Z Orthop Unfall 2007; 145(6): 690-694
DOI: 10.1055/s-2007-1019437
Orthopädie und Unfallchirurgie aktuell

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Beitrag zu Ehren von Prof. Dr. R. M. A. Suchenwirth - Das Kreuz mit dem Kreuz

Further Information

Publication History

Publication Date:
21 December 2007 (online)

 
Table of Contents

Kreuzschmerzen nehmen in ihrer Häufigkeit mit fortschreitender Zivilisierung und technologischer Entwicklung mit gleichzeitiger körperlicher Entlastung zu. Dr. Frank Schröter, Leiter des Instituts für Medizinische Begutachtung, Kassel, beleuchtet die Ursachen dieser Entwicklung.

Zoom Image

Prof. Dr. Richard M. A. Suchewirth

Die Vieldeutigkeit des Begriffes "Kreuz" ist wohl jedem verständigen Mensch - zumindest in unserer westlichen christlich geprägten Kultur - eingängig. Die Gestalt eines Kreuzes dürfte im Altertum mit den Anfängen anatomischer Betrachtungen zur Übernahme dieses Begriffes in die medizinische Nomenklatur bewirkt haben. Wer dem "Kreuz" seinen Namen gab, ist historisch nicht verbürgt. Dennoch gilt als sicher, dass anatomische Überlegungen vorherrschend waren, die die Prominenz des Sacrums (Kreutz = Erhabenheit) widerspiegeln. Ob der im Griechischen μεγας σηοωδος = "größte Wirbel" zum Namensgeber für die ganze untere Lendenregion wurde, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Das lateinische Wort "Sacrum" (= heilig) deutet auf einen Zusammenhang mit dem "Kreuz des Leidens" hin. Eindeutig scheint aber auch die Erklärung, dass der Grieche für "groß" = μεγας oft das Wort νερο = "heilig" nutzte und damit den "großen Wirbel", nämlich das Kreuzbein meinte.

#

Antike

Die älteste bekannte Beschreibung des Krankheitsbildes erfolgte durch Hippokrates. Dieser beschrieb die Erkrankung als "Hüftweh" am Ende des Steißes in der Gesäßregion mit Ausstrahlung in den Oberschenkel. Detaillierte Angaben des Syndromes stammen aus dem 5. Jahrhundert von Caelius Aurelianus mit Angaben zu Störungen von Sensibilität und Vegetativum. Vermutet wurden, als auslösende Mechanismen Kälteeinwirkungen und ungewohnt schweres Heben mit einem Altersgipfel in den mittleren Lebensjahren. Gemäß der humoralpathologischen Ausrichtung der antiken Medi-zin (Galenus von Pergamon, 129 -199 n. Chr.) wurde angenommen, dass die Erkrankung nach Ansammlung krankhaft veränderter Säfte - schleimig-gallig - zustande kommt. Als Auslösemechanismus galt vor allem die ungesunde Lebensweise, z. B. der übermäßige Weingenuss und sexuelle Ausschweifungen. Somit konzentrierte sich die Behandlung auf Körperreinigung, den Aderlass oder eine Schröpfbehandlung (Lippert-Grüner, Grüner, 2003). Ein Erkenntniszugewinn stellte sich in den nachfolgenden Jahrhunderten zunächst nicht ein.

#

Neuzeit

Außer einer erstmaligen genauen Beschreibung der Bandscheiben 1543 durch Vesalius und einer Schilderung der Lumbago durch Sydenham (1624 -1689) finden sich im folgenden Jahrhundert keine neuen Erkenntnisse. Erst im 18. Jahrhundert wurde in Ansätzen versucht, die Pathophysiologie dieses Krankheitsbildes aufzuklären. Cotugno (1764) vermutete eine ödematöse Auftreibung der Nervenscheide. Valleix beschrieb 1852 die nach ihm benannten Druckpunkte entlang der Nervenbahnen. Charles Lasegue postulierte 1864 einen materiellen Krankheitsprozess am Ischiasnerven und führte das nach ihm benannte Zeichen auf eine Kompression dieser Nervenstruktur durch die Hüftmuskulatur zurück. Rudolf Virchow verwies erstmals 1857 auf Veränderungen an den Zwischenwirbelscheiben. Luschka und Hänle beschrieben 1858 "Auswüchse" des Nukleus pulposus. Von Kocher stammt die erste Beschreibung eines Bandscheibenprolapses festgestellt im Rahmen einer Sektion, den er seinerzeit für "traumatisch bedingt" ansah.

