Open Access
CC BY 4.0 · Rehabilitation (Stuttg)
DOI: 10.1055/a-2775-3138
Originalarbeit

Familien-Coaching zur Förderung der Verhaltensmodifikation in der stationären Rehabilitation von begleiteten Kindern und Jugendlichen mit Adipositas: Eine Machbarkeitsstudie

Family coaching to promote behavior modification in children and adolescents with obesity undergoing inpatient rehabilitation and in their carers: A feasibility study

Authors

  • Evita Ausner

    1   Geschäftsführung, Nordseeklinik Westfalen, Wyk auf Föhr, Deutschland
  • Petra Hampel

    2   Dept. Health Psychology and Health Education, Europa-Universität Flensburg, Deutschland
 

Zusammenfassung

Ziel der Studie

Es wurde die Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit eines individualisierten Familien-Coachings zur Förderung der Verhaltensmodifikation bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas sowie deren Begleitpersonen in der stationären Rehabilitation untersucht. Ziel war es, die Änderungsmotivation bei Patient*innen und Begleitpersonen zu fördern und durch eine erhöhte Einbindung der Begleitpersonen die Nachhaltigkeit der Reha-Erfolge zu verbessern.

Methodik

Die qualitative Studie wurde im Rahmen eines Ein-Gruppen-Prä-Post-Follow-up-Designs durchgeführt. Eingeschlossen wurden 31 Patient*innen (10–13 Jahre, 61% weiblich, BMI-Perzentile≥97) und ihre Begleitpersonen. Die Intervention umfasste drei Familien-Coachings à 60 Minuten, orientiert an der Motivierenden Gesprächsführung. Insgesamt 13 Fokusgruppeninterviews mit Expert*innen, Begleitpersonen und Patient*innen nach der Intervention sowie die Coachingprotokolle wurden anhand der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.

Ergebnisse

Das Coaching wurde von allen positiv bewertet. Aus Sicht der Expert*innen kann ein ergänzendes Familien-Coaching Widerstand innerhalb der Familie besser auflösen und zu mehr Eigenverantwortung führen als die alleinige Gruppenschulung. Die Begleitpersonen berichteten über eine verbesserte Kommunikation mit ihren Kindern und eine klarere Zielformulierung. Patient*innen empfanden als hilfreich, dass schwierige Themen, wie z. B. das adipogene Verhalten, und auch belastende Themen, wie z. B. Konflikte innerhalb der Familie, bearbeitet werden konnten. Im Coachingverlauf zeigten sich bei den Begleitpersonen Hinweise für einen kontinuierlichen Anstieg von änderungsbezogenen Äußerungen und aktiver Beteiligung. Bei den Patient*innen deutete sich im Verlauf eine gesteigerte Bereitschaft zur Verhaltensänderung an.

Schlussfolgerung

Die qualitativen Ergebnisse untermauern die Akzeptanz und Machbarkeit des Familien-Coachings in der stationären Rehabilitation. Eine Implementierung eines standardisierten Coaching-Ansatzes könnte den Reha-Erfolg bei kindlicher Adipositas verstetigen. Die nachhaltige Implementierung erfordert jedoch strukturelle Anpassungen, um eine reibungslose Integration in die Reha-Abläufe zu gewährleisten. Kontrollierte Studien sollten zukünftig kurz- und langfristige Reha-Erfolge des Familien-Coachings untersuchen.


Abstract

Purpose

This study examined the acceptance, feasibility, and sustainability of an individualized family coaching intervention designed to promote behavior modification among children and adolescents with obesity and persons accompanying them during inpatient rehabilitation. The primary aim was to enhance motivation for behavior modification in both patients and their accompanying persons, and to improve the sustainability of rehabilitation outcomes by increasing the involvement of the accompanying persons.

Methods

This qualitative study was conducted within a single-group pre–post–follow-up design. The study included 31 patients (ages 10–13, 61% female, BMI percentile≥97) and their caregivers. The intervention consisted of three 60-minute family coaching sessions based on the principles of Motivational Interviewing. Thirteen post-intervention focus group interviews with experts, accompanying persons, and patients as well as coaching protocols were analyzed using qualitative content analysis.

Results

The coaching was positively evaluated by all participants. Experts perceived that supplementary family coaching helped reduce resistance within families and foster greater personal responsibility compared to group education alone. The accompanying persons reported improved communication with their children and clearer goal setting. Patients appreciated the opportunity to address difficult topics, such as obesity-related behaviors and family conflicts. In the course of the coaching, the accompanying persons demonstrated increasing levels of mobilizing change talk and active engagement. Patients showed an increased intention for behavior change in the course of the coaching.

Conclusion

The qualitative findings support the acceptance and feasibility of family coaching in inpatient rehabilitation settings. Implementing a standardized coaching approach could help to sustain rehabilitation outcomes in pediatric obesity. However, sustainable integration requires structural adjustments to ensure frictionless implementation within rehabilitation routines. Future controlled studies should investigate the short- and long-term rehabilitation success of family coaching.


