Zeitschrift für Klassische Homöopathie 2017; 61(02): 70-78
DOI: 10.1055/s-0043-111247
Wissen
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Vernetzung in der medizinischen Versorgung

Die Perspektive von Patienten in den frühen Jahren – Bettine und Achim von Arnim, Berlin (1825 bis 1830)
Martin Dinges
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Martin Dinges
Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart
Straussweg 17
70184 Stuttgart

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Publication Date:
28 June 2017 (online)

 

Zusammenfassung

Patientennetzwerke werden weniger als die Netzwerke der Ärzte beachtet. Sie sind aber ebenfalls wichtig: Das gilt vor allem hinsichtlich der Entscheidung für die Homöopathie als therapeutisches System, die oft auf Laienempfehlungen hin erfolgt. Hier wird vor allem rekonstruiert, welche Motive Bettine und Achim von Arnim von der Homöopathie – unterschiedlich stark – überzeugten und welche familiären und gesellschaftlichen Beziehungen Bettine während der ersten Jahre ihres Engagements nutzte, um für die Homöopathie zu werben.


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Summary

Patient networks get less attention than the doctorsʼ networks. However, they are also important: This is especially true for homeopathy as a therapeutic system, which is often based on lay recommendations. Here will be reconstructed, which motifs convinced Bettine and Achim von Arnim – differently strong – from homeopathy and which familial and social relations Bettine used to advertise for homeopathy during the first years of her commitment.


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Das Thema des LMHI-Kongresses „Networking in medical care“ zielte auf die Verbesserung der Kooperation unter den Ärzten. Hier möchte ich gewissermaßen die andere Seite der Medaille präsentieren, die Kooperation unter den Patienten. Sie dient in der Regel dem Ziel, für den Fall einer Erkrankung überhaupt eine medizinische Versorgung oder eine bessere Therapie als die bisher in Anspruch genommene zu finden. Dabei geht es – jenseits der Selbstmedikation – oft sehr bald darum, einen guten Behandler zu finden.[1] Einmal von einem bestimmten Heilsystem überzeugte Patienten beginnen manchmal aber auch, gezielt bei anderen Kranken dafür zu werben. Ein solches Beispiel soll hier vorgestellt werden.

Dazu werde ich die familialen Netzwerke und sozialen Strukturen systematisch rekonstruieren, in denen eine berühmte Schriftstellerin der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer Patientin zur überzeugten Aktivistin für die Homöopathie wurde. Dabei wird jeweils sichtbar, woher sie die angesprochenen Personen rekrutierte, in welchen Beziehungen sie zu ihnen stand und welche Verhaltensweisen und Ratschläge in dem entstehenden Netzwerk vermittelt wurden.[2] Beides entwickelte sich im Laufe der Jahre bis hin zu einem Engagement in der entstehenden politischen Öffentlichkeit.

Das Ehepaar von Arnim

Bettine von Arnim war 1825 bereits 40 Jahre alt. Sie stammte aus einer sehr wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Frankfurt, hatte aber 1811 den brandenburgischen adeligen Gutsbesitzer und Dichter Achim von Arnim geheiratet, der seine hoch verschuldeten Landgüter, nördlich und südlich von Berlin, bewirtschaftete. Bettine hat 1827 ihr siebtes Kind aus dieser Ehe bekommen. Sie lebte mit der ganzen Kinderschar in der preußischen Hauptstadt, während ihr Gatte auf dem Land wohnte. Wegen der beiden unterschiedlichen Wohnsitze musste das Ehepaar viele Alltagsprobleme brieflich klären. So sind wir auch über die Ansichten der beiden zu Gesundheitsfragen sehr gut informiert. Beide beobachteten den damaligen medizinischen Markt genau. Sie durchschauten das Missverhältnis zwischen vollmundigen Versprechungen und überschaubaren therapeutischen Erfolgen der Mediziner, zwischen staatlicher Repression gegen Laienheiler und obrigkeitlichem Schutz für Ärzte, zwischen hohen Kosten und wenig förderlichen Wirkungen von Arzneien. Außerdem musste in den beiden Familienhaushalten gespart werden. Achim starb bereits 1831, während Bettines weiteres Leben bis zu ihrem Tod im Jahr 1859 gut dokumentiert ist. Hier soll aber nur über die Zeit berichtet werden, in der beide Ehepartner noch lebten und aktiv waren. Damit werden die entscheidenden Jahre beleuchtet, in denen sich beide – in sehr unterschiedlichem Grad – besonders für die Homöopathie interessierten.

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Abb. 1: Bettine von Arnim © bpk.
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Abb. 2: Achim von Arnim © bpk / Lutz Braun.

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Werbung für die Homöopathie innerhalb der Familie

Bettines Mann Achim ist in den 1820er-Jahren der Erste, von dem eine Empfehlung für die Homöopathie überliefert ist. Im Februar 1825 riet er seinem ebenfalls in Berlin wohnenden Schwager, dem hochrangigen Juristen im Staatsrat, Friedrich Carl von Savigny (1779 – 1861), der mit Bettines älterer Schwester Gunda (eigtl. Kunigunde) (1780 – 1863) verheiratet war, gegen dessen Erstickungsanfälle zunächst zum Einsatz von Blutegeln. Er fuhr fort:

„Dann aber soll er zu Hahnemann nach Koethen reisen, denn gerade Savigny, der sich in seiner Lebensweise so genau nach ärztlicher Vorschrift richten kann, würde von seiner Methode am leichtesten gründlich zu kurieren sein.“[ 3]

Achim nahm also an, dass für eine erfolgreiche homöopathische Behandlung ein besonders regelkonformes Verhalten nach Anweisung des Arztes notwendig sei. Das traute er dem sehr disziplinierten Savigny zu. Tatsächlich begann dieser, den ersten homöopathischen Arzt zu konsultieren, der in Berlin praktizierte. Das geschah allerdings erst genau 3 Jahre später, als der Arzt und Homöopath Georg Friedrich von Necher den damaligen Herzog von Lucca als Leibarzt in die Hauptstadt Preußens begleitete.[4] Savigny griff die Empfehlung einer besonderen Therapierichtung und eines Behandlers also erst auf, als ein Homöopath an seinem Wohnort erreichbar war. Für eine 150 km weite Reise war sein Leidensdruck oder sein Zutrauen in die neue Heilweise noch nicht stark genug.

