Psychiat Prax 2016; 43(03): 134-140
DOI: 10.1055/s-0042-101009
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Mediale Stigmatisierung psychisch Kranker im Zuge der „Germanwings“-Katastrophe

Medial Stigmatization of Mentally Ill Persons after the „Germanwings“-Crash
Steffen Conrad von Heydendorff
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg
,
Harald Dreßing
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg
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Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Harald Dreßing
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J5
68159 Mannheim

Publication History

Publication Date:
09 February 2016 (online)

 

Zusammenfassung

Anliegen: Untersuchung medialer Stigmatisierungen psychisch Erkrankter nach der „Germanwings-Katastrophe“.

Methode: Auswertung von 251 Texten. Unterscheidung in riskante Berichterstattung und explizite Stigmatisierungsmerkmale.

Ergebnisse: 64,1 % der Texte sind als „riskante Berichterstattung“ einzustufen. In 31,5 % der Texte findet sich mindestens ein Hinweis expliziter Stigmatisierung.

Schlussfolgerung: Im Zuge des Verbrechens ist es mehrheitlich zu einer riskanten Berichterstattung gekommen. Die stärkere Einbeziehung fachlicher Expertise bei derartiger Berichterstattung ist notwendig.


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Abstract

Objective: The present study was designed to investigate the frequency of media stigmatization of mentally ill persons after the crash of the “Germanwings”-aircraft on March 2015.

Method: Evaluation of 251 texts, which were published in 12 national German newspapers. Categorical distinction between risky coverage and explicit characteristics of stigmatization.

Results: In 64.1 % of the evaluated texts, a psychiatric disease of the co-pilot was discussed as the possible cause of the crash, making this the most widely-used explanation in the media that we view “risky coverage”. Characteristics of explicit stigmatization were found in 31.5 % of the texts. Most prominent category of explicit stigmatization was the rubric “Metaphorical language/dramatizations”. It was found in 23.5 % of the articles.

Conclusion: Predominantly risky coverage of mentally ill persons has occured in the wake of a spectacular crime. By obtaining professional expertise of psychiatrists and consistent interpretation of journalistic guidelines, unintended effects of stigmatization could be avoided in the future.


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Trotz einer zunehmenden Akzeptanz psychiatrischer Krankheiten müssen sich die Betroffenen sowohl in ihrem persönlichen Umfeld als auch auf dem Arbeitsmarkt mit Problemen der Stigmatisierung auseinandersetzen [1] [2]. In der gesellschaftlichen Meinungsbildung kommt der medialen Verarbeitung und Präsentation psychiatrischer Erkrankungen eine Schlüsselrolle zu [3] [4].

Einleitung

Im Jahr 1990 fielen die beiden bundesweit bekannten Politiker Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble jeweils einem Attentat zum Opfer. Beide Anschläge wurden von psychiatrisch erkrankten Personen verübt. Im Zuge der vielfältigen medialen Verarbeitung der Attentate konnte Angermeyer [5] zeigen, wie sich die öffentliche Meinung gegenüber psychiatrisch erkrankten Menschen im Sinne einer deutlich zunehmenden sozialen Abgrenzung veränderte.

Der durch den Kopiloten vorsätzlich herbeigeführte Absturz des „Germanwings“-Flugzeugs am 24.3.2015, bei dem alle 149 Insassen und der Kopilot selbst ums Leben kamen, hat eine in der Geschichte der Bundesrepublik bislang nicht erreichte öffentliche Berichterstattung und Diskussion um die meist nur indirekt genannte Frage „Verbrechen und/oder psychiatrische (depressive) Erkrankung“ nach sich gezogen. Die mediale Berichterstattung drehte sich insbesondere um die Frage nach dem „Warum?“ der Tat. Konnte es möglich sein, dass ein psychisch gesunder Mensch eine derart schwerwiegende Tat begeht? Nachdem erste Hinweise öffentlich geworden waren, wonach der Kopilot bewusst den Absturz der Maschine herbeiführte, fokussierte sich die Berichterstattung auf eine psychische Krankheit als möglichen Erklärungsansatz für den Absturz. Viele Printmedien waren sich in der Bewertung einig, dass dies nicht die Tat eines „normalen“ Menschen gewesen sein könne. Es musste die Tat eines, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 7.4.2015 schrieb, „Geisteskranken“ [6], eines „kranken Gehirns“ [6] sein. Zahlreiche Fachleute aus der Psychiatrie, wie beispielsweise die Präsidentin der „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN), Dr. Iris Hauth, sahen sich ob der Berichterstattung gezwungen, die mediale Stigmatisierung psychisch Kranker zu kritisieren [7] und auf die Erkenntnis, dass psychisch Erkrankte im Durchschnitt nicht häufiger Gewalttaten begehen als psychisch gesunde Menschen, zu verweisen [8] [9].

Studien aus England haben gezeigt, dass im Verlauf der letzten 20 Jahre ein rückläufiger Trend medialer Stigmatisierungen psychisch Erkrankter zu verzeichnen gewesen ist [10] [11]. Für Deutschland liegen diesbezüglich keine Daten vor.

