Einleitung: Gesundheitliche Ungleichheit auf räumlicher Ebene kann mit Hilfe der sozioökonomischen
Deprivation einer Region abgebildet werden. Zur Operationalisierung hat sich in Deutschland
der German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD) etabliert, der die Dimensionen
Beschäftigung, Einkommen und Bildung berücksichtigt. Für die kommunale Gesundheitsberichterstattung
sind Ungleichheiten zwischen Gemeinden von hoher Bedeutung. Die aktuelle Version des
GISD kann Unterschiede auf Gemeindeebene jedoch nicht abbilden, da der Index ausschließlich
Indikatoren auf Gemeindeverbund- und Kreisebene verwendet. Ziel dieser Arbeit war
es zu untersuchen, inwiefern eine Anreicherung des GISD mit Indikatoren auf Gemeindeebene
kleinräumige gesundheitliche Ungleichheiten in Rheinland-Pfalz abbilden kann. Dazu
wurde eine modifizierte Version des GISD für Gemeinden erstellt und hinsichtlich Klumpung
auf Kreisebene und Korrelation mit Sozialindikatoren sowie mit standardisierten Mortalitätsverhältnissen
untersucht.
Methodik: Ausgangspunkt bildete der GISD in der Originalversion 2022 v1.1 von Rheinland-Pfalz
für das Jahr 2019. Drei der neun Indikatoren des GISD (Arbeitslosigkeit, Beschäftigtenquote
und Einkommensteuer) lagen in der INKAR Datenbank für Rheinland-Pfalz auf Gemeindeebene
vor und ersetzten die ursprünglichen Werte auf Gemeindeverbundebene. Gebietsstand
war der 31.12.2022. Es wurde Shrinkage verwendet, um statistische Fehler zu berücksichtigen.
Zur Indexbildung wurde die Scoringmatrix der Originalversion des GISD herangezogen.
Um die Klumpung des GISD innerhalb von Landkreisen darzustellen, wurden Intraklassen-Korrelationskoeffizienten
(ICC) berechnet. Außerdem wurden bevölkerungsgewichtete Spearman-Korrelationskoeffizienten
(rho) des modifizierten GISD mit den Indikatoren Arbeitslosigkeit, Einkommensteuer,
Gymnasialquote und Personen in SGB-II Bedarfsgemeinschaften berechnet. Letztlich wurden
bevölkerungsgewichtete Spearman-Korrelationen des GISD und der Sozialindikatoren mit
standardisierten Mortalitätsverhältnissen (SMR) berechnet. SMRs wurden im Vergleich
zur Gesamtbevölkerung von Rheinland-Pfalz für den Zeitraum 2014-2023 gebildet. Es
wurden ausschließlich SMRs mit einem relativen Standardfehler unter 15% verwendet
(1359 von 2301 Gemeinden).
Ergebnisse: Die Originalversion des GISD zeigte auf Gemeindeebene eine hohe Klumpung innerhalb
von Landkreisen (ICC=0.92), welche durch die Modifikation verringert wurde (ICC=0,85).
Die Teildimension Beschäftigung wies nach Hinzufügen der Indikatoren Arbeitslosigkeit
und Beschäftigtenquote eine moderate Klumpung auf (ICC=0,59). Der modifizierte GISD
korrelierte stark mit der Einkommensteuer (rho=-0,75) und moderat mit Arbeitslosigkeit
(rho=0,37), Gymnasialquote (rho=-0,34) und Personen in Bedarfsgemeinschaften (rho=0,34).
Schließlich korrelierte die modifizierte Version des GISD moderat mit dem SMR (rho=0,41).
Die Indikatoren Arbeitslosigkeit (rho=0,24), Gymnasialquote (rho=-0,24) und Personen
in Bedarfsgemeinschaften (rho=0,29) korrelierten schwach mit dem SMR, wohingegen die
Einkommensteuer eine starke Korrelation aufwies (rho=-0,53).
Diskussion: Durch Hinzuziehen von Indikatoren auf Gemeindeebene erhält der GISD eine höhere
kleinräumige Auflösung, um regionale sozioökonomische Deprivation zu messen. Die Ergebnisse
bestätigen, dass der GISD eher relative als absolute Armut misst. Ungleichheiten in
der Bildungsdimension können auf dieser Ebene jedoch nicht berücksichtigt werden,
da die benötigten Daten für Gemeinden nicht verfügbar sind. Für den kommunalen öffentlichen
Gesundheitsdienst ergeben sich neben der Datenverfügbarkeit weitere Herausforderungen
bei der Operationalisierung der sozioökonomischen Deprivation auf kleinräumiger Ebene,
z.B. im Hinblick auf die Validität von Indikatoren und geringe Fallzahlen. Weitere
Ansätze sind notwendig, um Ungleichheiten in der Bildungsdimension auf Gemeindeebene
im GISD abzubilden.