Der Homöopath Georg Friedrich von Necher

Der Arzt Georg Friedrich von Necher wurde in Melnik/Böhmen zu einem nicht bekannten Zeitpunkt als Spross eines dorthin aus Schlesien ausgewanderten Adelshauses geboren.[5] Dass Achim in seinem Brief Prag nennt, könnte auf den Studienort hinweisen. Necher selbst gab an, von Hahnemann von einer Lungenvereiterung geheilt worden zu sein.[6] Ob er sich die Homöopathie aus Büchern oder durch Famulatur bei einem homöopathischen Arzt angeeignet hatte, ist nicht bekannt. Jedenfalls gab es damals schon etliche Ärzte in Böhmen, bei denen solches Learning by doing möglich gewesen wäre.

Im Mai 1822 als Leibarzt des Feldmarschalllieutenants Baron von Koller (1767 – 1826) in Neapel angekommen, promovierte Necher zunächst an der dortigen medizinischen Fakultät.[7] Er eröffnete in seiner „Behausung“ ein homöopathisches „Clinicum“, das nach eigenen Angaben für 40 bis 50 chronisch Kranke gedacht war. Er verschwieg den Patienten gegenüber, dass es sich um homöopathische Behandlungen handelte und wurde in diesen Jahren von mehreren österreichischen und neapolitanischen Ärzten besucht. Seine guten Kurerfolge hätten ihm viel Zuspruch eingebracht, selbst vom Leibarzt der Königin, Cosmo M. de Horatiis (1771 – 1850), der dort zwei Jahre bei ihm famuliert habe. Auch orientierten sich nun weitere italienische Ärzte auf die Homöopathie um.[8] De Horatiis überzeugte nach erfolgreichen Heilungen der Herrscherfamilie den König beider Sizilien, Franz I. (1777 – 1830), die Homöopathie in der Klinik überprüfen zu lassen, und konnte nach 1828 weitere Kollegen für die neue Heilweise gewinnen.[9] Bereits 1822 wurde in Neapel eine erste italienischsprachige Darstellung der Homöopathie veröffentlicht.[10] Necher nahm 1826 nach Kollers Tod das Angebot des Herzogs von Lucca, Karl Ludwig von Bourbon (1799 – 1883), an, dessen Leibarzt zu werden. Dieser Kleinstaat war aus den nachnapoleonischen Umstrukturierungen hervorgegangen. Der Herzog war 1824 von Necher in Neapel erfolgreich behandelt worden und behielt den Arzt bis 1848.[11] In Lucca wurde eine weitere homöopathische Zeitschrift veröffentlicht und Ende der 1820er-Jahre ein homöopathisches Krankenhaus gebaut.


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Necher in Berlin

Bettine beobachtete in jenem Februar 1828 die glücklichen Kuren Nechers in der Schwiegerfamilie beim Vater und bei Tochter Betine Savigny (1805 – 1835), ihrem Patenkind, sowie bei weiteren Patienten. Außerdem berichtete sie Achim von sofortigen Gegenmaßnahmen des ortsansässigen Arztes Wolfart, der um seine angestammte Patientenschaft bangte. Karl Christian Wolfart (1778 – 1832) war der berühmteste Berliner Vertreter des Magnetismus und Hausarzt bei Arnims. Er versuchte nun, den Homöopathen durch Weitergabe einer viel zu hohen Dosis eines homöopathischen Medikaments von Necher an einen anderen Patienten lächerlich zu machen. Das führte zu viel zu starken Arzneiwirkungen. Necher „putzte“ Wolfart daraufhin „runter“.[12] Außerdem verbreitete Necher die Gewissheit, eine weitere Patientin mit einer komplizierten Krankheit heilen zu können. Die glücklichen Kuren, die nachvollziehbare Begründung der Dosis bei der Arzneimittelwahl, die Necher gegenüber dem ortsansässigen Arzt demonstrativ vertrat, und seine Heilungszuversicht stärkten die positive Wahrnehmung der Homöopathie bei dem Ehepaar.


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Werbung im Freundes- und Bekanntenkreis

Bettine führte dem Arzt aus Lucca umgehend weitere Patienten zu. Sie empfahl ihn der Karoline Kuhberg, der mittlerweile verwitweten Schwägerin des Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781 – 1841). Das Ehepaar Schinkel gehörte zu den Freunden, mit denen die Arnims engen Kontakt hatten. Frau Schinkel erklärte zu diesem Zeitpunkt gegenüber Bettine, dass sie selbst nie etwas einnehmen werde, auch wenn sie davon gesund würde. Das zeigt gewisse Widerstände gegen die empfohlene homöopathische Behandlung im nächsten Umfeld der Kranken, Frau Kuhberg.

