Zeitschrift für Klassische Homöopathie 2017; 61(02): 79-84
DOI: 10.1055/s-0043-111067
Wissen
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die Vereinigung der Gegensätze

Norbert Winter
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Dr. rer. nat. Norbert Winter
Zentrum für Klassische Homöopathie
Rastatter Str. 74
76199 Karlsruhe

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Publication Date:
28 June 2017 (online)

 

Zusammenfassung

Ein faszinierendes Kapitel der Geistesgeschichte ist der Dialog, der sich zwischen dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli und dem Psychologen Carl Gustav Jung entwickelte. Die Annäherung an eine gemeinsame Ebene zwischen der modernen Quantenphysik und der Jungʼschen Psychologie greift die Erkenntnisse der neuen Physik auf und lässt sie in ein konsequent neues Verständnis von wissenschaftlichem Denken übergehen. Das so gewonnene Weltbild spannt den Bogen zwischen rationaler Wissenschaft und intuitivem Erleben, zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, Materie und Geist – und ermöglicht den Beginn eines fruchtbaren Dialogs zwischen den unterschiedlichsten erkenntnissuchenden und therapeutischen Strömungen. Und dabei – ohne jegliche Absicht und ohne jegliche physikalische Grenzüberschreitung – weitet sich das Verständnis von Wissenschaft derart, dass die Homöopathie als ganz natürlicher Aspekt einer in aller Tiefe verstandenen Naturbetrachtung gesehen werden kann. Und dies mit all ihren Implikationen, ihren Besonderheiten und mit all den seltsamen Phänomenen, die homöopathische Praktiker mitunter zum Staunen bringen.


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Summary

A fascinating chapter of intellectual history is the dialogue between the physicist and Nobel laureate Wolfgang Pauli and the psychologist Carl Gustav Jung. The approach to a common demoninator between modern quantum physics and Jungian psychology takes up the insights of the new physics and allows them to pass into a consistently new understanding of scientific thinking. The obtained world-view covers the range between rational science and intuitive experience, between natural and spiritual science, matter and spirit – and allows the beginning of a fruitful dialogue between the most diverse epistemological and therapeutic currents. And, without any intention and without any physical boundary crossing, the understanding of science widens in such a way that homeopathy can be seen as an all-natural aspect of an in-depth understanding of nature. Including all implications, peculiarities, and strange phenomena, which sometimes astonish homeopathic practitioners.


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Wer kennt es nicht – Edward Whitmonts Buch Psyche und Substanz [1]. Eine Pflichtlektüre für alle, die nähere Einblicke in das Rätselhafte der Homöopathie erhalten wollen. Und – geht es uns nicht allen so, dass wir dieses Buch fasziniert gelesen haben, dabei wohlwollend nickten, um es dann wieder im Regal verschwinden zu lassen und zur Tagesordnung zurückzukehren? Vielleicht weil wir in den dort abgedruckten Artikeln scheinbar Vertrautes wiederfanden? Oder weil wir das Gefühl hatten, dass seine Perspektive, die aus der Jungʼschen Psychologie oder auch aus der Quantenphysik entlehnt war, vielleicht doch ein bisschen zu weit weg, zu weit hergeholt erschien? Oder weil wir resignierten vor seltsamen Begriffen und Beobachtungen aus der Welt der Quantenphysik, deren Relevanz und Bedeutung für uns nicht erkennbar war?

Der Artikel

Im Folgenden soll nun ein Artikel aus diesem Buch herausgegriffen werden. Im Original lautet der Titel Non-causality as a unifying principle of psychosomatics – Sulphur ([Abb. 1]). Er entspricht einem Vortrag, den Whitmont am 1. Juli 1953 vor der International Hahnemannian Association gehalten hatte. Diese Organisation war ursprünglich der Kern der amerikanischen Homöopathie-Szene gewesen, der Rahmen, in dem sich Homöopathen wie J. T. Kent, H. C. Allen, C. M. Boger, M. Tyler, E. Wright-Hubbard u. v. a. m. zu der Größe aufschwingen konnten, unter der sie berühmt wurden. Aber mittlerweile war die Homöopathie in den USA am Aussterben, nur noch wenige Homöopathen praktizierten, noch weniger nahmen an entsprechenden Versammlungen teil.