Hintergrund

Adipositas im Kindes- und Jugendalter stellt eine wachsende gesundheitliche Herausforderung dar, die langfristige Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit haben kann [1]. In dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) konnte bei 9,5% der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren ein Übergewicht und bei 5,9% eine Adipositas festgestellt werden [2]. Übereinstimmend zu anderen europäischen Ländern [1] blieb die Adipositas-Prävalenz in der KiGGS-Studie in den Jahren von 2003 und 2017 stabil. Dies konnte in Analysen klinischer Daten von 2002 bis 2023 bei Kindern und Jugendlichen zwischen 4 und 16 Jahren nicht für alle Altersgruppen bestätigt werden [3]: Es ergab sich ein Anstieg bis 2019 für die Adipositas bei der Altersgruppe von 12–16 Jahren beiderlei Geschlechts. Insgesamt liegen die Prävalenzen jedoch wie in anderen Ländern mit höherem Einkommen auf einem recht hohen Niveau [4]. Aktuelle Studien belegen zudem, dass die Adipositas-Prävalenz im Verlauf der COVID-19 Pandemie zunahm: In der Allgemeinbevölkerung nahm im Elternurteil das Gewicht ihrer Kinder sowohl in einer europäischen Studie [5] als auch in einer Forsa-Umfrage in Deutschland zu [6]. Hierbei kristallisierten sich als wesentliche Risikofaktoren für eine Gewichtszunahme in der Pandemie ein niedriger sozioökonomischer Status, eine bereits vor der Pandemie bestehende Adipositas bzw. ein Alter zwischen 10 und 12 Jahren heraus. Außerdem entwickelten sich in der klinischen Studie die Anstiege in der Pandemie nur in der Altersgruppe der 4–8-Jährigen auf das prä-pandemische Niveau wieder zurück und die Adipositas-Prävalenz stieg bis 2023 weiterhin deutlich bei Mädchen der Altersgruppe von 12–16 Jahren an [3]. Schließlich wurden hohe Persistenzraten für die Adipositas im Kindesalter in Deutschland berichtet: Eine Studie zeigte insbesondere im Grundschulalter eine ungünstige Gewichtsentwicklung mit steigenden Inzidenzen und hohen Persistenzraten [7]. Somit untermauern die Befunde, dass einer Prävention und Rehabilitation vor allem im frühen Grundschulalter eine besondere Bedeutung zukommen.

In der Kinder- und Jugendlichenrehabilitation zählt Adipositas, neben psychosomatischen und Atemwegserkrankungen, zu den häufigsten Hauptindikationen [8]. Als Erstlinientherapie in ambulanten Gruppenschulungen und in der stationären Rehabilitation werden international wie national umfangreiche, intensive behaviorale Lebensstilinterventionen empfohlen, deren langfristige Wirksamkeit auf die Adipositas jedoch eingeschränkt ist [9] [10]. Die wenig nachhaltigen Effekte wurden insbesondere auf eine mangelnde Integration der Begleitpersonen in den Therapieprozess zurückgeführt [11]. Bereits frühere Studien zeigten die bedeutende Rolle der Eltern in der nachhaltigen Stabilisierung der Gewichtsreduktion auf: Eine höhere elterliche Erziehungskompetenz begünstigte ein gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten (zusammenfassend s. [12]). Dies wurde in einer qualitativen Studie untermauert, wobei für einen nachhaltigen Therapieerfolg eine Förderung des autoritativen Erziehungsstils und der intrinsischen Motivation der Kinder und Jugendlichen gefordert wurde [13].

Die stationäre Rehabilitation bietet eine strukturierte Umgebung zur Gesundheitsförderung, in der Begleitpersonen gut einbezogen werden können, sodass zusätzlich zur Verhaltensprävention im Rahmen der Gruppenschulungsprogramme noch eine Verhältnisprävention erfolgen kann, die zur Nachhaltigkeit der Effekte beitragen kann (vgl. [14]). Vor diesem Hintergrund wurde ein individualisiertes Familien-Coaching entwickelt, um die Zielformulierung und Änderungsmotivation bei Patient*innen mit Adipositas und deren Begleitpersonen zu fördern und durch eine erhöhte Einbindung der Begleitpersonen die Nachhaltigkeit der Reha-Erfolge zu verbessern. Hierbei empfahl Reinehr [15] für eine erfolgreiche Adipositas-Reha folgende Aspekte: Zum einen sollte das Verhalten und nicht der Gewichtsverlust bewertet werden, wobei Begleitpersonen die Patient*innen durch Verträge, Zuwendung und positive Verstärkung in der Verhaltensänderung unterstützen, im Sinne eines autoritativen Erziehungsstils. Zum anderen sollte eine familienorientierte Behandlung auch als unterstützende Maßnahme für die Stressbewältigung der Begleitpersonen verstanden werden. Zusammenhänge zwischen elterlicher Resilienz, mentaler Gesundheit und Beziehungsqualität deuten darauf hin, dass Eltern mit höherer Resilienz eher unterstützende Beziehungen zu ihren Kindern pflegen [16].