Einem weiteren Patienten, Bartholomäus Ludwig Fischenich (1768 – 1831), Geheimer Oberjustizrat in einem Berliner Ministerium, riet Bettine mehrfach zur Homöopathie. Er war jedoch bei einem ersten Versuch mit der Homöopathie unzufrieden.[13] Fischenich war Mitglied der Berliner „Gesetzlosen Gesellschaft“ von 1809, deren Name sich darauf bezog, dass sie keine Statuten hatte. Dieser gehörten viele einflussreiche Mitglieder der Berliner Elite an. Deren Namen tauchen im Arnimʼschen Briefwechsel auf, nicht selten auch im Zusammenhang mit Gesundheitsfragen oder Werbeaktionen für die Homöopathie. Das gilt für den Geheimen Kriegsrat Carl Alberti (1763/5 – 1829), den Stadtrat Georg Andreas Reimer (1776 – 1842), Friedrich Schleiermacher (1786 – 1834), Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) sowie auch für Friedrich Karl von Savigny. Achim von Arnim verkehrte dort seit 1813. Von Savigny hatte ihn erstmals in der Sitzung vom 22. Dezember 1810 als Gast eingeführt. Der Geheime Oberbaurat Karl Friedrich Schinkel folgte 1817.[14] Bettine warb also im gesellschaftlichen Netzwerk der Freunde ihres Mannes für die Homöopathie.

Bettine erwähnte auch abwertende Einschätzungen der neuen Heilweise aus ihrem Umfeld. Gleichzeitig gelang es ihr aber schon im März 1828, aus dem Freundeskreis ihres Mannes einen weiteren namhaften Patienten für Necher zu gewinnen, den Juristen, Philologen und Sammler Karl Hartwig Meusebach (1781 – 1847). Sie war mit dessen Frau befreundet, so dass die Empfehlung vielleicht auf diesem Weg erfolgte.[15] Er war Präsident des Rheinischen Kassationsgerichtshofes in Berlin, ebenfalls seit 1819 Mitglied der Gesetzlosen Gesellschaft, die sich in seinem Salon traf, und stand in engem Kontakt mit den Grimms.[16] Offenbar dehnte sich der Kreis der Personen, die Bettine auf die neue Heilweise ansprach, damit bereits im zweiten Monat ihrer Werbetätigkeit auf weitere Freunde ihres Mannes aus.

Hatte sie bei Fischenich ihr Tun noch als wiederholtes „Zureden“ beschrieben, ging sie nun bei Meusebach einen Schritt weiter: Sie übernahm sogar die Korrespondenz zwischen dem weiter entfernt wohnenden Patienten und dem Arzt.[17] Es ist nicht klar, ob sie dazu den Weg von etwa einem Kilometer von ihrer bis zu seiner Wohnung selbst laufen musste. Ob sie die Briefe überbrachte oder gar (teilweise?) schrieb, bleibt ebenfalls dabei im Dunkeln. Jedenfalls ermöglichte ihr persönlicher Einsatz dem Arzt, nun auch weiter entfernt wohnende Personen schriftlich zu behandeln. Das bedeutete für diesen konkret eine räumliche Ausweitung seines Berliner Marktes. Der Patient beschwerte sich allerdings gegenüber den Grimms, dass er Strafepisteln des Inhalts erhielt, er solle mehr laufen. Auch der Homöopath Necher riet also zu einer vernünftigen Lebensweise mit genug Bewegung.


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Zwischenbilanz

Bereits nach nur etwa einem Monat, am 19. März, hat der Zauber der neuen Heilweise in Berlin aber vorübergehend ein Ende, und Bettine konnte feststellen:

„Der Doktor Necher ist heute morgen mit seinem Herzog abgereist, zum Jammer aller Kranken und mit tausend Segenswünschen begleitet; Savigny ist nicht ganz hergestellt aber bedeutend besser. Auf Bettina Savigny hat es außerordentlich gewirkt, Frau von Alopeus ist durch ihn von einer langwährigen Krankheit geheilt; Fischenich hat große Erleichterung erfahren, was Wolfart bekennt. Er [Necher] hat über 300 Medizinen ausgeteilt, von niemand einen roten Heller genommen; ich hab ihn noch gestern Abend an sein Haus begleitet, er ist von Charakter ein sehr angenehmer, freundlicher Mensch.“[ 18]

Insgesamt also eine sehr positive Bilanz. An Frau von Alopeus, der Gattin eines russischen Diplomaten, zeigt sich, dass die Patientenrekrutierung noch weitere Kreise zog. Auch Fischenich war zu diesem Zeitpunkt offenbar zufrieden. Fast noch wichtiger war Bettine in ihrem Bericht an ihren zurückhaltenderen Mann Achim aber, dass selbst der Hauptkonkurrent in Berlin, der Mesmerist Wolfart, Nechers Erfolge anerkennen musste. Außerdem war der Homöopath in einem geradezu vorbildlichen Maße großzügig. Er behandelte gratis und verschenkte zudem die Arzneien, statt sie sich bezahlen zu lassen.

Überzeugend war für Bettine zu diesem Zeitpunkt demnach dreierlei: Glückliche Kuren, also die Zufriedenheit der Patienten, standen bei ihr an erster Stelle. Die Anerkennung durch einen bedeutenden Arzt, der ein konkurrierendes Heilverfahren maßgeblich vertrat, ist das zweitwichtigste Argument; schließlich wurde auch das sozial großzügige Verhalten des – sicher wohl bestallten – Leibarztes gewürdigt.

So belohnte sie denn den Arzt mit einer Empfehlung an den ihr seit Langem gut bekannten Dichter Goethe. Dabei würdigte sie die Arztpersönlichkeit idealisierend und wies nachrangig auch auf dessen „Wissenschaft“ hin. Bettine betätigte sich dabei bereits als Netzwerkerin für die Verbreitung der Homöopathie. In ihrem, allerdings erst 1835 erschienenen, Goethebuch nutzte sie dann sogar eine – vielleicht ausgearbeitete – Version dieses Empfehlungsbriefs, um die besondere Nähe des Dichterfürsten zur Homöopathie zu stilisieren. Sieben Jahre nach den Ereignissen setzte sie also gezielt den Prominentenstatus des Adressaten und das Medium Buch für Propagandazwecke zugunsten der Homöopathie ein.


