP® Bra mit dem primären Endpunkt Lebensqualität gemessen mit dem Breast-Q-Fragebogen prüft, wird von 24 auf 48 Monate verlängert. Damit werden 2020 auch erste prospektiv erhobene Langzeitdaten zur Verfügung stehen.


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Ausblick

Die grundlegenden Strategien der rekonstruktiven Mammachirurgie wurden bisher durch Einzelerfahrungen und retrospektive Analysen etabliert. Mittlerweile existiert eine zunehmende Anzahl prospektiver Studien und Registerdaten, die sich im jeweiligen Evidenzlevel der AGO-Therapieempfehlungen widerspiegeln. Zu teilresorbierbaren und nicht resorbierbaren synthetischen Netzen, den humanen, bovinen und porcinen ADMs sind prospektive Untersuchungen abgeschlossen u. v. a. bezüglich der Komplikationen und der ästhetischen Ergebnisse publiziert und präsentiert. Bezüglich des ästhetischen Ergebnisses wird eine Patientinnenzufriedenheit von 80 – 90% erreicht und darüber hinaus absolut akzeptable Komplikationsraten [2], [49].

Nichtsdestotrotz steht die Optimierung autologer und implantatbasierter rekonstruktiver Operationstechniken weiter im Fokus. Die Abwägung, welche Implantatloge in der individuellen Operationsplanung zu bevorzugen ist, wird durch weiterentwickelte Materialien deutlich erleichtert; Parameter werden in Algorithmen erfasst, Indikationen und Komplikationen nach prospektiven Untersuchungen analysiert.

Die hier besprochenen Vorträge wurden natürlich diskutiert und daraus resultierend skizziert, wie ein optimales wissenschaftliches Szenario aussehen könnte. So wären prospektive, randomisierte Studien mit einer sehr großen Anzahl von Patientinnen und einem Follow-up über einen langen Nachbeobachtungszeitraum sicherlich das Maß der Dinge. Allerdings wurde realistisch eingeschätzt, dass limitierte Ressourcen und die Schnelllebigkeit des gesamten Marktes deutliche Barrieren darstellen.

Insgesamt wird die derzeitige Entwicklung einer unter dem Dach der AWOgyn organisierten, schnellen und fokussierten Arbeit, die immer wieder Teilaspekte und offene Fragen in ihr Augenmerk nimmt und in kurzer Zeit beantworten kann, als sehr positiv reflektiert. So wird sich in den nächsten Jahren auf diese Weise Puzzlestein für Puzzlestein zu einem Gesamtbild fügen lassen.


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Conflict of Interest/Interessenkonflikt

Financial disclosure: Paepke S, Ankel C, Thill M and Ohlinger R have disclosed all financial benefits received (honoraria, financial support for clinical projects and for educational and advanced training events and funding of travel costs). Klein E, Weyrich J, Johannigmann A, Dietrich AS did not disclose any financial benefits./
Financial Disclosure: Paepke S, Ankel C, Thill M und Ohlinger R geben Financial Disclosure (Honorare, Unterstützung von klinischen Projekten, Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen und Reisekostenübernahmen) an. Klein E, Weyrich J, Johannigmann A, Dietrich AS geben keine Financial Disclosure an.

Danksagung

Wir möchten allen Kolleginnen und Kollegen danken, die die laufenden Projekte durch ganz unterschiedliche Aktivitäten erst ermöglichen, unseren Doktoranden für ihre wertvolle und disziplinierte Arbeit und den Operateuren für die Dokumentation, der AWOgyn für die Verfügbarkeit einer Studienstruktur und den Support.


Correspondence/Korrespondenzadresse

Dr. Stefan Paepke
Leiter des Interdisziplinären Brustzentrums der Frauenklinik
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Comprehensive Cancer Center Munich
Ismaninger Straße 22
81675 München
Germany   


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Fig. 1 A 34-year-old patient at 7 months after subcutaneous mastectomy (s/p primary chemotherapy, s/p radiotherapy). She underwent immediate reconstruction with subpectoral implant placement and caudal mesh interpolation. Currently affected by jumping-breast phenomena, capsular fibrosis III°, cranialization of the implant and volume loss in the caudal quadrants.
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Fig. 2 Synthetic mesh developed especially for pre-pectoral implant placement (TiLOOP® Bra Pocket).
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Fig. 3 A 53-year-old patient, s/p right-sided breast cancer, segmental resection, SLNB in 2015 for luminal B breast cancer subtype, adjuvant chemotherapy and radiotherapy, and s/p contralateral left-sided TNBC, PALB2 mutation, primary systemic chemotherapy, recent bilateral subcutaneous, nipple-sparing mastectomy and SLNB on the left side and port removal. The patient underwent immediate reconstruction with pre-pectoral implant placement and medium coverage with a TiLOOP® Bra Pocket. a Preoperative image, b on the 4th postoperative day, c at 8 weeks postoperatively.
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Fig. 4 Fortiva – perforated porcine acellular dermal matrix.
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Fig. 5 Completely resorbable synthetic TIGR mesh.
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Abb. 1 34-jährige Patientin 7 Monate nach subkutaner Mastektomie (Z. n. primärer Chemotherapie, Z. n. Bestrahlung) Sofortrekonstruktion durch subpektorale Implantateinlage mit kaudaler Netzinterponation. Aktuell mit Jumping-Breast-Phänomen, Kapselfibrose III°, Kranialisierung des Implantats und Volumenleere in den kaudalen Quadranten.
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Abb. 2 Speziell für die präpektorale Implantateinlage gefertiges synthetisches Netz (TiLOOP® Bra Pocket).
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Abb. 3 53-jährige Patientin; Z. n. Mammakarzinom rechts mit Segmententfernung und SLNB 2015 bei Luminal-B-Subtyp, adjuvanter Chemotherapie und Strahlentherapie und kontralateralem TNBC-Mammakarzinom links; PALB2-Mutation, primär-systemischer Chemotherapie und aktuell beidseitiger subkutaner, Nipple-sparender Mastektomie und SLNB links, Portentfernung. Sofortrekonstruktion mit präpektoraler Implantateinlage und TiLOOP® Bra Pocket medium-Bedeckung. a Präoperatives Bild, b 4. postoperativer Tag, c 8 Wochen postoperativ.
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Abb. 4 Fortiva – perforierte, azelluläre derrmale Matrix porcinen Ursprungs.
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Abb. 5 Voll resorbierbares synthetisches TIGR-Mesh.