Eine Studie aus dem Jahr 2013 konnte aber zeigen, dass in Deutschland trotz Aufklärungskampagnen eher eine zunehmende Tendenz der Stigmatisierung psychisch Erkrankter zu verzeichnen ist [12]. In diesem Kontext erscheint die Berichterstattung der Medien (als maßgebliche öffentliche Meinungsbildner) über psychische Krankheiten von zentraler Bedeutung. Die vorliegende Arbeit geht daher der Frage nach, wie führende deutsche Printmedien nach der „Germanwings“-Katastrophe über psychische Krankheiten und Erkrankte berichtet haben und ob es hierbei möglicherweise zu einer Stigmata begünstigenden Berichterstattung gekommen ist. Von Interesse ist hierbei auch die Frage, ob die bestehenden Richtlinien [13] der journalistischen Selbstverantwortung ausreichend erscheinen.

Die vorliegende Arbeit analysiert insoweit die Stärken, Schwächen und Gefahren der Berichterstattung einiger Leitmedien in einem solchen Kontext. Nicht verkannt werden soll bei dieser Analyse die äußerst schwierige Aufgabe der Medien einerseits eine rasche und gründliche Information bereitzustellen, andererseits aber nicht skandalisierend oder stigmatisierend zu berichten.


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Methoden

Untersucht wurden retrospektiv sämtliche Artikel, Meldungen und Kommentare in ausgewählten Printmedien im Zeitraum vom 24.3.2015 bis zum 30.6.2015, die sich mit der Frage nach der Absturzursache beschäftigt haben. Ziel der vorliegenden Studie ist eine empirische Überprüfung der Frage, ob es im Zuge des Absturzes zu einer Berichterstattung gekommen ist, die möglicherweise stigmatisierende Effekte für psychisch kranke Menschen haben könnte. Die Auswertung erfolgte sowohl mit einem qualitativen als auch einem quantitativen Untersuchungsansatz. Texte, die die Frage nach der Ursache des Absturzes gänzlich aussparten (beispielsweise Artikel über die technische Beschaffenheit von Cockpittüren), wurden nicht berücksichtigt. Die initiale Recherche nach entsprechenden Texten erfolgte über eine Datenbank der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und über eine Datenbank des Alex-Springer-Verlags für den Zeitraum vom 24.3. – 30.6.2015. Von den aus dieser Datenrecherche übersandten Artikeln entsprachen insgesamt 251 Texte den Einschlusskriterien der Studie, die in 12 verschiedenen Printmedien in dem genannten Zeitraum publiziert wurden.

Bei den Printmedien handelte es sich einerseits um die als überregional einzustufenden Tageszeitungen: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung“, „Die Welt“, „Handelsblatt“, „Der Tagesspiegel“, „BILD-Zeitung“ und „die tageszeitung“. Außerdem wurden mit „Der Spiegel“, „Focus“ und „Stern“ die 3 führenden Nachrichtenmagazine und mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ das führende Printmedium in diesem Segment untersucht. Die Autoren haben sich für die eben genannte Auswahl entschieden, da den genannten Printmedien aufgrund ihrer überregionalen Struktur und Auflagenzahl fraglos eine Stellung als bundesdeutsche Leitmedien zukommt.

Die Autoren verstehen nachfolgend unter Stigmatisierung eine Zuschreibung von Merkmalen, die diskreditierend sind, woraus für psychisch erkrankte Menschen im privaten oder beruflichen Leben erhebliche Nachteile entstehen können. Sie orientieren sich an der empirisch-deskriptiven Ausrichtung von Studien, die vergleichbare Fragestellungen untersucht haben [14] [15], verwenden allerdings nicht die kategoriale Unterscheidung in „formale Elemente“ und „inhaltliche Elemente“, sondern haben die Rubriken der „riskanten Berichterstattung“ und „expliziten Stigmatisierung“ entwickelt. Bei der Analyse stigmatisierender Elemente konzentrieren sich die Autoren, im Unterschied zu vergleichbaren Studien, gezielt auf die nachfolgende Berichterstattung bezüglich eines einzelnen Ereignisses (hier: der „Germanwings“-Katastrophe). Als Items expliziter Stigmatisierung wurden folgende Kategorien verwendet: „Wertungen“, „Metaphorik/ Dramatisierungen“, „Kriminalität“, „Berufliche Einschränkungen“ und „Behandlungshürden“. Explizit meint, dass eine Stigmatisierung in einem Text offensichtlich erkennbar und für den Leser somit eindeutig identifizierbar ist. Explizite Stigmatisierungen können sowohl stilistisch-formalen (Dramatisierungen/Wertungen) als auch inhaltlichen (Behandlungshürden/Kriminalität/Berufliche Einschränkungen) Charakter haben.

