Schlüsselwörter:
dialysepflichtiges Nierenversagen - Gefäßprotektion - Diät - Kakaoflavanole
Quelle: Rassaf T, Rammos C, Hendgen-Cotta UB et al. Vasculoprotective effects of dietary
cocoa flavanols in patients on hemodialysis: a double-blind, randomized, placebo-controlled
trial. Clin J Am Soc Nephrol 2016; 11: 108–118
Thema: Die Behandlungsform der Hämodialyse (HD) bedingt per se eine vaskuläre Dysfunktion
bei Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz. Die endotheliale Dysfunktion ist
ein Schlüsselschritt in der Atheroskleroseentwicklung und lässt sich durch eine eingeschränkte
flussvermittelte Vasodilatation (FMD: „flow-mediated dilation“) charakterisieren.
Interventionsstudien haben gezeigt, dass Kakaoflavanole gefäßprotektiv wirken. Die
vorgestellte Studie untersuchte den Effekt einer Kakaoflavanole reichen Diät auf die
durch die HD induzierte akute und chronische endotheliale Dysfunktion.
Projekt: In einer doppelblinden, randomisierten und Placebo kontrollierten wurden in den Jahren
2012–2013 insgesamt 57 HD-Patienten (Alter 65 ± 13 Jahre, 74 % Männer, BMI 29 ± 5 kg/m²)
eines Düsseldorfer Dialysezentrums untersucht. Die FMD zur Abschätzung der endothelialen
Funktion wurde über der Brachialarterie gemessen. Es wurden 11 Patienten in den initialen
Crossover-Studienarm aufgenommen, welcher mittels Einmalgabe von 900 mg Kakaoflavanolen
oder Placebo am dialysefreien Tag (im Abstand von einer Woche) die akuten Effekte
sowie die Sicherheit und Verträglichkeit untersuchte. 52 Patienten wurden in dem sich
anschließenden 30-tägigen Studienarm im Parallelgruppendesign untersucht. In diesen
wurden auch 6 Patienten aus dem initialen Arm übernommen, und es wurde zusätzlich
die Gefäßfunktion mittels FMD während und nach der Hämodialyse gemessen. Die Patienten
erhielten entweder Kakaoflavanole reiche (900 mg Kakaoflavanole pro Studientag) oder
Placebo-Drinks mit gleichem Geschmack.
Ergebnisse: Die einmalige Zufuhr von Kakaoflavanolen verbesserte die FMD um 53 % (p < 0,001)
nach 2 Stunden vs. Placebo. In dem 30-tägigen Studienarm führte die tägliche Zufuhr
von 900 mg Kakaoflavanolen zu einer Verbesserung der FMD um 18 % (p < 0,001) im Vergleich
zur Ausgangs-FMD, welche mit einer leichten Reduktion des diastolischen Blutdrucks
und einem geringen Herzfrequenzanstieg einherging. Wurden die Kakaoflavanole akut
während der HD-Behandlung zugeführt, konnten sie die HD-induzierte vaskuläre Dysfunktion
signifikant mildern. Dieser Effekt blieb über die 30-tägige Studiendauer bestehen.
Fazit: Eine Kakaoflavanole reiche Diät mildert die durch eine HD induzierte akute und die
chronische endotheliale Dysfunktion bei Dialysepatienten und wirkt damit evtl. gefäßprotektiv
in dieser Hochrisikopopulation. Die Supplementierung mit Kakaoflavanolen ist eine
neue therapeutische Option, um der vaskulären Dysfunktion entgegenzuwirken und damit
den Gesundheitszustand der Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz zu verbessern.
Es sollten daher größere klinische Untersuchungen initiiert werden, um zu klären,
ob diese Erkenntnisse auch eine bessere kardiovaskuläre Prognose für Dialysepatienten
bedingen.
Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz weisen eine stark erhöhte kardiovaskuläre
Morbidität und Mortalität auf. Ursächlich hierfür sind neben den traditionellen atherogenen
Risikofaktoren weitere Faktoren, die direkt mit der Nierenfunktionseinschränkung und
deren Behandlung zusammenhängen (z. B. chronische Inflammation, vaskuläre Kalizifkation).
Die Hämodialyse per se verschlechtert die endotheliale Funktion außerdem akut.
Die Ernährung stellt den wichtigsten modifizierbaren Lifestyle-Faktor dar, der das
kardiovaskuläre Risikoprofil wesentlich beeinflusst. In Interventionsstudien am Menschen
konnte gezeigt werden, dass es eine inverse Beziehung zwischen dem Verzehr von Flavanolen
und der Höhe des Blutdrucks, der Insulinresistenz, der Glukosetoleranz sowie dem Ausmaß
der Thrombozytenaggregation gibt [1], [2], [3]. Kakaoflavanole sind als pflanzliche Bestandteile in unserer täglichen Nahrung enthalten.
Sie finden sich u. a. in dunkler Schokolade, grünem Tee, Obst, Rotwein und Gemüse.
Die vorliegende Studie zeigt eindrücklich den potenziell gefäßprotektiven Effekt von
Kakaoflavanolen bei Hämodialysepatienten. Die Einnahme von Kakaoflavanolen war in
der aktuellen Studie sicher und gut verträglich. Die endotheliale Funktion zeigte
sich durch die diätetische Intervention mit Kakaoflavanolen kurz- und langfristig
verbessert.
Kakaoflavanole könnten der Hämodialyse induzierten vaskulären Dysfunktion entgegenwirken
und damit die Prognose in diesem Hochrisikokollektiv verbessern. Weitere größere Studien
zu dieser Fragestellung sind anzustreben.
Dr. Birgit Bader, Berlin