Weitere Studien zeigen, dass motivationsfördernde Ansätze mithilfe von Motivierender Gesprächsführung in der Adipositas-Therapie eine nachhaltige Verhaltensänderung unterstützen können [17]. Bei der Motivierenden Gesprächsführung handelt es sich um einen eklektischen Ansatz geläufiger Methoden, mit denen die intrinsische Motivation durch Gespräche mit der betreffenden Person in einem Veränderungsprozess gesteigert werden kann [18]. Um eine Verhaltensänderung durch gesteigerte Motivation nachhaltig im Alltag der Jugendlichen mit Adipositas zu implementieren, sehen auch Hassel und Dreas [19] die Motivierende Gesprächsführung als geeignete Methode an. Die Stadien der Veränderung sind dabei an die 6 Stufen des transtheoretischen Modells (TTM; [20]) angelehnt. Ziel ist es, die intrinsische Motivation zu einer Verhaltensänderung zu steigern, unabhängig davon, ob bereits eine Veränderungsabsicht besteht, eine Ambivalenz empfunden wird oder bereits Schritte hin zu einer Veränderung geplant werden. In der vorliegenden qualitativen Studie sollten die Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit des neuen individualisierten Familien-Coachings aus Sicht der Expert*innen, Begleitpersonen und Patient*innen nach einer stationären Rehabilitation erfragt werden [21]. Des Weiteren wurde exploriert, wie sich die Veränderungsabsicht der Begleitpersonen und Patient*innen im Coachingverlauf entwickelt [22].


Material und Methoden

Design

Der qualitative Studienteil wurde im Rahmen der Phase 2 des Projekts „Stationäre Rehabilitation für begleitete Kinder und Jugendliche mit Adipositas: individualisiertes Familien-Coaching zur Förderung der Verhaltensmodifikation“ (ReCoVer) untersucht. Hierbei erfolgte die Datenerhebung im Verlauf einer vierwöchigen, stationären Rehabilitation in der Fachklinik Satteldüne (Amrum) für Kinder und Jugendliche der Deutschen Rentenversicherung (DRV) von Januar bis Mai 2023. Für die Beantwortung der Fragestellung zur Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit wurden am Ende der Rehabilitation leitfadengestützte Interviews mit Mitarbeitenden der Adipositasrehabilitation (Expert*innen), Begleitpersonen und Patient*innen durchgeführt. Die Veränderungen der Motivationslagen der Patient*innen und deren Begleitperson wurden im Verlauf des Coachings erfasst.


Ein- und Ausschlusskriterien

In die Stichprobe wurden Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 17 Jahren aufgenommen, die mit einer erziehungsberechtigten Person an der Reha-Maßnahme teilnahmen. Als weitere Einschlusskriterien wurden Adipositas als Hauptdiagnose, ein Body Mass Index (BMI) oberhalb der 97. Perzentile und ausreichende Deutschkenntnisse festgelegt. Als Ausschlusskriterien galten eine fehlende Bereitschaft zur Teilnahme sowie psychiatrische Begleiterkrankungen wie Angst- und depressive Störungen. Diese wurden anhand des Einweisungsgutachtens der zuweisenden Stelle ermittelt und durch telefonische Rücksprachen bestätigt. Patient*in und Begleitperson wurden zudem ausgeschlossen, wenn es zu einer vorzeitigen Abreise kam. Es lehnten 7 Kinder und Jugendliche, jedoch keine Begleitperson, die Teilnahme ab. Außerdem konnten 2 angesprochene Familien nicht in die Studie aufgenommen werden, da ein Begleitpersonenwechsel innerhalb des Reha-Aufenthaltes stattfand. Zu diesen Fällen wurden gemäß dem Datenschutzkonzept keine Daten erhoben.

Als Expert*innen galten die Mitarbeitenden, die in einem interdisziplinären Team an der Adipositasrehabilitation beteiligt waren. Es waren folgende Berufsgruppen vertreten: Medizin, Sozialpädagogik, Ernährungswissenschaften, Sportwissenschaften. Das Schulungspersonal verfügte über AGA/KgAS-Zertifikate.


Intervention

Im Rahmen der Adipositas-Reha erhielten alle Kinder und Jugendlichen ein nach der Konsensusgruppe Adipositasschulung (KgAS) zertifiziertes, standardisiertes Schulungsprogramm, das 16 Schulungsstunden umfasste [23]. Da die Adipositas des Kindes die ganze Familie betrifft, wurden auch die Begleitpersonen in das Schulungsprogramm nach KgAS eingeschlossen. In der regulären Elternschulung erhielten die Eltern neben Informationen zu Adipositas und zum Umgang mit der Erkrankung auch die Möglichkeit des Austauschs mit anderen betroffenen Eltern. Allerdings erfolgte in diesem Rahmen keine gemeinsame Auseinandersetzung mit der Erkrankung, was durch das Familien-Coaching gewährleistet werden sollte.

Zusätzlich erhielten die Personen innerhalb der Stichprobe ein Familien-Coaching, bestehend aus drei Sitzungen á 60 Minuten, jeweils eine Einheit in der zweiten, dritten und vierten Reha-Woche. Das Ziel des strukturierten Familien-Coachings bestand darin, Begleitpersonen und Patient*innen mit Techniken der Motivierenden Gesprächsführung [18] in der Zielformulierung und Verhaltensmodifikation zu unterstützen. Der Coaching-Leitfaden basiert auf dem Kieler Coaching Modell (KCM; [24]) und wurde für den Einsatz in der Rehabilitation entwickelt (Kodierleitfaden, s. Online-Tab. 1). Der Ablauf gestaltete sich inhaltlich wie folgt:

In der ersten Coachingeinheit „Anliegen klären“ wurde die Ausgangslage mittels Moderationskarten erfasst, es fand eine Reflexion der Motivation und bestehender Ambivalenzen statt. Die individuellen Reha-Ziele wurden benannt, priorisiert und in eine Rangfolge gebracht, innerhalb der die Bearbeitung stattfand. Die Stärkung der Familieninteraktion und die Wahrnehmung der Eigenverantwortung waren zentrale Themen der ersten Einheit.

