Schlüsselwörter
Case Management - gesundheitsökonomische Evaluation - Fallmanagement - Care Management
- Kosten
Key words
Case management - cost and cost analysis - economic evaluation - geriatrics - managed
care
Einleitung
Zur nachhaltigen Überwindung der fragmentierten Versorgung im deutschen
Gesundheitswesen bedarf es sektorenübergreifender Ansätze, welche
regelhaft und bedarfsgerecht PatientInnen zur Verfügung gestellt werden
können. Zur Erprobung solcher Konzepte werden Projekte durchgeführt,
wobei einige auf Managed-Care-Methoden aufbauen: Case Management (CM) wird in
vielfältigen Kontexten erprobt [1]
[2]. CM versteht sich als ein am
Individuum orientiertes Unterstützen, Begleiten bzw. Lotsen von Personen in
komplexen Lebenslagen durch das Gesundheits- und Sozialwesen. Dabei wird
zunächst Hilfebedarf am konkreten Fall festgestellt, Unterstützung
geplant und umgesetzt sowie im letzten Schritt an definierten Zielen der Erfolg
überprüft. Auf regionaler Ebene wird die Vernetzung und Koordination
der Versorgung als Care Management, Netzwerk- bzw. Systemmanagement bezeichnet [3].
Ob Versorgungskonzepte nachhaltig im deutschen Gesundheitssystem angesiedelt werden
können, ist einerseits von der Akzeptanz der Nutzenden abhängig.
Dabei wird CM mit einer verbesserten Patientenzufriedenheit assoziiert [4]
[5].
Geschätzt wird aus der Sicht von PatientInnen und pflegenden
Angehörigen die psychosoziale Unterstützung, der Zugang zu
Gesundheitsleistungen sowie die Hilfe den Gesundheitsstatus betreffend [6]. Andererseits sollte eine
Versorgungsverbesserung erreicht werden. Aufgrund von chronischen Erkrankungen und
Multimorbidität kann bei älteren Personen ein
Unterstützungs- und Koordinierungsbedarf vorliegen, weshalb Case und Care
Management (CCM)-Interventionen in Deutschland bereits untersucht werden [5]. Für diese Population gibt es in
Deutschland u. a. Hinweise auf Mortalitäts- und
Morbiditätsverbesserungen, geringere Inanspruchnahme von stationärer
Versorgung und längere Verweildauern in der Häuslichkeit, obwohl
dies nicht eindeutig ist und daher keine Verallgemeinerung erfahren kann [5]. Eine gesicherte gesetzliche Finanzierung
kann zur Implementierung von CCM-Versorgungskonzepten in Deutschland entscheidend
sein. Braeseke et al. halten die Verankerung von PatientenlotsInnen im SGB V als
Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung für eine gangbare
Lösung [2]. Als ein Argument
für eine Finanzierung kann das Verhältnis von Wirksamkeit und Kosten
herangezogen werden. Systematische Übersichtsarbeiten zu
gesundheitsökonomischen Evaluationen deutscher Studien konnten zu
CCM-Interventionen bei älteren Populationen nach bestem Wissen der
Autorinnen nicht identifiziert werden. Daher leistet die vorliegende
Übersichtsarbeit einen Beitrag zur Literatur, indem sie untersucht, zu
welchen Ergebnissen gesundheitsökonomische Evaluationen von
CCM-Interventionen bei älteren Personen im Vergleich zur Standardversorgung
in Deutschland bisher kommen. Darüber hinaus wird zusammengestellt, welche
zukünftigen Untersuchungen hierzu durch laufende Innovationsfondsprojekte zu
erwarten sind.Methodik
Es wurden systematische und unsystematische Literaturrecherchen zu Publikationen der
letzten zehn Jahre durchgeführt. Das Verständnis von CCM folgt den
Definitionen der Deutschen Gesellschaft für Case Management (DGCC) [3]. Die Struktur dieses Reviews orientiert sich
am PRISMA-Berichtsleitfaden [7].