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Weitere Erfahrungen mit der Homöopathie

Die eigene Familie

Zurück ins Frühjahr 1828: Bettine hatte allerdings beobachten müssen, dass es ihrem Schwager Savigny wieder schlechter ging. Der Jurist hatte bereits im Februar erneut alle zwei Tage die damals gerade sehr in Mode gekommenen russischen Bäder genommen.[19] Er ergänzte also den Versuch mit der neuen Behandlungsweise Homöopathie durch Dampfbäder. Auch Achim blieb, vielleicht wegen Savignys wenig günstigem Behandlungsverlauf, der Homöopathie gegenüber sehr skeptisch, vor allem wegen der hohen Verdünnungen.[20] Immerhin scheint er sich dann aber doch auf die Einnahme von Homöopathica eingelassen zu haben. Bettine, schon ganz von der neuen Heilweise überzeugt, beruhigte ihn:

„Daß Du Homöopathie gebrauchst, ist sehr gut, da es nichts zu sagen hat, ob man daran glaubt oder nicht, so kann es immer seine beste Wirkung tun.“[ 21]

Jedenfalls belegt dies erstmals einen Fall von Selbstmedikation mit Homöopathie in der Arnimʼschen Familie.

Sie selbst entschied sich im Sommer, als Necher nach wenigen Monaten in die Hauptstadt Preußens zurückgekehrt war, diesem Vertreter der Homöopathie die Behandlung eines ihrer Kinder anzuvertrauen.[22] Dazu berichtete sie Achim begeistert:

„Nun kann ich Dir sagen, dass mir Siegmund während 10 Tagen sehr viel Sorgen gemacht hat, schon in Wiepersdorf und zwar am Tag Deiner Abreise bekam er das kalte Fieber; es blieb 8 Tage hier weg, dann bekam er alle Tage Frost, heftig aber kurz, dann Hitze beinahe 24 Stunden, was ihn sehr peinigte und ganz den Charakter eines Nervenfiebers hatte; ein homöopathisches Pülverchen ist die einzige Arznei, die ihn wieder zurechtgebracht hat, … gestern hat ihn jede Spur des Fiebers verlassen.“[ 23]

Ein halbes Jahr später hatte Siegmund allerdings erneut Fieber. Achim regte dazu an:

„Ob bei der eintretenden feuchten Witterung ein paar Bäder dem Sohn nicht gut täten gegen Fieber? Im Hause geht das nicht gut, Du müßtest Ihnen etwas Geld dazu spendieren im Badehause, wenigstens dem Freimund und Siegmund.“[ 24]

Bettine antwortete aus Berlin:

Siegmund hatte „wieder zweimal das kalte Fieber. Es ist zwar mit Nechers Pulver vertrieben, indessen halte ich es für gut, dass er eine Luftänderung macht.“[ 25]

Sie relativierte also die Wirkungen der homöopathischen Arznei und wünschte sich zusätzlich eine Luftveränderung für das Kind, die wegen der Schulferien nur eine Woche lang dauern könnte. Achim berichtete dann von den Tagen, die Siegmund daraufhin in Wiepersdorf verbracht hatte.

„Er hatte hier wieder etwas Fieber, es scheint aber vergangen von der schönen Frühlingsluft, die Heilung in sich trägt.“[ 26]

Der Vater hielt also den Klimawechsel für den entscheidenden Beitrag zur Besserung, während von Bädern nicht mehr die Rede war. Die für die Homöopathie neu geworbenen Patienten kombinierten diese also mit anderen Modetherapien wie russischen Bädern (Savigny) oder vertrauten weiterhin zusätzlich dem klassischen Mittel der Luftveränderung. Das örtliche Klima wurde ja seit der Antike als wesentliche Bedingung von Gesundheit eingeschätzt.

Hinsichtlich der Patientenwerbung zeigt bereits Achims Reise im Sommer 1828, dass Bettine auch in der Herkunftsfamilie für die Homöopathie geworben hatte. Es ist nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich, dass sie dem Arzt Necher auf dessen Rückreise durch Frankfurt nach Italien eine Empfehlung an ihre Verwandten mitgegeben hatte. Jedenfalls kränkelte ihre Nichte Sophie weiter „ungeachtet des homöopathischen Rats von Necher.“[27] Ansonsten kritisierte Achim den gesundheitsschädigenden Arzneimittelgebrauch seines Schwagers Christian von Brentano, der ihn wohl mehr krank machte als das bekämpfte Ausgangsübel.

Der naturwissenschaftlich vorgebildete Achim, der gleichermaßen skeptisch gegenüber Arzneimissbrauch und starken Verdünnungen war, entschloss sich im folgenden Frühjahr 1829 zur Bestellung des Grundlagenwerks der Homöopathie, des Organons . Bettine packte das im Berliner Haushalt eingegangene Buchpaket aus, las es – und nutzte es im Mai prompt als Argument gegen die Impfung ihres jüngsten Kindes. Diese sehr freie Interpretation einer einzigen Fußnote von Hahnemann muss uns hier nicht weiter beschäftigen.[28]


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Der Homöopath Gottfried Wilhelm Stüler in Berlin

Wichtiger ist, dass Bettine im Juni Achim erklärte:

„Stüler, der Homöopath, ist nun Hausarzt bei mir, zwar hab ich ihn nicht für mich gebraucht, sondern nur für die Hausmagd Marie und Mine, die bei dem Kinde ist, erstere ist von einem langwierigen Übel geheilt, und zwar auf der Stelle, die zweite fängt morgen die Kur erst an. Er gefällt mir besser wie Necher, bescheiden, aufrichtig, wie er ist.“[ 29]

Es war jetzt nicht mehr das beeindruckende Auftreten und die Heilungsgewissheit, wie Necher sie verbreitete, sondern das persönlich bescheidene Wesen, das sie an diesem Mediziner überzeugte.

