Zeitschrift für Komplementärmedizin 2017; 09(06): 30-35
DOI: 10.1055/s-0043-122325
Praxis
Anthroposophische Gynäkologie
© Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Behandlung gynäkologischer Erkrankungen mit anthroposophischer Medizin

Gabriela Stammer

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Publication Date:
12 December 2017 (online)

 

Summary

Die anthroposophische Medizin nimmt den Menschen mit Leib, Seele und in seiner Individualität war. Das Zentrum der therapeutischen Beziehung und Diagnosestellung bildet das ärztliche Gespräch. Zur Behandlung stehen anthroposophische Medikamente und Heilmittel wie rhythmische Massagen oder Öl-Dispersionsbäder zur Verfügung. Diese Mittel kommen auch bei gynäkologischen Erkrankungen zum Einsatz. Im Bereich der Frauenheilkunde werden viele Beschwerden in der Schulmedizin mit Schmerzmitteln oder Antibiotika behandelt. Dieser Artikel zeigt Fallbeispiele aus der Praxis, bei denen die Patientinnen erfolgreich mit Mitteln der anthroposophischen Medizin behandelt wurden.


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Gynäkologische Erkrankungen werden häufig mit Antibiotika behandelt – Fälle aus der anthroposophischen Praxis zeigen Therapiealternativen bei Erkrankungen wie bakterielle Vaginose, Harnwegsinfektion oder entzündeter Gebärmutterschleimhaut

Wir sind als Ärzte angetreten, den Patienten zu helfen, Heilung zu ermöglichen und Linderung zu schaffen. Nicht immer gelingt das. Zum einen, weil die Krankheiten sich ändern – von den akut entzündlichen hin zu mehr chronischen Krankheitsbildern. Zum anderen, weil wir mit den erlernten Maßnahmen wie dem Verschreiben von Schmerzmitteln und Antibiotika gerade bei chronisch rezidivierenden Verläufen an unsere Grenzen stoßen. Und hin und wieder liegt es auch an uns selbst. Das zunehmende Problem der resistenten Keime, das Wissen, dass Ibuprofen und Co. in der Schwangerschaft dem ungeborenen Kind eben doch eine gesundheitliche Beeinträchtigung im späteren Leben bescheren [1], [2], schränkt unsere erlernten Konzepte ein.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit Möglichkeiten zur Heilung und Linderung aus der anthroposophischen Medizin, meinem Fach gemäß vorwiegend in der Gynäkologie und Geburtshilfe.

Anthroposophische Medizin ist nicht eine Alternative zu Antibiotika und NSAR etc. Sie ist eine Form der integrativen Medizin und kann manches beitragen. Jedoch muss man immer wissen, wann es Zeit ist, die kostbaren Errungenschaften unserer modernen Zeit zu nutzen.

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Abb. 1 Die Keimzumpe (Bryophyllum) ist besonders hilfreich, um Regenerationskräfte und eine schützende Hülle zu schaffen. © Patchara / Adobe Stock
Zusammenfassung

Die anthroposophische Medizin nimmt den Menschen mit Leib, Seele und in seiner Individualität war. Das Zentrum der therapeutischen Beziehung und Diagnosestellung bildet das ärztliche Gespräch. Zur Behandlung stehen anthroposophische Medikamente und Heilmittel wie rhythmische Massagen oder Öl-Dispersionsbäder zur Verfügung. Diese Mittel kommen auch bei gynäkologischen Erkrankungen zum Einsatz. Im Bereich der Frauenheilkunde werden viele Beschwerden in der Schulmedizin mit Schmerzmitteln oder Antibiotika behandelt. Dieser Artikel zeigt Fallbeispiele aus der Praxis, bei denen die Patientinnen erfolgreich mit Mitteln der anthroposophischen Medizin behandelt wurden.

Die anthroposophische Medizin ist keine Alternative zu Antibiotika. Man muss immer wissen, wann es Zeit ist, die kostbaren Errungenschaften unserer Zeit zu nutzen.

Fallbeispiel: Brustentzündung in der Stillzeit (Mastitis puerperalis)

Eine 23-jährige Frau, Zustand 4 Wochen nach Entbindung des zweiten Kindes. Der Mann wird in den nächsten Tagen aus der Elternzeit gehen, die Schwiegermutter kommt täglich und hat viele Ratschläge. Der 3-jährige Erstgeborene schläft wieder bei den Eltern im Bett und ist nachts sehr unruhig. Die Patientin hat 38,8 °C Fieber, die linke Brust ist rasant rot und schmerzhaft geworden, der obere äußere Quadrant ist vollständig betroffen.

