Dialyse aktuell 2018; 22(08): 344
DOI: 10.1055/a-0704-4660
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Verträgliche Dialyse – Verträglichkeit mehrdimensional verstehen

Joachim Beige
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Publication Date:
29 October 2018 (online)

Wenn man über „verträgliche Dialyse“ schreibt, ist sicherlich zunächst zu klären, was damit gemeint ist und welche Sichtweisen einzubeziehen sind. Immerhin findet sich dieses Vokabular weder im deutschen Dialysestandard noch in einschlägigen Leitlinien oder der Literatur (englische Übersetzung für „verträglich“: well tolerated). Sprechen wir also vom verständlichen Ziel vieler Patienten, die einzelne Dialysesitzung möglichst unkompliziert, gerne zeitlich schnell und ohne intradialytische Komplikationen zu bewältigen? Gehört auch eine schmackhafte, verträgliche Mahlzeit dazu, die gleichzeitig vor einer dialyseassoziierten Malnutrition schützt? Oder bezieht auch der einzelne Patient schon aktiv die Zielstellung einer durch terminale Niereninsuffizienz möglichst gering beeinträchtigten Lebenserwartung ein, die hoffentlich das priorisierte Ziel seiner Behandlungseinrichtung ist? Welche Bedeutung haben die Wechselbeziehungen zu anderen Organsystemen? Welche Rolle wird in dem heutigen standardisierten, chronisch-ambulanten Behandlungssetting der (tages)zeitlichen Einordnung der Therapie zugewiesen sowie ihren sozialberuflichen Auswirkungen? Gibt es Möglichkeiten, mittels Heimdialyseverfahren Nachteile einer solchen engen Terminfixierung zu überwinden? Für welche Patienten ist das besonders hilfreich?

Aktuelle Patientenbefragungen zur Symptomeinordnung bei der Zentrumsdialyse geben uns eine Vorstellung davon, welche Beschwerden (oder Nichtverträglichkeiten) amerikanische Patienten der Dialyse zuordnen und worunter sie am meisten leiden. Bei den körperlichen dialyseassoziierten Symptomen stehen Abgeschlagenheit (Fatigue), Krämpfe, Übelkeit beziehungsweise Erbrechen und Schlaflosigkeit im Vordergrund. Hinsichtlich psychischer adverser Effekte wird über Angst, Depression und Frustration geklagt [1], [2]. Diese Fragen und Befunde sollen zum Verständnis beitragen, dass eine verträgliche Dialyse diejenige Form der Nierenersatztherapie ist, die für den betroffenen einzelnen Patienten ein Maximum an Lebensqualität bei möglichst gering eingeschränkter Lebenserwartung erbringt. Dazu zählt auch die Abwesenheit von Behandlungskomplikationen und psychischer Belastung und eine möglichst umfängliche Einbettung in familiäre und soziale Netzwerke [3].

Die in dieser Feststellung enthaltenen, teilweise widerstreitenden und individuellen Dimensionen machen es vielleicht verständlich, warum der Begriff „verträgliche Dialyse“ bisher noch keinen Eingang in die Literatur gefunden hat. Er ist bisher nicht definiert. In den einzelnen Beiträgen dieses Schwerpunktheftes werden wir uns mit diesen Dimensionen auseinandersetzen: Prof. Dirk Bokemeyer und Prof. Joachim Beige besprechen die Verträglichkeit der Hämodialyse in der Entsprechung von „safety“ sowie „symptom burden“. Sie werden die heute zu erreichende Ergebnisqualität – diese ist in Leitlinien definiert – in Beziehung setzen zu den möglichst zu vermeidenden intradialytischen Komplikationen. Dr. Benno Kitsche und Dr. Claudia Karger beziehen ebenfalls die Hämodialyse in ihre Betrachtungen ein. Mittels der Heimdialyseperspektive, inklusive Heimperitonealdialyse, wird aber deutlich, dass zur Erreichung einer mehr ganzheitlichen Verträglichkeit die genannten weiteren Dimensionen ebenfalls einbezogen werden sollten (Stichworte: „soziale/berufliche Aspekte“, „Diagnose“, „Shared Decision Making“). In der Gesamtbetrachtung soll für den interessierten Leser deutlich werden, wie man als nephrologisches Behandlungsteam für unsere Patienten eine ganzheitliche Verträglichkeit herstellen kann und welche Probleme auf diesem Weg noch gelöst werden müssen.

 
  • Literatur

  • 1 Flythe JE, Hilliard T, Castillo G. et al. Symptom prioritization among adults receiving in-center hemodialysis: a Mixed Methods Study. Clin J Am Soc Nephrol 2018; 13: 735-745 doi:10.2215/CJN.10850917
  • 2 Flythe JE, Dorough A, Narendra JH. et al. Perspectives on symptom experiences and symptom reporting among individuals on hemodialysis. Nephrol Dial Transplant. 2018 doi:10.1093/ndt/gfy069
  • 3 Robinski M, Mau W, Wienke A. et al. The Choice of Renal Replacement Therapy (CORETH) project: dialysis patients’ psychosocial characteristics and treatment satisfaction. Nephrol Dial Transplant 2017; 32: 315-324 doi:10.1093/ndt/gfv464