Psychother Psychosom Med Psychol 2019; 69(12): 484-489
DOI: 10.1055/a-1030-4570
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Strategien zur Rekrutierung von Geflüchteten für Interventionsstudien: Erkenntnisse aus dem „Sanadak“-Trial

Strategies to Recruit Refugees for Intervention Studies: Lessons Learned from the „Sanadak“ Trial
Susanne Roehr
1   Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig, Leipzig
,
Felix Wittmann
1   Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig, Leipzig
,
Franziska Jung
1   Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig, Leipzig
,
Rahel Hoffmann
2   Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Medizinische Fakultät, Universität Leipzig, Leipzig
3   Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Fakultät, Technische Universität Dresden, Dresden
,
Anna Renner
4   Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Leipzig, Leipzig
,
Judith Dams
5   Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg
,
Thomas Grochtdreis
5   Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg
,
Anette Kersting
4   Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Leipzig, Leipzig
,
Hans-Helmut König
5   Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg
,
Steffi G. Riedel-Heller
1   Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig, Leipzig
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Weitere Informationen

Publikationsverlauf

eingereicht 07. Oktober 2019

akzeptiert 15. Oktober 2019

Publikationsdatum:
04. Dezember 2019 (online)

Zusammenfassung

Ziel Die Rekrutierung von sogenannten seltenen Populationen, dazu zählen Geflüchtete, für Forschungsstudien gilt als schwierig. Deshalb teilen wir Erkenntnisse zu förderlichen und hinderlichen Strategien zur Rekrutierung von Geflüchteten sowie wahrgenommene Barrieren basierend auf unseren Erfahrungen im „Sanadak“-Trial, einer randomisierten kontrollierten Studie zur Evaluation einer Selbsthilfe-App für syrische Geflüchtete mit posttraumatischer Belastung.

Methodik Datengrundlage war eine Interimsevaluation der Rekrutierungsstrategien. Im quantitativen Teil analysierten wir, wie Studieninteressierte von „Sanadak“ erfahren haben und über welchen Weg der Erstkontakt stattfand. Diese Ergebnisse wurden durch einen qualitativen Teil ergänzt. Dazu wurden die syrischen Studienassistenten des „Sanadak“-Trials (n=3) mittels problemzentrierter Leitfadeninterviews zu förderlichen und hinderlichen Rekrutierungsstrategien sowie wahrgenommenen Barrieren befragt.

Ergebnisse Es lagen Daten zur Rekrutierung von 140 syrischen Geflüchteten vor. Davon wurde fast die Hälfte (44%) über persönlichen Kontakt rekrutiert, rund ein weiteres Drittel (36%) wurde über verschiedene Werbemaßnahmen (z. B. Facebook-Werbung) und rund ein Fünftel (19%) über Multiplikatoren gewonnen. Typische Barrieren waren Bedenken hinsichtlich Datenschutz, Anonymität und Stigmatisierung. 

Diskussion Das Schneeballprinzip war eine effektive Rekrutierungsstrategie im „Sanadak“-Trial. Weitere Strategien waren ergänzend sinnvoll, v. a. um die Varianz der Stichprobe zu erhöhen. Die Interimsevaluation erwies sich als wertvoll, um Ressourcen auf effektive Rekrutierungsstrategien zu lenken und Barrieren zu adressieren.

Schlussfolgerung Ein multistrategischer Rekrutierungsansatz mit Fokus auf persönlichen Kontakt, vielfältigen Kontaktmöglichkeiten und interkulturell kompetenten Projektmitarbeitern hat sich im „Sanadak“-Trial bewährt.

Abstract

Objective Recruitment of so called rare populations, including refugees, for participation in research studies is challenging. We aim to share our lessons learned regarding recruitment strategies used in the “Sanadak” trial, a randomized controlled trial for the evaluation of a self-help app for Syrian refugees with posttraumatic stress.

Methods We conducted an interim evaluation of our recruitment strategies. A quantitative analysis addressed how potential study participants first learned about “Sanadak” and in which way they made first contact with us. A qualitative part included problem-centered interviews with our Syrian study nurses (n=3) regarding the success of various recruitment strategies and perceived barriers.

Results Data were available for the recruitment of 140 Syrian refugees. Almost half of the sample (44%) was recruited via personal contact, about another third (36%) by means of study promotion (e. g. Facebook ads), and about a fifth (19%) through multipliers. Typical barriers were concerns regarding data protection, anonymity and stigmatization.

Discussion Snowball sampling was an effective recruitment strategy in our trial. This is also the most acknowledged recruitment strategy for rare populations. In addition, other strategies were useful to increase sample variance. The interim evaluation helped to direct efforts towards effective recruitment strategies and to identify and address barriers.

Conclusion Multi-strategic recruitment with a focus on snowball sampling, multiple options to make contact with the study team, and having culturally sensitive members in the study team contributed towards successful recruitment in the “Sanadak”-trial.