In der zweiten Einheit „Ziele formulieren“ unterstützten Reflexionsfragen den Wunsch nach Verhaltensänderung. Es wurden vor allem änderungsbezogene Äußerungen (Change Talk) evoziert. Anhand von SMART-Kriterien wurden strukturiert gemeinsame Ziele vereinbart. Die Eigenverantwortung und elterliche Verantwortungsübernahme wurden kontinuierlich vertiefend thematisiert.

Die dritte Einheit „Veränderungen planen“ beinhaltete das Ziel des Plans zur Aufrechterhaltung im Sinne der Nachhaltigkeit der Verhaltensänderungen. Dafür wurden erreichte Ziele anhand der in der ersten Einheit erstellten Moderationskarten besprochen und im Rahmen einer Rückfallprävention Handlungsalternativen und Ressourcen erarbeitet. Dabei wurde auf die Äußerung von Zuversicht (Confidence Talk) fokussiert.

Die durchführende Person des Familien-Coachings wies eine 5-jährige Coaching-Erfahrung auf und verfügte über eine Adipositastrainer-Ausbildung sowie über eine Ausbildung zum MI-Coach und zur Supervisorin.


Rekrutierung

Alle Familien, die die Einschlusskriterien erfüllten, erhielten bei Anreise eine schriftliche Einverständniserklärung zur Kontaktaufnahme mit der Studienleitung (Erstautorin). Im Falle der Einwilligung wurden sie mündlich durch die Studienleitung und im ärztlichen Aufnahmegespräch aufgeklärt; zudem wurden sie schriftlich informiert. Sie gaben zu Beginn der Studie schriftlich ihr Einverständnis zur Studienteilnahme und der Tonbandaufzeichnung der Interviews. Die Mitarbeitenden des interdisziplinären Teams der Adipositasrehabilitation (die Expert*innen) wurden durch die Studienleitung angesprochen, mündlich wie schriftlich informiert und gaben ebenfalls schriftlich ihr Einverständnis zur Studienteilnahme und der Tonbandaufzeichnung der Interviews.


Interviewleitfäden

Die leitfadengestützten Fokusgruppeninterviews wurden kurz vor der Abreise mit den Begleitpersonen und Patient*innen zwischen Januar und Mai 2023 durchgeführt und thematisierten die Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit des individuellen Familien-Coachings. In den leitfadengestützten Fokusgruppeninterviews mit den Expert*innen wurden Mitarbeitende der Adipositasrehabilitation zur Zufriedenheit mit dem aktuellen Adipositasprogramm und einer Implementierung des individuellen Familien-Coachings befragt. Diese fanden im Mai 2023 statt. Die Leitfäden der Interviews basierten auf einer Vorgängerstudie (vgl. [22]) und wurden in der Forschungsgruppe reflektiert und an die Anforderungen der vorliegenden Studie angepasst.


Qualitative Datenanalyse und Datenauswertung

Auswertungsfrage 1

Auswertungsgegenstand waren die Fokusgruppen zur Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit aus Sicht der Befragten. Es gingen insgesamt zwei Fokusgruppen mit sechs Expert*innen, fünf Fokusgruppen mit 28 Begleitpersonen und sechs Fokusgruppen mit 25 Patient*innen in die Analyse der Auswertungsfrage 1 ein.

Die Auswertung der leitfadengestützten, audiodigital aufgezeichneten Interviews erfolgte nach anonymisierter Transkription in Form einer inhaltlichen Strukturierung durch deduktive Kategorienanwendung nach Mayring [25] und Kategorisierung mit MAXQDA. Die Auswertungsfrage: „Wie wird eine Implementierung des Familien-Coachings in den Reha-Verlauf beurteilt?“ wurde gleichermaßen für die drei Gruppen der Expert*innen, Begleitpersonen und Patient*innen formuliert und in Bezug auf die Kategorien Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit ausgewertet (Kodierleitfaden, s. Online-Tab. 2). Die Hauptkategorie Implementierung wurde dafür als „Beschreibung und Analyse von Prozessen bei der Umsetzung von Konzepten oder Programmen“ [26] definiert und als Gütekriterium festgelegt [27]. Die Befragten wurden in den Zitaten wie folgt gekennzeichnet: Expert*innen (Exp), Begleitpersonen (BP) und Patient*innen (Pat).


Auswertungsfrage 2

Mittels eines selbst entwickelten Evaluationsbogens wurden außerdem die Teilnehmenden nach jeder Coachingeinheit vom Coach nach drei Kriterien bewertet und einem Motivationsstadium zugeordnet [22]. Die Beurteilungskriterien umfassten die Fähigkeit zur Zielnennung und Zielformulierung, die Teilnahmebereitschaft sowie das Maß der Eigenverantwortung einschließlich der Bereitschaft, Vereinbarungen zu treffen. Außerdem wurde der vorherrschende Ambivalenzfaktor bestimmt (Kodierleitfaden, s. Online-Tab. 3). Dieser setzt sich zusammen aus Äußerungen zum Widerstand (Sustain oder Discord Talk), die eine Veränderung eher verhindern, sowie Äußerungen, die eine Verhaltensänderung implizieren (mobilisierender Change Talk). Vorbereitender Change Talk deutet auf Ambivalenz hin, die einer Entscheidung zur Verhaltensänderung vorausgeht; dieser wurde durch die Nennung der Motivationsaspekte Wünsche, Gründe, Fähigkeiten und Notwendigkeiten ebenso erfasst wie selbstverpflichtende Handlungstendenzen im Rahmen des mobilisierenden Change Talk und im Sinne des TTM [20].