Mit „Wertungen“ (eigentlich Abwertungen) ist gemeint, dass in einem Text Formulierungen vorkommen, die psychisch Erkrankte in beleidigender und herabwürdigender Art beispielsweise als „Irre“, „Verrückte“, „Geisteskranke“ oder „Wahnsinnige“ titulieren. Das Item „Metaphorik/Dramatisierung“ kennzeichnet Ausdrücke, die als Umschreibung für psychiatrische Krankheiten oder Betroffene verwendet werden und einen unsachlichen, dramatisierenden Charakter aufweisen. Wenn etwa depressive Menschen als „Die im Dunkeln“ [16] und die Krankheit Depression als „Vielgestaltiges Monster“ [16] beschrieben werden, ist dies ein Beispiel für die Verwendung metaphorischer und gleichzeitig dramatisierender Sprache, die eine medizinisch-sachliche, unaufgeregte Darstellung von psychischen Krankheiten unterminiert. Durch die Kategorie „Kriminalität“ wird eine in den journalistischen Texten explizit genannte, verallgemeinernde Kausalität (im Sinne: Psychisch Kranke sind generell krimineller als gesunde Menschen) zwischen psychischen Krankheiten und kriminellen Handlungen erfasst. Das Item „Berufliche Einschränkungen“ registriert, ob in einem Text generelle Berufsverbote für psychisch erkrankte Menschen erwogen und befürwortet werden. Die letzte Kategorie expliziter Stigmatisierung, „Behandlungshürden“, erfasst, wenn die Behandlungsmethoden und Ansätze in der Psychiatrie als insuffizient und die psychiatrische Behandlung als „großer Schritt“ [16] für die Betroffenen, in deutlicher Unterscheidung zur medizinischen Behandlung körperlicher Leiden, dargestellt werden.

Neben den Kategorien expliziter, also offensichtlicher, medialer Stigmatisierung, untersucht die vorliegende Arbeit, ob es im Zuge der „Germanwings“-Berichterstattung zu einer riskanten Berichterstattung gekommen ist, die möglicherweise auch einen stigmatisierenden Charakter für psychisch erkrankte Menschen haben kann. Als riskante Berichterstattung werden kausale Verknüpfungen zwischen psychischer Krankheit und kriminellem Verhalten subsumiert, wenn diese nicht in einen erklärenden Kontext gestellt werden und insoweit Befürchtungen fördern könnten, dass psychisch Kranke gefährlich und kriminell sind. Es wird in der Rubrik „riskante Berichterstattung“ konkret der Frage nachgegangen, welche Gründe für den durch den Kopiloten bewusst herbeigeführten Absturz des Flugzeugs genannt werden. Die Autoren nehmen eine kategoriale Unterscheidung in 3 Gruppen vor: „Psychische Erkrankung“, „Andere Gründe“, „Unklare Gründe“. Die Kategorie „Psychische Erkrankung“ findet folglich Verwendung, wenn in einem Text ein Zusammenhang zwischen dem Absturz der Maschine und der psychischen Verfassung des Kopiloten hergestellt wird. Als „Andere Gründe“ gelten konkret genannte Verdachtsmomente (z. B. Technikfehler, bewusster Mord), die sich nicht auf eine psychische Erkrankung beziehen. Die Rubrik „Unklare Gründe“ kommt dann zum Tragen, wenn die Absturzursache im Text zwar diskutiert, aber kein eindeutig zuordenbarer Grund (z. B. „Unklares Motiv“) genannt wird. Eine entscheidende Ergänzung der Kategorie „Psychische Erkrankung“ ist die Subgruppe „Diagnose“. Diese Kategorie findet dann Verwendung wenn eine konkrete psychiatrische Diagnose als Ursache des Absturzes genannt wird.

Zusätzlich wurde im Rahmen der Auswertung untersucht, ob der Absturz als „Suizid“ oder auch „Erweiterter Suizid“ gewertet worden ist. Die Autoren gehen – obwohl nicht alle Selbsttötungen auf psychische Probleme oder Erkrankungen zurückzuführen sind – davon aus, dass die Begriffe „Suizid“ oder „Selbstmord“ für die meisten Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung assoziiert sind, da die Mehrheit der begangenen Suizide und Suizidversuche auf dem Boden psychiatrischer Krankheiten geschehen [17]. Deshalb gilt die Verwendung des Begriffs „Suizid“ als Kofaktor einer riskanten Berichterstattung, da bei bisher fehlender psychologischer Autopsie in vorliegendem Fall entsprechende Berichte zwangsläufig spekulativ sind. Als weitere Items wurden außerdem die Kategorien „Symptome“ und „Information“ verwendet. Hierbei wurde untersucht, ob neben der Berichterstattung über die mutmaßlichen psychischen Probleme des Kopiloten auch die (korrekte) Verwendung von Krankheitssymptomen und sachgerechte Informationen über psychische Erkrankungen wiedergegeben worden sind.

Alle genannten Kategorien und Items wurden von den Autoren im zeitlichen Verlauf erfasst. Die entsprechenden Texte wurden nach ihrem jeweiligen Erscheinungsdatum einer von 3 zeitlichen Rubriken zugeordnet. Die erste Rubrik umfasst die Zeitspanne der ersten 5 Tage nach dem Absturz (bis einschließlich 29.3.2015). Die Autoren haben sich für diese erste, kurze Zeitspanne entschieden, um beobachten zu können, welche Erklärungsansätze die Printmedien unmittelbar nach der Katastrophe geboten haben. Die beiden anderen zeitlichen Rubriken (30.3.– 30.4.2015 und 1.5. – 30.6.2015) stehen bereits vollkommen im Zeichen der Erkenntnis, dass der Kopilot das Flugzeug mutwillig zum Absturz gebracht hat.