Häufiges Vorgehen: Antibiose, z. B. mit Staphylex®, lokale Kühlung, Fiebersenkung, möglicherweise stationäre Behandlung, gegebenenfalls abstillen.

Anthroposophische Medizin: Gespräch über die häusliche Situation, die Schwiegermutter und die Ambivalenz zum Erstgeborenen. Wo kann entstresst werden, wo helfen klare Regeln, z. B. dass jeder in seinem Bett schläft? Der Vater sollte eine weitere Woche zuhause bleiben.

Therapie und Verlauf

  • Unmittelbar vor dem Stillen wird ein Wickel mit heißem Öl für 15 min auf die betroffene Stelle gelegt. Das Öl sollte so heiß wie möglich sein: Speiseöl im Topf erhitzen, einen Lappen eintauchen, auswringen und solange in der Luft wedeln, bis eine erträgliche Temperatur erreicht ist.

  • Nach dem Stillen Quarkwickel auflegen: Bio-Magerquark messerrückendick auf ein Tuch auftragen, in den Still-BH klemmen und abdampfen lassen, bis der Quark fast trocken ist. Keine Folie darüber spannen.

  • Bis zum Rückgang des Fiebers Apis / Belladonna (z. B. als Apis / Belladonna Globuli, oder Erysidoron I Dil.): 5 Glob./Tropf. alle 1–2 h einnehmen, dann ausschleichen (5-mal täglich, 3-mal täglich).

  • Wenn nach 24 Stunden das Fieber nicht gefallen ist, sollte eine Antibiose angedacht werden.

Die Behandlung eignet sich auch für eine Mastitis nonpuerperalis, welche jedoch im Intervall einer gesonderten Abklärung bedarf.

Die Patientin war am nächsten Morgen entfiebert, die Brust deutlich abgeblasst, noch leichter Milchstau. Vollständige Genesung nach 3 Tagen.


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Fallbeispiel: Harnwegsinfektion

Eine 23-jährige Patientin kommt dieses Quartal zum 3. Mal in die Sprechstunde mit Brennen beim Wasserlassen, immer nach Sex. Pilleneinnahme seit 8 Jahren. Meistens ist die rechte Lust auf Sex nicht da, (vermeintliche) Erwartungen möchte sie jedoch erfüllen.

Häufiges Vorgehen: Antibiotikum.

Anthroposophische Medizin: Im Gespräch können oben genannte Themen besprochen werden. Die Sorge vor einem Harnwegsinfekt ist groß, die achtsame Aufmerksamkeit ist bisher ganz auf die Blase und mögliches Brennen gerichtet. Anregung zu weniger fokussierter Aufmerksamkeit.

Therapie

  • Cantharis Blasen Globuli / Injektion, in akuten Fällen initial 1 Amp. s. c., gefolgt von 10 Glob. alle 1–2 h.

  • Dampfbad mit Kamille, 1-mal täglich: eine Hand Kamillenblüten, 1½ l kochendes Wasser in einem Topf mit Deckel 10 min ziehen lassen. Deckel ab, Topf ins Klo und 20 min mit gutem Buch ohne Hosen aufs Klo setzen. Vielleicht mit Decke umwickeln.

  • Blasenwickel mit Eukalyptus-Öl, 10 %: Lappen mit Öl versehen, in einer Plastiktüte zwischen Wärmflaschen heiß machen. Lappen auf den Bauch über der Blase auflegen, Tücher um den Leib wickeln, Wärmflasche darauf legen, 20 min ruhen, 20 min Nachruhe.

  • Pille absetzen? Diese Maßnahme sollte diskutiert werden. Denn durch die Pille ist die Vaginalflora in ein untypisches Mikrobiom verändert. Kaum eine Frau unter Pille hat eine klassische Döderleinflora. Zusätzlich unterdrückt die Pille die physiologische weibliche Schwankung im Zyklus und verändert sie in ein lineares System (linear gehört jedoch nicht zum Weiblichen).

Die Patientin erfuhr schnell Linderung. Da sie nach 2 Tagen aber in den Urlaub fliegen wollte, fragte sie dennoch nach einer Antibiose.


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Fallbeispiel: vorzeitige Wehentätigkeit

Eine Frau in der 28. Schwangerschaftswoche, zweite Schwangerschaft, ein 5-jähriges Kind, berufstätig in Vollzeit. Der Bauch ist dauernd hart, Gefühl wie früher vor der Regelblutung. Muttermund belastet, das Köpfchen schiebt, Cervix verkürzt, Trichterbildung, Restcervix 1,5 cm.