Wegweisende neue Erkenntnisse beruhten im 20. Jahrhundert im Wesentlichen auf den Fortschritten der bildgebenden Diagnostik, die es nunmehr erlaubte, der "Ischialgie" ein organpathologisches Korrelat zuzuordnen (Breitenfelder, 1998). Hervorzuheben sind hierbei die Arbeiten von Mixter und Barr (1934). In Deutschland fand dieses Krankheitsbild erst nach dem 2. Weltkrieg eine zunehmende Beachtung einhergehend mit einer zunehmenden Anwendung von wasserlöslichen oder ölhaltigen Kontrastmitteln bei der Röntgendiagnostik. Die weit verbreitete schicksalschwere Bedeutung mit ihrem Leidenscharakter erhielt "das Kreuz" erst in jüngerer Zeit, in dem es zum Kreuz des Patienten, aber auch nur allzu oft zur Last des behandelnden Arztes mutierte.

#

Kreuz der Moderne

Der Kreuzschmerz wird auch als "das medizinische Desaster des 20. Jahrhunderts" (Casser, 2000) bezeichnet, war jedoch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine zahlenmäßig unbedeutende Erkrankung in der medizinischen Versorgung. Die Diagnose "Lumbago" wurde im Jahresbericht (1912) der Klinik Balgrist als Rarität - Häufigkeit geringer als 1 Promille - gehandelt (Keel, 1997) und ist es auch bis heute in den Entwicklungsländern geblieben. So wurde nach einigen Jahren orthopädischer Tätigkeit in Angola von Gschwend/Kunz (1973) festgestellt, dass die dortige Bevölkerung das Missionshospital in Quinjenje zwar mit vielfältigen und überwiegend mit schweren und schrecklichen Leiden am Haltungs- und Bewegungsapparat aufsuchte, jedoch nur selten wegen einer Rückenschmerzsymptomatik, die sich dann jedoch so gut wie regelhaft als schwerwiegende Erkrankung (Fraktur, Tumor, Spondylitis verschiedenster Genese etc.) herausstellte. Eine Behandlung wegen degenerativen Wirbelsäulenveränderungen war dort völlig unbekannt.

In Europa entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach und nach eine - von den Weltkriegen, insbesondere dem 2. Weltkrieg unterbrochene - Rückenschmerzkultur. In der Mitte dieses Jahrhunderts, also um etwa 1950 klagten zwischen 2 und 3 % der hausärztlich betreuten Patienten über Rückenschmerzen. Dieser Anteil entwickelte sich bis zum Ende des. 20. Jahrhunderts förmlich zu einer Lawine. Im Jahre 1997 hatten laut einer Umfrage 33,5 Millionen Bundesbürger Rückenschmerzen, 20 Millionen Bürger begaben sich deshalb in ärztliche Behandlung. Dieses Phänomen bewirkte 70 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage und Kosten von knapp 18 Milliarden Euro, mehr als das fünffache dessen, was noch 1991 statistisch erfasst wurde.

Ein alarmierendes Ergebnis ergab eine kürzliche Umfrage publiziert vom BKK Bundesverband, wonach 41 % der 14 bis 19jährigen Teenager über regelmäßig auftretende Rückenprobleme klagen, sich diese Prozentzahl in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren auf 52 % erhöht. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung wurden Rückenprobleme in 61 % der Fälle angegeben, wovon knapp die Hälfte regelmäßig medizinische Hilfe in Anspruch nahm, die andere Hälfte aus unterschiedlichsten Gründen - kaum jedoch wegen der Praxisgebühr - hierauf verzichtete.

#

Warum?

In der internationalen Literatur wird übereinstimmend der Anteil organisch hinreichend erklärbarer Rückenschmerzen mit nur 20 % eingeschätzt, während sich in ca. 80 % keine eindeutige körperliche Ursache hierfür finden lässt (Waddell, 2004). Somit stellt sich die Frage, warum das "Kreuz" seit den Anfängen der Medizin vor ca. 2000 Jahren über 19 Jahrhunderte so wenige Probleme bereitete, die dann im 20. Jahrhundert derartig explodierten?