Experteninterviews fanden in der Auswertung keine Berücksichtigung, da sich die Untersuchung auf eine Analyse der journalistischen Aufarbeitung des Unglücks und nicht auf Expertenmeinungen bezieht. In den Text eingebundene Zitate von Experten wurden nach dem verwendeten Kontext kategorisiert. Ein Expertenzitat, bei dem also beispielsweise ein Berufsverbot für Depressive gefordert wird, wurde somit nur dann als stigmatisierend gewertet, wenn im weiteren Textverlauf keine kritische Auseinandersetzung mit dieser Aussage stattgefunden hat. Hinterfragt der Autor eines Textes jedoch das Zitat kritisch, wurde das Zitat nicht als stigmatisierend eingestuft.


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Ergebnisse

Die Ergebnisse der Textauswertungen zeigen im Segment „riskante Berichterstattung“, dass in den ausgewerteten Printmedien eine psychische Erkrankung des Kopiloten als mehrheitliche Erklärung für den Absturz der Maschine herangezogen wird, ohne solche Überlegungen in einen größeren Kontext über die wissenschaftlich differenziert beschriebenen Zusammenhänge zwischen psychischer Erkrankung und Kriminalität zu stellen ([Tab. 1]). Die beiden anderen Kategorien „Andere Gründe“ und „Unklare Gründe“ spielen als Erklärungsansätze eine eher untergeordnete Rolle ([Tab. 1]). In 99 Texten (39,4 % aller Texte) wird sogar die konkrete Diagnose einer „Depression“ in Zusammenhang mit dem bewusst herbeigeführten Absturz gebracht und als mögliche Ursache für das Geschehen genannt. Neben „Depression“ werden vereinzelt auch andere Verdachtsdiagnosen genannt. Die Liste der sonstigen Diagnosen besteht aus „Narzissmus“, „Burnout“, „Psychose“, „Bipolare Erkrankung“ und „Psychosomatische Erkrankung“. Rein quantitativ handelt es sich hierbei um einen kleinen Bereich. Diese Verdachtsdiagnosen kommen in der Summe lediglich in 17 Texten (6,8 % der ausgewerteten Texte) vor, sodass, erklärbar durch die Krankengeschichte des Kopiloten, eine klare mediale Fokussierung auf die Diagnose „Depression“ vorgenommen worden ist. Symptome einer „Depression“ wurden allerdings nur in 14 Texten (5,6 % der Texte) aufgelistet. Sachliche Informationen über die Erkrankung „Depression“ fanden sich insgesamt in 23 Artikeln (9,2 % der Texte).

Tab. 1

Anzahl der Texte entsprechend den diskutierten Absturzursachen und der Einordnung des Absturzes als „Suizid“ insgesamt und im zeitlichen Verlauf.

gesamt (24.3. – 30.6.2015)

(n = 251)

24. – 29.3.2015

(n = 72)

30.3. – 30.4.2015

(n = 126)

1.5. – 30.6.2015

(n = 53)

psychische Erkrankung

161 (64,1 %)

32 (44,4 %)

97 (77 %)

32 (60,4 %)

andere Gründe

49 (19,5 %)

29 (40,3 %)

17 (13,5 %)

3 (5,6 %)

unklare Gründe

65 (25,9 %)

25 (34,7 %)

22 (17,4 %)

18 (34 %)

Diagnose Depression

99 (39,4 %)

18 (25 %)

60 (47,6 %)

21 (39,6 %)

Suizid

106 (42,2 %)

28 (38,8 %)

64 (50,8 %)

14 (26,4 %)

Als „Suizid“ des Kopiloten wurde die Flugzeugkatastrophe in 42,2 % der Fälle (106 Texte) eingestuft. Der Begriff „Erweiterter Suizid“ kam insgesamt 8-mal (3,1 % der Texte) vor.

Eine klare Tendenz der Berichterstattung lässt sich insbesondere im zeitlichen Verlauf beobachten ([Tab. 1]). In den ersten 5 Tagen nach dem Unglück wurde medial noch ungerichtet über die Absturzursache spekuliert. Dementsprechend spielen in dieser Zeitspanne „Andere Gründe“ und „Unklare Gründe“ eine zunächst wichtige Rolle. Eine psychische Erkrankung als Grund des Absturzes wurde während der ersten 5 Tage aber immerhin schon in 32 Texten (44,4 %) vermutet. Bereits in dieser ersten Phase der Berichterstattung fand die Diagnose der Depression in 18 Texten (25 %) als mögliche Absturzursache Erwähnung.

In der darauffolgenden Zeitspanne (30.3. – 30.4.2015) sind die Erklärungsansätze eindeutiger. Während dieses Zeitraums wurde in 97 Texten (77 %) eine psychische Erkrankung als Grund für den Absturz genannt. Die Diagnose „Depression“ fand in 60 Texten (47,6 %) Verwendung. „Andere Gründe“ und „Unklare Gründe“ waren in der Erwähnung rückläufig ([Tab. 1]). Auch die Verwendung des Begriffs „Suizid“ (von 38,8 % in der ersten Zeitspanne auf nachfolgend 50,8 %) zeigte sich deutlich ansteigend ([Tab. 1]).