Häufiges Vorgehen: Einweisung in die Klinik, Wehenhemmung meist mit Magnesium, körperliche Schonung, gegebenenfalls Cerclage, Lungenreifebehandlung mit Cortison, Antibiotikum bei Infektion und / oder Vaginose.

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Abb. 2 Ein Dampfbad mit Kamillenblüten wirkt gegen Harnwegsinfektionen. © osoznaniejizni / Adobe Stock

Anthroposophische Medizin: Im Gespräch gilt es, Zuversicht zu stärken, aber auch zu der nötigen Haltung zum „Brüten“ aufzurufen. Die geliebte, straff organisierte Berufstätigkeit muss zurücktreten dürfen.

Therapie

  • Trituration mit Bryophyllum, 50 %: alle 2 h 1 Msp. Die Keimzumpe (Bryophyllum) ist besonders hilfreich, um Regenerationskräfte und eine schützende Hülle zu schaffen.

  • Kompresse mit Aurum / Lavendel: 1–2-mal täglich die Salbe messerrückendick auf ein altes Stofftuch auftragen, den Salbenlappen auf den Bauch über der Gebärmutter legen und wärmende Schals um den Leib wickeln. Der Salbenlappen kann wiederverwendet werden, immer erneut Salbe dazu geben.

  • Bettruhe einhalten, außer Gang zum Bad und Klo.

  • Enge Anbindung der Patientin bis Sicherheit besteht, dass die Wehentätigkeit sistiert. Kontrolle der Befunde wöchentlich, es muss sich auch für die Patientin schnell spürbar bessern, sonst ist eine Einweisung nötig.

  • Unsere Patientin konnte mit wöchentlichen Kontrollen und stabilem, gebessertem Muttermundsbefund bis in die 35 + 0 Schwangerschaftswoche (SSW) begleitet werden. Danach langsame Mobilisation bei gleicher Medikation. Ab 37 + 0 SSW keine Medikamente mehr und keine Schonung. Spontane Entbindung 41 + 2 SSW.


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Fallbeispiel: bakterielle Vaginose

Nur in der reproduktiven Zeit ist das Scheidenmilieu sauer, in Kindertagen und nach den Wechseljahren physiologischerweise nicht. Milchsäurekeime können nur in Anwesenheit von ausgereiften Epithelzellen existieren, die Ausreifung ist östrogenabhängig. Sehr wenige Frauen nach der Menopause haben eigenständig eine östrogenbetonte Flora (meist Östrogen aus dem Fettgewebe). Die typische bakterielle Vaginose (Garnerella vaginalis) findet sich daher meist in der reproduktiven Zeit. Der klassische üble Geruch (Fischgeruch) ist besonders intensiv in Verbindung mit alkalischen Substanzen wie Seife oder Sperma.

Im Senium findet man eher Staphylokokken-Infektionen mit reichlich wässrigem, gelblich-klarem Ausfluss, oft mit massiv geröteten Vaginalwänden.

Häufiges Vorgehen: lokale Antibiose z. B mit Arilin® rapid, Sobelin® Creme.

Anthroposophische Medizin: Behandlung u. a. mit Scheidenspülungen.

Therapie

  • Sicherstellen von warmen Füßen

  • Scheidenspülungen mit Apfelessig: 1 Glas warmes Wasser und 1EL Apfelessig mit Klistierball in der Dusche in die Scheide einspülen. Die Spülung desinfiziert, ohne die gesunde Flora zu schädigen, säuert ideal an, spült übermäßigen Fluor heraus.

  • Gegebenenfalls zusätzlich: Argentum metallicum praeperatum (Argentum met. praep.) 0,4 % Vaginal-Tabl., abends über 10 Tage einführen.

Rasche Besserung, Essigspülung kann beliebig oft wiederholt werden.


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Fallbeispiel: Endomyometritis

Eine Patientin kommt 15 Tage nach der Geburt des 3. Kindes in die Praxis. Zustand nach 3. Kaiserschnitt, wenig Wochenfluss, Lochien riechen übel. Uterus-Kantenschmerz, die Gebärmutterkuppe steht 2 Querfinger unter dem Nabel (Fundus N/2). Seit gestern hat die Patientin Kopfschmerzen und erhöhte Temperatur. Der Ultraschall zeigt keine Plazentareste und geringe Hämatometra.

