Dtsch Med Wochenschr 2017; 142(07): 461
DOI: 10.1055/s-0042-121497
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Medizin vor Ökonomie – DGIM rückt Wertediskussion in den Fokus

Medicine Before Economics – DGIM is Focusing on Discussion of Values
Petra-Maria Schumm-Draeger
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Publication Date:
07 April 2017 (online)

Liebe Leserinnen und Leser,

die Ökonomisierung im Gesundheitswesen gewinnt klinisch immer stärkere Bedeutung. Sie kann zu bedrohlichen Fehlentwicklungen und schwerwiegenden Problemen für Patienten, Ärzte, Kostenträger und das ganze Gesundheitssystem führen.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) beschäftigt sich derzeit im Rahmen ihrer fachgesellschaftlichen Aktivitäten mit aktuellen Fragestellungen, die aus Schnittstellen zwischen medizinisch-klinischem Handeln und nicht-medizinischen Herausforderungen resultieren und erhebliche Auswirkungen vor allem auf die Situation klinisch tätiger Ärzte haben. In diesem Zusammenhang sieht die DGIM die dringende Notwendigkeit, die Auswirkungen der Ökonomisierung im Gesundheitssystem zu analysieren, Fehlentwicklungen einzudämmen, Schaden abzuwenden und Konzepte zu entwickeln, die einen innovativen Impuls für die Wende hin zum Besseren geben können.

Das Leitthema der 123. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin „Versorgung der Zukunft: patientenorientiert, integriert und ökonomisch zugleich“ adressiert klar, dass die Versorgung des Patienten und der Patient als Mensch im Mittelpunkt stehen. Dies stellt zweifellos eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar. Durch wiederholte, auf Kostenreduktion abzielende Reformen des deutschen Gesundheitssystems ist das Wohl der Patienten zunehmend aus dem Zentrum der medizinischen Versorgung verdrängt worden. Insbesondere die sog. „sprechende“ und damit zeitaufwändige Medizin ist kaum abgebildet, technische/interventionelle und chirurgische Prozeduren werden aus betriebswirtschaftlicher Sicht in den Vordergrund gerückt. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass Vertrauen und Compliance von Patienten ein zentraler Faktor für den Erfolg jeder Therapie darstellen, insbesondere bei komplexen Krankheitsbildern.

Die DGIM hat zu dieser Thematik ein Positionspapier publiziert (DMW 2016; 141: 1183-1186) und ist in die Branchendiskussion bzw. den gesamtgesellschaftlichen Diskurs eingestiegen. Gemeinsam mit den Schwerpunktgesellschaften der Inneren Medizin und angrenzenden Gebieten der Medizin hat die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin DGIM ein Konzept erarbeitet, um dem eindeutigen Trend einer zunehmenden Ökonomisierung der Medizin aktiv entgegenzutreten und das Vertrauen in die ärztliche Tätigkeit zu stärken.

Der von mir initiierte Klinikkodex „Medizin vor Ökonomie“, der beim 123. Internistenkongress unter meiner Präsidentschaft vorgestellt wird, stärkt und unterstützt die Rolle der Ärzteschaft, insbesondere auch ärztlicher Führungskräfte vor dem Hintergrund des berufsethischen Selbstverständnisses. Ziel des Klinikkodex ist es, sicherzustellen – und jeden klinisch tätigen Arzt dahingehend zu unterstützen –, dass medizinisches Handeln zu keinem Zeitpunkt von Regeln des ökonomischen Wettbewerbs dominiert und betriebswirtschaftliche Entscheidungen niemals zu einer ökonomischen Abhängigkeit führen, die ärztliche Entscheidungen (Diagnostik und Therapie) beeinflusst. Darüber hinaus muss die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten in der Inneren Medizin in allen internistischen Schwerpunkten gewährleistet sein, unabhängig von deren betriebswirtschaftlicher Abbildung im DRG/Fallpauschalen-System.

Wie die Beiträge in diesem Heft zeigen, gilt es das gesamte Spektrum der internistischen Schwerpunkte in ihrer wissenschaftlichen und klinischen Ausrichtung zu erhalten und auszubauen. Somit setzt sich die DGIM mit allen internistischen Schwerpunkt-Gesellschaften für eine weiterhin werteorientierte, individualisierte und fürsorgliche Medizin in unserem Gesundheitssystem ein, auch unter angemessener Berücksichtigung ökonomischer Aspekte, aber nach den Vorgaben des Klinikkodex „Medizin vor Ökonomie“.

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Prof. Dr. med. Petra-Maria Schumm-Draeger