psychoneuro 2006; 32(6): 289
DOI: 10.1055/s-2006-948049
Blickpunkt

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Schizophrenietherapie mit atypischer Depot-Formulierung - Chance auf effektiven Rückfallschutz bei verbesserter Compliance

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Publication Date:
10 July 2006 (online)

 
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Eine effektive Rezidivprophylaxe ist eines der wichtigsten Ziele in der Langzeitbehandlung von Patienten mit schizophrenen Psychosen ([1]). Mit modernen atypischen Antipsychotika in Kombination mit psycho- und sozialtherapeutischen Interventionen besteht die Chance, die Patienten langfristig zu stabilisieren und dem eigentlichen Ziel - einer selbstständigen Lebensführung mit Re-Integration in das gesellschaftliche Umfeld - ein großes Stück näher zu bringen ([2]). Allerdings scheitert das Vorhaben nur allzu oft an mangelnder Compliance seitens der Patienten. Zwar geben fast 70% an, ihre Medikamente wie verordnet einzunehmen, aber objektiv (anhand der Plasmaspiegel) betrachtet sind schon drei Monate nach Therapiebeginn 75% von ihnen nicht oder nur partiell compliant ([3]). Eine wirksame Alternative zur oralen Medikation stellen daher aufgrund ihrer hohen Therapietransparenz und der guten Bioverfügbarkeit Depot-Antipsychotika dar, die gemäß der aktuellen Behandlungsleitlinie der DGPPN auch grundsätzlich in der Langzeittherapie der Schizophrenie in Erwägung gezogen werden sollten ([1]). Das einzige zurzeit atypische Depot-Antipsychotikum ist Risperdal® Consta®, das 14-tägig vom behandelnden Arzt appliziert wird.

Dass Atypika prinzipiell in der Verordnung der Vorzug gegeben werden sollte, wird wissenschaftlich einerseits durch die im Vergleich zu konventionellen Neuroleptika niedrigeren Rückfallraten gestützt ([2]). Andererseits treten unter Atypika Langzeitnebenwirkungen wie Dystonien und tardive Dyskinesien seltener auf ([4]).

Entscheidend für die Therapie mit atypischen Depot-Präparaten ist aber, wie Prof. Schmauß, Augsburg, im Rahmen einer interaktiven Fortbildung in Berlin ausführte, vor allem auch die deutlich bessere Compliance ([5]): Die 12-Monats-Abbruchraten liegen in den Risperidon-Depot-Studien im Mittel bei 38%, während sie in der vieldiskutierten CATIE-Studie für die geprüften nicht-retardierten Antipsychotika 60% betrug ([6]-[9]).

"Remission" und "Recovery" als Therapieziel

Mit der Hoffnung, den Verlauf schizophrener Psychosen durch eine geeignete Medikation langfristig günstig beeinflussen zu können, sind auch erweiterte Therapieziele verknüpft. Es geht um die neu definierten Outcomekriterien zu "Remission" und "Recovery". Nach den Vorschlägen einer Arbeitsgruppe sollte die Remission künftig ein Ja-oder-Nein-Kriterium sein, das sich an einem Summen-Score aus Positiv- und Negativsymptomatik unter Einbeziehung formaler Denkstörungen orientiert. "Das eignet sich für Vergleiche besser als die Beurteilung der prozentualen Verbesserung vom Ausgangswert", sagte Schmauß. "Es ist auch ein Maßstab für die Rehabilitationsfähigkeit, denn von einer Remission wird nach neuem Verständnis erst gesprochen, wenn der Patient mindestens sechs Monate die dafür gültigen Kriterien erfüllt hat".