Häufiges Vorgehen: Oxytocin / Uterotonika, Antibiotikum, stationärer Aufenthalt mit Kind, falls es mit aufgenommen werden kann.

Anthroposophische Medizin: Behandlung mit Fußbädern und anthroposophischen Arzneimitteln.

Therapie

  • Senfmehlfußbäder: Warmes Fußbad mit ½ EL frisch gemahlenem Senfmehl, heißes Wasser nachlaufen lassen bis zur noch erträglichen Hitze. Hat eine sofort eintretende zusammenziehende Wirkung auf die Gebärmutter.

  • Argentum met. praep. D 20, Berberis, Fructus D 3, Quarz D 12 (Sinudoron® Tropfen, Weleda): Silber (Argentum) wirkt entzündungshemmend, Berberitze zusammenziehend, Quarz heilend. Mit 10 Tropfen alle 2 h beginnen. Kann / soll wehenartige Schmerzen bereiten. Falls die Dosierung nicht greift, Tropfenzahl erhöhen oder Intervall verkleinern.

Die Symptome müssen sich unter dieser Therapie innerhalb weniger Stunden deutlich bessern. Die Patientin muss dazu angehalten werden, bei gleichbleibender Symptomatik oder Verschlechterung des Zustandes direkt in die Klinik zu gehen. Engmaschige, tägliche Kontrollen gegebenenfalls telefonisch sind notwendig.

Kontrolle nach 2 Tagen: Die Patientin ist beschwerdefrei, aktiver und präsenter. Uterus sehr gut kontrahiert, nur bei tiefer Palpation noch Uterus-Kantenschmerz. Keine Temperatur, Uterus im Ultraschall leer. Nach einer weiteren Woche komplette Beschwerdefreiheit.


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Womit arbeitet die anthroposophische Medizin?

Das Gespräch

Das ärztliche Gespräch steht in der anthroposophischen Medizin im Zentrum der therapeutischen Beziehung. Vieles darin gehört letztlich zum ur-ärztlichen Tun, bedarf aber heute eines persönlichen Entschlusses, um gelebt zu werden. Einige Punkte sind hingegen bewusst mit Fragen aus der anthroposophischen Medizin verknüpft, z. B. wo Heilbedarf liegt und welche therapeutischen Möglichkeiten zu suchen sind.

Beispielhaft sei erwähnt:

  • Zeit haben für den Menschen: Dies ist eine echte Herausforderung, da wir alle, ambulant wie stationär, in der Spanne stehen zwischen Wirtschaftlichkeit, Leitlinienmedizin, Andrang und Nachfrage und dem Anspruch der Patienten einerseits und andererseits der Notwendigkeit des Innehaltens zur Begegnung mit dem Menschen. Diese wird geleitet durch die Fragen: Wer bist Du? Welche (Lebens-)Frage stellst Du? Wie kann ich als Arzt Hilfestellung geben und Dich zur eigenen, freien Entscheidung beraten? Wie viel freie Entscheidung ist möglich und gewollt?

  • Zuhören in empathischer Aufmerksamkeit: Diese humanistische Fähigkeit schafft den Boden zur Begegnung und öffnet viele Möglichkeiten der Wahrnehmung z. B. der Konstitution des Patienten oder wie sich die seelische Gestimmtheit zwischen Überschwang und Bedrücktheit äußert. Im Kern ist sie aber für jeden Therapeuten das Fundament für Begegnung und Beziehung.

  • Zu fragen, welche Möglichkeiten der Begegnung den Patienten zur Verfügung stehen: Wie gelingt Blickkontakt? Welche Themen bringen die Patienten mit? Welche Fragen stehen dahinter? Wann in der Biographie ist Einschneidendes geschehen? Bei einer Patientin besteht z. B. Krebsangst, weil ihre Kinder in einem Alter sind, in dem sie selbst ihre Großmutter verloren hat. Es hatte ihr damals niemand diese biografisch normalen Fragen nach Tod und Sterben (und nach der persönlichen Einmaligkeit) beantwortet. Bleibt sie daher jetzt in Verlustängsten, die bis zur Lebensuntüchtigkeit führen?