Hat sich etwas geändert in der Kreuzregion des heutigen Menschen oder spielt sich die Änderung im subjektiven Empfinden ab? Spielt dabei das größere Angebot an - insbesondere bildgebender - Diagnostik eine Rolle? Liegen die Gründe in einem größeren Angebot von Therapiemaßnahmen und ihre finanzielle Deckung durch Krankenkassen vor dem Hintergrund einer anderen, von Wellness geprägten Lebensphilosophie? Welche Rolle spielen die Verlockungen eines frühzeitigen Ausscheidens aus dem Berufsleben, finanziell getragen von akzeptanten sozialen Rentenleistungen, nicht selten aufgebessert oder allein durch eine solide private Absicherung über eine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Die Vermutung, dass sich im letzten Jahrhundert die anatomischen Verhältnisse, die Bio- und Pathomechanik so gravierend geändert haben könnte, dass dies eine Erklärung für diese Entwicklung sein könnte, ist schon per se recht unwahrscheinlich in Anbetracht einer jahrtausendlang langsam abgelaufenen Evolution, sodass eine solche Annahme sicher fehlgehen dürfte.

#

Einfluss der Bildgebung

Evident ist hingegen die Parallelität zwischen der Häufigkeit des Rückenschmerzes und den Fortschritten der bildgebenden Diagnostik, deren Entwicklung mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und ihrer diagnostischen Verwertbarkeit vor mehr als 100 Jahren ihren Anfang nahm. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts konnte eine Bildqualität generiert werden, die eine relativ zuverlässige Diagnostik von Frakturschäden, aber auch den sichereren Nachweis schwerer krankhafter Veränderungen an der Wirbelsäule erlaubte. In den folgenden 5 Jahrzehnten wurde zunächst die Nativ-Bildgebung immer weiter verbessert, das Schicht-Röntgen perfektioniert, die Kontrastmitteldarstellungen - auch des Wirbelkanales und damit indirekt der Bandscheiben - in die Routinediagnostik eingeführt. Schließlich kam die Computertomographie Mitte der 70er Jahre hinzu mit immer besseren Schnittbilddarstellungen, ergänzt durch die Kernspintomographie, die etwa ab 1990 nachhaltig und immer detaillierter die Wirbelsäulendiagnostik mitbestimmte. Zwischenzeitlich fanden diese modernen und teuren Verfahren geradezu inflationäre Anwendung, veranlasst in großer Zahl auch von den Nicht-Fachärzten, dies - die Kollegen mögen es mir nachsehen - nur allzu häufig ohne Sinn und Verstand. Die unkritische Interpretation von Bildbefunden beschleunigt offenkundig eine krankheitsgläubige, hypochondrisch gefärbte Entwicklung vieler Patienten mit Beförderung des Wunsches nach sozialen Kompensationsleistungen (Sandweg, u. a., 2000), nicht selten in einem sozialen Abstieg endend. Der dramatische Anstieg der Patienten "mit dem Kreuz" entwickelte sich direkt zeitlich parallel und proportional zu dieser technischen Entwicklung in den letzten 5 Dezennien des vorherigen Jahrhunderts!

Gleichzeitig verdanken wir diesem enormen Fortschritt der bildgebenden Diagnostik - die zwischenzeitlich auch für anthropologiche Studien eingesetzt wurde - die Erkenntnis, dass sich in den letzten zwei Jahrtausenden an der Anatomie des "Kreuzes" nichts erkennbar verändert hat. Die Abnutzungserscheinungen besonders der Lendenwirbelsäule traten in den früheren Jahrhunderten viel früher und viel ausgeprägter in Erscheinung, als dies in den zivilisierten Staaten der westlichen Welt heute zu beobachten ist (Gschwend, 1983).

Zoom Image

Michelangelos Studie zur "Cascina-Schlacht" zugeschrieben

#

Umgang mit Leiden

Warum haben unsere Vorfahren trotz stärkeren Verschleißes und trotz schwereren körperlichen Belastungen weit weniger Aufhebens von "ihrem Kreuz" gemacht, als die heutige Population? Täten wir nicht besser, die Gründe hierfür nicht in anatomischen Gegebenheiten zu suchen, als vielmehr bei der veränderten Leidensfähigkeit und subjektiven Leidenswertung des modernen Menschen?

