Drug Res (Stuttg) 2017; 67(S 01): S19-S20
DOI: 10.1055/s-0043-116526
Symposium der Paul-Martini-Stiftung
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Anticraving and Beyond – Innovative Therapieansätze in der Suchtbehandlung

Andreas Heinz
1   Direktor Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
,
Laura S. Daedelow
2   Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
,
Lea Mascarell-Maricic
2   Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
,
Annika Rosenthal
2   Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
› Author Affiliations
Further Information

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz
Direktor
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin

Publication History

Publication Date:
25 October 2017 (online)

 

Im Bereich der Suchtherapie gibt es je nach Art der Drogen unterschiedliche Therapieansätze. Während bei Patienten mit Alkohol- und Tabakabhängigkeit nach wie vor die Abstinenz als das sicherste Therapieziel gilt, wird bei Opiatabhängigkeit die Substitutionstherapie meist einer Abstinenzorientierung vorgezogen, da es bei abstinenten Opiatabhängigen im Rückfall zu tödlichen Überdosierungen kommen kann. Im Bereich der Alkoholabhängigkeit gibt es Ansätze zur Konsumreduktion, die nicht auf Abstinenz zielen, insbesondere bei Patienten, die keine schwere Alkoholabhängigkeit mit beispielsweise lebensbedrohlichen Entzugserscheinungen aufweisen, sowie als Therapieansatz für Patienten, die sich derzeit keine Alkoholabstinenz vorstellen können, von einer Konsumreduktion aber profitieren [1]. Bezüglich aller Suchterkrankungen gilt die Betonung der psychosozialen Versorgung, die neben dem Fokus auf die somatisch schädlichen Wirkungen der Droge die sozialen Folgen im Sinne von Verschuldung oder Arbeitsplatzverlust ebenso berücksichtigt wie zwischenmenschliche Konflikte, und die die Motivation zur Verhaltensänderung durch entsprechende psychotherapeutische Interventionen stützt [2].

Bezüglich der medikamentösen Behandlung der Alkoholabhängigkeit sind in Deutschland Naltrexon, Nalmefene und Acamprosat zugelassen. Naltrexon und Acamprosat dienen der Aufrechterhaltung der Alkoholabstinenz, wobei Naltrexon mu-Opiatrezeptoren blockiert und damit die positiv verstärkende Wirkung des Alkoholkonsums reduzieren soll. Acamprosat interagiert demgegenüber mit glutamatergen NMDA-Rezeptoren und könnte so ein Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Botenstoffen nach Entgiftung positiv beeinflussen. Nalmefene wirkt ähnlich wie Naltrexon, ist aber zur Konsumreduktion bei schädlichem Alkoholkonsum und nicht allzu ausgeprägten Formen der Alkoholabhängigkeit zugelassen [2].

In den letzten Jahrzehnten hat neurobiologische Grundlagenforschung zentrale Mechanismen der Abhängigkeitserkrankungen identifiziert, die Ziel pharmakologischer und psychotherapeutischer Interventionen sein können. Dazu gehört die Gewöhnung an den Substanzkonsum, der durch Pawlowsche Reize getriggert werden kann, welche in Interaktion mit zielgerichtetem Verhalten eine Tendenz zur Annäherung an Drogenreize und zum Drogenkonsum auslösen können. Gegen diese Tendenz wirkt ein systematisches Verhaltenstraining zur Zurückweisung von Drogenreizen, wie es beispielsweise computerisiert durchgeführt werden kann. Dabei werden für die Drogenreaktion wichtige Hirnareale wie beispielsweise die Aktivierung der Amygdala bei Konfrontation mit Alkoholbildern in ihrer Aktivität herunterreguliert, was wiederrum den Therapieerfolg voraussagt [3]. Bezüglich neuerer Medikamente wurde auf Grund einer Selbstbeschreibung und erster positiver Studien bei schwer alkoholabhängigen Patienten mit Lebererkrankungen der nur gegen Spastik zugelassene GABA-B Agonist Baclofen international diskutiert. Anders als GABA-A Agonisten weist er ein geringes oder gar kein bestehendes Abhängigkeitspotenzial auf und reduziert zentralnervös beispielsweise die Dopamin-Freisetzung, die durch viele Drogen inklusive Alkohol stimuliert wird. Die Studienlage zur Wirkung von Baclofen ist unterschiedlich. Die Substanz passiert die Blut-Hirn-Schranke nur eingeschränkt, sodass gegebenenfalls höhere Dossierungen für zentralnervöse Wirkungen notwendig sind. Tatsächlich beobachtete eine Studie von Müller et al. [4], dass bei individuell flexibler Dosierung, die deutlich über der üblichen Dosierung gegen Spastik lag, Baclofen signifikant besser wirksam war als Placebo, während dies bei anderen Studien nicht der Fall war [5], [6]. Weitere interessante Therapieansätze finden sich im Bereich der Antiepileptika, die ebenfalls das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Botenstoffen im akuten Entzug und der frühen Abstinenz modulieren und damit möglicherweise insbesondere bei stress-assoziiertem Alkoholkonsum wirksam sind. Die Wirksamkeit derartiger Substanzen, die über die Beeinflussung des Alkoholverlangens (Craving) hinaus auch die Reaktion auf Alkoholreize beeinflussen können, könnte durch Genotypisierung der betroffenen Individuen verstärkt werden. Dafür gibt es erste Hinweise [7], ein Einsatz dieser Techniken in der klinischen Praxis ist aber noch nicht sinnvoll, da replizierte Befunde weitgehend fehlen.


#

Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz

Zoom Image

Interessenkonflikte

Keine


Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz
Direktor
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin


Zoom Image