In einer Studie mit 715 stabilen schizophrenen Patienten, die mit Risperidon in Depotform behandelt wurden, waren nach diesen "harten" Kriterien 79% der Patienten nach einem Jahr weiterhin in Remission, sie waren damit nicht nur zum aktuellen Zeitpunkt weitgehend symptomfrei (wie schon zu Beginn der Behandlung), sondern auch für längere Zeit stabil und damit "funktionsfähig" in sozialer und beruflicher Hinsicht ([8]). Letzteres ist eines der wichtigsten Kriterien für "Recovery", ein Outcomeparameter, der vermutlich im Sinne einer "Heilung" ein hochgestecktes Ziel bleibt, weil es unter anderem eine mehrjährige berufliche und soziale Re-Integration verlangt. Der wichtige Teilbereich "Functioning" findet aber laut Schmauß zunehmend Beachtung und soll im Risperdal®-Consta®-Studienprogramm künftig als weiterer Outcomeparameter eingesetzt werden.

Patienten befürworten Depottherapie

Die meisten Patienten mit abgeklungener Akut-Psychose halten eine Langzeittherapie zur Verhinderung von Rückfällen für notwendig, so das Ergebnis der FAME[1]-Studie ([10]). Daran teilgenommen haben 300 Patienten mit mindestens einem Rezidiv einer schizophrenen Psychose, die kurz vor oder nach ihrer stationären Behandlung ihre Meinung zur medikamentösen Anschluss-Behandlung geäußert haben. 76% von ihnen stimmen einer mindestens einjährigen Therapie zu, sagte PD Dr. Frank-Gerald Pajonk, Universität Homburg.

Die Einstellung zur Medikation hängt dabei maßgeblich vom therapeutischen Bündnis und der Einsicht in die Erkrankung ab. Für über 40% der befragten Patienten stellt demnach die Depottherapie eine mögliche oder sogar favorisierte Therapieoption dar. "Die Akzeptanz der Depot-Therapie steigt mit der Erfahrung", sagte Pajonk. Wer die i.m-Therapie bereits kennt, weiß sie offenbar zu schätzen: 73% möchten dabei bleiben oder sehen sie zumindest als gleichwertige Alternative zur oralen Behandlung.

Dr. Beate Grübler, Hannover

Literatur

  • 01 S3 Praxisleitlinien in Psychiatrie und Psychotherapie. Steinkopff Verlag Darmstadt 2006
  • 02 Leucht S . et al . .  Am J Psychiatry. 2003;  160 1209-22
  • 03 Maples  . et al . .  Schiz Res. 2003;  (Suppl.): 325
  • 04 Correl CU . et al . .  Am J Psychiatry. 2004;  161 414-25
  • 05 CNS Summit: interaktive Fortbildung am 13./14. Mai 2006 in Berlin, veranstaltet von der Janssen-Cilag GmbH. 
  • 06 Rodriguez  . et al . APA Annual Meeting, Atlanta, Poster 2005.  . ; 
  • 07 Fleischhacker WW . et al . .  J Clin Psychiatry. 2003;  64 1250-7
  • 08 Kissling W . et al . .  J Psychopharmacol. 2005;  16 (5 Suppl) 15-21
  • 09 Liebermann JA . et al . .  N Engl J Med. ;  353 1209-23
  • 10 Schmitz FS . et al . .  Schizophr Res. 2006;  81 (Suppl.) S96

02 Favourite Medication

Literatur

  • 01 S3 Praxisleitlinien in Psychiatrie und Psychotherapie. Steinkopff Verlag Darmstadt 2006
  • 02 Leucht S . et al . .  Am J Psychiatry. 2003;  160 1209-22
  • 03 Maples  . et al . .  Schiz Res. 2003;  (Suppl.): 325
  • 04 Correl CU . et al . .  Am J Psychiatry. 2004;  161 414-25
  • 05 CNS Summit: interaktive Fortbildung am 13./14. Mai 2006 in Berlin, veranstaltet von der Janssen-Cilag GmbH. 
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  • 10 Schmitz FS . et al . .  Schizophr Res. 2006;  81 (Suppl.) S96

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