Wieder etwas zurückhaltender – bezogen auf die psychische Verfassung des Kopiloten – gestaltete sich die Berichterstattung im letzten untersuchten Zeitraum (1.5. – 30.6.2015). Aber auch hier war eine psychische Erkrankung in 32 Texten (60,4 %) der mit Abstand am meisten erwähnte Erklärungsansatz vor „Andere Gründe“ und „Unklare Gründe“ ([Tab. 1]). Die Diagnose der „Depression“ wurde noch in 21 Texten (39,6 %) verwendet. Deutlich rückläufig zeigte sich der Gebrauch des Ausdrucks „Suizid“ (14 Texte; 26,4 %). Zusammenfassend kann man im Segment der riskanten Berichterstattung von einer Fokussierung auf eine psychische Erkrankung des Kopiloten als Absturzursache sprechen, die ihren Höhepunkt im April 2015 erreicht hatte. Somit wurde medial in den meisten Fällen eine kausale Verknüpfung zwischen psychiatrischer Erkrankung und krimineller Tat vorgenommen, ohne dass auf die umfangreiche wissenschaftliche Datenlage zu den Zusammenhängen zwischen psychischer Erkrankung und Kriminalität Bezug genommen wurde.

Im Bereich der „Expliziten Stigmatisierung“ ([Tab. 2]) haben die Autoren in insgesamt 79 Texten (31,5 %) mindestens eine Kategorie expliziter Stigmatisierung gefunden. Führend war hierbei die Verwendung „Metaphorischer Sprache/Dramatisierungen (59 Texte; 23,5 %) in Bezug auf psychische Erkrankungen oder Erkrankte, gefolgt von „Beruflichen Einschränkungen“ (29 Texte; 11,5 %) und „Wertungen“ (26 Texte; 10,4 %). Die Items „Behandlungshürden“ und „Kriminalität“ kamen jeweils in 10 Texten (4 %) vor. Im Bereich der „Expliziten Stigmatisierung“ zeigten sich im zeitlichen Verlauf während der ersten beiden Zeitspannen deutlich mehr explizite Stigmatisierungen als in der letzten Zeitspanne. So konnten während der ersten 5 Tage nach dem Absturz der Maschine in 24 Texten (33,3 %) explizite Stigmatisierungen nachgewiesen werden. Vom 30.3. – 30.4.2015 stieg die Zahl nochmals auf 35,7 % (45 Texte) an. In der letzten Zeitspanne, vom 1.5. – 30.6.2015, wies die Berichterstattung insgesamt einen sachlicheren Charakter auf, sodass hier nur noch in 10 Texten (18,9 %) explizite Stigmatisierungen auffielen.

Tab. 2

Gesamtzahl der Texte mit mindestens einer expliziten Stigmatisierung sowie Anzahl der Texte mit einzelnen Items „Expliziter Stigmatisierung“ insgesamt und im zeitlichen Verlauf.

gesamt (24.3. – 30.6.2015)

(n = 251)

24. – 29.3.2015

(n = 72)

30.3. – 30.4.2015

(n = 126)

1.5. – 30.6.2015

(n = 53)

Texte insgesamt mit mind. 1 expl. Stigmatisierung

79 (31,5 %)

24 (33,3 %)

45 (35,7 %)

10 (18,9 %)

Wertungen

26 (10,4 %)

8 (11,1 %)

17 (13,5 %)

1 (1,9 %)

Metaphorik/Dramatisierungen

59 (23,5 %)

21 (29,2 %)

29 (23 %)

9 (17 %)

Kriminalität

10 (4 %)

4 (5,5 %)

6 (4,8 %)

0

berufliche Einschränkungen

29 (11,5 %)

3 (4,2 %)

25 (19,8 %)

1 (1,9 %)

Behandlungshürden

10 (4 %)

1 (1,4 %)

8 (6,3 %)

1 (1,9 %)


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Diskussion

Das Bild, das sich Laien von psychischen Erkrankungen machen, wird unter anderem von Presseberichten geprägt [18] [19]. Neben sachlichen und informativen Artikeln über psychische Störungen werden psychische Krankheiten immer wieder auch im Kontext spektakulärer Verbrechen thematisiert. Ob und in welchem Ausmaß es dabei auch zu einer Berichterstattung kommt, die für psychisch Kranke stigmatisierend sein kann, untersucht die vorliegende Studie anhand der Berichterstattung über den „Germanwings“-Absturz vom März 2015. Neben einer Bestandsaufnahme verfolgt die vorliegende Arbeit auch das Ziel, die vorhandenen Leitlinien [13] [20] im Lichte dieser Berichterstattung zu analysieren, da die Medien aus Sicht der Autoren neben einer umfassenden Information der Öffentlichkeit auch die Nebenwirkungen ihrer Berichterstattung im Blick haben sollten. Solche Nebenwirkungen können beispielsweise in nicht intendierten Stigmatisierungseffekten für Millionen von psychisch Kranken bestehen, die in ihrem Leben niemals gewalttätig werden [21] [22]. Möglicherweise beruhen nicht intendierte Stigmatisierungseffekte auch darauf, dass psychiatrische Expertise immer noch nicht ausreichend genug allgemeinverständlich kommuniziert wird [23] [24].

In der Summe zeigen die ausgewerteten Artikel eine deutliche mediale Konzentration auf eine mögliche psychische Krankheit des Kopiloten als Absturzursache ([Tab. 1]).

