ergopraxis 2018; 11(01): 12-13
DOI: 10.1055/s-0043-120103
Wissenschaft
© Georg Thieme Verlag Stuttgart – New York

Stefanie Huber – Fit für die Schule?

Lena Kroggel

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Publication Date:
05 January 2018 (online)

 

In ihrer Dissertation untersuchte Stefanie Huber, welche Fertigkeiten und Fähigkeiten ein Kind aus Sicht von Pädagogen benötigt, um als schulreif zu gelten. Basierend auf den Ergebnissen überlegte sie, mit welchen ergotherapeutischen Verfahren eine entsprechende Befunderhebung gelingt.


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Stefanie Huber …

ist im österreichischen Bundesland Salzburg in Zell am See geboren und in Uttendorf aufgewachsen. Zur Ergotherapie ist sie zufällig gekommen, eigentlich wollte sie Sozialarbeiterin werden. Als sie aber bei einem Tag der offenen Tür der Akademie für Ergotherapie in Salzburg den Beruf kennenlernte, war ihr sofort klar: Das will ich machen! Nach ihrer Ausbildung unterstützte sie drei Monate lang eine Hilfsorganisation in Ecuador, bevor sie zurückkehrte und in einer pädiatrischen Praxis arbeitete. 2010 machte sie sich selbstständig. In der Therapie ist ihr eine enge Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen wichtig. Deshalb beschloss sie, berufsbegleitend den interdisziplinären Master „Child Development“ zu absolvieren und das Doktorat in „Health Science“ anzuschließen.

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Abb.: privat

Die Dissertation

Ergotherapeuten werden oft von verunsicherten Eltern gefragt, ob ihr Kind schulreif sei. Es ist nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Denn die Schulbehörden bestimmen unabhängig von einer adäquaten Diagnostik, welche Daten sie zur Schulreifefeststellung erheben. Ergotherapeuten stehen daher vor einer Herausforderung: Nur wenn sie wissen, welche Anforderungen die Schule an das Kind stellt, können sie eine entsprechende Befunderhebung durchführen, Eltern beraten und eine zielführende Intervention planen.

Diesem Thema widmete sich Stefanie Huber in ihrer Dissertation. Sie entwickelte einen Fragebogen, um herauszufinden, welche Fertigkeiten und Fähigkeiten Pädagogen für den Schuleintritt als wichtig erachten. Die 53 geschlossenen Fragen bezogen sich auf folgende Themen:

  • erweiterte Aktivitäten des täglichen Lebens (EADL),

  • Feinmotorik/Grafomotorik,

  • Aufmerksamkeit,

  • Grobmotorik/Wahrnehmung,

  • Kognition,

  • Phonologie/Sprache und

  • Sozialverhalten.

Die Items zu diesen Themen bewerteten die Pädagoginnen auf einer Skala von „trifft gar nicht zu“ (1) bis „trifft vollständig zu“ (4).

Im zweiten Schritt glich Stefanie Huber die Ergebnisse mit theoretischen Grundlagen zum Thema Entwicklung ab. Zudem überlegte sie, mit welchen ergotherapeutischen Verfahren Ergotherapeuten die geforderten schulischen Kompetenzen befunden können.


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Ergebnis

Die Ergotherapeutin bezog in die statistische Auswertung 121 Fragebögen ein. Die Teilnehmer waren größtenteils weiblich, zwischen 23 und 62 Jahre alt und durchschnittlich seit 23,4 Jahren im Schuldienst. Die Auswertung zeigte folgende Rangfolge in der Wichtigkeit.

  • EADL: selbstständiges An- und Ausziehen

  • Feinmotorik/Grafomotorik: eigenständiges Umblättern von Buchseiten

  • Sozialverhalten: sich an Regeln halten

  • Phonologie/Sprache: Farben benennen

  • Kognition: Körperteile richtig benennen

  • Grobmotorik/Wahrnehmung: beidbeinig hüpfen

  • Aufmerksamkeit: sich 15 Minuten lang konzentrieren können

Der Abgleich mit Entwicklungstabellen zeigt, dass sich die geforderten Fähigkeiten laut Pädagogen größtenteils mit der Normalentwicklung decken. Allerdings ist aus ergotherapeutischer Sicht verwunderlich, dass den Befragten die Grobmotorik/Wahrnehmung nicht so wichtig für die Schulreife war. Schließlich ist der Bereich eine Grundvoraussetzung für das Gelingen anderer Bereiche, zum Beispiel der EADL.