Primärstudien wurden Ende Juli 2021 systematisch über PubMed und
Livivo sowie durch eine unsystematische Handrecherche gesucht. Es wurden separate
Recherchen zu Case bzw. Care Management erstellt. Die Suchstrategien wurden ebenso
wie die Fragestellung an das PICO-Schema angelehnt [8], wobei dem Komparator keine Suchtermini zugeordnet wurden. Daher
wurden drei Blöcke mit Suchbegriffen gebildet: (I.) ältere,
geriatrische Population, (II.) Case bzw. Care Management und (III.)
gesundheitsökonomische Evaluation. Die Suchbegriffe und ihre Synonyme wurden
innerhalb der Blöcke mit dem booleschen Operator OR verknüpft und
die Blöcke untereinander mit AND kombiniert. In Livivo wurde die Suche auf
die Datenbanken BASE, ECONBIZ, EZB, Katalog ZB MED, PSYNDEX und die Verlagsdaten
beschränkt. Die vollständige Suchstrategie der systematischen
Recherche inklusive applizierter Filter ist im Appendix (Zusatzmaterial,
online) verfügbar.
Für die Handrecherche wurden relevante Übersichtsarbeiten [2]
[5]
[9] inklusive deren
Referenzlisten, die Zusammenfassungen von Artikeln der vergangenen Jahre des
Monitor Versorgungsforschung sowie Publikationen und Projektbeteiligungen
einschlägiger ExpertInnen bzw. Institutionen durchsucht. Weiterhin wurden
Publikationen basierend auf den von Ex et al. gelisteten Innovationsfondsprojekten
[1] im Web recherchiert.
Die Treffer wurden mithilfe der Titel und Zusammenfassungen und anschließend
im Volltext manuell gescreent. Eingeschlossen wurden Studien mit folgenden
Merkmalen: vergleichende Primärstudien, eine patientenzentrierte
Intervention steht im Vordergrund, die Intervention überbrückt
mindestens zwei Sektoren, es handelt sich um eine Case- oder
Care-Management-Intervention nach (DGCC) [3],
die deutsche Population ist mindestens 60 Jahre alt, die Intervention wird
evaluiert, indem Kosten und Nutzen sowie deren Relation abgebildet wird.
Studien, bei welchen die Einschlusskriterien nicht zutrafen, welche älter als
zehn Jahre waren, in anderen Sprachen als Deutsch oder Englisch publiziert wurden
oder bei welchen kein Volltextzugriff möglich war, wurden ausgeschlossen.
Bezüglich der Datengrundlage der ökonomischen Evaluation wurden
keine Einschränkungen vorgenommen, um ein vollständiges Bild der
verfügbaren Studienlage zu erhalten. Die Entscheidung über den
Einschluss der Treffer erfolgte durch eine erfahrene wissenschaftliche
Mitarbeiterin.
Die Bewertung der Berichtsqualität der eingeschlossenen Evaluationsstudien
wurde anhand des CHEERS-Leitfadens [10]
manuell vorgenommen. Für jede Studie wurde jedes Item als erfüllt,
teilweise erfüllt oder unerfüllt bewertet. Diesen Zuständen
wurden die Punktwerte 1, 0,5 bzw. 0 zugeordnet. Der Anteil der vergebenen Punktwerte
vom maximal erreichbaren Punktwert wurde berechnet und als Berichtsqualität
interpretiert. Es erfolgte keine Bewertung der Studienqualität.
Primärer Endpunkt des Reviews sind die Kosteneffektivität bzw. die
Kosten- und Wirksamkeitsmessungen der Studien. Aus den Studien wurden
Basisinformationen zur Datengrundlage, Eckdaten der gesundheitsökonomischen
Analyseform und ihren Ergebnissen sowie Schlussfolgerungen der AutorInnen manuell
extrahiert. Die Auswertung der extrahierten Informationen erfolgte aufgrund der
wenigen, heterogenen Studien deskriptiv mit einer narrativen Synthese.
Ergebnisse
Die systematische Recherche und die Handrecherche ergaben 1582 bzw. 58 Treffer, wovon
111 Artikel im Volltext gescreent wurden ([Abb.
1]). Es konnten fünf Studien in den Review eingeschlossen werden,
welche sich Care Management [11]
[12] bzw. Case Management (CM) [13]
[14]
[15] zuordnen.