Gottfried Wilhelm Stüler, 1798 in Mühlhausen geboren, hatte in Jena und Berlin studiert, in Halle promoviert und war nach einer Tätigkeit als Geburtshelfer Leibarzt des regierenden Fürsten von Hohenzollern-Hechingen geworden. Dort hatte er bereits Publikationen zur Homöopathie studiert. Er gab 1826 die Leibarztstelle auf, erlernte während der zweiten Jahreshälfte bei dem homöopathischen Arzt Johann Ernst Stapf (1788 – 1860) in Naumburg gründlich die Homöopathie, um sie dann ab 1827 in Berlin auszuüben.[30]

Interessant ist Bettines Vorgehensweise: Der Homöopath wurde zusätzlich zu dem bisherigen Hausarzt Wolfart beschäftigt. Gottfried Wilhelm Stüler (1798 – 1838) hatte als kluger Neuankömmling auf dem Berliner medizinischen Markt sogar seinen Patienten zu diesem Arrangement geraten. Das hat sicher die Konkurrenten vor Ort beruhigt, hing aber auch mit seiner eigenen Unsicherheit als Arzt zusammen.[31] Auch für Bettine war es so weniger konfliktreich, einen Homöopathen zu beschäftigen. Ein französischer Mediziner berichtete einige Jahre später rückblickend, Stüler habe nur durch gute Behandlungsergebnisse überzeugen wollen, Diskussionen mit den anderen Ärzten gescheut und nichts publiziert.[32]

Weitere Nachrichten zu seiner Rolle als zweiter Hausarzt folgten nun zügig – so über Stülers Einsatz beim Personal in einem befreundeten Haushalt.[33] Kurz danach kam eine Erfolgsmeldung über die Behandlung der eigenen Tochter:

„Maxe hat vor ein paar Tagen Würmer verloren, hat Kopfweh und Übelkeit, morgen bekommt sie Stülers Pulver.“

Davon berichtete Bettine 5 Tage später, dass es der Tochter geholfen habe.[34] Es mag der Zufall des Krankheitsgeschehens sein, aber es soll doch bemerkt werden, dass der neue Arzt erst für das Personal und dann für die eigenen Kinder eingesetzt wurde.

Mit diesem und weiteren Erfolgen, wie bei ihrer Nichte Betine von Savigny, die sich herumgesprochen haben dürften, gab denn auch der im Vorjahr noch skeptischere Patient Fischenich der Homöopathie eine zweite Chance. Im Juli erklärte er ihr gegenüber weinend, er wollte „noch einmal die Homöopathie gebrauchen.“ Bettine unterstrich, dies geschehe nicht auf ihr „Zureden“, denn sie habe dessen genug getan. Fischenichs zwischenzeitlich eingetretene abwehrende Haltung charakterisierte sie so:

„Die alten Vorurteile sind wie die lernäischen Schlangen, wenn man ihnen den Kopf abgeschlagen, ja wenn man sie begraben hat, so stehen sie auf einmal wieder da.“[ 35]

Erst nach wiederholten unbefriedigenden Erfahrungen mit anderen Heilweisen überwand Fischenich seine Bedenken und entschloss sich zu einem weiteren Versuch mit der neuen Heilweise. Bettine stilisierte den Vorgang als Bekehrungsgeschichte.


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Achim von Arnim in Behandlung bei Gustav Wilhelm Groß

Die wünschte Bettine wohl auch bei ihrem auf dem Land in Wiepersdorf lebenden Mann. Im August riet sie ihm sehr eindringlich und wiederholt, sich doch bei dem homöopathischen Arzt Gustav Wilhelm Groß (1794 – 1847) behandeln zu lassen. Groß hatte in Leipzig studiert und in Halle promoviert. Mit Hahnemann war er persönlich bekannt und praktizierte die Homöopathie seit 1818 in Jüterbog. Mit Stülers Lehrer Stapf war er Herausgeber der damals führenden homöopathischen Zeitschrift. Man kann gut nachvollziehen, dass Bettine große Hoffnungen für Achims damals sehr angeschlagene Gesundheit hatte, als sie erfuhr, dass dieser hochkarätige Spezialist seine Praxis in Jüterbog, nur 33 km entfernt von dem Landgut, hatte. Sie begründete ihre Empfehlung mit dem Rat ihres Berliner homöopathischen Hausarztes Stüler. Der meinte, Groß könne an Achim „die glücklichste Kur machen“.[36] Offenbar schätzte sie die Widerstände ihres Mannes, sich überhaupt behandeln zu lassen, als so stark ein, dass sie das positive Urteil des Berliner Arztes als Absicherung mitlieferte. Ansonsten war sie von der Heilweise offenbar mittlerweile so überzeugt, dass sie auch einen ihr persönlich nicht bekannten Behandler, der die Homöopathie anwendete, weiterempfahl. Beide Homöopathen, Groß und Stüler, kannten Hahnemann persönlich und, spätestens seit August 1829, sich auch gegenseitig.[37]

In ihrer Werbestrategie bei Achim sollte also das Vorbild des bekehrten Skeptikers im Zusammenspiel mit der ärztlichen Empfehlung eines Kollegen überzeugen. Später ergänzte sie dann noch Großʼ besondere Kompetenz gerade für Achims Krankheiten. Der hatte aber offenbar Bedenken wegen der Diätanforderungen der Homöopathen, während Bettine auf ein strenges Regime drängte. Sie meinte, das könne man doch auf dem Land gut durchhalten, da man dort den gesellschaftlichen Verpflichtungen und kulinarischen Verführungen nicht so ausgesetzt sei.[38] Auch hier wird wieder eine Bereitschaft des Patienten vorausgesetzt, besondere Anforderungen an seine Mitwirkung bei der Therapie zu erfüllen, also ein hohes Maß an Compliance.