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Abb. 1: Reprint des Artikels im Homoeopathic Recorder [2].

In diese Zeit nun fiel der Vortrag Whitmonts – der seine Zuhörer zu fesseln schien. Schon in der Einleitung sprach er von einer „kopernikanischen Wende“, somit von einem ganz entscheidenden Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Denken. Er bezog sich auf eine ganz aktuelle Veröffentlichung C. G. Jungs [3], leitete daraus die Notwendigkeit ab, neben dem altbekannten Kausalitätsbegriff einen neuen Zusammenhang herzustellen – „Akausalität“ als einen neuen Weg, Erkenntnisse über Naturvorgänge zu erhalten. Nach der wissenschaftstheoretischen Einführung stellte Whitmont als ein Beispiel für diese Denkweise die Arzneidarstellung von Sulphur vor, bei der er die Grenzen zwischen körperlichen und geistigen Symptomen durch übergeordnete Denkstrukturen zu überwinden suchte.

Aber an der anschließenden Diskussion ist erkennbar, dass er seine Zuhörer überforderte. Es war schwer, ihm zu folgen, die genauen Details seiner Ausführungen im Zusammenhang zu sehen – und der Rahmen eines solchen Kurzvortrags erlaubte ihm auch schlicht nicht, die Dinge von Grund auf in gebührender Tiefe vorzustellen – zu groß waren die Hürden der zitierten Wissensgebiete der Jungʼschen Psychologie und der ganz neuen und unglaublichen Welt der Quantenphysik.

Teilnehmer wie E. Wright-Hubbard waren fasziniert und baten Whitmont um eine Vertiefung dieser Themen. Aber die Homöopathie-Szene war derart dezimiert, dass es keine Fortsetzung gab. Die IHA-Tagungen gerieten an den Rand des Existenzminimums – und diese traditionsreiche Gesellschaft löste sich schließlich 1959 auf. Der Vorstoß Whitmonts blieb ungehört.

In der Zwischenzeit gibt es viele neue Erkenntnisse zu dem Thema, das Whitmont am Herzen lag. Es wird deutlich, dass er ein Thema aufgegriffen hatte, das in der zitierten Jungʼschen Veröffentlichung nur angedeutet wurde – tatsächlich aber die Spitze eines gigantischen Eisberges darstellt, der sich dahinter verbirgt.


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Der Eisberg

Während in der deutschen Buchausgabe von Whitmonts Psyche und Substanz Jungs Gesammelte Werke als die entscheidende Quelle angegeben wird, bezieht sich Whitmont im Originalartikel auf das Buch [3], das 1952 unter dem Titel Naturerklärung und Psyche erschienen ist. Ein Gemeinschaftswerk von Carl Gustav Jung und Wolfgang Pauli – einem der profiliertesten Physiker des 20. Jahrhunderts (1900 – 1958). Pauli gehörte mit Heisenberg und Bohr zu den großen Wegbereitern des radikal neuen Denkens, das notwendig wurde, um den unglaublichen Phänomenen der neuen Physik gerecht werden zu können. Und Pauli galt als „die Instanz“ der Physik, der gnadenlos scharfe Kritiker aller unsauberen und unklaren Gedankengänge („die Geißel Gottes“), an dem oft vorschnelle Deutungen seiner Kollegen scheiterten („das Gewissen der Physik“) [4]. Besonders auch Albert Einstein musste sich der scharfzüngigen Kritik Paulis immer wieder geschlagen geben. Pauli hatte wesentlich dazu beigetragen, dass die bisherigen Grundannahmen der Physik nach und nach über Bord geworfen wurden – und sich eine völlig neue Denkweise über die Gesetze der Natur durchsetzen konnte – 1927 manifestiert in der sog. „Kopenhagener Deutung der Quantenphysik“. 1945 erhielt Pauli den Nobelpreis für Physik.

Dieser Wolfgang Pauli und C. G. Jung schrieben gemeinsam das zitierte Buch – und betrachteten es als die notwendige Vereinigung der Gegensätze, die große Coniunctio, die im alten alchemistischen Denken die Basis darstellte für grundlegende Erneuerungen. Das Buch besteht aus dem erwähnten Artikel Jungs und aus einem ebenso großen Artikel Paulis. Beide Artikel gehören zusammen, umfassen eine völlig neue Sicht auf die Welt, in der ein Quantenphysiker – durch Experimente zu einer neuen Weltsicht gezwungen – und ein Psychologe, der in der Welt der Psychologie eine einzigartige Stellung innehat – zu einem gemeinsamen Nenner finden.