Eine Untersuchung von Jäger (1969) in einem Schweizer Bergbauerndorf führte zum Ergebnis, dass eine anerzogene Härte und Durchhaltewillen, auch die Unmöglichkeit wegen Kreuzschmerzen die Arbeit in einem Ein-Mann-Betrieb aufzugeben, die Bewohner trotz objektiver und subjektiver Pathologie im Kreuz regelhaft daran hinderten, den Arzt aufzusuchen. Nicht nur diese Erkenntnisse zwingen zu folgenden Feststellungen:

  1. Kreuzschmerzen nehmen in ihrer Häufigkeit mit fortschreitender Zivilisierung und technologischer Entwicklung mit gleichzeitiger körperlicher Entlastung zu, während sie in den Entwicklungsländern unverändert keine Rolle spielen.

  2. Degenerative Veränderungen entwickeln sich unter natürlichen körperlich hoch belasteten Lebensbedingungen (radiologisch) ausgeprägter, treten aber kaum mit subjektiven Beschwerden in Erscheinung.

  3. Das Wehklagen über den Kreuzschmerz entwickelt sich erst in Verknüpfung mit psychologichen Co-Faktoren, einer vermeintlich oder tatsächlichen Verbesserung der Gesundheitsfürsorge und mit Verbesserung der sozialen Absicherung.

Nach alledem erscheint es evident, dass der Kreuzschmerz - "das Kreuz mit dem Kreuz" - keine Korrelation aufweist zu den geradezu regelhaften teils dramatisierend angeschuldigten degenerativen Röntgenbildauffälligkeiten, sondern eine direkte Abhängigkeit zu psychologischen Einflussparametern besteht, es sich also um eine "psychosomatische" Erkrankung per excellence handelt. Es steht nicht eine Resistenzminderung der Wirbelsäule, sondern der Psyche im Vordergrund, deren Resistenz die Standhaftigkeit und Leidensfähigkeit bestimmt. Die natürlichen Abwehrmechanismen gegenüber einer Leidensbereitschaft scheinen im modernen, sozial zunehmend behüteten Gesellschaften nach und nach verloren zu gehen. Anders ist die geradezu dramatische Entwicklung der so genannten "Schmerzmedizin" in den letzten zwei Jahrzehnten nicht zu erklären.

Damit zeigt das "Kreuz-Problem" geradezu beispielhaft, wie eine zivilisierte Bevölkerung den selbst geschaffenen Sozialstaat an den Rand seiner Möglichkeiten bringt, wie dies von Jores in seinem Buch "Die Medizin in der Krise unserer Zeit" schon vor 40 Jahren so zutreffend analysiert wurde. Das Kreuzschmerzproblem eng verknüpft mit den radiologischen Möglichkeiten erweist sich als Fluch einer modernen, insbesondere diagnostisch hochleistungsfähigen Medizin, aber auch für den Sozialstaat, der trotz enormer und die Bürger immer stärker belastenden finanziellen Ressourcen nicht mehr in der Lage ist, diesen Entwicklungen finanziell zu entsprechen. An der Art, wie man mit diesem Problem sinnvoll intervenierend und regulierend zukünftig umzugehen gedenkt, ließe sich auch die Ehrlichkeit der Bemühungen erkennen, mit denen Kostenträger und Ärzte zum Nutzen aller Bürger eines Sozialstaates nach einer echten und dauerhaften Besserung streben. Allein der Versuch einer Optimierung der Einnahmensituation für die Kostenträger, wie dies die derzeitig diskutierte Gesundheitsreform anstrebt, kann dieses Problem zweifelsfrei nicht lösen!

#

Versagen der Medizin

Die zunehmend naturwissenschaftlich geprägte und rational handelnde Medizin, die sich nach und nach löst von der so genannten "Erfahrungsmedizin" vergangener Jahrhunderte, hat auf ihrem Wege in den letzten 100 Jahren Fortschritte in der Kausaltherapie entwickelt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht einmal erahnt werden konnten. Das Verständnis der Medizin als angewandte Naturwissenschaft, die unter Einsatz der modernen Mittel von Physik und Chemie die biochemischen und physiologischen Grundlagen des Lebens erforschte, führte zur Aufdeckung der Ätiologie und Pathogenese zahlreicher Krankheiten, die über Tausende von Jahren hinweg Tod und Verderben brachten. Man denke an die Entdeckung der Antibiotika, die millionenfach früher tödliche Infektionskrankheiten zu heilen vermochten. Man denke an die Entwicklung des Insulins, welches dem Diabetes seinen Schrecken nahm, an die zwischenzeitlich zur Routine gewordenen Organtransplantationen und die erreichte Effizienz der Versorgung Schwerstverletzter, die noch vor wenigen Jahren keine Chance zum Überleben hatten.