Tatsächlich ließ sich Achim im August 1829 auf eine Behandlung durch Groß ein und begann sogar, sich für den Geschmack seiner Zuckerkügelchen und deren besonders komplizierte Einnahmemodalitäten zu interessieren. Man sollte sie – „entweder abends drei Stunden nach dem Essen, oder morgens ein paar Stunden vor dem Frühstück“ einnehmen. Dies schreibe er wegen der hohen Verdünnungen vor.[39] Achim verglich das mit dem, was er von Savigny kannte. Hier entstand also durch Informationsaustausch unter den Patienten ein spezielles Wissen um die therapeutischen Feinheiten des neuen Heilsystems. Auch hielt er brav Diät: Er vermied damals schon „seit Wochen Wein, Bier, Kaffee, Gewürze“. Groß meinte,

„mehr könne man nicht verlangen und schien weder Petersilie noch ähnliche Kleinigkeiten zu fürchten, auch nicht Tee, weil ich daran gewöhnt sei.“

Er nahm also auch Rücksicht auf die Gewohnheiten des Kranken. Kurz danach ging es Achim tatsächlich viel besser.


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Kontakt zu Hahnemann

Etwas enttäuscht war Bettine, dass ihr neuer Hausarzt Stüler nicht das erwünschte Gutachten von Hahnemann für ihren Schwager Savigny mitgebracht hatte. Sie betrieb also die bereits 4 ½ Jahre vorher von Achim angeregte Behandlung dieses ewig kränkelnden Juristen bei dem Begründer der Homöopathie weiter. Stüler war damals selbst bereits seit fast zwei Jahren bei Hahnemann in Behandlung.[40] Offenbar war er aber nicht in der Lage, Bettines Auftrag direkt auszuführen. An einer unzureichenden Symptombeschreibung kann es nicht gelegen haben, denn, bevor er sich selbst mit seinen Beschwerden an den Arzt wandte, schilderte Stüler Savignys Leiden. Der Begründer der Homöopathie notierte die vielschichtigen Symptome des Juristen in seinen Krankenjournalen ausgiebig. Er wählte dann eine Arznei aus; Stüler sollte sie Savigny schicken und bei ihm nachfragen, welche sonstigen Arzneien dieser vorher genommen hatte. Das „Gutachten“ konnte Stüler wohl deshalb nicht sofort nach seiner Konsultation mitbringen, weil Hahnemann erst in Ruhe das passende Mittel auswählen wollte. Der bescheidene Stüler wollte dem nicht vorgreifen. Für unseren Zusammenhang ist es wichtig, dass Bettine hier ihr Netzwerk erneut durch die Entwicklung einer zusätzlichen Achse von einem ihr persönlich bekannten Behandler zu einem weiteren homöopathischen Arzt ausbauen konnte. Dieses Mal versuchte sie nicht nur, wie im Fall ihres Mannes, diesen selbst als Patienten zu einem Arzt zu schicken, sondern sie erteilte nunmehr per Korrespondenz einen Auftrag an ihren Hausarzt zur Herstellung einer weiteren Arzt-Patient-Beziehung.


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Rückschläge

In diesem Sommer 1829 erlebte Bettine auch Probleme mit ihren Empfehlungen – und zwar recht massiv. Dabei hatte sie bei der ziemlich überforderten und hysterischen Gattin von Schinkel, Susanne Eleonore Henriette (1782 – 1861), mit der Bettine befreundet war, besonders gute Gründe, ihren Arzt Stüler zu empfehlen. Sie nahm nämlich an, dass Frau Schinkel krank sei, weil sie viel zu viel Medikamente eingenommen hatte.[41] Immerhin gab auch diese Kranke nach gut einem Jahr ihren früher für absolut erklärten Widerstand gegen die Homöopathie auf. Aber der Behandler hatte mit dieser misstrauischen Patientin solche Schwierigkeiten, dass er sich bei Bettine über sie beschwerte.[42] Diese erklärte ihm, dass sie die Schinkel für eine eingebildete Kranke ohne Disziplin halte.[43] Tatsächlich ging es dieser nach 4 Wochen Therapie schlechter. Bettine riet daraufhin ihrem Arzt, doch den Doktor Moritz Wilhelm Müller (1784 – 1849) aus Leipzig hinzuzuziehen, damit der ein anderes Mittel verschreiben könne. Dieser erfolgreiche homöopathische Arzt leitete in der Messestadt das Jacobsspital, begründete 1822 mit anderen Ärzten die erste homöopathische Fachzeitschrift, das „Archiv“, und hielt ab 1829 Vorlesungen an der Universität. Später war er Mitbegründer des Zentralvereins homöopathischer Ärzte und leitete die homöopathische Klinik in Leipzig.

Offenbar hatte Bettine mittlerweile – wahrscheinlich über ihren Hausarzt – weitere Kenntnisse über gute homöopathische Ärzte aus noch weiter von Berlin entfernten Städten erhalten und scheute sich nicht, ihrem etwas unsicheren Hausarzt zu raten, einen Kollegen hinzuzuziehen. Tatsächlich konsultierten die Schinkels zusätzlich den renommierten Müller, sogar mehrmals. Dies hinderte Frau Schinkel aber nicht, im Juli in Berlin zu verbreiten, Bettine habe sie zusammen mit Stüler vergiftet.[44] Offenbar war sie auf einen Skandal aus. Das Beispiel soll hier nur verdeutlichen, dass die Patientenwerbung nicht immer reibungslos verlief und manchmal sogar sehr belastend auf die Propagandistin zurückfiel. Die meinte, dass es sie selbst „ganz krank macht“.[45]


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Tochter Maxes Genesung

Bei Abwesenheit von Wolfart wurde nun auch der Homöopath alleine als Hausarzt konsultiert.[46] Dieser wird immer häufiger alleine als behandelnder Arzt erwähnt, er wurde praktisch zum ersten Hausarzt.