Nur – bei der Lektüre des ganzen Buches stellt sich ein ahnungsvolles Staunen ein, ein Respekt vor der Tiefe dieser beiden Denker. Aber deren Weltsicht „begreifen“ – dies scheint daraus kaum vorstellbar zu sein, zu abstrakt, zu detailliert scheinen die vorgestellten Ideen zu sein.

Der Eisberg geht weit tiefer. Inzwischen wurde bekannt, dass es zwischen Pauli und Jung einen lange anhaltenden Dialog gegeben hat ([Abb. 2]). eine Verbindung, die – mit Unterbrechungen – von 1932 bis zu Paulis Tod 1958 bestand und die viele Früchte hervorgebracht hat. Die Tiefe der Verbindung geht aus einem Briefwechsel hervor, der 1992 veröffentlicht wurde [5] und der das Ringen der beiden Protagonisten um einen gemeinsamen Nenner ihrer beider Disziplinen spiegelt.

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Abb. 2: Zwischen Wolfgang Pauli und C. G. Jung gab es einen Jahre lang anhaltenden Dialog.

Inzwischen wurde auch bekannt, dass die unglaublich reiche Traumtätigkeit Paulis zur Grundlage und zum Studienobjekt Jungs wurde und dessen Veröffentlichungen durchdringt. Und Paulis bahnbrechende Erkenntnisse zur modernen Physik sind als Ergebnis unbewusster Vorgänge in seinen Träumen identifizierbar [6].


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Das Netzwerk

Und noch tiefer geht der Eisberg, da inzwischen deutlich wurde, dass sich der Dialog nicht auf diese beiden Denker beschränkt – sondern ein unglaublich feines und illustres Netzwerk hierfür die Basis bildet.

In der Zeit von 1979 bis 2005 wurde der Wissenschaftliche Briefwechsel Paulis herausgebracht [7] – ein inhaltliches, aber auch editorisches Meisterwerk – eine gigantische Sammlung von Tausenden von Briefen und Kommentaren, verteilt auf 18 Bände, die zwar zu ca. 70 – 80 % aus hochkarätigen physikalischen Details besteht – aber den Rest machen faszinierende Dialoge zu Wissenschaftstheorie und -geschichte, zu philosophischen, psychologischen, kunsthistorischen und theologischen Gebieten aus. Und es finden sich auch genaue Analysen zum Thema Alchemie, Telepathie oder auch Astrologie – alles in brillanter Detailschärfe und oft auch in der Gegenüberstellung unterschiedlicher Einschätzungen. Und die Liste der Dialog-Partner liest sich wie das Who-is-who der Geisteswelt jener Zeit: Physikerkollegen wie Werner Heisenberg, Niels Bohr, Albert Einstein u. v. a. m., C. G. Jung und seine Kolleginnen Marie-Luise von Franz und Aniela Jaffé, Erwin Panofsky, eine zentrale Persönlichkeit der Kunstgeschichte, der Schriftsteller Aldous Huxley, ferner Philosophen, Theologen u. v. a. m. Dieses monumentale Werk versteht sich wie ein großer Berg von höchst detaillierten Puzzlesteinen, die sich letztlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen. Und es liegt weitgehend brach – nur wenige nahmen bisher Notiz davon bzw. lassen sich von dem physikalischen Überbau nicht abschrecken.


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An den Wurzeln der Wissenschaft