Speziell die orthopädische Medizin wurde besonders begünstigt und rationeller in ihrem Denken durch die bildgebenden, aber auch minimalinvasiven diagnostischen Möglichkeiten. Modernen Korrekturmaßnahmen von Fehlentwicklungen des Skelettes, dem künstlichen Gelenkersatz, der Stabilisierung schwerst osteoporotisch geschädigter Wirbelsäulen u. a. v. m. scheinen keine Grenzen mehr gesetzt zu sein. Das Bild der modernen Medizin in der Bevölkerung ist zum Garanten des Machbaren herangewachsen, was die Gefahr beschwört, einem kausal-mechanistisch räsonierendem Optimismus zu verfallen und solche Fälle auszuklammern, deren Bewältigung einer anderen Strategie unseres Denkens bedarf. Zu eben dieser Kategorie gehört das Problem des Kreuzes mit dem Kreuz, dem Rückenschmerz-Patienten. Hilflos stehen die orthopädischen Chirurgen dem Patienten gegenüber, dessen Bandschei-benvorfall durch eine minimal-invasive Operation zweifelsfrei beseitigt wurde, dessen Wirbelgleiten mittels einer operativen Verblockung abgeholfen werden konnte, wenn er dennoch unverändert, nicht selten dann auch unterschwellig anklagend, ja geradezu katastrophierend weiter seine Rückenschmerzen klagt. Der nunmehr schnell ergriffene Stempel des funktionellen, also des Psychosomatischen, enthebt den Chirurgen nicht von seiner Verantwortung als Arzt, dessen Aufgabe es immer war und bleiben wird, nicht das Organ allein, sondern den ganzen Menschen zu betrachten, was mit fortschreitender Technisierung der Medizin leider zunehmend verloren geht.

Es mag eine Entlastung für diesen Arzt sein, wenn dieser Kranke schließlich wechselt zu den paramedizinischen Praktiken, dem immer größer werdenden Heer der "Schmerzkranken", bei denen unsere Schulmedizin versagt. Die Tatsache, dass noch vor 25 Jahren in den Sozialgerichtsverfahren ca. 80 % orthopädische Gutachten und nur etwa 1 % Psycho-Gutachten zu erstellen waren, sich dieses Zahlenverhältnis zwischenzeitlich weitgehend umgekehrt hat, lässt erkennen, wie brisant diese Entwicklung auch in finanzieller Hinsicht für die Solidargemeinschaft - und dies gilt auch für die private Berufsunfähigkeitsversicherung - geworden ist.

Das Kreuz mit dem Kreuz beruht - und daran kann kein Zweifel bestehen - durchaus auf subjektiv erlebten Störungen des Befindens im Kreuz, wofür es sicherlich eine Reihe an erklärenden Faktoren gibt.

#

Hintergründe des Kreuzwehs

Der Mangel an gesunder Bewegung durch die modernen Gepflogenheiten des Lebens und fehlende körperlich beanspruchen-de Notwendigkeiten, wie sie früher z. B. schon mit dem Holzhacken begannen, hinterlassen offenkundig einen muskulär geschwächten Rücken. Gefördert wird dies auch nicht zuletzt durch die immer leichter werdenden beruflichen Tätigkeiten, die einen immer kürzeren Zeitraum unserer Lebenszeit in Anspruch nehmen. Der moderne Sozialstaat mit Entwicklung eines Versicherungssystems für Krankheit, Tod und Alter ("struggle of life" nach Darwin) dürfte einen weiteren gewichtigen Faktor für das "Kreuz mit dem Kreuz" darstellen. Das harte Gesetz der natürlichen Auswahl des Tüchtigeren wurde ersetzt durch eine weitgehend schützende Nivellierung des Individuums.

