Zeitschrift für Komplementärmedizin 2020; 12(05): 35-37
DOI: 10.1055/a-1228-2063
Praxis
Akupunktur
© Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Der alte Mensch in der Akupunkturpraxis

Britta Wuttke
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Publication Date:
22 September 2020 (online)

 

Summary

Stützen und stärken lauten die Schlüsselwörterder chinesischen Medizin beim altenMenschen. Schlafstörungen, Herzschwäche, Schmerzen, aber auch Ängste und Schwächekönnen mit Akupunktur und Ernährung gelindertwerden. Die Funktionskreise Milzund Niere bilden die Basis der Behandlung.Die Autorin stellt bewährte Akupunkturpunktebei häufigen Beschwerden im Altervor, ergänzt durch Ernährungsempfehlungenauf der Grundlage der TraditionellenChinesischen Medizin.


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Abb. 1 Quelle: Kirsten Oborny/Thieme Group

Milz und Niere sind die Basis der Behandlung – Erfahrungen und Reflexionen aus langjähriger Praxis

Im hohen Alter beschwerdefrei zu sein ist ein Geschenk, das man sich z. T. selbst machen könnte. Am einfachsten durch die alltägliche Pflege eines verborgenen, vergessenen Sinnes – des FrohSinns, der im Herzen wohnt.

In der Natur, also ringsum, sehen wir Auftauchen – Wachsen – Blühen – Reifen – Altern – Verschwinden. Nur uns betrifft das nicht. „Mit Stöckelschuhen ins Alter“, lächelte Gawlik [1], der große Alte der Homöopathie.

Im Lenz unserer Jahre lockt die Märzsonne aus uns lustige Sommersprossen hervor – und nun sind der Sommer und der Spätsommer des Lebens vorbei. Nun, da wir den Lebensherbst genießen, beschenkt das Licht unsere Hände und Gesichter mit neuen Tupfen – den sogenannten Altersflecken. Und Alterswarzen obendrein. Zwischen diesen eigenartigen „Tätowierungen“ und seltsamen Auswüchsen verlief unser erinnerbares Leben.

Wir sinnieren nun: Wer bin ich? Was habe ich erreicht? Aus der Natur herausgelebt, hineingepfercht in Städte, jeder in seinem alltäglichen Hamsterrad, verleben (nicht erleben!) wir sogar Feiertage und Urlaube im Stress. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) weiß: Stress schädigt das Herz.

Jedwede Emotion, sagt Maciocia [2], [3], fließt durchs Herz, jede auch noch so klitzekleine. Er empfiehlt, den Punkt Herz 7, Shenmen (Tor des Geistes), in der Schmerzbehandlung nicht zu vergessen.

„Ich muss“, blickte eine Neunzigjährige unlängst auf die Uhr, – hatte sich auch ihr die Muße längst im Irgendwo verloren. Nein, niemand hat Zeit. Zeit ist Geld. Im Sandkasten war Bonbonpapier unser Geld. „Wo ist die Zeit nur geblieben?“, gucken wir einander an.

Zusammenfassung

Stützen und stärken lauten die Schlüsselwörter der chinesischen Medizin beim alten Menschen. Schlafstörungen, Herzschwäche, Schmerzen, aber auch Ängste und Schwäche können mit Akupunktur und Ernährung gelindert werden. Die Funktionskreise Milz und Niere bilden die Basis der Behandlung. Die Autorin stellt bewährte Akupunkturpunkte bei häufigen Beschwerden im Alter vor, ergänzt durch Ernährungsempfehlungen auf der Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin.

„Was soll ich denn noch?“ Und sie kriecht uns an, steigt auf, geht an die Nieren, die lähmende Angst. Die Urangst. Die Todesfurcht. Die Luftnot, das Herzklopfen, das Weh, der Schmerz. Verbittert (Herz), bange (Herz), hockt Mensch vergessen von aller Welt (Herz) in seiner Ecke. Und grollt. Leber-Gallenblase, weiß die TCM.

