PSYCH up2date 2023; 17(03): 167-168
DOI: 10.1055/a-2048-4621
Editorial

Ist Psychotherapie Alternativmedizin?

Falk Kiefer

Betrachtet man die Definition von Medizin, so stimmen sowohl die wissenschaftlichen als auch die allgemeinbildenden Wörterbücher mit dem überein, was auch bei Wikipedia zu finden ist: (Human-)Medizin ist die Wissenschaft der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten oder Verletzungen des Menschen. Im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin gilt es zu ergänzen, dass die Wirksamkeit medizinischer Interventionen wissenschaftlich nachgewiesen werden muss, also rein subjektive Einschätzungen zur Wirksamkeit bestimmter Interventionen nicht unter den Begriff der Medizin fallen; z.B. „alternativmedizinische“ Verfahren wie die die Homöopathie oder der Schamanismus.

Unter den Begriff der Medizin fällt also „die Wissenschaft vom gesunden und kranken Organismus des Menschen, von seinen Krankheiten, ihrer Verhütung und Heilung“ (Duden). Dies können chirurgische und orthopädische Interventionen sein, Medikamente inkl. Phytotherapeutika, Physiotherapie, Tinkturen und selbstverständlich auch Psychotherapie. Psychotherapie ist Teil der evidenzbasierten Medizin, weshalb viele evidenzbasierte psychotherapeutische Verfahren in den Leitlinien zur Behandlung psychischer Erkrankungen empfohlen und von den Kostenträgern erstattet werden.

Warum dann Thema und Titel dieses Editorials?

Gerade in den Leitlinienprozessen musste ich mehrfach erfahren, dass es psychologische PsychotherapeutInnen ablehnten, die Psychotherapie im Bereich der Medizin wiederzufinden. Empfehlungen in Leitlinien adressieren oft unterschiedliche Handlungsfelder und Professionen: zum Beispiel, dass in die Behandlung neben medizinischen Interventionen auch die soziale Arbeit oder Pflege einbezogen werden sollte. Aus dem Kreis jener psychologischen PsychotherapeutInnen kam in solchen Fällen die Forderung, die Psychotherapie zusätzlich zu erwähnen; also zu schreiben: im Bereich der Medizin, der Psychotherapie, der sozialen Arbeit und der Pflege. Die Rückmeldung entstammte offensichtlich einem neuerlich gewachsenen und abgrenzenden Berufsverständnis, dass die Medizin die Psychotherapie nicht umfasse. Die Rückmeldung, dass Psychotherapie ein Teil der Medizin sei, ebenso wie Pharmakotherapie, Krankengymnastik, Chirurgie oder Diätetik und auch diese nicht einzeln Erwähnung finden würden, wurde in der Regel nicht akzeptiert. Eine Pharmakotherapie, ein Herzkatheter oder Physiotherapie wäre eine medizinische Intervention, eine Psychotherapie nicht.

Mit diesem Eindruck suchte ich das Gespräch mit einem berufspolitisch zentral engagierten psychologischen Psychotherapeuten. Im Gegensatz zu meiner Erwartung, dass er meiner Einschätzung folgen und die Psychotherapie klar als Teil der evidenzbasierten Medizin definieren würde, vertrat er das Gegenteil. Medizin sei ärztliches Handeln, Psychotherapie sei psychologisches Handeln. Den Hinweis, dass auch ÄrztInnen PsychotherapeutInnen sein könnten, wischte er ebenso vom Tisch („die Psychologie ist die Mutter der Psychotherapie“), wie die ebenso oben erwähnten anderen nicht-ärztlichen medizinischen Interventionen. Im Gegenteil verstand er die Zuordnung der Psychotherapie in den Bereich der Medizin als (unbotmäßige) ärztliche Eingemeindung der psychologischen Psychotherapie.

Mein Einwand, dass, falls die Psychotherapie nicht zur Medizin zähle, sie wohl zur Alternativmedizin zählen müsse, fand er bestenfalls kurios. Auf meine Frage, was denn psychotherapeutisch tätige ÄrztInnen tun würden, wenn sie nicht Medizin betrieben, stellte er klar, dass ÄrztInnen für die Medizin zuständig wären (Medikamente sind Medizin), sich auch gerne mit dem Mäntelchen der Psychotherapie schmücken würden, aber eben keine (echten) PsychotherapeutInnen seien.

Leider wurde offensichtlich, dass die politischen Diskussionen, die zur Etablierung des Direktstudiengangs Psychotherapie führten, Spuren der Spaltung innerhalb unserer Profession hinterlassen haben. In den klinischen Beispielen des psychotherapeutischen Kollegen wurde klar, dass sein Narrativ durch die stationäre Psychiatrie und Psychotherapie geprägt war, in der aus seiner Sicht keine „richtige Psychotherapie“ stattfände. Würden PsychologInnen PatientInnen in der Notaufnahme anders behandeln? „Natürlich!“; Leitlinien hin oder her.

Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig, die Psychotherapie als gleichwertige medizinische Intervention mit allen anderen medizinischen Interventionen wahrzunehmen. Die sprachliche Ausgrenzung aus dem Bereich Medizin würde sich unterscheiden von anderen medizinischen Interventionen und zu etwas machen, was jenseits (oder alternativ) zur Medizin verabreicht werden kann; genau das wird der Bedeutung und Stellung der evidenzbasierten Psychotherapie nicht gerecht.

Die Weiterentwicklung unseres Faches wird dazu führen, dass perspektivisch sowohl psychologische PsychotherapeutInnen und ÄrztInnen für Psychiatrie und Psychotherapie gleichberechtigt Menschen mit psychischen Erkrankungen behandeln werden. Es ist zu erwarten, dass psychologische PsychotherapeutInnen in einer akuten Krise mit PatientInnen ebenso leitlinienorientiert umgehen, wie ein Arzt bzw. ärztlicher Psychotherapeut dies in der Postakutphase tut. Solange sich aber die „psychologische Psychotherapie“ auf bestimmte Patientengruppen und Erkrankungsphasen orientiert und andere Patientengruppen der „Psychiatrie und Psychotherapie“ zugeordnet werden, entsteht der fälschliche Eindruck, als habe man unterschiedliche Zugangswege zu den gleichen Krankheitsbildern.

Dies sollten wir kritisch hinterfragen. Wir sollten die berufspolitisch eingeschlagenen Gräben überwinden und alle Berufsgruppen, die medizinisch arbeiten, gleichberechtigt und mit gleicher Wertschätzung in die evidenzbasierte Behandlung einbinden, denn Psychotherapie ist keine Alternativmedizin, sondern integraler Bestandteil der evidenzbasierten medizinischen Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
08. Mai 2023

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