Im Folgenden soll nun im Rahmen dieser vielfachen und unterschiedlichen Dialoge der Fokus auf der Perspektive Wolfgang Paulis liegen. Der Beginn des 20. Jahrhunderts war in der Physik gekennzeichnet von schier unüberwindlichen Widersprüchen, von experimentellen Befunden, die das bisherige klassische Weltbild ad absurdum führten. Aber alle Wissenschaftler waren in ihren Gedanken geprägt vom bisherigen Naturverständnis und so führten die Rätsel, die ihnen aufgegeben wurden, in eine Sackgasse, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Nach und nach waren die Wissenschaftler gezwungen, alle ihre Gewissheiten fallen zu lassen, alle vertrauten Denkgewohnheiten über Bord zu werden, sich einer völlig neuen und zunächst absurd anmutenden Denkweise anzuvertrauen – ein großer, für viele erschütternder Schritt. Auch Albert Einstein, der selbst die Basis für die neue Denkweise geschaffen hatte, scheiterte an der Notwendigkeit, alle bisherigen Denkmuster in Frage zu stellen und beschritt bis zu seinem Lebensende Wege, die heute als Irrwege bestätigt sind. Nur wenige konnten ihre Denkmuster derart radikal in Frage stellen, dass neue, kreative Wege erkennbar wurden. Besonders die „Kopenhagener Schule“ um Niels Bohr, Werner Heisenberg und Wolfgang Pauli schaffte den Durchbruch und konnte sich letztlich 1927 mit der sog. „Kopenhagener Deutung“ durchsetzen – eine naturphilosophische und mathematisch exakte Denkweise, die alles bisher Gedachte verändert – aber heute, nach langem Ringen um alternative Konzepte – in ihrem Wesenskern unangefochten ist und mit größtmöglicher Exaktheit experimentell belegt ist [8].

Dieses Ringen um eine neue Weltsicht lässt die Protagonisten dieses Ringens nicht unangetastet. Der Weg Wolfgang Paulis ging durch massive Persönlichkeitskrisen, intensive, bedeutungsvolle Träume, manifestierte sich in seltsamen Ereignissen („Pauli-Effekt“), die sein Umfeld immer wieder in Erstaunen setzten. Er suchte Hilfe in der Psychologie C. G. Jungs, schaffte es jedoch schnell, sich zu stabilisieren und fand fortan weniger in der Therapie, sondern in der Philosophie C. G. Jungs ein Gegenüber, das seine physikalische Entwicklung spiegelte. Und aus dieser Faszination entwickelte sich ein anhaltender Dialog „an den Grenzen des Denkbaren“.

Auf den ersten Blick erscheint es sehr erstaunlich, dass der höchst moderne Physiker Pauli in seinen späteren Jahren ein massives Interesse an Johannes Kepler und dessen Erforschung der Planetenbahnen des heliozentrischen Weltbildes entwickelte. Dieses historische Ereignis wird in der Regel als die Überwindung abergläubiger Glaubensmuster und der entscheidende Schritt in Richtung wissenschaftlichen Denkens gesehen. Ein Schritt, der – vollendet durch Galilei, Descartes, Newton – schließlich zu dem Weltbild führt, das uns alle bis heute prägt. Ein Weltbild, in dem eine Ursache – erzwungen durch das Gesetz der Kausalität – zu einer Wirkung in Raum und Zeit führt. Dieses Weltbild ist eine Selbstverständlichkeit, bildet die Basis für alle wissenschaftlichen Lehrmeinungen heutiger Zeit und wird nur in den Bereichen hinterfragt, in denen über grundlegende wissenschaftliche Denkmuster nachgedacht werden muss, z. B. Elementarteilchenphysik, Astrophysik oder in Teilbereichen der Theoretischen Physik. Nur in diesen Disziplinen wird es überdeutlich, dass diese Denkweise ein Hindernis ist beim Verständnis der dort beobachteten Prozesse.

Und genau an der Stelle dieser Wurzel der Wissenschaft – bei Johannes Kepler – entdeckte Pauli nun Ungeheures: Kepler nicht als der heroische Pionier der modernen Wissenschaft, sondern als ein sehr achtsamer Mensch, der seine Haupterrungenschaft in ganz anderen Bereichen sah als in denen, die ihm die heutige Wissenschaftsgeschichte zuschreibt. Und ein Mensch, der sich im 17. Jahrhundert mit Fragen auseinandersetzen musste, die ganz analog sind zu den Fragen, die die Quantenphysiker des 20. Jahrhunderts an ihre Grenzen führten. Was bedeutet diese Analogie – und wo überall in der Wissenschaftsgeschichte finden sich weitere Analogien dieser Art? Eine ungeheuer faszinierende Reise durch die Wissenschaftsgeschichte ist nun das Gebot der Stunde – und die zähneknirschende Akzeptanz, dass die Fundamente der Wissenschaft einer Revision bedürfen [3].