Legt man die in dieser Arbeit entwickelten und im Methodenteil dargestellten Kriterien zugrunde, so ist diese Art der medialen Darstellung als riskante Berichterstattung zu bezeichnen. Es ist grundsätzlich natürlich nicht zu kritisieren, wenn die Medien zur Erklärung einer unfassbaren katastrophalen Handlung einer einzelnen Person auch die Möglichkeit einer psychischen Krankheit heranziehen. Solche Überlegungen müssten aber im Kontext der mittlerweile sehr umfassenden und differenzierten wissenschaftlichen Befunde zu den Zusammenhängen zwischen psychischen Erkrankungen und Delinquenz erörtert werden, da ansonsten die Gefahr besteht, dass in der Öffentlichkeit das Bild des „gefährlichen psychisch Kranken“ befördert wird. Dies gilt umso mehr, als sich die medialen Berichte bei zumindest bisher nicht veröffentlichter psychologischer Autopsie des Kopiloten nur im spekulativen Bereich bewegen können. Insgesamt 64,1 % aller Texte ([Tab. 1]), und damit die deutliche Mehrheit, diskutieren eine psychiatrische Erkrankung des Kopiloten als Absturzursache. Es wird somit konkret die kausale Brücke zwischen einem Verbrechen und einer psychiatrischen Erkrankung, allen voran Depressionen, geschlagen. Diese kausale Verknüpfung wird durch die zusätzliche Thematisierung des Tatgeschehens als „Suizid“ bzw. „erweiterter Suizid“ noch verstärkt.

Selbst wenn der Kopilot zum Zeitpunkt des Absturzes an einer psychischen Erkrankung gelitten haben sollte, ist die kausale Verknüpfung zwischen einer psychischen (depressiven) Erkrankung und der Tat keineswegs belegt. Insbesondere für einen depressiven Menschen ist eine derartige Tat untypisch: Aggressionen depressiver Patienten richten sich in der Regel gegen die eigene Person. Schon seit Längerem wird deshalb vorgeschlagen, das psychopathologisch ältere Konstrukt des „erweiterten Suizids“ nicht mehr anzuwenden, da es eine altruistische Motivation des Suizidenten annimmt, die keineswegs immer gegeben sein muss. Als zutreffendere Bezeichnung wird die Bezeichnung „Tötung mit anschließender Selbsttötung“ vorgeschlagen [25] [26]. Solche Handlungsabläufe, die zum Beispiel auch bei Selbstmordanschlägen vorkommen, sind häufig eher durch narzisstische Persönlichkeitsauffälligkeiten, denn durch eine depressive Psychopathologie zu erklären [27]. Häufig bleiben die Hintergründe und Motive aber auch ungewiss [28]. Es ist nachvollziehbar, dass solche Taten große Beachtung erlangen und dass die Öffentlichkeit nach einer Erklärung für eine solche Tat sucht. Aus psychiatrischer Sicht wäre es aber wünschenswert, wenn in den Medienberichten weniger Spekulationen bedient würden, die eine vermeintliche Kausalität zwischen Tat und psychischer Krankheit implizieren, die für den Einzelfall in der Regel, wenn überhaupt, nur durch intensive Exploration des Täters oder eine umfassende psychologische Autopsie zu belegen ist, für eine große Zahl psychisch erkrankter Menschen aber möglicherweise auch stigmatisierende Effekte haben kann. Die mediale Berichterstattung ist diesbezüglich kritisch zu hinterfragen, da in den ersten Wochen nach dem Absturz des Flugzeugs die Erkenntnisse über den aktuellen Gesundheitszustand des Kopiloten noch völlig ungeklärt waren. Vermutungen, die sich zunächst ausschließlich auf die zurückliegende psychiatrische Krankengeschichte des Kopiloten stützten, wurden aber in der medialen Verarbeitung in eindeutigen kausalen Zusammenhang zu der Absturzursache gestellt. Nachdem sich diesbezüglich vereinzelt kritische Stimmen, wie die Präsidentin der DGPPN, Dr. Iris Hauth, geäußert hatten, wurde medial wieder etwas mehr Zurückhaltung geübt. Dies zeigt nach Ansicht der Autoren, dass die Kommunikation fachlicher Informationen wirksam ist und von den Medien umgesetzt wird. Insbesondere der Begriff „Suizid“ schien vielen Journalisten im Laufe der Zeit für ein Verbrechen dieser Tragweite unangepasst. Dass die medialen Spekulationen, trotz der nach wie vor nicht hinreichend erklärten Tatmotivation, jedoch nicht geendet haben, zeigt ein am 19.9.2015 erschienener Text im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit dem Titel: „Alles okay – Vernehmungen und Unterlagen über den Kopiloten (…) zeichnen ein Bild eines Depressiven, der sich auf sichere Art töten wollte“ [29]. In diesem Text kommen neben dem Merkmal der riskanten Berichterstattung außerdem öfters explizite Stigmatisierungsmerkmale (Kategorien „Behandlungshürden“, „Metaphorische Sprache/Dramatisierungen“ und „Wertungen“) vor, was zu einer durch die Studie erhobenen Beobachtungen passt: Explizite Stigmatisierungen psychisch Kranker finden sich regelmäßig in der Berichterstattung über den „Germanwings“-Absturz. In fast jedem dritten Text kommt mindestens ein Item expliziter Stigmatisierung vor. Führend war hierbei vor allem der Bereich „Metaphorische Sprache/Dramatisierungen“ (23,5 % der Texte). Die Boulevardzeitung „BILD“ erreicht hier einen Spitzenplatz. Fast die Hälfte (16 Texte; 48,5 %) aller in diesem Medium erschienenen Texte zeigten metaphorische und dramatisierende Elemente. Aber auch in dem Boulevard-Journalismus nicht zuzurechnenden Printmedien zeigten sich regelmäßig metaphorisch-dramatisierende Elemente. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ titelte zum Beispiel bereits am 28.3.2015: „Das tödliche Geheimnis des Andreas L.“ [30] und die Süddeutsche Zeitung berichtete am 30.3.2015 ebenfalls über „Tödliche Geheimnisse“ [31] des „Todespiloten“ [31]. Die Krankheit „Depression“ beschrieb der „Focus“ in der Überschrift eines Textes als „dunkle Macht“ [32]. Dies sind mehrere Beispiele in der Rubrik „Metaphorik/Dramatisierung“ die in ihrer Qualität einen durchaus repräsentativen Charakter haben. Im Bereich der „Wertungen“ (10,4 % der Texte) fielen vor allem beleidigende Titulierungen psychischer Erkrankungen und Erkrankter auf. Der „Spiegel“ sprach bereits am 28.3.2015 von „Wahnsinn“ [33] und dem „verrückten Piloten“ [33]. Der Focus vom 4.4.2015 fand, der Kopilot sei „schwer gestört“ [32] und ging später dem Titelthema „Berufsverbot für Depressive?“ [34] (Kategorie „Berufliche Einschränkungen“) nach. In der gleichen Ausgabe wurde außerdem festgestellt, dass Depressive doppelt so häufig gewalttätig würden wie Gesunde [34] (Kategorie „Kriminalität“) und sich viele Erkrankte der Therapie entziehen würden [34] (Kategorie „Behandlungshürden“). Dass diese These zur Gewaltbereitschaft Depressiver wesentlich differenzierter diskutiert werden sollte, geht aus zurückliegenden Untersuchungen hervor [8] [9] [21].

