Aktuel Urol 2013; 44(03): 175-176
DOI: 10.1055/s-0033-1348108
Referiert und kommentiert
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Virale Transmission – Orale Mucosa beherbergt häufig Papillomaviren

Contributor(s):
Anna Hecker
Kero K. Universität Turku / Finnland.
Eur Urol 2012;
62: 1063-1070
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Publication History

Publication Date:
27 May 2013 (online)

 
 

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie lassen darauf schließen, dass über den Mund häufig humane Papillomaviren an Sexualpartner übertragen werden. Die Arbeitsgruppe um Erstautorin Katja Kero, Universität Turku / Finnland, war der Frage nachgegangen, inwiefern die orale Schleimhaut ein Reservoir für Papillomaviren ist. In einer über 7 Jahre laufenden, prospektiven Beobachtungsstudie charakterisierten sie das HPV-Vorkommen in der Mundschleimhaut von männlichen Probanden.
Eur Urol 2012; 62: 1063–1070

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Laut der aktuellen finnischen Studie scheint die Mundschleimhaut als Reservoir für humane Papillomaviren zu dienen. Am häufigsten fanden die Wissenschaftler zu Untersuchungsbeginn die Genotypen HPV 16, 33 und 82. Ob die orale Mucosa eine wichtige Rolle bei der Übertragung der Viren spielt, ist bisher jedoch nicht abschließend geklärt. (© Thieme / Paavo Blåfield)

HPV infizieren Epithelzellen der Haut und verschiedener Schleimhäute, wo sie ein unkontrolliertes tumorartiges Wachstum bewirken können. Die Viren seien nicht nur ein Auslöser für anogenitale maligne Läsionen, so Kero et al., man habe sie inzwischen auch als wichtigen Risikofaktor für Oropharyngeal-Karzinome identifiziert – sowohl bei Männern als auch Frauen. Einen potenziellen geschlechtlichen Unterschied bei der Krankheitsentstehung brachten als erste Miller et al. 1996 zur Sprache (Miller CS, White DK. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod 1996; 82: 57–68). Neuere Studien wiesen nun darauf hin, dass orale HPV-Infektionen bei ansonsten Gesunden mit 4,0–6,9 % häufiger Männer als Frauen betreffen. Obwohl Oralsex das Risiko für HPV-Infektionen erhöht, fand man bisher keinen direkten Zusammenhang zwischen HPV in der Anogenital-Region und einer Prädisposition für oralen HPV.

Die Autoren dieser Studie hofften darauf, durch ihre Erkenntnisse die Übertragungswege der HPV besser zu verstehen. Dazu wählten sie 131 werdende Väter in einem mittleren Alter von 28,9 Jahren aus – der größte Anteil lag mit knapp 70 % in einem Alter zwischen 21 und 30 Jahren. Die Mediziner untersuchten die orale Mucosa der Männer auf anfänglich bestehende bzw. neu auftretende HPV-Infektionen

  • zu Studienbeginn,

  • nach 2, 6 und 12 Monaten sowie

  • nach 2, 3 und 7 Jahren.

Die jeweiligen Genotypen der gefunden Viren werteten sie ebenfalls aus. Für die Suche nach der DNA verwendeten sie eine hochsensitive Methode.

Auch Begleitfaktoren einer neuen HPV-Infektion waren Gegenstand der Studie. Über ihre demografischen Daten gaben die Teilnehmer in einem Fragebogen Auskunft. Hierzu gehörten u. a.

  • der Bildungsstatus,

  • die Anzahl der Sexualpartner in verschiedenen Lebensphasen,

  • die sexuellen Gewohnheiten (Häufigkeit, Oralsex, Analsex) sowie

  • die Anamnese von Genital-, Anal- und sonstigen Hautwarzen.

Bis zum Follow-up nach 3 Jahren standen noch 77 % der Männer zur Verfügung (n = 101), am Ende der Studie nach 7 Jahren waren es noch 44 % (n = 58).

Bis zu 31 % der Männer betroffen

Die Prävalenz einer oralen Infektion rangierte zwischen 15,1 und 31,1 % während des gesamten Follow-up (‣ Tab. [ 1 ]). Insgesamt fanden die Wissenschaftler 17 von 24 untersuchten Genotypen. Die häufigsten 3 Viren waren zum Untersuchungsbeginn

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Tab. 1 Punktuelle Prävalenz der HPV insgesamt sowie der Genotypen 16, 33 und 82.
  • HPV 16 (bei 33,3 %; bzw. 8 von 24 Betroffenen),

  • HPV 33 (12,5 %; 3 von 24) und

  • HPV 82 (12,5 %; 3 von 24).

Alle 3 gehören zur Gruppe der sog. High-Risk-HPV, die am häufigsten bei Frauen mit Zervixkarzinomen zu finden sind. Typ 16 war auch in allen Fällen beteiligt, bei denen mehr als ein Genotyp gefunden wurde (16,7 %; 4 von 24 Fällen).

Bei Männern, in deren oraler Mucosa erst im weiteren Verlauf der Beobachtung ein HPV nachweisbar war, vergingen im Mittel 4–26 Monate bis zum ersten positiven Befund. Einen Zusammenhang mit den betrachteten Kofaktoren fanden die Autoren nicht.

