Akt Rheumatol 2018; 43(01): 18-20
DOI: 10.1055/s-0043-123737
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Häufigkeit von Hörstörungen bei verschiedenen rheumatologischen Erkrankungen

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Publication Date:
05 March 2018 (online)

 

    Inflammatorische rheumatologische Erkrankungen manifestieren sich häufig als Systemerkrankungen, und dementsprechend können (fast) alle Gewebe von der jeweiligen Erkrankung betroffen sein. Während heute aber die Schädigungen vitaler Organe wie Herz, Lunge und/oder Nieren im Rahmen dieser Störungen immer besser verstanden werden, gilt das für „unwichtigere“ Organe in geringerem Ausmaß.


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    So ist bspw. über Hörschäden bei rheumatologischen Erkrankungen nur wenig bekannt. Dabei können etwa die Gelenke des Mittelohrs bei rheumatoider Arthritis ebenso betroffen sein wie die großen Gelenke des Skelettsystems. Und bei einem systemischen Lupus erythematodes ist durch Vaskulitiden und Ablagerungen von Immunkomplexen in den kleinen Gefäßen des Os temporale eine Einschränkung des Hörvermögens möglich. Mediziner aus Halle haben nun bei 3 rheumatologische Erkrankungen systematisch die Prävalenz von Höreinschränkungen untersucht und mit der in passenden Kontrollgruppen verglichen. Torsten Rahne und seine Kollegen haben dazu

    • 22 Patienten mit rheumatoider Arthritis (Durchschnittsalter 57 Jahre, 6 Männer, Erkrankungsdauer 4,1 Jahre; Gruppe 1)

    • 16 Patienten mit Granulomatose mit Polyangiitis (früher: Wegener-Granulomatose) (Durchschnittsalter 60 Jahre, 6 Männer, Erkrankungsdauer 6,8 Jahre; Gruppe 2) und

    • 20 Patienten mit systemischem Lupus erythematodes (Durchschnittsalter 42 Jahre, 5 Männer, Erkrankungsdauer 10,4 Jahre; Gruppe 3)

    in einen Querschnittstudie aufgenommen. Darüber hinaus bezogen sie 2 Kontrollgruppen ohne bekannte Hörstörungen und ohne rheumatologische Erkrankung ein:

    • 34 nach Alter und Geschlecht gematchte Probanden für die Gruppen 1 und 2 und

    • 42 ebenso gematchte Probanden für Gruppe 3.

    Bei allen Teilnehmern erfolgte eine umfangreiche audiologische Untersuchung. Dabei prüften die Wissenschaftler u. a. die Luftleitungs- und Knochenleitungshörschwelle mittels Tonaudiometrie, die Sprachverständlichkeit in geräuscharmer und in lauter Umgebung mittels Freiburger Sprachtest und Oldenburger Satztest, den Druck im Mittelohr und den Stapediusreflex mittels Tympanometrie sowie distorsiv produzierte otoakustische Emissionen über hochempfindliche Gehörgangsonden. Die Auswertung ergab

    • bei Patienten mit rheumatoider Arthritis

      • in allen untersuchten Parametern keine signifikanten Unterschiede zur Kontrollgruppe,

    • bei Patienten mit Granulomatose mit Polyangiitis

      • häufiger Schallleitungsstörungen in nahezu allen Frequenzbereiche (19% rechtsseitig, 13% linksseitig im Vergleich zu 0/0% in der Kontrollgruppe),

      • Schallempfindungsstörungen dagegen nur in den niedrigen Frequenzbereichen und

      • eine verminderte Sprachverständlichkeit bei normaler Sprechlautstärke,

    • bei systemischem Lupus erythematodes

      • häufiger Schallempfindungsstörungen, jedoch nur in den niedrigen Frequenzbereichen und daher im Mittel ohne signifikanten Unterschied zur Kontrollgruppe

      • häufiger beidseitige gemischte Hörstörungen (Schallleitungs- plus Schallempfindungsstörung; 5% vs. 0% in der Kontrollgruppe),

      • während Sprachwahrnehmung und Tympanometrie mit denen der Kontrollgruppe vergleichbar waren.

    Dabei fanden die Wissenschaftler eine Reihe von Korrelationen zwischen krankheitsspezifischen Parametern und Ergebnissen der audiologischen Tests: Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis zeigte sich auf dem rechten Ohr eine zunehmende Differenz zwischen Luft- und Knochenleitung mit zunehmender Steroiddosis. Bei Patienten mit Granulomatose mit Polyangiitis korrelierte die Erkrankungsdauer mit der rechtsseitigen Differenz zwischen Luft- und Knochenleitung, und bei Patienten mit systemischem Lupus erythematodes schließlich korrelierten die Anzahl der betroffenen Organe mit der rechtsseitigen und die Dauer der Erkrankung mit der beidseitigen Differenz zwischen Luft- und Knochenleitung.

    Fazit

    Vor allem bei rheumatoider Arthritis scheint das Risiko für schwerwiegende Hörstörungen eher gering, so die Autoren. Ob das mit den verbesserten Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahren zusammenhängt, ist aber derzeit spekulativ. Bei Granulomatose mit Polyangiitis und bei systemischem Lupus erythematodes dagegen sind Hörminderungen häufiger zu verzeichnen. Ein Screening auf Hörstörungen empfiehlt sich aber grundsätzlich, vor allem bei Patienten mit schlecht kontrollierter aktiver Erkrankung.

    Dr. Elke Ruchalla, Bad Dürrheim

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    Frontalschnitt durch das rechte Ohr, Ansicht von ventral (Quelle: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Kopf, Hals und Neuroanatomie. Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 4. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2015)

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    Frontalschnitt durch das rechte Ohr, Ansicht von ventral (Quelle: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Kopf, Hals und Neuroanatomie. Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 4. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2015)