Ja, der alternde/alte Mensch bringt (schleppt? buckelt?) uns sein ganzes Leben in die Praxis mit hinein. Und es braucht ein gutes Gespräch (wie Hippokrates es ja verlangte), um zwischen Zipperlein und vielen Beschwerden die äußere/innere Leere sowie die noch vorhandenen Möglichkeiten und Kräfte zu erspüren. Dem Menschen sein weiteres sinnvolles Leben, trotz allem sein Lebensziel, entdecken zu helfen. Zu lernen helfen, tagtäglich mit Freude (Herz) aufzuwachen sowie gelassen (Lunge) und dankbar (Herz) abends einzuschlafen.

Wie der Sommer (Herz) die „Mutter“ des Spätsommers (Milz), des Erntedankfestes, genannt werden könnte, so kann Funktionskreis Herz, Lebensfreude, die „Mutter“ des Funktionskreises Milz-Magen sein, der da wiederum „Mutter“ von Lunge (Herbst) wäre. Diese dann „Mutter“ von Niere (Winter), welche „Mutter“ des Funktionskreises Leber (Frühling) ist, als dessen „Kind“ wiederum Herz (Sommer) zu bezeichnen wäre.

Was wir Organe nennen, sind in der TCM Funktionskreise.

Funktionskreis Milz

Und so erkennen wir in den Entsprechungen des Funktionskreises Milz-Magen den süßen Geschmack, verdauen, transformieren, assimilieren (wie die Mohrrübe so das zu Lernende), aber auch grübeln, sich sorgen, denken, Fürsorglichkeit, alles an seinem Platz halten. Wir finden hier Melancholie, sehen Yi, die „Vernunft“, auch Vorstellungskraft. Und wenn Milz geschwächt ist, zeigen sich möglicherweise eine gestörte Verdauung, Feuchtigkeit, Ödeme, Schleim, Tumore.

Singen Sie! – Singen stärkt Milz.

Aus dem modernen Wissen können wir Milz vermutlich auch das Bauchgehirn und das Mikrobiom zuschreiben.

Jede Störung beginnt im Funktionskreis Milz, sozusagen der Mitte, und endet – wenn tödlich – im Funktionskreis Niere, der Wurzel des Seins, des Atemholens, sagte man im alten China. Anders gesagt: Jede Störung beginnt aus der Ernährung. Folglich stützen wir die Milz.

Die Milz stützen und stärken

Akupunktur

Wir nadeln Ma 36, dessen Spitzname „Göttliche Gleichmut“ lautet, der uns stärken kann wie kein anderer Punkt, stechen Mi 6, in dem sich die Leitbahnen Milz + Niere + Leber kreuzen, mit dem wir also auch die 3 Funktionskreise erreichen, und akupunktieren z.B. KG 6, Qi Hai, Meer des Qi, der Kraft, die Leben schafft.

Ein schönes Tischgespräch, schöne Musik, schöne Erinnerungen – wir empfehlen, das Essen zu genießen.

Gerne nehme ich noch Lu 7, einen Lungenpunkt, der nicht nur eine direkte Verbindung zum Organ Lunge hat, auch zum Lungenpartner Dickdarm und über diesen bis hin zum LG 14, also zum Nacken; – den Nacken, das Drehen des Kopfes, behandelt Lu 7 mit, ebenso wie Lu 7 als Schlüsselpunkt des Ren Mai auch Blase beeinflusst. Punkt LG 14 tonisiert Mangelzustände, beeinflusst Kurzatmigkeit, nächtliches Schwitzen, „Schmerzen der hundert Gelenke“, eine steife Wirbelsäule, Schlaflosigkeit und mehr.

Sinnvoll ist Punkte von Herz und Perikard mitzunehmen, der „Mutter“ und „Amme“ von Milz und Magen.