Abb. 1 PRISMA-Flussdiagramm zur Studienidentifikation (Moher D,
Liberati A, Tetzlaff J, Altman DG, The PRISMA Group (2009). Preferred
Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses: The PRISMA
Statement. PLoS Med 6(7): e1000097. doi:10.1371/journal.pmed1000097).
Bezogen auf die empfohlenen Items des CHEERS-Leitfadens wird die
Berichtsqualität der Studien insgesamt als gut bis sehr gut bewertet.
Mostardt et al. [13], welche als Einzige auf
Deutsch berichten, erreichen knapp 73% der möglichen Punkte. Die
übrigen vier Publikationen erreichen einen Anteil zwischen 89 und
93% der möglichen Punkte ([Tab.
1]). Kleinere Defizite in der Berichterstattung bestehen bei der
Begründung von Methodennutzung. Weiterhin ist nicht ersichtlich, welche
Relevanz die gesundheitsökonomische Analyse für ein Projekt oder
eine potentiell zu treffende Entscheidung besitzt. Eine vollständige
Darstellung der Bewertung pro CHEERS-Item und Studie, inklusive zu
Interessenskonflikten und Finanzierungsquellen, ist im Appendix (Zusatzmaterial,
online) einsehbar.
Tab. 1 Bewertung der Berichtsqualität anhand des
CHEERS-Leitfadens.
|
Grochtdreis et al. 2019 [11]
|
Michalowsky et al. 2019 [12]
|
Mostardt et al. 2012 [13]
|
Seidl et al. 2015 [14]
|
Seidl et al. 2017 [15]
|
|
Summe der erreichten Punkte
|
19,5
|
20
|
14,5
|
19,5
|
20,5
|
|
Maximal erreichbare Punkte
|
22
|
22
|
20
|
22
|
22
|
|
Anteil der erreichten Punkte
|
88,6%
|
90,9%
|
72,5%
|
88,6%
|
93,2%
|
Vier Studien basieren auf Daten einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT)
[11]
[12]
[14]
[15], wobei es sich bei zwei Studien um eine
Ein- bzw. Drei-Jahres-Analyse derselben RCT handelt [14]
[15]. Die fünfte
eingeschlossene Untersuchung evaluiert die Ergebnisse einer prospektiven
Beobachtungsstudie mit gematchten Kontrollgruppen auf Grundlage von
Krankenkassendaten [13]. Im Fokus stehen
CCM-basierte Interventionen für Depressionen [11], Demenz [12]
[13] sowie akute Herzinfarkte
[14]
[15] im Vergleich zur Regelversorgung. Die Studien sind in
ländlich und städtisch geprägten Räumen in
Deutschland angesiedelt. Eine Übersicht der grundlegenden Informationen
befindet sich im Appendix (Zusatzmaterial, online).
Es handelt sich ausschließlich um Kosten-Wirksamkeits-Studien, wobei vier der
fünf Studien die Wirksamkeit als Nutzwert über
qualitätsadjustierte Lebensjahre (QALYs) messen ([Tab. 2]) [11]
[12]
[14]
[15].
Ressourcenverbräuche wurden als aggregierte Gesamtkosten sowie in separaten
Kostenpositionen ausgewiesen. Drei Analysen sind aus gesellschaftlicher Perspektive
[11]
[14]
[15], zwei Studien aus
Kostenträgerperspektive [12]
[13] erstellt worden. Sie umfassen einen
Zeithorizont von einem [11]
[13]
[14],
zwei [12] bzw. drei [15] Jahren. Bei Zeithorizonten von mehr als 12
Monaten wurden Diskontierungsraten von 3% [15] bzw. 5% [12] genutzt.
Die Analysen basieren durchschnittlich auf einer Studienpopulation von knapp 280
Personen.