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Das Kondensat

Wie nun kann eine Denkstruktur aussehen, die nicht nur ausgewählten Bereichen der Natur gerecht wird, sondern sie in möglichst umfassender Weise beschreiben kann. In Pauli wurde die Einsicht immer deutlicher, dass die vollständige Beschreibung der Natur nicht ausschließlich aus den Erkenntnissen der Physik hervorgehen kann, sondern dass die Suche einer übergeordneten Denkweise gelten muss, einem gemeinsamen Ringen von völlig unterschiedlichen Fakultäten. Ein Ringen, in das die ganze Geisteswelt der 1940er- und 50er-Jahre einbezogen werden muss. Und der Wissenschaftliche Briefwechsel Paulis ist dementsprechend beeindruckend: Eine größere Verdichtung echten wissenschaftlichen Ringens um eine vertiefte Erkenntnis ist kaum vorstellbar.

Vor allem aus dem Ringen von Pauli und Jung kondensierte sich schließlich ein Kompromiss für eine Weltsicht, mit der beide leben konnten – die sog. Quaternität ([Abb. 3]). Eine Sicht der Naturvorgänge, in der das herkömmliche Schema, in dem Ursachen über Kausalität zur Wirkung führen, ergänzt wird durch einen weiteren – akausalen – Wirkmechanismus, der den Rahmen bietet für andere Zusammenhänge als die, die dem klassischen Physikverständnis des 19. Jahrhunderts entsprechen. Die Begrifflichkeiten, die für die einzelnen Positionen gewählt wurden, sind das Ergebnis langer Diskussionen und stellen schließlich den Physiker und den Psychologen zufrieden. Eine Sicht, die nicht nur beide Wirkmechanismen umfasst, sondern diese in einen gemeinsamen Rahmen stellt, in dem sie unterschiedlichen Kriterien unterliegen, nicht miteinander in Deckung gebracht werden können und doch – einzeln betrachtet – immer nur unvollständig sein könnten. Erst die Gesamtsicht auf beide Seiten und die Berücksichtigung der inhärenten „Spielregeln“ gestattet ein vollständigeres Bild auf die Natur, als es je zuvor möglich war.

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Abb. 3: Die Pauli-Jung-Quaternität.

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Homöopathie – zwischen Geist und Materie

An der Entwicklung dieses quaternitäten Weltbildes war niemand beteiligt, der die Ideen der Homöopathie hätte einbringen können – umso erstaunlicher, dass das Ergebnis einen über Ähnlichkeit vermittelten Wirkmechanismus dem der Kausalität gegenüberstellt! Ein derartiges Weltbild schafft somit nicht nur einen wissenschaftlichen Rahmen für die Homöopathie, sondern erlaubt es, innerhalb der gegebenen Strukturen auch Rahmenbedingungen, Zusammenhänge u. v. a. m. für die Homöopathie auszuformulieren. Und auf den ersten Blick erkennbar ist die Schwierigkeit, Homöopathie in das zu enge Bett der Kausalität zu sperren. Hier bedarf es nun einer genauen Analyse, inwieweit die Quaternität Vorgaben für die Homöopathie erbringt und inwieweit dies durch die Erfahrungen in der Homöopathie bestätigt wird – oder eben nicht.

Ähnliche Gedanken müssen E. Whitmont bewogen haben, als er seinen Artikel der IHA vorstellte. Vermutlich kannte er im Wesentlichen nur die Perspektive Jungs – die Bedeutung Paulis für die Jungʼsche Forschung, der Dialog zwischen beiden und der erweiterte Briefwechsel Paulis konnten ihm damals nicht – oder zumindest nicht in vollem Umfang – bekannt sein. Whitmont kannte die Idee der Quaternität, hatte aber keine Chance, deren Entwicklung und somit die dahinterstehenden Fragestellungen zu kennen. Aber im Rahmen seiner tiefen Kenntnisse in Jungʼscher Psychologie erkannte er sofort die ungeheure Bedeutung, die dieses Thema für die Homöopathie haben würde. Er verband diese Erkenntnisse mit den archetypischen, formgebenden Feldern des Gustav Heyer [9], um eine bessere Vorstellung der Vorgänge zu erzielen – was letztlich aber keine Veränderung des quaternitäten Bildes mit sich bringt.