Schulreife mit M-ABC-2, ET 6-6-R, HAPT 4-6 oder FEW-2 überprüfen

Die anschließende Analyse ergotherapeutischer Testverfahren ergab, dass sich folgende Tests eignen, um die pädagogischen Anforderungen zu überprüfen: die Movement Assessment Battery for Children-2 (M-ABC-2), der Entwicklungstest für Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahren Revision (ET 6-6-R), die Entwicklungstests der visuellen Wahrnehmung (FEW-2) und der Handpräferenztest HAPT 4-6. Allerdings können nicht alle Fertigkeiten mit standardisierten Verfahren erhoben werden, insbesondere nicht die EADLs. Es sind ergänzend Gespräche mit dem Erziehungsberechtigten und Beobachtungen erforderlich.


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Fazit

Stefanie Huber ermittelte, dass Kinder aus Pädagogensicht zur Einschulung gewisse Fertigkeiten und Fähigkeiten in den EADLs, der Feinmotorik/Grafomotorik, dem Sozialverhalten, der Phonologie/Sprache, der Kognition, der Grobmotorik/Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit besitzen sollten. Den Pädagogen zufolge sind vor allem die EADLs und die Feinmotorik/Grafomotorik wichtig. Ob sich diese Bewertung mit dem deckt, was die Schulbehörde in der Schulreifeprüfung abfragt, ist unklar. Für die ergotherapeutische Befunderhebung im Hinblick auf die Schulreife existiert noch keine zielgerichtete Befunderhebungsmethode. Dennoch eignen sich zur Überprüfung Verfahren wie der M-ABC-2, der ET 6-6-R, der FEW-2 oder der HAPT 4-6.

Lena Kroggel

4 Fragen an Stefanie Huber

Gibt es Literatur, die Sie Ergotherapeuten zum Thema Schuleintrittsprüfung empfehlen können?

Ergotherapeuten sind gut beraten, sich mit Konzepten der Entwicklungspsychologie zu befassen. Ein sehr gutes Buch darüber ist das Standardwerk „Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter“ von Siegler, Eisenberg, DeLoache und Saffran. Es ist dank vieler Schaubilder sehr übersichtlich und verständlich.

In Ihrer Arbeit schreiben Sie, dass sich Kinder in der Freizeit immer weniger grobmotorisch bewegen und dass dies einen negativen Einfluss auf die Entwicklung hat. Was war Ihre Lieblingsbeschäftigung als Kind?

Spontan fällt mir ein, dass ich viel mit den Nachbarskindern draußen im nahe gelegenen Wäldchen gespielt habe. Der Vater eines Kindes war Jäger, und wir hatten viel Spaß daran, in Rollenspielen Jagd zu spielen. Ich weiß noch, mein Vater hatte mir extra eine Flinte aus Holz geschnitzt.

Sie haben berufsbegleitend studiert – wie haben Sie es geschafft, Studium, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen?

Das war die größte Herausforderung in dieser Zeit! Ich habe gut auf meine Ressourcen geachtet und immer Pausen eingelegt, wenn ich gemerkt habe, dass ein anderer Bereich unter dem Studium leidet. Durch Sport wie Bergsteigen, Laufen oder Waldspaziergänge habe ich neue Kraft getankt. Zudem hatte ich immer tolle Unterstützung von meinen Freunden und meiner Familie.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft? Beruflich und privat?

Ich wünsche mir, dass sich der Gedanke der Salutogenese in den Köpfen von Pädagogen, aber vor allem bei den Krankenkassen verankert. Ich finde es wichtig, dass man Kinder früh fördert und in ihren Kompetenzen stärkt. Privat wünsche ich mir, mehr zu reisen, gerne einmal nach Australien oder Neuseeland.


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Abb.: privat