Perikard schützt Herz vor Hitze; wir empfehlen seine Punkte besonders bei Fieber oder Sommerhitze, die alten Menschen ja so sehr zusetzt. Wir nadeln Pe 4, Pe 5 (diesen auch bei Speichelfluss nach Apoplex), Pe 6 im Falle von Störungen des Herzrhythmus, der Herzfrequenz. Gegen den zehrenden Nachtschweiß nadeln wir He 6, Dü 3 + LG 14.

Ernährung

Als milzstärkende Ernährung empfehlen wir Reissuppen aller Art, Hühnersuppe, Hirse; raten, vom Speiseplan Zucker, Kuhmilch, Kuhkäse, Milchschokolade, die großen, heutzutage modernen rohen Salate zu streichen. Wir kochen, das tun wir seit der Zähmung des Feuers. Das unterstützt Milz. Das Kauen tut es ebenso. Pürierte Speisen dennoch kauen, also durchspeicheln. Und wie empfehlen etwas Bitteres, das ist der Geschmack des Funktionskreises Herz, der „Mutter“. Früher trank man als Aperitif einen bittersüßen Wermutwein – heute Wasser, das den ach so nützlichen Magensaft unnützlich verdünnt.

Da Freude und Sprache im Herzen wohnen, empfehlen wir, das Essen zu genießen, ein schönes Tischgespräch, für Alleinstehende schöne Musik, schöne Erinnerungen; das Langzeitgedächtnis, Heimat, Kindheit, die „besonnte Vergangenheit“ (C. L. Schleich [4]) wohnt im Herzen.


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Funktionskreis Niere

Gleichfalls suchen wir den Funktionskreis Niere zu stärken. In ihm finden wir Haupthaar, Hören, Zähne, Knochen, Gehirn und Rücken – wie Knochenmark, die Wirbelsäule, das Kreuz, das Urogenitalsystem, die Sphincter, die Knie, finden die Angst, die Urangst! – aber auch das Urvertrauen und das Kurzzeitgedächtnis.

Patienten, die nicht lange stehen können, denen es „so gegen Abend“ schlechter geht, so zwischen 17 und 19 Uhr, haben eine Schwäche im Funktionskreis Niere.

Die Niere stützen und stärken

Akupunktur

Wir können aus der japanischen Akupunktur Ni 7 + Lu 8 stechen, Lu 8 beeinflusst zugleich auch Beschwerden der Fußsohlen. Oder wir wenden dieses TCM-Basismuster an: Yuan-Quellpunkt + Rücken-Shu-Punkt, für Niere also Ni 3 + Bl 23. Und unbedingt Bl 43, Gaohuangshu, den Transportpunkt zu allen Funktionskreisen, zu den Lebenszentren, einen Basispunkt in der Therapie chronisch kranker, ausgelaugter, geschwächter Patienten.

Die den Alltag so erschwerenden Rücken- und/oder Kreuzschmerzen behandeln wir gerne mit Ni 3, Ni 6, Bl 23, Bl 40, Bl 60, Bl 62. Die Knieschwäche mindern wir Niere stärkend. Um die Knieschmerzen zu beeinflussen nehmen viele Ohr. Ohrpunkte sind stets Fernpunkte und wirken sofort.

Ebenso nützlich sind auch andere Mikrosysteme: Yamamotos Neue Schädelakupunktur (YNSA), Siener (NPSO) bzw. ECIWO oder im Falle von Tremor die Tremorlinie der chinesischen Schädelakupunktur.

Empfehlen Sie Ihren Patienten, täglich die Ohrmuscheln zwischen Daumen und Zeigefinger zu massieren – hier punktuell wehtuende Stellen besonders oft zu reizen – und Sie werden sich freuen, was für Erfolge das zeitigen kann.

Ernährung

Für den Speiseplan raten wir bei Störungen des Funktionskreis Niere, Himalayasalz statt Industriesalz zu nutzen, empfehlen besonders Salzwasserfische, Algen, alle essbaren Samen (Sesam, Nüsse, Esskastanien), Wurzelgemüse, alles, was aus dem Wasser kommt und im Winter unter der Erde ist, sowie Eier, schwarze Bohnen, Schwarzwurzeln, schwarzen Rettich und erinnern daran, Süßes zu meiden.