Zur Anwendung der Bewertungsskala wurden verbale und nonverbale Signale vom Coach wahrgenommen und den Stufen der Veränderungsabsicht zugeordnet (vgl. [19]). In [Tab. 1] sind den Stufen einige beobachtete, nonverbale Verhaltensweisen zugeordnet sowie ein Beispiel für eine Antwort auf die Einstiegsfrage aus dem Interviewleitfaden für Patient*innen: „Wer hatte die Idee zur Reha?“

Tab. 1 Bewertungsskala der Veränderungsabsicht (Stufen I–VI) mit Beispielen.

Vorherrschende Ambivalenzfaktoren:

Nonverbale Haltung

Verbale Äußerung auf die Frage: „Wer hatte die Idee zur Reha?“

I

Discord-/ Sustain Talk

Absichtslos, ablehnend, oberflächlich

„Meine Mutter hat mich gezwungen hierher zu fahren!“

II

Ambivalenz, Sustain Talk

Absichtsbildung unkonkret, hilflos, vorsichtig

„Meine Mutter hat das gesagt und jetzt finde ich es hier eigentlich auch ganz gut.“

III

Ambivalenz, vorb. Change Talk

Absichtsbildung, neugierig, offen

„Wir sind hier damit mir geholfen wird beim Abnehmen.“

IV

Vorbereitender Change Talk

Aufgeweckt, optimistisch, konkret, mutig

„Wir haben das beim Arzt beantragt, weil ich abnehmen will.“

V

Mobilisierender Change Talk

Entschlossen, selbstsicher, willensstark

„Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich das hier machen will, um was zu verändern!“

VI

Reflexion, Confidence Talk

Aktiv, fokussiert, verantwortungsbewusst

„Ich habe zuhause schon angefangen und hier will ich noch weiterkommen.“

Die Beurteilungen des Coaches wurden mittels deskriptiver Statistik der Häufigkeiten ausgewertet und als Liniendiagramme dargestellt. Der vorherrschende Ambivalenzfaktor wurde daraus ermittelt, ob überwiegend vorbereitender Change Talk, mobilisierender Change Talk, Sustain Talk oder Discord Talk (Dissonanz und Eltern-Kind-Konflikte innerhalb der Familie) vorlag.



Ethik

Für die Studie lag ein positives Ethikvotum von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie vor (HampelPetra2021-12-27WV) sowie ein mit der DRV Nord abgestimmtes Datenschutzkonzept. Die Deklaration von Helsinki wurde eingehalten.



Ergebnisse

Stichprobe

Insgesamt konnten N=31 Kinder und Jugendliche in die Analysen eingeschlossen werden, 61,3% davon weiblichen Geschlechts. Die Patient*innen waren zwischen 10 und 13 Jahre alt (M=11,03, SD=1,05 Jahre), wobei lediglich drei 13-Jährige teilnahmen. Sie besuchten hauptsächlich die 4. Grundschulklasse (51,6%). Der BMI betrug bei der Anreise im Mittel 29,87 (SD=3,99). Insgesamt lagen 18 Teilnehmende zu Reha-Beginn über der 99. Perzentile (64,6%).

Die N=31 begleitenden Personen der Patient*innen waren mehrheitlich verheiratet (67,7%) und hatten mehrheitlich 2 Kinder (45,2%). Die Gruppe setzte sich zusammen aus 26 Müttern, 4 Vätern und einer Großmutter. Alle gaben eine deutsche Nationalität ihrer Kinder an. An den Expert*innen-Interviews beteiligten sich insgesamt sechs Mitarbeitende aus den Bereichen Ernährungstherapie, Sozialpädagogik und Medizin.

Die Ergebnisse der Interviewauswertung werden im Folgenden nach den Kategorien Akzeptanz, Machbarkeit und Nachhaltigkeit dargestellt. Danach schließt sich die Beschreibung der Entwicklung der Veränderungsabsicht im Verlauf des Coachings an.


Akzeptanz

Die Expert*innen begrüßten die höhere Beteiligung der Begleitpersonen am Reha-Prozess und erwarteten eine höhere Zufriedenheit im Reha-Kontext. Die Begleitpersonen wurden als interessierter und eigenverantwortlicher wahrgenommen, befanden sich weniger im Widerstand und zeigten Interesse an Nachsorgeangeboten. „Vorteil ist auf jeden Fall, dass die Familie vor Ort ist und dass man alle sieht und mit ihnen ins Gespräch und in den Kontakt kommt. Weil dann im Idealfall alle verstehen, dass sie was verändern müssen und nicht nur das Kind.“ (Exp1)

Die Begleitpersonen schätzten das Familien-Coaching sowohl in Bezug auf den besseren Kontakt zu ihren Kindern, die individuellere Betreuung, als auch die klare Zielformulierung positiv ein. „Ja, weil es individuell ist und auf jedes Kind zugeschnitten. Jedes Kind musste auch selbst sagen, was möchte ich ändern und wie geht das? Auch preisgeben, auch wenn sie das in der Gruppe nicht würden.“ (BP1)