Der Vorstoß Whitmonts scheiterte. Zum einen daran, dass es bald danach keine homöopathische Szene mehr gab, in der dieses Wissen hätte weitergeführt werden können. Zum anderen an den großen Hürden, da Grundlagen der Quantenphysik, der Wissenschaftsgeschichte, der Jungʼschen Psychologie für das Verständnis notwendig sind. Vor allem die Quantenphysik stellt eine große Hürde dar – zum einen in Bezug auf ihre kontraintuitiven Kernaussagen, zum anderen in Bezug auf die Frage nach ihrer Relevanz in unserer makroskopischen Welt. Wenn es heute um eine Einbettung der Homöopathie in das wissenschaftliche Denkgebäude geht, stellt sich die Frage nach Studien und Meta-Analysen. Aber was wäre, wenn die Homöopathie sich dabei in einen Rahmen zwängt, der gar nicht in der Lage ist, die Natur vollständig zu beschreiben? Und – Wissenschaft – wenn wir mit diesem Wort überhaupt etwas fassen können – was kann dies anderes sein als das, was sich in den Tausenden von Seiten in Paulis Briefwechsel abspielt?


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Ein Aufruf

Und jetzt? Manche Leser werden nicht bis zu diesem Absatz vorgedrungen sein, andere vielleicht – und stellen sich nun wohl diese Frage: „und jetzt?“. Hier konnten Dinge nur angerissen werden, vage und schwammig zusammengefasst, völlig unkonkret und somit sicher auch angreifbar. Aber – dürfen wir die Leser einer Homöopathiezeitschrift konfrontieren mit Details aus der Quantenphysik, aus der Wissenschaftsgeschichte usw.? Jedes dieser Themen würde einen eigenen Artikel dieser Art bedeuten – nun aber völlig abseits des Themas Homöopathie. Wäre es besser, jeder sucht sich bei Interesse die Primär- oder Sekundärliteratur zusammen (siehe Literaturhinweise im Anhang) und arbeitet sich selbst ein? Oder verliert sich dann das Thema wieder – wie damals in den 50er-Jahren? Oder sollen wir detailliertere Artikel zu Themen wie Quantenphysik und Wissenschaftsgeschichte folgen lassen? Wir – Autor, Herausgeber und Redaktion – wissen es nicht, bitten um Feedback, Anregungen, Wünsche, eigene Beiträge hierzu. Es scheint hier um eine existenzielle Grundlage unserer Homöopathie zu gehen, wir brauchen Resonanz, um zu sehen, wie weit dieser Weg trägt. Und das Schöne ist – es geht um einen Weg, der nichts als Nachdenken, Vertiefen und das Einbringen eigener Erfahrungen erfordert. Als Homöopathen sind wir Experten auf dem Grenzgebiet von Geist und Materie – und somit prädestiniert, hier Grenzbereiche innerhalb des wissenschaftlichen Denkens auszuloten. Und wir müssen hierfür keineswegs die heutige Wissenschaft verlassen – im Gegenteil, wir müssen sie nur wieder an die Tiefe erinnern, die ihr die Physiker des 20. Jahrhunderts bereits verschafft haben.


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Über den Autor

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Norbert Winter studierte Physik und arbeitete zunächst als Elementarteilchenphysiker. Nach dem Zivildienst im Gesundheitsbereich begann er seine Homöopathieausbildung, legte die Heilpraktikerprüfung ab und praktiziert seit 1991 als klassischer Homöopath. 1997 gründete er eine Homöopathieschule in Karlsruhe. Seit 1999 widmet er sich dem vertiefenden Studium der Arbeiten von C. M. Boger, erarbeitete und publizierte Wege, die Boger’sche Denkweise in die heutige Zeit zu übertragen. In den letzten Jahren steht die Umsetzung in der täglichen Praxis im Vordergrund.


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Dr. rer. nat. Norbert Winter
Zentrum für Klassische Homöopathie
Rastatter Str. 74
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Abb. 1: Reprint des Artikels im Homoeopathic Recorder [2].
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Abb. 2: Zwischen Wolfgang Pauli und C. G. Jung gab es einen Jahre lang anhaltenden Dialog.
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Abb. 3: Die Pauli-Jung-Quaternität.