Aktuelle Urol 2020; 51(03): 228-229
DOI: 10.1055/a-0976-8619
Referiert und kommentiert

Nierenzysten: Prävalenz und klinischer Verlauf bei Kindern

 

Angesichts der modernen Ultraschalltechnologie nimmt die Inzidenz von Nierenzysten im pädiatrischen Patientengut zu. Welche Entwicklung diese Zysten nehmen und welche langfristigen Folgen daraus resultieren, ist wissenschaftlich jedoch kaum untersucht. Kanadische Forscher füllen nun diese Wissenslücke: Sie prüften im Rahmen einer retrospektiven Studie die Prävalenz, die klinischen Manifestationen sowie den Verlauf renaler Zysten bei Kindern.


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Mithilfe der Ultraschalldatenbank des Childrenʼs Hospital of Eastern Ontario untersuchten sie, bei wie vielen abdominalen Sonografien der Jahre 2006 bis 2017 solitäre oder multiple, einfache oder komplexe Nierenzysten diagnostiziert worden waren. Patienten mit polyzystischen Nierenerkrankungen, multizystischer Nierendysplasie, multiplen kleinen kortikalen Nierenzysten in Kombination mit einer globalen Nierendysplasie bzw. Tumoren schlossen die Wissenschaftler von der Analyse aus. Anschließend objektivierten sie anhand der medizinischen Dokumentationen die jeweilige klinische Manifestation, die Zystencharakteristika sowie das Outcome der Patienten.

Ergebnisse

Bei 1531 von insgesamt 70 500 Abdominalsonografien (2,2 %) – dies entsprach 966 Patienten – wurde eine Nierenzyste detektiert. 34 Patienten erhielten später die Diagnose „polyzystische Nierenerkrankung“ oder „multizystische Nierendysplasie“ und gingen nicht in die Analyse ein. Von insgesamt 783 Patienten (1497 Ultraschalluntersuchungen) lagen auswertbare Nachbeobachtungsdaten vor. Bei 572 dieser Kinder (73 %) lagen einfache Zysten vor und in 211 Fällen (27 %) komplexe Zysten. 79 Kinder (10 %) litten begleitend an einer Hydronephrose. Eine hohe Echogenität der Nieren korrelierte signifikant mit dem Vorliegen einer einfachen Zyste (p = 0,0001). Nur 5,2 % der Patienten stellten sich notfallmäßig aufgrund einer Symptomatik vor. Meist handelte es sich bei den geklagten Beschwerden um Bauchschmerzen, Harnwegsinfektionen oder unklares Fieber. Ein Zusammenhang zwischen der Symptomatik und dem Zystendurchmesser bestand nicht. Allerdings waren komplexe Zysten signifikant häufiger größer als 15 mm (p = 0,0001). Weniger als 1 % der einfachen Nierenzysten veränderten sich im weiteren Verlauf zu einer komplexen Zyste und 1,8 % der komplexen Zysten entwickelten sich zu einem malignen Nierentumor. Eine vollständige Rückbildung beobachteten die Forscher bei 25 % aller Nierenzysten.

Fazit

Nierenzysten stellen einen häufigen Zufallsbefund bei der abdominalen Bildgebung dar, schlussfolgern die Autoren. Ihre 10-Jahres-Prävalenz beträgt im pädiatrischen Patientengut 2,2 %. Die meisten Zysten nehmen einen gutartigen Verlauf. Patienten mit einem Zystendurchmesser größer 15 mm, komplexen Zysten, einer familiären Belastung bezüglich polyzystischer Nierenerkrankungen sowie Patienten mit begleitenden urogenitalen Anomalien, so ihre Empfehlung, sollten langfristig überwacht werden.

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Singuläre Zyste links (7-jähriger Patient) (Quelle: Hoyer P, Vester U. Sonografische Kriterien. In: Deeg K, Hofmann V, Hoyer P, Hrsg. Ultraschalldiagnostik in Pädiatrie und Kinderchirurgie. 5. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2018).

Dr. med. Judith Lorenz, Künzell

Kommentar

Seitdem routinemäßigen Einsatz des Ultraschalls in der kinderurologischen Sprechstunde werden zunehmend singuläre Nierenzysten diagnostiziert, deren prognostische Bedeutung unklar ist. In der vorliegenden Studie untersuchen die Autoren den Langzeitverlauf bei Kindern von singulären Zysten im Ultraschall. Dabei wurden Kinder mit poly- und multizystischen Nieren ausgeschlossen. Die Autoren konnten bei knapp 1000 Kindern den Verlauf singulärer Zysten mit einem mittleren Followup von gut 5 Jahren dokumentieren.


Einfache Zysten


Dabei zeigte sich, dass bei einfachen Zysten die spontane Heilungsrate insgesamt bei 30 % liegt. Diese war umso höher, je jünger die Kinder und je kleiner die Zysten waren. Bei einem Cutoff von 15 mm war die spontane Heilungsrate bei 38 % für Zysten unter 15 mm und bei 18 % für Zysten über 15 mm.


Weniger als 1 % der einfachen Zysten veränderte sich mit der Zeit zu einer komplexen Zyste und nur 5 % aller Kinder mit Zysten entwickelten Symptome, unabhängig von der Größe.
Keine einfache Zyste entartete.


Komplexe Zysten


25 % der Kinder hatten komplexe Zysten, die spontane Heilungsrate war etwas geringer als bei den einfachen Zysten mit 25 %. Die komplexen Zysten waren tendentiell größer und wurden trotz ausgiebiger Diagnostik mit CT und/oder MRT häufiger chirurgisch freigelegt. Insgesamt war das Risiko der malignen Entartung bei knapp 2 %, dies waren klarzellige oder Transitionalzellkarzinome.


Aus diesen Langzeitverläufen empfehlen die Autoren die regelmäßige Ultraschallkontrolle über die gesamte Kindheit nur bei Kindern mit Zysten größer als 15 mm, komplexen Zysten oder positiver Familienanamnese für ARPKD.


Für Kinder mit einfachen Zysten unter 15 mm scheint eine Verlaufskontrolle nach 2 Jahren ausreichend.


Autorinnen/Autoren

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Dr. med. Silke Riechardt, Urologische Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf

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Publication History

Publication Date:
02 June 2020 (online)

© Georg Thieme Verlag KG
Stuttgart · New York


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Singuläre Zyste links (7-jähriger Patient) (Quelle: Hoyer P, Vester U. Sonografische Kriterien. In: Deeg K, Hofmann V, Hoyer P, Hrsg. Ultraschalldiagnostik in Pädiatrie und Kinderchirurgie. 5. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2018).
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Dr. med. Silke Riechardt, Urologische Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf