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DOI: 10.1055/a-2639-7539
Kommentar zum Leserbrief

Organerhaltende Therapieverfahren haben beim Peniskarzinom in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen, da neben onkologischer Sicherheit der gleichzeitige Erhalt von Funktion und Lebensqualität zunehmend in den Fokus rückt [1]. Mit der jüngst in Annals of Surgical Oncology publizierten populationsbasierten Studie von über 1200 Patienten bietet Jannello et al. eine wertvolle Grundlage für die Diskussion der Therapieoptionen beim organbegrenzten Plattenepithelkarzinom des Penis (T1aN0M0) [2]. Basierend auf vergleichbaren 10-Jahres-krebsbedingten-Mortalitätsraten (CSM) nach organerhaltenden Therapieverfahren (12,4%) sowie partieller Penektomie (13,5%) unterstützen die aktuellen Beobachtungen von Jannello et al. die Empfehlung, organerhaltende Therapieverfahren in geeigneten Fällen als Alternative zu radikaleren chirurgischen Eingriffen im frühen Stadium des Peniskarzinoms in Betracht zu ziehen. Besonders hervorzuheben ist, dass Jannello et al. bewusst die krebsspezifische Mortalität (CSM) und nicht die Gesamtmortalität (OM) als primären Studienendpunkt wählten [2]. Dies ist methodisch wichtig, da bei Überlebensanalysen von Patienten mit lokalisierten invasiven Peniskarzinomen die Verwendung der OM statt der CSM – wie in früheren Studien häufig geschehen – zu erheblichen Verzerrungen der Ergebnisse führen kann, da der Großteil der Todesfälle durch andere Ursachen und nicht krebsbedingt war [2] [3].
Wie in der vorliegenden Arbeit gezeigt, ermöglichen populationsbasierte Datenregister wie das Surveillance, Epidemiology, and End Results Program (SEER) Analysen zu seltenen Erkrankungen, langfristigen Trends und der Versorgungsrealität außerhalb klinischer Studien (Real-World-Evidenz) [4]. Analysen basierend auf populationsbasierten Registern zeichnen sich insbesondere durch deutlich größere Fallzahlen im Vergleich zu Single- oder Multicenterstudien aus. Hierdurch sind Analysen von Subgruppen möglich, für die in klinischen Studien oft nicht genügend Patienten rekrutiert werden können. Diesen Stärken stehen die von May et al. ausführlich diskutierten Schwächen gegenüber. Zu den wesentlichen Limitationen zählen das retrospektive Studiendesign und die begrenzte Verfügbarkeit detaillierter klinischer Informationen. Aspekte, die gerade bei genitaler Tumorchirurgie entscheidend sind wie Komorbiditäten, funktionelle Langzeitergebnisse und patientenbezogene Lebensqualität stehen in der aktuellen Version der SEER-Datenbank leider nicht zur Verfügung. Zudem fehlt eine zentrale pathologische Begutachtung wie sie in modernen klinischen Studien üblich ist. Auch frühere onkologische Endpunkte wie die Raten von Lokalrezidiven, Salvage-Therapien oder Metastasierungen sind nicht erhoben. Darüber hinaus stellt die Erfassung der operativen Verfahren in der SEER-Datenbank eine zentrale Limitation dar. Lokale Therapieverfahren werden über eine Vielzahl unterschiedlicher Codierungsziffern (Surgery Codes 10–27) abgebildet, wohingegen der Surgery Code 30 sämtliche Eingriffe zusammenfasst, bei denen lediglich ein Teil des Penis reseziert wird [4]. Eine differenzierte Betrachtung und Analyse spezifischer Verfahren wie die Zirkumzision, die Glansektomie, das Glans-Resurfacing oder die partielle Penektomie wie sie basierend auf aktuellen Leitlinienempfehlungen notwendig wäre, ist somit zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich [1]. Neben den operativen Therapieverfahren stellt die primäre Radiotherapie des Peniskarzinoms eine weitere Therapieoption für selektierte Patienten dar [1]. Für den Therapievergleich mit der primären Radiotherapie verweisen wir auf die separate Publikation unserer Arbeitsgruppe [5].
Trotz der Limitationen beim Vergleich unterschiedlicher Therapieoptionen beim lokalisierten invasiven Peniskarzinom bieten Analysen basierend auf populationsbasierten Registern wertvolle Einblicke in reale Therapieentscheidungen. Zum Beispiel verdeutlichen die aktuellen Ergebnisse von Jannello et al., dass organerhaltende Therapieverfahren häufiger bei jüngeren Patienten durchgeführt wurden (medianes Alter 65 vs. 70 Jahre) [2]. Dies entspricht einer Tendenz zu organerhaltenden Therapien bei funktionell aktiveren Patienten. Derartige Beobachtungen sind von zentraler Bedeutung für die klinische Beratung von Patienten im Rahmen von Therapieoptionengesprächen.
Publication History
Article published online:
26 August 2025
© 2025. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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Literatur
- 1 Arnhem, The Netherlands: EAU Guidelines Office; 2025
- 2 Jannello LMI, de Angelis M, Siech C. et al. Local Tumor Destruction Versus Partial Penectomy for T1a Squamous Cell Carcinoma of the Penis. Annals of Surgical Oncology 2025;
- 3 Scheipner L, Tappero S, Piccinelli ML. et al. Differences in overall survival of penile cancer patients versus population-based controls. International Journal of Urology 2024; 31: 274-279
- 4 National Cancer Institute. SEER Incidence Data, 1975–2020. National Institutes of Health 2023. Accessed February 08, 2024 at: https://seer.cancer.gov/data/
- 5 Jannello LMI, Siech C, de Angelis M. et al. Radiotherapy Versus Partial Penectomy for T1 Squamous Cell Carcinoma of the Penis. Annals of Surgical Oncology 2024; 31: 5839-5844