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Abb. 3 Ein warmes Fußbad mit Senfmehl wirkt zusammenziehend auf die Gebärmutter. © emuck / Adobe Stock

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Medikamente der anthroposophischen Medizin

Die Verschreibung von Medikamenten aus der anthroposophischen Medizin ist ein weiteres wesentliches Standbein. Hierbei soll das salutogene Potenzial des Organismus angesprochen und verstärkt werden, wie aus den obigen Falldarstellungen ersichtlich. Es stehen Dilutionen, Globuli, Urtinkturen, Triturationen, Ampullen, Suppositorien und Salben in unterschiedlichen Konzentrationen und Potenzen zur Verfügung. Das Vademecum Anthropopsophische Arzneimittel [3] hat eine Vielzahl der Erfahrungen tätiger Ärzte gesammelt, inzwischen in der 4. Auflage.


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Heilmittel der anthroposophischen Medizin

Zu den Heilmitteln der anthroposophischen Medizin zählen Eurythmietherapie, Kunsttherapie, Sprachgestaltung, rhythmische Massagen, Musiktherapie, Öl-Dispersionsbäder. Es gibt sehr unterschiedliche Indikationen für die Therapien. Wesentlich für diese Therapien sind eine nicht-kognitive Förderung der Fähigkeiten und der Revitalisierung sowie der Ausgleich von übermäßiger seelischer Agilität und Erschöpfung hin zur Entwicklung der eigenen Resilienzen.


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Äußere Anwendungen

Äußere Anwendungen wie Wickel, Auflagen, Fuß- und Dampfbäder sind in der anthroposophischen Medizin von hoher Wirksamkeit und unmittelbar erlebbar in ihren Wirkungen.


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Die Perspektive der anthroposophischen Medizin

In der anthroposophischen Medizin wird versucht, den Menschen auf 4 Ebenen wahrzunehmen und zu behandeln, die zugleich seine Beziehung zur umgebenden Welt deutlich machen. Es wird unterschieden zwischen: dem physischen Körper, den lebendigen Vorgängen, der seelischen Verfasstheit und der geistigen Individualität.

Die 1. Ebene ist der rein physische Körper, den wir durch Palpation, Röntgen oder andere bildgebende Verfahren erfassen. Einen rein physischen Körper haben wir eigentlich nur beim Leichnam vorliegen, in dem alle Lebensprozesse erloschen sind und der im Zuge der Verwesung in seine mineralischen Bestandteile zerfällt.

Auf der 2. Ebene, den lebendigen Vorgängen, ist diese Materie von vielfältigen Lebensprozessen durchdrungen, die fortwährend den Zerfall verhindern und Wachstum, Wundheilung und Regeneration bewirken (z. B. ständige Erneuerung des Darmepithels). Subjektiv werden diese Lebensprozesse eher dumpf als Vitalität und Leistungsfähigkeit empfunden, wie wir sie besonders nach einem erholsamen Schlaf wahrnehmen können. Der Mensch steht mit dieser bewusstseinsfernen Lebendigkeit mit der Pflanzenwelt in Beziehung. Bei Erschöpfung und Fatigue oder nach einer Operation stellt sich die Frage, wie diese Vitalität bzw. Regenerationsfähigkeit therapeutisch unterstützt werden kann.

Wenden wir uns der 3. Ebene zu, so zeigt sich das bewusste Seelenleben mit seiner Freude, der Trauer und dem Schmerz, Antipathie oder Verliebtheit. Die Fähigkeit des Gefühls teilen wir mit der Tierwelt. Leiblich ist sie besonders stark im Bereich der hormonellen Systeme verankert: Das sexuelle Verlangen, das mit der Pubertät erwacht, oder die seelischen Begleiterscheinungen einer Hyperthyreose zeigen dies beispielhaft. Als Angst oder Depression wird das Gefühlsleben therapeutisch relevant und kann sich unmittelbar auf die anderen beiden Ebenen auswirken, etwa in Form einer gestörten Wundheilung bei depressiver Verstimmung nach einer Operation.

Schließlich gibt es noch eine 4. Ebene, die allein den Menschen eigen ist: Die Fähigkeit, gedanklich die Welt zu durchdringen, sich selbständige Urteile zu bilden, moralisch zu handeln und eine individuelle, auf Entwicklung ausgerichtete Biografie zu leben, hat mit unserem unverwechselbaren Ich zu tun. Es ist dieses Ich, das den Willen in sich trägt, wirklich gesund zu werden, und ohne dessen Mitwirkung alle therapeutischen Bemühungen insbesondere bei schweren, chronischen Erkrankungen nicht wirklich fruchtbar werden können.

Die anthroposophische Arzneimitteltherapie versucht durch Verwendung von mineralischen und pflanzlichen Substanzen in besonders verarbeiteter Form sowie potenzierten Organpräparaten aus der Tierwelt diese 4 Ebenen im Menschen anzusprechen.