Tab. 2 Daten zur gesundheitsökonomischen Evaluation.
|
Autor, Jahr, Nachweis
|
Größe Studien-population
|
Größe IG
|
Größe KG
|
Studien-form
|
Datengrundlage Evaluation
|
Perspektive
|
Zeitraum
|
Gesundheitsökonomische Endpunkte
|
|
Grochtdreis et al. 2019 [11]
|
248
|
139
|
107
|
CEA/CUA
|
Cluster-RCT, PHQ-9, EQ-5D, FIMA
|
Gesellschaft
|
12 Monate
|
Effektivität: Depressionsfreie Tage, QALY Kosten:
Gesamtkosten
|
|
Michalowsky et al. 2019 [12]
|
444
|
315
|
129
|
CEA/CUA
|
Cluster RCT, SF-12, Interviews, Resource Utilization in Dementia
Fragebogen
|
Kostenträger
|
24 Monate
|
Effektivität: QALY, Kosten: Gesamtkosten
|
|
Mostardt et al. 2012 [13]
|
114
|
38
|
76
|
CEA
|
Daten von 4 Krankenkassen; Dokumentation der
Netzwerkverwaltung
|
Kostenträger
|
12 Monate
|
Effektivität: Zeit in häuslicher Umgebung in
Monaten, Kosten: Gesamtkosten
|
|
Seidl et al. 2015 [14]
|
329
|
161
|
168
|
CEA/CUA
|
RCT, EQ-5D, Telefoninterviews, Tagebuch, Verwaltungsunterlagen
|
Gesellschaft
|
12 Monate
|
Effektivität: QALY, Kosten: Gesamtkosten
|
|
Seidl et al. 2017 [15]
|
269
|
131
|
138
|
CEA/CUA
|
RCT, EQ-5D, Telefoninterviews, Tagebuch,
Verwaltungsunterlagen
|
Gesellschaft
|
36 Monate
|
Effektivität: QALY, Kosten: Gesamtkosten
|
[Tabelle 2]: IG: Interventionsgruppe,
KG: Kontrollgruppe, CEA: Kosten-Wirksamkeits-Analyse, CUA:
Kosten-Nutzwert-Analyse, RCT: Randomisierte, kontrollierte Studie, QALY:
qualitätsadjustierte Lebensjahre.
Die eingeschlossenen Studien zeigen gemischte Ergebnisse hinsichtlich Wirksamkeit,
Kosten und deren Relation ([Tab. 3]). Die
Kosten der Interventionsgruppen verringerten sich in vier von fünf Studien
[11]
[12]
[14]
[15] im Vergleich zu den Kontrollgruppen und
stiegen in einer [13], jeweils ohne
statistisch signifikanten Unterschied bezüglich der (adjustierten, soweit
berichtet) Gesamtkosten. CCM führt in drei von vier Studien zu einer
geringfügigen absoluten Verbesserung der QALYs [11]
[12]
[15], wobei sich in der
1-Jahres-Analyse zum akuten Herzinfarkt die gesundheitsbezogene
Lebensqualität noch geringfügig verschlechterte [14], ebenfalls jeweils ohne statistische
Signifikanz. Effektmaße abseits der Lebensqualität, wie die
depressionsfreien Tage [11] und die Zeit in
der Häuslichkeit bei Demenz [13]
verbesserten sich in Relation zur Kontrollgruppe statistisch signifikant. Mit CM bei
Demenz wurde weiterhin eine Kosten-Effektivitätsrelation von 41€ pro
zusätzlichem Monat in der Häuslichkeit errechnet [13], während die
Care-Management-Intervention bei Demenz die Regelversorgung dominierte
(d. h. weniger inkrementelle Kosten pro zusätzlichem QALY aufwies)
[12]. Letzteres war bei Depression [11] sowie für CM in der
3-Jahres-Analyse bei akutem Herzinfarkt [15]
ebenfalls errechnet worden, wobei die Unterschiede wie oben beschrieben nicht
signifikant ausfielen und die Wahrscheinlichkeit einer Kosteneffektivität
bei angenommener gesellschaftlicher Zahlungsbereitschaft von 40.000€ pro
QALY von knapp 50% [11] bis hin zu
88% [12] reichte.