In dieser nur skizzenhaft angedeuteten modernen Problematik liegen zweifellos neben vielen anderen einige Stressoren, die den "gespürten" Rücken zum Kreuzweh und damit zu einem echten Massenleiden werden ließen. Selbstbeobachtung und Überbewertung einer nicht völligen Beschwerdelosigkeit, aber auch durch das Bedenkenträgertum von Massenmedien hervorgerufene Phänomen der Angst - eine immer häufiger werdende Störung in modernen Gesellschaften - führen, volkstümlich ausgedrückt, förmlich zur "Verkrampfung". Dies führt zu vielfältigsten, immer häufiger beklagten Beschwerden wie Kopfweh, Schlaflosigkeit, Ohrensausen, Sehstörungen, subjektiv empfundenes Herzrasen, übermäßiges Schwitzen etc., aber auch "Schmerzen" in der vermehrt tonisierten Rückenmuskulatur, die nunmehr wie ein Schreckgespenst die angstinduzierten Beschwerden weiter fördern. Angst ist fast immer die Folge von Unsicherheit, die aus einem Mangel an Vertrauen entsteht. Vertrauen geht dort verloren, wo Prinzipien, gewissermaßen die Treue zum Menschen wohl überwiegend aus egoistischen und pekuniären Gründen verloren gehen. Das zunehmende Schwinden gesellschaftlicher Verantwortung füreinander, die Neigung zur schamlosen Selbstbereicherung vorgelebt in den oberen Etagen der Konzerne, aber auch die damit geförderte Senkung der Hemmschwellen, soziale Leistungen auch ungerechtfertigter Weise in Anspruch zu nehmen, die Korruption in der Gesellschaft schlechthin sind im Grunde ein Spiegelbild des Kreuzes mit dem Kreuz: Kein medizinisches, sondern ein weit vordergründiges gesellschaftspolititsches Problem, zu dessen Lösung die Ärzteschaft nur einen begrenzten Beitrag leisten kann.

#

Institut für medizinische Begutachtung in Kassel

Das Institut für Medizinische Begutachtung in Kassel wurde am 01. 10. 1981 durch den Orthopäden Dr. Frank Schröter und den Nervenarzt Prof. Dr. Richard M. A. Suchenwirth gegründet und innerhalb weniger Jahre durch Einbeziehung weiterer Kollegen aller gutachtlich relevanten Fachbereiche erweitert mit heute 14 ärztlichen Mitarbeitern.

Wurden anfangs überwiegend Expertisen im Sozialversicherungsbereich gefertigt, hat sich das Spektrum zwischenzeitlich auf alle nur denkbaren Bereichen bis hin zu Arzthaftpflichtfragen erweitert. Die erste Einrichtung dieser Art in der Bundesrepublik fand rasch eine hohe Akzeptanz auch bei den Gerichten infolge des Bemühens, bei gutachterlichen Beurteilungen die jeweiligen Rechtsgrundlagen korrekt einzubringen und medizinische Sachverhalte auch für den Laien verständlich aufzubereiten. Die jährlich ca. 6 000 Gutachten - schwerpunktmäßig im orthopädisch/unfallchirurgischen und neurologischen Bereich - werden von drei Orthopäden, einem Unfallchirurgen, zwei Nervenärzten und weiteren gutachterlichen Konsiliarien (Innere Medizin, Dermatologie, HNO, Augen, Oral- und Zahnchirurgie, Urologie, Gynäkologie und Radiologie) erstellt, dabei auch die Interdisziplinarität der gutachterlichen Beurteilung gepflegt.

Herr Prof. Suchenwirth schied leider bereits 1988 aus gesundheitlichen Gründen aus, fand aber in den Folgejahren noch die Kraft, die Arbeitsgemeinschaft Neurologische Begutachtung ins Leben zu rufen. Sein nervenärztlicher Rat wird seitens der Institutskollegen nach wie vor sehr geschätzt.

Die systematische Weiterentwicklung der medizinischen Sachverständigentätigkeit fand zwischenzeitlich auch eine Verankerung im universitären Bereich mit einem Lehrauftrag für den Bereich "Begutachtung im Zivilrecht" (Dr. Schröter) und Übernahme der ärztlichen Leitung eines aufwendigen sechsmoduligen Curriculums zur gutachtlichen Qualifizierung von Fachärzten in Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln.

Herr Prof. Suchenwirth hatte maßgeblichen Anteil am Aufbau des Instituts. Diese Zusammenarbeit bleibt unvergessen. Zum 80sten Geburtstag gratulieren wir einem rüstigen Jubilar, der nichts von seiner Fachkompetenz und Liebenswürdigkeit verloren hat. Ad multos annos!