Fazit

In der oralen Mucosa von jungen Männern fänden sich häufig HPV, schließen die Autoren. Der am weitesten verbreitete Genotyp ist nach ihren Ergebnissen HPV 16, dieses Virus war auch mit knapp 30 % am häufigsten verantwortlich für Neuinfektionen. Die Autoren vermuten, dass die Mundschleimhaut als Reservoir bei der Übertragung der Viren eine bedeutende Rolle spielt. Die Kenntnis der Krankheitslast sei essenziell für den Einsatz einer effektiven Prävention durch Impfungen.

Kommentar

Oropharynx-Karzinome nach Mundschleimhautplastik?

Die vorliegende Studie untersucht die Prävalenz der oralen HPV-Besiedelung bei klinisch gesunden Männern über einen Zeitraum von 7 Jahren. Das Humane Papilloma Virus (HPV) ist sowohl oral wie auch genital ein bekannter Risikofaktor für die Entstehung von Karzinomen. HPV wird sowohl genital wie auch oral übertragen. Daher ist in Deutschland eine Impfung für Frauen bzw. weibliche Jugendliche verfügbar und empfohlen, die Durchimpfungsrate beträgt aber nur ca. 40 %. Eine Impfung der männlichen Jugendlichen wird zurzeit nicht empfohlen, trotz der Tatsache, dass auch im männlichen Urogenitaltrakt und im Oropharynx das HPV für Karzinome verantwortlich gemacht wird.

Die vorliegende Studie untersucht die Besiedelung mit HPV oral und genital, ohne einen Schwerpunkt auf die klinische Relevanz zu legen. Zwar wird das Vorkommen von klinischen oralen Läsionen erwähnt, jedoch ist die Patientenzahl zu klein und das Follow-up von 7 Jahren zu kurz, um aus der Besiedelung auf die Inzidenz von Karzinomen zu schließen.

HPV-Impfung auch bei jungen Männern empfehlenswert?

Wie im zugehörigen Editorial Comment von Barbagli und Kollegen erwähnt (Barbagli G, Sansalone S, Lazzeri M. Eur Urol 2012; 62: 1071–1073), stellt sich die Frage, warum wir uns als Urologen damit beschäftigen sollten. Die Gründe sind vielfältig: Einerseits sind wir mit dem Wissen um die genitale Übertragung des HPV in der Verantwortung, unseren Patienten dieses Wissen weiterzugeben, dass es sich bei den gefährdeten Menschen nicht nur um die Frauen handelt, sondern auch Männer durch HPV ein Karzinomrisiko haben. Andererseits stellt sich die Frage, ob wir uns politisch dafür einsetzen sollten, die Impfung auch bei Jungen bzw. jungen Männern zu empfehlen, um eine weitere Durchseuchung der Bevölkerung zu vermeiden. Wenn dies gelingen sollte, sind wir die Ansprechpartner sowohl für die Beratung wie auch die Durchführung der Impfung.

Nicht zuletzt benutzen wir die Mundschleimhaut als Material für rekonstruktive Eingriffe an der Harnröhre. Ob eine HPV-Besiedelung der Mundschleimhaut eine klinische Relevanz hat, wird in Zukunft diskussionswürdig sein.

HPV-Besiedlung der oralen Mucosa mit der des Genitaltrakts assoziiert

Zwar hat der Großteil der Männer mit HPV-Besiedelung der Mundschleimhaut auch eine HPV Besiedelung im Genitaltrakt, aber nicht alle, d. h., dass wir wenigstens bei einem Teil der Männer den HPV in den Genitaltrakt übertragen. Ob diese Übertragung im Verlauf sowieso stattgefunden hätte, ist unklar. Und ob das zu einer Übertragung auf die Partnerinnen führt, ist auch unklar, da diese sich auch vorher schon oral oder genital anstecken können.

Abschließend bleibt die Frage nach der Konsequenz. Im Editorial Comment von Barbagli et al. wird das präoperative Screening auf orale HPV empfohlen und bei Nachweis ein Ausweichen auf andere Materialien zur Rekonstruktion. Das halte ich zum momentanen Zeitpunkt für zu weit gegriffen. Die klinischen Auswirkungen der HPV-infizierten Mundschleimhaut auf den Genitaltrakt für den Patienten und auch die Partnerinnen sind zurzeit noch vollkommen unklar.

Wir haben zur Rekonstruktion der Harnröhre nach Ausschluß von Kontraindikationen zurzeit kein besseres Material als die Mundschleimhaut und wissen um die Langzeitkomplikationen nach Verwendung von Haut oder Vorhaut. Diese Mundschleimhaut bei präoperativem Nachweis von HPV bei einer Durchseuchung der männlichen Bevölkerung nach der Studie von bis zu > 30 % nicht zu verwenden, ist nach der derzeitigen Datenlage nicht vertretbar.

Weitere Studien zur Prävalenz von HPV und auch zur Inzidenz von Karzinomen nach Rekonstruktion mit Mundschleimhaut der Patienten und deren Partnerinnen wären wünschenswert.

Dr. Silke Riechardt, Hamburg


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Dr. Silke Riechardt


ist stellvertretende leitende Oberärztin an der Urologischen Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

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Laut der aktuellen finnischen Studie scheint die Mundschleimhaut als Reservoir für humane Papillomaviren zu dienen. Am häufigsten fanden die Wissenschaftler zu Untersuchungsbeginn die Genotypen HPV 16, 33 und 82. Ob die orale Mucosa eine wichtige Rolle bei der Übertragung der Viren spielt, ist bisher jedoch nicht abschließend geklärt. (© Thieme / Paavo Blåfield)
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Tab. 1 Punktuelle Prävalenz der HPV insgesamt sowie der Genotypen 16, 33 und 82.