Die Süddeutsche Zeitung sah in einer stationär-psychiatrischen Behandlung immer noch einen „großen Schritt“ [35] für die Betroffenen (Kategorie „Behandlungshürden“). Der „Focus“ mutmaßte gar, Psychopharmaka könnten bei dem Kopiloten ein Hochgefühl ausgelöst haben, „das ihn veranlasste, einen geplanten Todesflug anzugehen“ [36] (Kategorie „Behandlungshürden“).

Die in diesem Abschnitt erwähnten Beispiele sind in ihrer Qualität für die jeweilige Kategorie repräsentativ und wurden daher zur Veranschaulichung – wenngleich die vorliegende Arbeit ausdrücklich nicht systematisch die Qualität von Stigmatisierungen untersucht – genannt. Vor dem Hintergrund der durch die Berichterstattung oftmals hergestellten Kausalität von psychischer Erkrankung und Verbrechen, überraschen auf den ersten Blick die Ergebnisse zweier jüngst veröffentlichter Studien [37] [38], die darlegen, dass nach dem Unglück insgesamt kein statistisch signifikanter Anstieg der Stigmaparameter (bezogen auf Depressive) zu verzeichnen gewesen sei, wenngleich man in einzelnen Teilbereichen, beispielsweise in der Zuschreibung stereotyper Eigenschaften, einen Anstieg habe verzeichnen können [37] [38]. Zahlreiche Leserbriefe in den untersuchten Printmedien zeigen aber die Angst vieler Betroffener, dass durch die Berichterstattung der „Blick auf psychisch Erkrankte (…) noch skeptischer und mitleidsloser“ [39] wird und „die Kranken selbst (…) vielleicht noch seltener Hilfe suchen, ihr Leiden verheimlichen“ [39]. Es ist daher durchaus naheliegend, dass es im Zuge der „Germanwings“-Berichterstattung zu einem Anstieg selbststigmatisierender Komponenten [40] [41] – also von den Erkrankten internalisierten Stigmatisierungen – gekommen ist, die deren Bereitschaft einschränkt, eine dringend notwendige Behandlung wahrzunehmen. Nach Ansicht der Autoren stellt sich auf Grundlage der erhobenen Daten deshalb die Frage nach der medialen Verantwortung gegenüber psychisch erkrankter Menschen. Im Pressekodex des Deutschen Presserates heißt es in Ziffer 14: „Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser wecken könnte.“ [13] Die vorangegangenen Ausführungen zeigen, dass die untersuchten Printmedien diese Maxime nach dem Absturz des „Germanwings“-Flugzeugs mehrheitlich nicht in vollem Umfang berücksichtigt haben.