#

Wege zur Problembeseitigung

Wir stehen in einer Zeit, wo die finanziellen Mittel eines in relativ kurzer Zeit aufgeblähten Sozialstaates knapp geworden sind, nicht zuletzt wegen eines allgemein sinkenden Verantwortungsbewusstseins des Bürgers gegenüber der Gemeinschaft. Ein wachsendes Heer von vermeintlich oder tatsächlich chronisch Kranken entwickelt das Bewusstsein, es habe ein Recht auf Genesung und könne sich des bestehenden Überangebotes an Ärzten und medizinischen Einrichtungen im Sinne eines Konsumgutes bedienen.

Das daraus resultierende zwangsläufige Versagen des Sozialstaates und der hinter ihm stehenden Parteien, denen die freie Ärzteschaft schon immer ein Dorn im Auge war, erklärt die gegenwärtigen Entwicklungen im Gesundheitswesen: Man meint sich als politischer Retter in der Not anbieten zu müssen. Es ist absehbar, dass auf diesem Wege weder die Qualität der Medizin zu halten ist, geschweige denn ansteigen wird, noch die finanziellen Nöte der Sozialversicherungssysteme beseitigt werden können.

Es ist ein Gebot der ärztlichen Ethik, Verantwortung sowohl für den ihm anvertrauten Kranken wie auch gegenüber dem Gemeinwohl zu übernehmen, was man mit zwei prinzipiellen Forderungen umschreiben kann:

  1. Wo eine echte kausale Therapie - wie beim unspezifischen Kreuzschmerz - nicht zur Verfügung steht, ist in besonderer Weise ein ganzheitliches, dem "ganzen" Patienten in seinem "so sein" gerecht werdendes, ärztliches Handeln angemessen, welches nicht durch die Apparatemedizin ersetzt werden kann.

  2. Zur fordern sind ein Mehr an Selbstverantwortung des Kranken für seine Genesung mit dem Einfordern prophylaktischer Maßnahmen, ein Mehr an Bewegung und Belastung im Lebensalltag und ein Weniger an "Wellness"-Konsum. Hier ergäben sich auch Ansatzpunkte für eine finanzielle Gesundung der Sozialversicherungssysteme.

Eigenverantwortung und die daraus resultierende mögliche Prophylaxe verlangen eine solide Erziehung ab frühesten Kindesbeinen an, an der die Ärzteschaft durchaus mitwirken kann, auch wenn dies nicht so aufsehenerregend und gewinnbringend ist wie eine Organtransplantation.

Virchow hat in seiner Rektoratsrede von 1893 in Berlin die Ärzte aufgefordert, wie der Priester zu werden, Hohepriester der Natur in einer humanen Gesellschaft auf physiologischer Grundlage. Dieses Denken an der Schwelle eines philosophischen zum naturwissenschaftlichen Zeitalter hat enorme Früchte getragen und die Menschheit von vielen somatischen Erkrankungen befreit. Diese etwas einseitige Betrachtungsweise des Menschen durch Virchow als naturwissenschaftliches Objekt ließ die Seele des Menschen im Schatten stehen. Ihre Wiederentdeckung verlangt nach einer Reform unseres kausalmechanistischen Denkens. Im Zeitalter des Machbaren werden durch den finanziellen Druck die Grenzen des Möglichen wieder deutlicher, aber auch das persönliche Empfinden und Leiden, einst nur als Niederlage und Ausdruck des Versagens aufgefasst, gewinnt seinen bleibenden und sogar bereichernden Stellenwert zurück. Ohne müde zu werden, nach anderen möglichen Ursachen zu forschen, wird es vermehrt die Aufgabe jedes einzelnen Menschen sein, diese Last des Kreuzes mit zu tragen.

Zoom Image

Dr. Frank Schröter

Dr. Frank Schröter, Orthopäde im IMB Kassel

Beitrag zu Ehren von Herrn Prof. Dr. R. M. A. Suchenwirth zu seinem 80. Geburtstag am 01.11.2007

#

Literatur

#

Literatur

 
Zoom Image

Prof. Dr. Richard M. A. Suchewirth

Zoom Image

Michelangelos Studie zur "Cascina-Schlacht" zugeschrieben

Zoom Image

Dr. Frank Schröter