Tab. 3 Ergebnisse der ökonomischen Studien.
|
Autor, Jahr, Nachweis
|
Quantifizierung Kosten
|
Quantifizierung Wirksamkeit
|
Verhältnis Kosten-Wirksamkeit/ICER
|
Schlussfolgerungen der Autoren
|
|
Grochtdreis et al. 2019 [11]
|
IG: 6105€, KG: 6415€
|
Depressionsfreie Tage: IG: 207; KG: 186
QALY: IG:0,57; KG: 0,56
|
“Both, the unadjusted ICER for an additional DFD and for
an additional QALY showed dominance (less costs, more health
effects) of the IG compared with the CG. The unadjusted mean
total costs were significantly lower in the IG
(−€314; p=0.049, 95% CI
−€627 to −€2) and the unadjusted
mean DFD (+6.45; p=0.588; 95% CI 16.92
to 29.83) and QALY (+0.00; p=0.999; 95%
CI 0.07 to 0.07) were both not significantly different between
IG and CG. The adjusted probability for cost-effectiveness of
GermanIM-PACT at a WTP of €0 per additional
DFD/QALY was 35%. The adjusted probability for
cost-effectiveness was 80%, 90% or 95%
if WTP per additional DFD
was≥€70,≥€110
or≥€180, respectively”
|
“According to the results of this study, the
collaborative treatment was effective relative to TAU by means
of a significant increase in DFD, whereas the difference in
societal costs was not significant. However, GermanIMPACT did
not prove to be cost-effective with certainty (in
terms of a 95% probability), unless societal WTP for an
additional DFD was €>=180.”
|
|
Michalowsky et al. 2019 [12]
|
Inkrementelle Kosten: −569€
|
Inkrementelle QALYs:+0,049
|
“Incremental QALYs (0.049; 95%CI
−0.04–0.135) and costs (−569€;
95% CI −5466€–4328€)
favored the DCM, indicating that the DCM was likely to be more
effective and less costly. The probability of the DCM being
cost-effective was 56% at 0€ WTP. The
probability increased to 88%, 95%, and
98% at a WTP of 40,000€, 80,000€, and
160,000€ per QALY gained, respectively. ”
|
“DCM is likely to be a cost-effective strategy in
treating dementia and thus beneficial for public health-care
payers and patients, especially for those living
alone.”
|
|
Mostardt et al. 2012 [13]
|
Gesamtkosten
IG: 1408,73€; KG: 1292,18€
|
Zeit in häuslicher Umgebung
IG: 16,14 Monate; KG: 12,2 Monate
|
„Im Basisfall ergeben sich Mehrkosten von 41 EUR je
zusätzlichen Monat in häuslicher Umgebung. Im
Rahmen der Sensitivitätsanalyse unter der Annahme
höherer durchschnittlicher Kosten für das
Fallmanagement resultiert eine inkrementelle
Kosteneffektivitätsrelation von 53 EUR je
zusätzlichen Monat in häuslicher
Umgebung.“
|
„Die ersten Berechnungen zur Kosteneffektivität
deuten darauf hin, dass Case-Management eine
kosteneffektive Intervention darstellt. Es besteht
jedoch die dringende Notwendigkeit weiterer Untersuchungen in
Deutschland mit einer größeren Fallzahl und
einem längeren Beobachtungszeitraum.“
|
|
Seidl et al. 2015 [14]
|
Adjustierte Kostendifferenz: −17,61€
|
Inkrementelle QALYs: −0,0163
|
“For cost-utility analysis, both costs
(−€17.61) and effects (−0.0163 QALYs)
were lower in the intervention group; therefore, the ICER
(€1,080/QALY) represents the savings per
additional QALY lost.”
|
“In conclusion, the KORINNA study failed to show
that the case management intervention was an effective and
cost-effective alternative to usual care within a time horizon
of 1 year.”