Die Autoren stellen als Fazit dieser Untersuchung die These auf, dass durch die medial oft hergestellte Kausaliät von psychiatrischer Erkrankung und krimineller Tat – ohne dass solche Überlegungen in den Kontext der differenzierten wissenschaftlichen Befundlage gestellt werden („riskante Berichterstattung“) – aber natürlich auch durch explizit stigmatisierende Äußerungen die Gefahr einer Stigmatisierung und Selbststigmatisierung psychisch Erkrankter besteht. Auch wenn sich in epidemiologischen Studien bisher keine schwerwiegenden messbaren Effekte zeigten, kann nach derzeitigem Kenntnisstand die Frage, ob und in welchem Ausmaß die Berichterstattung stigmatisierend gewirkt hat, nicht abschließend beantwortet werden. Die Autoren empfehlen neben der in Ziffer 2 im Pressekodex erwähnten „Sorgfalt“ [13] bei der Recherche, sich an den zahlreichen, bereits existierenden Empfehlungen verschiedener Institutionen, unter anderem der Weltgesundheitsorganisation [20], bezüglich der Berichterstattung über psychische Erkrankungen zu orientieren. Neben einer genauen Prüfung, ob eine psychiatrische Erkrankung als Ursache einer kriminellen Tat angeführt werden kann, sollte insbesondere auf dramatisierende und wertende Sprache verzichtet werden. Solange Unklarheit besteht, sollte medial daher mit Zurückhaltung agiert werden. Außerdem wäre es wünschenswert, in deutlich umfangreicherem Maß als im Zuge der „Germanwings“-Berichterstattung geschehen, informierend-neutral über Genese, Charakteristik und Behandlungsmöglichkeiten psychiatrischer Krankheiten zu informieren. Bei konsequenter Auslegung sind die bestehenden Richtlinien [13] [20] nach Ansicht der Autoren ausreichend.

Besondere Ereignisse ziehen eine besondere mediale Aufmerksamkeit nach sich. Der Absturz der „Germanwings“-Maschine war in der Tat ein außergewöhnliches Ereignis. Die Medien befinden sich in der heutigen, schnelllebigen Medienlandschaft in dem Dilemma, eine rasche und zugleich gründliche Berichterstattung liefern zu müssen, ohne dabei unnötig zu skandalisieren. Es wäre vermessen und unrealistisch von den Medien im Zuge eines derartigen Unglücks wie des „Germanwings“-Absturzes zu verlangen, auf Spekulationen gänzlich zu verzichten und sich in demütiger Zurückhaltung zu üben. Nach dem bewusst herbeigeführten Flugzeugabsturz setzte jedoch überwiegend das Gegenteil ein. Pörksen [42] führte hierzu aus, dass das Zusammentreffen von Katastrophe und rascher publizistischer Reaktion ein Faktizitätsvakuum bedinge: „Man weiß wenig sicher, will aber doch die Gewissheiten präsentieren.“ [42] Dieses Bedürfnis der Medien, dem Medienpublikum – das seinerseits im Angesicht der „Germanwings“-Katastrophe einhellig und menschlich nachvollziehbar nach einem „Warum?“ fragte – schnelle, plausible Lösungen zu präsentieren, hat in diesem Fall aus Sicht der Autoren zu einer riskanten Berichterstattung, mit möglicherweise stigmatisierenden Effekten für psychisch kranke Menschen, geführt. Die vorliegende Untersuchung zeigt, wie frappierend schnell – bereits in den ersten 5 Tagen nach dem Absturz war eine psychische Erkrankung des Kopiloten die meistdiskutierte Absturzursache – eine einseitige mediale Fokussierung auf eine psychiatrische Erkrankung als Absturzursache stattgefunden hat. Eine derart weitreichende Berichterstattung, die Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung einer großen Gruppe psychiatrisch erkrankter Menschen nehmen kann, ist aus psychiatrischer Sicht zu hinterfragen. Es erscheint sinnvoll, vor Publikationen, die psychiatrische Erkrankungen betreffen, fachliche Expertise einzuholen, um sachgerecht informieren zu können und ungewollte Stigmatisierung zu vermeiden. Selbstkritisch müssen natürlich auch die befragten Experten ihre Aussagen gegenüber den Medien auf die oben skizzierten Effekte hin prüfen. Die Kombination aus fachlicher Expertise und konsequenter Auslegung der bestehenden Richtlinien [13] [20] erscheint nach Ansicht der Autoren geeignet, um nicht in einen „Ausbruch medialer Hysterie“ [42] auf Kosten Erkrankter zu verfallen. Es wäre wünschenswert, wenn diese empirische Untersuchung einen verstärkten Dialog zwischen Medien und der Fachdisziplin Psychiatrie anstoßen könnte, um bei künftigen spektakulären Ereignissen eine weniger riskante Berichterstattung zu ermöglichen.

Konsequenzen für Klinik und Praxis
  • Im Zuge des „Germanwings“-Absturzes kam es zu einer riskanten Berichterstattung mit möglicherweise stigmatisierenden Effekten für psychisch kranke Menschen.

  • Besonders die kausale Verknüpfung zwischen Verbrechen (dem Absturz) und möglicher psychiatrischer Erkrankung des Kopiloten ist aus psychiatrischer Sicht problematisch.

  • Eine konsequente Einhaltung journalistischer Richtlinien und das Einholen fachlicher Expertise vor Veröffentlichungen, könnten nicht intendierte Stigmatisierungen zukünftig verringern. Die von den Medien konsultierten Experten sollten mögliche stigmatisierende Effekte ihrer Aussagen selbstkritisch hinterfragen.


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Interessenkonflikt

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Harald Dreßing
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J5
68159 Mannheim