Die Patient*innen bewerteten ebenfalls die intensiven Gespräche mit den Begleitpersonen sowie die Zielstrukturierung als positiv. „Ja, zum Beispiel das mit der SMART-Methode, aber auch, statt ein großes Ziel zu setzen, sich kleine Ziele zu setzen, die dann auch erreichbar sind.“ (Pat1)


Machbarkeit

Die Expert*innen beurteilten die Implementierung in den bestehenden Therapieplan als umsetzbar. „Also ich würde mir auch wünschen für die Eltern, dass das Familien-Coaching weitergeht, sodass man es auch individueller anpassen kann: wann ist es noch eine Schulung, wann mache ich doch noch mal was im Einzelsetting, …“ (Exp1)

Aus Sicht der Begleitpersonen wurde die eigene Teilnahme am Familien-Coaching begrüßt und im Zeitumfang als angemessen bewertet. „…vom Umfang fand ich es alles passend und korrekt.“ (BP2)

Allerdings wurde der Therapieplan für die Patient*innen von den Begleitpersonen insgesamt als zu voll angesehen. „Für die Kinder war es schon echt viel, …“ (BP3)

Die Patient*innen empfanden den Therapieplan insgesamt als zu voll, stellten damit die Machbarkeit aber nicht in Frage. Die Nutzung visueller Methoden wie Moderationskarten und Flipchart empfanden sie als hilfreich. „Mir hat es sehr gut geholfen, dass wir die Themen aufgeschrieben haben und dann so zusammengefügt haben, … “ (Pat2)


Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeit des Familien-Coachings zeigte sich für die Expert*innen vor allem in dem Abbau von Widerständen seitens der Begleitpersonen. Die Expert*innen befürworteten eine Implementierung des Familien-Coachings in den regulären Reha-Prozess. „Da kann ich mir gut vorstellen, dass da was losgetreten wird, das Kind wird ja auch so ein bisschen an seine eigene Ambivalenz geführt, wie oft will ich jetzt Fahrradfahren? Aber immer kommt etwas dazwischen! Und die Mutter beobachtet das und das Verhalten, dass das Kind an den Tag legt, wird ja von der Mutter vorgelebt und dadurch, dass der Fokus ja aber nicht auf der Mutter liegt, da wird das so gemeinsam erarbeitet.“ (Exp1)

Die Begleitpersonen äußerten eine hohe Bereitschaft zur Umsetzung des Gelernten im Alltag und sie waren zuversichtlich. „Ja, und ich denke auch, dass sie es schafft. Klar wird es irgendwann Probleme geben, dass sie irgendwann so einen Hänger hat, aber da muss man sie als Elternteil halt wieder motivieren, dass es halt wieder funktioniert.“ (BP4)

Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen sowie der Rückhalt der Familie bestärkte die Patient*innen darin, ihre Ziele auch zuhause weiterzuverfolgen. „Weil ich gesehen habe, dass ich es schaffe.“ (Pat3)


Verlauf der Veränderungsabsicht

Die Bewertung des Coachingverlaufs der Begleitpersonen aus Sicht des Coaches legte nahe, dass sich Ambivalenzfaktoren wie Sustain Talk und Eltern-Kind-Konflikte (Dissonanz) im Coachingverlauf verringerten ([Abb. 1]). Zudem sprach die Beobachtung der Begleitpersonen für einen kontinuierlichen Anstieg von mobilisierendem Change Talk und eine gleichzeitige Reduktion von vorbereitendem Change Talk. Die aktive Beteiligung der Begleitpersonen nahm im Verlauf der Coachings stetig zu. Die Begleitpersonen konnten ihre Ziele im Verlauf der Coachings präziser formulieren und Verantwortung für den Therapieprozess übernehmen.

Zoom
Abb. 1 Entwicklung der Veränderungsabsicht der Begleitpersonen anhand von Häufigkeiten der selektierten Ambivalenz-Faktoren (vorb.=vorbereitend, mob.=mobilisierend).

Bei den Patient*innen war besonders in der zweiten Coachingeinheit ein hoher Anteil an Sustain Talk zu beobachten, der jedoch in den folgenden Sitzungen weitgehend durch Change Talk ersetzt wurde ([Abb. 2]). Für die Patient*innen deutete sich eine gesteigerte Bereitschaft zur Verhaltensänderung an, jedoch mit einer leichten Verzögerung im Vergleich zu den Begleitpersonen.

Zoom
Abb. 2 Entwicklung der Veränderungsabsicht der Patient*innen anhand von Häufigkeiten der selektierten Ambivalenz-Faktoren (vorb.=vorbereitend, mob.=mobilisierend).