Dazu gesundes, unbelastetes (kaum belastetes) Wasser.

Bei Herzbeschwerden nutzen wir die Erfahrungen der Universitätsmedizin, behandeln Funktionskreise Herz und Perikard eher nur unterstützend und begleitend.


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Funktionskreis Lunge

Funktionskreis Lunge wird durch Trockenheit und durch Trauer geschädigt. Wir können ihn unterstützen durch Nahrungsmittel mit scharfem Geschmack, z. B. Rettich, Zwiebel, Knoblauch. Ingwer stärkt als „Mutter“ zugleich Funktionskreis Niere. Bei Knoblauch und Ingwer denken wir natürlich daran, dass diese blutverdünnend wirken, weswegen wir Patienten mit z. B. Marku-marmedikation öfter kontrollieren.


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Funktionskreis Leber

Zum Funktionskreis Leber gehören im TCM-Denken das Sehen, die Augen, die Sehnen und die Muskelkraft, das Planen sowie Wut, Zorn, Grimm, aber auch die Freundschaft. Funktionskreis Leber lässt, wenn gesund, alles fließen. Ist er geschädigt, ist Leber verantwortlich für Stau, für jegliche Verspannungen, wirkt bei Verstopfung mit, greift zuweilen Milz und/oder Magen an, kann zu Hitzewallungen, erhöhtem Blutdruck und vielen weiteren Symptomen führen. Auch zu Migräne – ja.

Die Leber stützen und stärken

Akupunktur

Wir kombinieren gern Le 3 (bei Hitze Le 2, bluten lassen) mit Bl 18, Bl 47 und LG 20; aber auch Le 4 und Le 5.

Le 3 könnte man als Weichspüler der Seele bezeichnen.

Ernährung

In der Ernährung raten wir zu Natursaurem, zu Grünem, zu Sprießendem. Zu Süßsaurem, wenn Leber Milz-Magen angreift.


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Funktionskreis Herz

Schlafstörungen sind oft besonders quälend. Hier wenden wir uns grundsätzlich an den Funktionskreis Herz. Bedenken aber, dass alle anderen Funktionskreise miteinbezogen seien können, und wenden uns auch an diese.

Sehr viele Patienten leiden unter Störungen des Bewegungssystems. Hier ist es sinnvoll, den Kranken an sich selbst zeigen zu lassen, wo es wehtut – dies weist uns die Achse, zumeist die Yang-Achse bzw. -Achsen, bezieht die zeigende Hand zugleich die Ausstrahlung mit ein. Auf der gezeigten Achse nehmen wir Fernpunkte, wenn der Prozess chronisch ist, auch Nahpunkte hinzu. Fragen nach eventuellen Ursachen, besonders klimatischen, bitten, uns den Schmerz zu beschreiben, und stechen die entsprechenden Punkte. Und nadeln Ohr!

Perschke [5] riet, tendinomuskuläre Leitbahnen miteinzubeziehen.

Interessenkonflikt: Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte bestehen..


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Britta Wuttke

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Britta Wuttke
Berlin

[email protected]


Britta Wuttke, geb. 1940 in Swinemünde, hat an der Pommerschen Medizinischen Akademie in Stettin Medizin studiert und absolvierte dort ihre Facharztausbildung in Neurologie; Ausbildung in Neuropathologie an der polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Schriftstellerische Tätigkeit in Polen.


1981 Übersiedlung nach Berlin; ab 1981 zunächst Tutorin, später Dozentin der DÄGfA; Mitarbeit in der Praxis von Dr. Rolf von Leitner; Gastdozentin des Instituts für Traditionelle Chinesische und Integrative Medizin in Krakau/Polen.



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Abb. 1 Quelle: Kirsten Oborny/Thieme Group