Im August 1830 wollte Bettine eigentlich eine Reise ins Kurbad unternehmen, fuhr aber bei ihrem Bruder in Rödelheim bei Frankfurt vorbei, weil ihre Tochter Maxe dort schwer erkrankt war.[47] Zeitgenössisch sprach man von Typhus. Ihr 21-jähriger Cousin hatte an Maxes Krankenbett gewacht und sie vielleicht angesteckt. Er selbst verstarb kurz darauf. Bettine verzichtete auf die Badereise, pflegte ihre Tochter und verbat sich jeden Arztbesuch. Sie nahm nämlich an, dass die schweren Arzneien, die man ihrem Neffen gegen dessen Widerstand gegeben hatte, mit zum Tod geführt hatten.[48] Nur von einem örtlich erreichbaren angehenden Homöopathen, Ernst Carl Kiesselbach (1808 – 1856), akzeptierte sie Medikamente. Dieser war damals erst 22 Jahre alt, studierte Medizin und lernte anlässlich eines Besuchs bei seinem Onkel in Hanau gerade die Homöopathie kennen.[49] Im Ergebnis gelang es Bettine, ihre Tochter zu retten. Das war ein mächtiger Erfolg für die Homöopathie, die in der Herkunftsfamilie großes Aufsehen erregte.

Kurz vor Achims Tod warb Bettine erneut und unermüdlich bei ihrem offenbar immer kränkeren Mann für die Homöopathie – allerdings ohne weitere Wirkung.


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Conclusion

Achims Interesse an der Homöopathie wurde unabhängig von der Erreichbarkeit eines Behandlers vor Ort in Berlin bereits 1825 erregt. Deshalb ging seine Empfehlung an den Schwager zunächst ins Leere. Bettines Wechsel hin zu einer Präferenz für die Homöopathie vollzog sich in zwei Etappen. Nach der Beobachtung glücklicher Kuren empfahl sie, gleich nach dem ersten Auftreten eines Homöopathen in Berlin, diesen Arzt ihren Verwandten und vielen Freunden. Im Sommer 1828 ließ sie ihn bereits eines ihrer Kinder behandeln.

Im folgenden Jahr, im Juni 1829, wurde ihre Präferenz immer deutlicher. Sie ernannte den Homöopathen zum weiteren Hausarzt, der bald zum erstrangigen Familienarzt wurde. Dabei fällt auf, wie ausschließlich sie die praktischen Behandlungserfolge beim Personal, den eigenen Kindern und Freunden thematisiert: Auf Erkenntnisse aus dem Organon, das sie gelesen hatte, nahm sie nie Bezug. Sie interessierte der Nutzen dieser Heilweise im Leben, nicht deren wissenschaftliche Darstellung oder Einordnung in die zeitgenössischen medizinischen Debatten. Achim hingegen blieb bis zu seinem Lebensende Ärzten und auch der Homöopathie gegenüber kritisch und ließ sich nur etwas widerwillig schließlich doch auf eine Behandlung durch einen ortsnahen Homöopathen ein.

Hier wurde nur über die entscheidende Zeitspanne berichtet, in der vor allem Bettine die Grundlagen ihres Empfehlungsnetzwerks schuf. Als Witwe wurde sie bald zu einer bekannten Schriftstellerin, nachdem sie ihren Briefwechsel mit Goethe publiziert hatte, der zum Startschuss für den deutschen Dichterkult wurde. Als Person der Öffentlichkeit ergaben sich für sie dadurch neue Wirkungsmöglichkeiten – ob mit der Werbung für homöopathische „Präservativmittel“ bei der Choleraepidemie, ob mit „Schleichwerbung“ in später veröffentlichten Korrespondenzen oder bei der Verteidigung von Laienheilern, die Arme gratis behandelten, gegen die staatliche Verfolgung.[50] Manchmal versuchte sie auch, ihr bis dahin unbekannte Prominente wie den Maler Carl Blechen (1798 – 1840) zu einer homöopathischen Kur zu drängen. Insgesamt zeigt ihr Beispiel gut, dass ein aktives Patientennetzwerk viel dazu beitragen kann, eine neue Heilweise durchzusetzen.


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Über den Autor

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Jg. 1953, Studium der Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaften. Stellv. Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart, und apl. Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Publikationsliste im Internet unter www.igm-bosch.de.

Anmerkungen

1 Auf der Grundlage von Hahnemanns Korrespondenz mit Patienten: Busche J: Ein homöopathisches Patientennetzwerk im Herzogtum Anhalt-Bernburg: die Familie von Kersten und ihr Umfeld in den Jahren 1831 – 1835; Stuttgart: Haug; 2008.


2 Zu Unterstützungsformen und dem Zusammenhang von Gesundheit und Netzwerken s. Weyers S: Soziale Beziehungen: gesellschaftliche Determinanten und gesundheitliche Folgen. In: Fangerau H und Halling T (Hg.), Netzwerke: Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften? Ein transdisziplinärer Überblick. Bielefeld: Transcript; 2009, 173 – 194, bes. 177, 185 ff.


3 Vordtriede W (Hg.): Achim und Bettina in ihren Briefen, Briefwechsel Achim von Arnim und Bettina Brentano. 2 Bände, Frankfurt a. M.: Suhrkamp; 1961. Zitiert als Briefwechsel, 515 (Febr. 1825).


4 Steig R (Bearb.): Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm. Stuttgart, Berlin: Cotta; 1904, 575 (Februar 1828).


5 Eine Anfrage beim österreichischen Staatsarchiv/Kriegsarchiv erbrachte ein negatives Ergebnis.


6 Anon.: Aus einem Schreiben des D. Georg Necher in Neapel, an D. Müller in Leipzig, Stapfs Archiv 1826; 5 (3): 45 – 46.
Tatsächlich lässt sich in Hahnemanns Krankenjournal D 21 am 10. November 1820, S. 415, eine Behandlung von Magen-Darm-Beschwerden und einer vereiterten Lunge feststellen: Er hustet einen gelben, eitrigen, festen Schleim heraus. Er wurde dann noch weiter behandelt.