Diskussion

Machbarkeit

Eine Fokussierung auf die Verhaltensprävention, mit dem Aufbau von gesundheitsförderndem Ess-, Ernährungs- und Bewegungsverhaltens bei den Kindern und Jugendlichen, führte bislang nicht zu nachhaltigen Reha-Erfolgen [10] [11]. In der vorliegenden Pilotstudie wurde ein Familien-Coaching entwickelt und qualitativ evaluiert. Es wurde angenommen, dass sowohl verhaltens- als auch verhältnispräventive Aspekte in der stationären Adipositas-Reha mitberücksichtigt werden sollten und die Bedürfnisse des Kindes umfassend berücksichtigt werden müssen (vgl. [11] [14]). Das Familien-Coaching wurde von Begleitpersonen und Patient*innen insgesamt positiv bewertet und konnte aus Sicht der Familien den Bedürfnissen der Familien gerecht werden. Der Coaching-Leitfaden konnte bei allen Familien angewendet werden. Expert*innen konnten, aufgrund ihrer fehlenden Beteiligung, die direkte Zufriedenheit nicht feststellen, nahmen jedoch eine gesteigerte Motivation und Eigenverantwortung der Familien wahr. Begleitpersonen schätzten die individuelle Betreuung, intensiven Gespräche und klaren Zielvereinbarungen. Als besonders hilfreich wurde von den Patient*innen der geschützte Rahmen zur Bearbeitung von Eltern-Kind-Konflikten genannt. Trotz anfänglicher Widerstände einzelner Kinder wurde das Programm von allen Familien abgeschlossen, was auf eine hohe Akzeptanz hinweist. Die Patient*innen berichteten überwiegend über eine verbesserte Selbstwirksamkeit. Die von Reinehr [15] empfohlene Anleitung bei der Anwendung eines autoritativen Erziehungsstils wurde mit dem Coaching umgesetzt und ergab die häufige Rückmeldung der Begleitpersonen, sich durch das Coaching sicherer in der Unterstützung ihres Kindes zu fühlen.

Das Familien-Coaching förderte die Elternverantwortung und intrinsische Motivation der Patient*innen, was den Reha-Erfolg langfristig begünstigen könnte. Es kann angenommen werden, dass Begleitpersonen eine zentrale Rolle bei der Reduktion von Ambivalenzen spielten: Sie übernahmen klare Verantwortlichkeiten und wendeten autoritative Erziehungspraktiken an, die sich in früheren Studien als günstig bei der Überwindung adipogenen Verhaltens erwiesen haben (vgl. [12]). Elterliche konstruktive Kommunikation geht mit niedrigeren Ausprägungen negativen Erziehungsverhaltens einher [16] und könnte die gestiegene Kooperationsbereitschaft der Patient*innen erklären, welche im Laufe des Coachings zu beobachten war. Diese konstruktive Kommunikation und die Stärkung positiven Erziehungsverhaltens kann nach Erkenntnissen von Ravens-Sieberer et al. [28] familiäre Ressourcen aktivieren und der Entwicklung emotionaler Auffälligkeiten entgegenwirken, die häufig mit der Adipositas im Kindes- und Jugendalter assoziiert sind [4].


Verlauf der Veränderungsabsicht

Die Beurteilung sowohl der Begleitpersonen als auch der Patient*innen durch den Coach spricht für eine kontinuierlich steigende Ausprägung der Fähigkeit, Ziele zu benennen und Verantwortung zu übernehmen. Die Patient*innen zeigten anfangs überwiegend geringe intrinsische Motivation, ihre Teilnahmebereitschaft und Motivation nahm jedoch mit den erzielten Erfolgen zu und war in der dritten Coachingeinheit insgesamt am höchsten. Die Anforderung in der zweiten Coachingeinheit, Zielvereinbarungen zu treffen und sich mit den Begleitpersonen diesbezüglich auseinanderzusetzen, deckt sich mit dem insgesamt häufiger aufgetretenen Sustain Talk und Discord Talk bei den Patient*innen in dieser Einheit. Ambivalenzen und Widerstände sind in diesem Kontext weniger als Rückschritt, denn als wichtiger Entwicklungsschritt und normale Zwischenstufe auf dem Weg zur Verhaltensänderung zu betrachten [18]. Die Ergebnisse legen nahe, dass das individualisierte Familien-Coaching eine geeignete Ergänzung zur Adipositas-Schulung darstellt. Übereinstimmend mit Hassel und Dreas [19] bestätigte sich die Methodik der Motivierenden Gesprächsführung als geeignet, um die Verhaltensänderung von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas zu fördern.

Die Vorbereitung auf die Zeit nach der Rehabilitation ermöglichte in der dritten Coachingeinheit eine Auseinandersetzung mit drohenden Rückfällen. Eine telefonische Nachbetreuung oder ein von der Klinik angebotenes Nachsorgeangebot wurde eigenständig von vielen Familien gewünscht. Im Sinne der Nachhaltigkeit könnte die Integration von telefonischer Nachbetreuung bei motivierten Familien und Booster-Coachings bei weniger motivierten Familien im Rahmen eines umfangreicheren Nachsorgeangebotes hier eine effektive Lösung darstellen (vgl. [29]). Chronisch erkrankte Kinder und Jugendliche benötigen langfristige Unterstützung, um den Erfolg ihrer Rehabilitation zu sichern, jedoch decken die Nachsorgeangebote derzeit nicht die hohe Nachfrage [30]. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Unterstützung der Begleitpersonen maßgeblich zur Verhaltensänderung der Patient*innen beitragen könnte und langfristig aufrechterhalten werden sollte.