|
|
Seidl et al. 2017 [15]
|
Inkrementelle Kosten ohne Diskontierung:
−2575€
Mit 3% Diskontierung: −2509€
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Inkrementelle QALYs ohne Diskontierung:+0,0295;
mit 3% Diskontierung:+0,0268
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“Because costs were lower(–€2576;
P=0.2968) and QALYs were higher (0.0295;
P=0.7568) in the intervention group and differences
remained stable after applying a discount rate of 3% ,no
ICER was calculated. […] Fifty-three percent of the
bootstrap observations were located in the southeast quadrant of
the CE plane”
|
“The case management KORINNA was cost-neutral and led to
an important and significant improvement in health status among
survivors. It was associated with higher QALYs and lower
costs within a time horizon of 3 years but the
differences in costs and QALYs were not statistically
significant “
|
[Tabelle 3]: IG: Interventionsgruppe,
KG bzw. CG: Kontrollgruppe, QALY: qualitätsadjustierte Lebensjahre,
ICER: Inkrementelles Kosten-Wirksamkeits-Verhältnis, DFD:
depressionsfreie Tage, CI: Konfidenzintervall, DCM: Dementia Care
Management, WTP: Zahlungsbereitschaft, CE: Kosten-Wirksamkeit; Hinweis:
Hervorhebungen in fetter Schrift in den Zitaten wurden zur besseren
Übersichtlichkeit von den Autoren dieses Reviews ergänzt
und sind nicht Teil des Originaltextes.
Limitiert werden die Studien durch eine eingeschränkte Generalisierbarkeit
der ermittelten Ergebnisse bedingt durch die Datengrundlage, zumeist einer RCT.
Weiterhin werden potentiell ergebnislimitierende Selektionseffekte bei der Auswahl
der Studienteilnehmenden dieser RCTs diskutiert.
Diskussion
Bisher sind nur wenige ökonomische Analysen von CCM-Interventionen in
älteren Populationen in Deutschland verfügbar. Diese ergeben kein
eindeutiges Bild hinsichtlich der Frage, ob CCM-Interventionen im Vergleich zur
Regelversorgung nachweisbare Vorteile in Bezug auf das Verhältnis von
patientenzentrierten Endpunkten und Ressourcenverbräuchen erreichen
können. Es besteht weiterer zielgruppenspezifischer und
gesetzbuchübergreifender Forschungsbedarf. Die derzeitige Studienlage
lässt daher keinen Schluss zu, ob CCM aus gesundheitsökonomischer
Perspektive als Versorgungsinstrument Anwendung finden sollte.
Die Wirksamkeit von CM bei Langzeiterkrankungen ist in Reviews aus Reviews
synthetisiert worden. Während sich CM bei Patientenzufriedenheit und
Leitlinien-Adhärenz von Verschreibungen als konsistent effektiv erweist,
kann für klinische und funktionelle Endpunkte nur eine niedrige Konsistenz
der Evidenzlage aufgezeigt werden. Bezüglich einer verbesserten
Lebensqualität durch CM ergibt sich wie in der vorliegenden Arbeit eine
widersprüchliche Evidenzlage. Ressourcenverbräuche erreichen
ebenfalls nur eine niedrige Konsistenz; mit Ausnahme der Hospitalisierungsraten, bei
denen mit hoher Konsistenz kein Effekt von CM festgestellt werden kann [4]. Ein anderer Review aus Reviews zu
chronischen Erkrankungen konnte Hinweise auf positive Einflüsse von CM auf
die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und Kosten konstatieren, wobei
gemischte Ergebnisse einzelner Reviews zugrunde liegen [16]. Ebenso wird in einem Review aus Reviews
zum Einfluss von integrierten Versorgungsmodellen bei chronischen Erkrankungen auf
die Krankenhausinanspruchnahme nur bei zwei von acht Reviews zu CM ein positiver
Einfluss aufgezeigt, während sechs von acht gemischte oder keine
signifikanten Ergebnisse synthetisieren [17].