7 Zum politischen Hintergrund Rizza E: Vom polyzentrischen Beginn zur Einheit: Italien. In: Dinges M (Hg.), Weltgeschichte der Homöopathie. Länder – Schulen – Heilkundige. München: Beck; 1996, 240 – 255, 240 f.


8 Lodispoto A: Storia della Omeopatia in Italia. Storia antica di una terapia moderna. Rom: Edizioni Mediterranee; 1987, 242 f.
Zum Kontext s. Dean ME: The trials of homeopathy: origins, structure and development. Essen: KVC; 2004, 105.


9 Chironna M: Medici o ciarlatani? Lʼomeopatia nel Regno delle Due Sicilie dal 1822 al 1860. Milano: Franco Angeli; 2016, 42 ff.


10 Chironna, Medici, 36 ff.


11 Lodispoto, Storia, 243.


12 Briefwechsel, 716 (März 1828).


13 Briefwechsel, 719 (März 1828).


14 http://www.gesetzlose-gesellschaft.de/chronologie.phtml (Abruf am 31.3.2017) unter Nummer 67 des Registers.


15 Briefwechsel, 681, 690 (Juli 1827).


16 zur Mühlen BTv: Hoffmann von Fallersleben: Biographie. Göttingen: Wallstein; 2010, 69.
Zu den Überschneidungen der Salonzugehörigkeiten in Berlin vgl. Vobis G: Die jüdische Minderheit in Westeuropa: Die literarischen Salons im 19. Jahrhundert als Quelle für Netzwerkanalysen. In: Schweizer T (Hg.), Netzwerkanalyse. Ethnologische Perspektiven, Berlin: Reimer; 1989, 167 – 184.
Briefwechsel, 723 (März 1828).


17 1829 wohnte Meusebach in der Karlstraße 19; eine Carlstraße verlief nördlich parallel zum Schiffbauerdamm; Bettine lebte in der etwa 600 m weiter südlich fast parallel laufenden Dorotheenstraße 31, noch ein paar hundert Meter stadteinwärts.


18 Briefwechsel, 725 f. (März 1828).


19 Briefwechsel, 734 (Mai 1828).


20 Briefwechsel, 736 f. (Juni 1828).


21 Briefwechsel, 741. (Juli 1828).


22 Möglicherweise hatte Necher die Rückkehr vorhergesehen und auch deshalb den ersten Besuch zur Patientenrekrutierung mit Gratisbehandlung und Arzneiverteilung genutzt.


23 Briefwechsel, 755 (August 1828).


24 Briefwechsel, 788 (März 1829).


25 Briefwechsel, 794 (April 1829).


26 Briefwechsel, 794 f. (April 1829).


27 Briefwechsel, 767 (September 1828).


28 Dazu ausführlich Dinges M: Bettine von Arnim und die Gesundheit. Medizin, Krankheit und Familie im 19. Jahrhundert. Stuttgart: Steiner Verlag; 2017.


29 Briefwechsel, 808 (Juni 1829).


30 Zu Stapf s. Neue Deutsche Biographie; http://www.ndb.badw-muenchen.de.


31 Er war seit 1827 mit Unterbrechung in Berlin.


32 Rapou A: Histoire de la doctrine médicale homoeopathique son état actuel dans les principales contrées de l’Europe. Paris: Baillière; 1847, 226 f.
Die Zurückhaltung galt zumindest bis 1834, als Stüler eine Einführung in die Homöopathie publizierte, die in den Zusammenhang mit dem Selbstdispensierstreit zwischen Apothekern und Ärzten einzuordnen ist: Stüler GW: Die Homöopathie und die homöopathische Apotheke in ihrer wahren Bedeutung dargestellt; Berlin: Enslin’sche Buchhandlung (Ferdinand Müller); 1834.


33 Briefwechsel, 811 (Juli 1829).


34 Briefwechsel, 812, 817 (Juli 1829).


35 Briefwechsel, 817 (Juli 1829).


36 Briefwechsel, 823 (August 1829); 824, 827, 829, s. a. 832.


37 Beide waren beim Doktorjubiläum im August 1829 anwesend, s. das Namensverzeichnis in:
Viro illustri medicinae homoeopathicae auctori Samueli Hahnemanno ... Faustum illum diem quo ante hos quinquaginta annos Erlangae summis in medicina et chirurgia honoribus rite ornatus est amici et medici methodo homoeopathicae addicti pie laete congratulantur die X. Augusti MDCCCXXIX ; inest dissertatio de indole et fatis artis homoeopathice medendi simul vita inventoris breviter enarratur. Merseburg; 1829; 46 ff.


38 Vgl. dazu Hehn F: Homöopathisches Kochbuch. Eine gedrängte und zugleich gründliche Anweisung zur Vereinbarung unsrer gewohnten Küche mit den Erfordernissen der Homöopathie (Mit einem Vorwort vom Medizinalrath Dr. Stüler in Berlin). Berlin: Amelang; 1834, IV f.


39 Briefwechsel, 837 (August 1829); dort auch das Folgende.


40 Näheres bei Dinges, Bettine von Arnim.


41 Briefwechsel, 805 (Juni 1829).


42 Briefwechsel, 814 (Juli 1829).


43 Briefwechsel, 814 (Juli 1829).


44 Briefwechsel, 822 (Juli 1829).


45 Briefwechsel, 822 (Juli 1829).


46 Briefwechsel, 866 (Mai 1830).


47 Briefwechsel, 880 (August 1830); Maxe, 32.


48 Briefwechsel, 887 (August 1830).


49 Schroers FD: Lexikon deutschsprachiger Homöopathen; Stuttgart: Haug; 2006.


50 Dazu ausführlich Dinges, Bettine von Arnim.



Korrespondenzadresse

Martin Dinges
Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart
Straussweg 17
70184 Stuttgart


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Abb. 1: Bettine von Arnim © bpk.
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Abb. 2: Achim von Arnim © bpk / Lutz Braun.