Methodische Einschränkungen

In die Studie wurde keine Vergleichsgruppe eingebunden, sodass keinerlei Kausalaussagen zulässig sind. Allerdings lag der Fokus dieser Phase-2-Studie nicht auf einer Ergebnisqualität, sondern auf der Prozessqualität. Die qualitative Evaluation umfasste nur eine begrenzte Stichprobengröße und eine eingeschränkte Rekrutierung auf die Altersgruppe von 10–13 Jahren. Die Prävention und Rehabilitation von Adipositas ist jedoch in der Altersgruppe zwischen 10 und 12 Jahren aufgrund der hohen Inzidenz- und Persistenzraten vor der COVID-19 Pandemie und aufgrund des erhöhten Risikos für eine Gewichtszunahme in der Pandemie besonders angezeigt [3] [6] [7]. Die Intervention konnte aus Datenschutzgründen nur in einer Klinik durchgeführt werden, wodurch nur eine begrenzte Zahl an Familien einbezogen werden konnte. Zudem war aus datenschutzrechtlichen Gründen kein fachlicher Austausch des interdisziplinären Teams mit der Studienleitung/dem Coach möglich, sodass die Perspektive der Expert*innen in den Interviews zur Machbarkeit des Familien-Coachings nur eingeschränkt einbezogen werden konnte. Das Familien-Coaching wurde schließlich nur von einem Coach durchgeführt, da eine Umsetzung des Familien-Coachings geschulte Therapeut*innen in der Motivierenden Gesprächsführung erfordert. Die Kategorisierungen während des Auswertungsprozesses konnten aufgrund fehlender zeitlicher und personeller Ressourcen nicht anhand einer Intercoderübereinstimmung überprüft werden [25]. Der Auswertungsprozess wurde jedoch durch eine methodenerfahrene wissenschaftliche Mitarbeiterin begleitet, wodurch der Einfluss von subjektiven Interpretationen der auswertenden Person reduziert werden konnte. Außerdem sollten durch eine transparente Verfahrensdokumentation, die Nähe zum Gegenstand und das regelgeleitete Vorgehen der Inhaltsanalyse die Qualität des Auswertungsprozesses sichergestellt werden [25]. Schließlich ist zu kritisieren, dass die Evaluation nicht extern erfolgte.



Schlussfolgerung

Eine Integration des Familien-Coachings in das Adipositas-Programm ist aufgrund der hohen Akzeptanz und Machbarkeit zu empfehlen. Eine Implementierung in das bestehende Schulungsprogramm könnte sowohl dem Wunsch der Begleitpersonen nach mehr Beteiligung nachkommen, als auch Entlastung für die Patient*innen im Umfang der Schulungseinheiten schaffen und sollte in zukünftigen Versorgungskonzepten berücksichtigt werden. Das Familien-Coaching scheint ein vielversprechender Ansatz, um Begleitpersonen stärker in den Therapieprozess zu integrieren und den Reha-Erfolg bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas nachhaltig zu verbessern. Weitere Befunde deuten noch auf den Einfluss der elterlichen Gesundheitskompetenz auf die Entwicklung der Adipositas hin, sodass zukünftig dieser Einflussfaktor noch mehr in der Adipositas-Rehabilitation im Kindes- und Jugendalter Berücksichtigung finden sollte [14]. Letztlich kann jedoch eine erfolgreiche und nachhaltige Prävention und Therapie der Adipositas am besten durch eine integrierte Versorgungsstrategie unter dem Dach der kommunalen Gesundheitsförderung sichergestellt werden [31]. Künftige Kontrollgruppen-Studien sollten die kurz- und langfristigen Effekte untersuchen.


Kernbotschaft

  • Individualisiertes Familien-Coaching in Ergänzung zum Schulungsprogramm scheint machbar und bindet die Begleitpersonen mehr in den Reha-Prozess mit ein.

  • Der neu entwickelte Coachingleitfaden war bei allen Familien anwendbar und schien die Änderungsmotivation zu fördern.

  • Die Methodik der Motivierenden Gesprächsführung war hilfreich im Umgang mit begleiteten Patient*innen mit Adipositas zwischen 10 und 13 Jahren und ihren Erziehungsberechtigten. Allerdings erfordert es eine entsprechende zeit- und kostenintensive Weiterbildung des Schulungspersonals.


Fördermittel

Deutsche Rentenversicherung Nord - RSGS 2.10.2 // Projektnummer 228



Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Danksagung

Die Autorinnen bedanken sich bei der DRV Nord für die Projektfinanzierung, bei den beiden Kooperationskliniken Fachklinik Satteldüne (Amrum) und Fachklinik Sylt für Kinder und Jugendliche sowie bei der Forschungsgesellschaft Atemwegerkrankungen e.V. für die Übernahme der Open Access-Publikationsgebühren.


Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Petra Hampel
Europa-Universität Flensburg Dept. Health Psychology and Health Education
Auf dem Campus 1
24943 Flensburg
Deutschland   

Publication History

Article published online:
27 January 2026

© 2026. The Author(s). This is an open access article published by Thieme under the terms of the Creative Commons Attribution License, permitting unrestricted use, distribution, and reproduction so long as the original work is properly cited. (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).

Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany


Zoom
Abb. 1 Entwicklung der Veränderungsabsicht der Begleitpersonen anhand von Häufigkeiten der selektierten Ambivalenz-Faktoren (vorb.=vorbereitend, mob.=mobilisierend).
Zoom
Abb. 2 Entwicklung der Veränderungsabsicht der Patient*innen anhand von Häufigkeiten der selektierten Ambivalenz-Faktoren (vorb.=vorbereitend, mob.=mobilisierend).