Limitationen ergeben sich hinsichtlich der eingeschlossenen Literatur, welche
wissenschaftlich publizierte Volltextartikel enthält, die in den
durchsuchten Datenbanken gelistet waren. Zusammenfassungen, Posterbeiträge
und graue Literatur konnte nicht berücksichtigt werden, obwohl Berichte von
CCM-Studien in nationalen Gutachten auch als graue Literatur veröffentlicht
wurden [5]. Um dem regen Austausch der
deutschen Fachwelt der Versorgungsforschung Rechnung zu tragen, wurde der Monitor
Versorgungsforschung der Handrecherche hinzugefügt.
Es könnten durch die systematische Recherche v. a. in PubMed nur ein
Anteil der relevanten Treffer identifiziert worden sein. Aufgrund der hohen
Trefferzahl von initial über 15 000 Treffern bei Care Management
wurde die Suchstrategie mehrmals überarbeitet. Die finale Suchstrategie
inklusive der Filter ist im Appendix (Zusatzmaterial, online) zu finden.
Studien bleiben möglicherweise unberücksichtigt, weil die Begriffe
rund um CCM im deutschen Versorgungskontext uneinheitlich bzw. abweichend von der
Definition der DGCC verwendet werden, wie auch Gärtner et al. feststellen
[5]. Die Beurteilung der Eignung auf
Einschluss wird dabei umso konfliktreicher, je weniger Informationen über
die Intervention und dessen Studie vorliegen, z. B. bei fehlenden
Studienprotokollen.
Zur Beurteilung des Erfolgs und einer Weiterführung von neuen
Versorgungskonzepten unter Nutzung von CCM ist eine Betrachtung des Nutzens im
Verhältnis zu den Kosten von Vorteil. Einige CCM-Projekte der letzten Jahre
haben bislang keine veröffentlichte ökonomische Analyse erfahren
(vergleiche z. B. die CM-Projekte in Gärtner et al. [5]). Aus Transparenzgründen und zur
Weiterentwicklung der Versorgungsqualität ist jedoch die
Veröffentlichung von Projektresultaten unabdingbar. Ein Grund für
fehlende veröffentlichte Ergebnisse kann das Vorliegen statistisch
nicht-signifikanter Ergebnisse sein [18].
Letztere werden durch die Ausrichtung der statistischen Power einer RCT auf
primäre klinische statt sekundäre gesundheitsökonomische
Endpunkte begründet [11]. Hier
könnten zukünftig Zwischenanalysen während der Laufzeit
einer Interventionsstudie einen Hinweis auf frühzeitige Maßnahmen
geben, welche die statistische Power für diese Endpunkte erhöhen
können, sofern das Studiendesign dies zulässt [19].
Die Ergebnisse der systematischen Recherche suggerieren einen weiteren
Forschungsbedarf von gesundheitsökonomischer Evidenz bei CCM in der
älteren Bevölkerung im deutschen Versorgungssystem. Durch den
Innovationsfonds werden viele Konzepte unter Nutzung von CCM erprobt, welche in den
kommenden Jahren neue Evidenz erwarten lassen. Im zusätzlichen Material
finden Sie eine Tabelle mit zukünftig zu erwartenden Ergebnissen
gesundheitsökonomischer Studien bei derzeit laufenden
Innovationsfondsprojekten.
-
Case und Care Management (CCM) ist im Vergleich zur Routineversorgung in
Populationen über 60 Jahren in Deutschland bisher selten
gesundheitsökonomisch analysiert worden.
-
Die gesundheitsökonomischen Ergebnisse zeichnen kein eindeutiges
Bild für CCM in Bezug auf patientenbezogene Endpunkte und
Kosten. Hinweise, dass CCM bei älteren multimorbiden
PatientInnen Nutzen stiftet, sollten weiter validiert werden.
-
Eine standardisierte Dokumentation soll im Versorgungsalltag die
Erfassung von patientenbezogenen Endpunkten und der Kostenstruktur
unterstützen, sodass die Verbesserung der
Versorgungsqualität hinsichtlich multimorbiden Personengruppen
festgestellt werden kann.
-
Resultate zurzeit erprobter CCM-Konzepte, beispielsweise von derzeit laufenden
Innovationsfondsprojekten, sollten im wissenschaftlichen Kontext
veröffentlicht werden, um die Evidenzsituation zu verbessern.