Aktuel Urol 2019; 50(04): 336-338
DOI: 10.1055/a-0917-2189
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Uroflowmetrie mit Beckenboden-EMG: Bei Kindern immer zuerst isolierte Urodynamik

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Publication Date:
09 August 2019 (online)

 

Zur Objektivierung von Blasenfunktionsstörungen im Kindesalter empfiehlt die International Childrenʼs Continence Society (ICCS) unter anderem die Durchführung einer Uroflowmetrie. Ein ergänzendes Beckenboden-EMG kann die Diagnose präzisieren. Allerdings ist unklar, inwiefern die Elektrodenanlage die Urodynamikergebnisse beeinflusst. Mit dieser Fragestellung haben sich belgische Wissenschaftler beschäftigt.


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Sie wollten insbesondere klären, ob die Anlage der Beckenboden-Elektroden die Aussagekraft des von der ICCS empfohlenen Uroflowmetrie-Protokolls beeinträchtigt und ob es in der Praxis empfehlenswert ist, der kombinierten Uroflowmetrie/Beckenboden-EMG-Untersuchung zunächst eine oder mehrere Uroflowmetrie-Untersuchungen voran zu schalten. An der zwischen 2014 und 2017 durchgeführten Querschnittsstudie nahmen 83 gesunde Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren teil. Kinder mit anatomischen Anomalien oder vorangegangenen urologischen Eingriffen schlossen die Forscher von der Analyse aus. Gleiches galt für Kinder mit Symptomen der unteren Harnwege oder einer Stuhlinkontinenz. Die Studieninitiatoren bildeten 2 Gruppen: Die Kinder der Gruppe A (n = 43) absolvierten 2 Uroflowmetrie/Beckenboden-EMG-Untersuchungen in Folge. Die Kinder der Gruppe B (n = 40) absolvierten insgesamt 3 Messungen: Sie wurden zunächst alle mittels isolierter Uroflowmetrie untersucht. Gemäß Randomisierung erfolgte anschließend entweder eine zweite isolierte Uroflowmetrie gefolgt von einer kombinierten Uroflowmetrie/Beckenboden-EMG-Untersuchung (n = 20) oder aber diese beiden Interventionen wurden in umgekehrter Reihenfolge durchgeführt (n = 20). Das Beckenboden-EMG leiteten die Forscher mittels Oberflächenelektroden ab. In allen Fällen bestimmten sie das Restharnvolumen der Probanden nach der Miktion. Ein unabhängiger pädiatrischer Urologe wertete die Urodynamik-Kurven aus.

Ergebnisse

Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 8,2 Jahre, 54 % der Probanden waren weiblich. Insgesamt werteten die Forscher 206 Uroflow-Messungen aus. In beiden Studiengruppen bestätigte sich die Hypothese, dass vor einer kombinierten Uroflowmetrie/Beckenboden-EMG-Untersuchung vorzugsweise eine Zusatzmessung erfolgen sollte. Obwohl die Forscher in beiden Gruppen Verbesserungen der Miktionskurven zwischen den beiden Messungen feststellten, verbesserte sich in der Gruppe mit voran geschalteter isolierter Urodynamik das Kurvenmuster deutlicher.

Fazit

Da die zur EMG-Ableitung erforderlichen Elektroden das Miktionsverhalten von Kindern stören können, fordern die Wissenschaftler angesichts der Studienergebnisse: Im Kindesalter sollte zur Abklärung von Miktionsstörungen vor jeder kombinierten Uroflowmetrie/Beckenboden-EMG-Untersuchung zunächst eine isolierte Uroflowmetrie erfolgen, um die Reliabilität der Befunde zu gewährleisten.

Dr. med. Judith Lorenz, Künzell

Studien-Kommentar

Es ist wenig überraschend, dass die vorliegende Studie zu dem Ergebnis kommt, dass vor Durchführung einer Uroflowmetrie mit Beckenboden-EMG bei Kindern eine „normale“ Uroflowmetrie durchgeführt werden sollte, um die Genauigkeit dieser Diagnostik zu verbessern.


Um verlässliche Befunde zu generieren, sind zudem mehrere Aspekte zu beachten. Hierzu gehören die mehrfache Durchführung der Uroflowmetrie, Aufklärung der Kinder, Beachtung von Ängstlichkeit und Scham, Untersuchung an einem ruhigen und geschützten Ort und in einer für die Kinder angenehmen Position. Aber auch bei Beachtung dieser „Regeln“ können pathologische Uroflowmetriekurven bei gesunden Kindern nachgewiesen werden. Bei nur 57 % der Kinder in dieser Studie ohne jegliche anamnestische Hinweise für eine Funktionsstörung des unteren Harntrakts fand sich eine Glockenkurve: ein Hinweis auf die ungünstige Spezifität der diagnostischen Methode. Zudem ist die Interpretation der Kurvenverläufe abhängig von der Erfahrung des Untersuchers. Um die Kurvenverläufe objektiver bewerten zu können, wird die Verwendung des Flow-Index (FI) empfohlen (Franco et al 2015).


Es wird immer wieder postuliert, dass die Uroflowmetrie zum Standard der Erstdiagnostik bei einem Kind mit Harninkontinenz und Blasenfunktionsstörung gehört (z. B. Franco et al 2015).


Kinder mit einer solchen Problematik werden primär jedoch häufig von einem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin betreut, der kein Uroflowmetriegerät zur Verfügung hat. Daher wurde im interdisziplinären Konsens in der S2k-Leitlinie der AWMF die Uroflowmetrie nicht als Bestandteil der Basisdiagnostik empfohlen. Eine Uroflowmetrie soll durchgeführt werden „bei wiederholt nachweisbarer Restharnbildung und bei sonographischen Hinweisen für primäre und sekundäre Veränderungen des Harntrakts....(in einer dafür spezialisierten Einrichtung)“. In der Leitlinie heißt es weiter: „Die wiederholt durchgeführte Uroflowmetrie mit Beckenboden-EMG liefert wertvolle Hinweise für die Art der Blasendysfunktion. Sie ist obligat bei dem Verdacht auf eine dyskoordinierte Miktion.“


Die vorliegende Studie kann die Frage, ob bereits bei Erstuntersuchung eine Uroflowmetrie in Kombination mit einem EMG empfohlen werden sollte, nicht beantworten. Hierzu bedarf es sicher weiterer Untersuchungen unter Verwendung eines sorgfältigen Studienprotokolls.


Autorinnen/Autoren

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Dr. med. Eberhard Kuwertz-Bröking, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Ehemals: Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Münster

Literatur


[1] Kuwertz-Bröking E, von Gontard A: Enuresis und nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bei Kindern und Jugendlichen (S2k-Leitlinie). AWMF online 2015. https://www.awmf.org.leitlinien/detail/II/028–026.html


[2] Franco I et al. A quantitative approach tot he interpretation of uroflowmetry in children, Neurourol Urodyn. 2016 Sep;35:836 – 46. doi: 10.1002/nau.22813


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Dr. med. Eberhard Kuwertz-Bröking, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Ehemals: Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Münster