Berücksichtigen von Sinnespol, Stoffwechsel und Bewegung sowie rhythmischem Bereich

Wir begegnen also in jeder Konsultation einer Persönlichkeit durch ihren lebendigen Leib, ihre Seele und Individualität. Offensichtlich ist der lebendige Leib aber nicht überall einheitlich organisiert: Wir haben z. B. in unserem Kopf die meisten Sinne und die größte Wachheit, wodurch unsere Ermüdung über den Tag wesentlich bedingt ist. Im Bauch haben wir unbewusste Bewegung der Organe, Zerstörung der Nahrung, Aufnahme, Verlebendigung und Umgestaltung zum Eigenen, unbewusster Aufbau. In Herz und Lunge werden diese Polaritäten vermittelt. Die Dreigliederung von Sinnespol, Stoffwechsel und Bewegung sowie rhythmischem Bereich zu bedenken, kann eine große Hilfe sein, z. B. beim Auswählen der Darreichungsform der Medikamente. Sie hilft auch, Fragen nach dem Krankheitsverständnis zu stellen: Warum wird eine Migräne besser nachdem abgeführt wurde? Wie ist zu verstehen, dass eine Endomyometritis dann besorgniserregend wird, wenn Kopfschmerzen hinzukommen?

Heilmittel der anthroposophischen Medizin
  • Eurythmietherapie: Eine Bewegungstherapie, die die gestaltende Kraft der Sprache durch das Formen von Vokalen und Konsonanten zur Wirkung bringt.

  • Künstlerische Therapie: In Malen, Zeichnen und Plastizieren wird Altes verarbeitet und Neues ermöglicht.

  • Sprachgestaltung: Das Üben einer bewussten Sprache ordnet das Selbstbewusstsein.

  • Rhythmische Massagen nach Ita Wegman: Das Spüren und Fördern der Wärme und der Lebendigkeit durch rhythmisierende Hautmassage gehört zu dieser Therapie.

  • Musiktherapie: Sie ist eine beliebte Methode insbesondere auf Intensivstationen und in der Palliativmedizin.

  • Öl-Dispersionsbäder: Sie fördern den Wärmehaushalt.

Das sind die Errungenschaften der anthroposophischen Medizin: Zu den Erfahrungen der Verschreibungen ist ein Vademecum Anthroposophische Arzneimittel [3] entstanden. Hierin wurden von 274 Ärzten aus 19 Ländern die täglichen Erfahrungen gesammelt, hinterfragt, positiv oder negativ bestätigt. Zu vielen Fachgebieten gibt es spezielle Lehrbücher mit breitem Spektrum z. B. zur Kinderheilkunde, Inneren Medizin, Frauenheilkunde, Geriatrie oder Dermatologie [5]–[8]. Eine Fachzeitschrift, „Der Merkurstab“, erscheint alle 2 Monate.


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Fazit

Mit anthroposophischer Medizin kann man ärztlich tätig sein in einem sektorübergreifenden System integrativer Medizin. Mit Begeisterung kann man erleben, dass viele Erkrankungen mit dieser Therapie auf unterschiedlichen Ebenen zur Heilung angeregt werden können, dass Patienten durch die anthroposophische Medizin Krankheit als Möglichkeit zur individuellen Entwicklung erleben und nutzen können.

Interessenkonflikt: Die Autorin erklärt, dass keine wirtschaftlichen oder persönlichen Verbindungen bestehen.

Online zu finden unter
http://dx.doi.org/10.1055/s-0043-122325


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Dr. med. Gabriela Stammer

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Ärztin für Frauenheilkunde und Anthroposophische Medizin (GAÄD)
Klosteramthof 1
30974 Wennigsen

[email protected]


Gabriela Stammer arbeitet seit 1998 als niedergelassene Frauenärztin in Wennigsen. Seit 2008 gehört sie zum erweiterten und seit 2013 zum geschäftsführenden Vorstand der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD).



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Abb. 1 Die Keimzumpe (Bryophyllum) ist besonders hilfreich, um Regenerationskräfte und eine schützende Hülle zu schaffen. © Patchara / Adobe Stock
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Abb. 2 Ein Dampfbad mit Kamillenblüten wirkt gegen Harnwegsinfektionen. © osoznaniejizni / Adobe Stock
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Abb. 3 Ein warmes Fußbad mit Senfmehl wirkt zusammenziehend auf die Gebärmutter. © emuck / Adobe Stock