Gesundheitswesen 2010; 72(10): 722-728
DOI: 10.1055/s-0029-1239567
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Transparenz als Voraussetzung für Innovation in der Versorgungsforschung: Defizite am Beispiel der Evaluation von Managed-Care-Modellvorhaben

Transparency as a Prerequisite of Innovation in Health Services Research: Deficits in the Reporting of Model Projects Concerning Managed CareJ. Wiethege1 , O. Ommen1 , N. Ernstmann1 , H. Pfaff1
  • 1Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft – eine gemeinsame Einrichtung der Humanwissenschaftlichen und der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln & Zentrum für Versorgungsforschung, Köln
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
12. November 2009 (online)

Zusammenfassung

Ziel der Studie: In Deutschland werden gegenwärtig Managed-Care-Elemente in das Gesundheitssystem eingeführt. Neben Verträgen zur integrierten Versorgung nach § 140 des fünften Sozialgesetzbuches (SGB V), Strukturverträgen nach § 73 SGB V und Verträgen zu Disease Management Programmen nach § 137 SGB V bilden Modellvorhaben nach §§ 63 ff SGB V den rechtlichen Rahmen zur Einführung. Zu letzteren haben die Krankenkassen oder ihre Verbände „eine wissenschaftliche Begleitung und Auswertung der Modellvorhaben […] nach allgemein anerkannten wissenschaftlichen Standards zu veranlassen. Der von unabhängigen Sachverständigen zu erstellende Bericht über die Ergebnisse der Auswertung ist zu veröffentlichen” (SGB V § 65). Mit der vorliegenden Arbeit wurde untersucht, welche Projekte in Deutschland im Rahmen von Modellvorhaben nach §§ 63 ff SGB V durchgeführt und inwieweit Berichte zu Auswertungen veröffentlicht wurden.

Methodik: Es wurde eine Bestandsaufnahme aller Projekte auf der Basis von a) telefonischen und schriftlichen Befragungen von Vertretern von Bundesversicherungsamt, Krankenkassen und KVen, b) Recherchen beim Informationsverbund „Medpilot” sowie c) Internetrecherchen mithilfe von „Google” durchgeführt. Auf die einzelnen Projekte bezogen wurde ebenfalls im Internet nach Dokumenten zur Evaluation recherchiert.

Ergebnis: Es wurden 34 Projekte gefunden, davon waren zum 30.9.2008 13 abgeschlossen. Von den abgeschlossenen Projekten lagen lediglich von sechs veröffentlichte Evaluationsberichte vor, zu weiteren vier konnten andere aussagefähige Dokumente recherchiert werden. Von einem laufenden Projekt lag ein umfangreicher Zwischenbericht vor. Zu zwölf Projekten konnten keine genauen Angaben zum durchführenden Evaluator oder zur Laufzeit gefunden werden. Es bleibt unklar, ob und in welcher Form die Projekte evaluiert wurden oder ob eventuell ein Evaluationsbericht existiert, der aber nicht veröffentlicht wurde.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse zeigen ein erhebliches Defizit gemessen an der Intention des Gesetzgebers, die Einführung von Managed-Care in das deutsche Gesundheitssystem durch belastbare Evaluationsergebnisse zu flankieren. Der größte Handlungsbedarf liegt nun in der Beantwortung der Frage, wie man verhindern kann, dass Evaluationen zu dem unbestritten wichtigen Handlungsfeld nicht durchgeführt oder nicht veröffentlicht werden. Hier sind Gesetzgeber und Krankenkassen gefordert. Die Evaluatoren sollten sich zu einer Veröffentlichung verpflichten. Die Veröffentlichung von Ergebnissen und Erfahrungen der Evaluation von Managed-Care ist notwendige Bedingung für die Weiterentwicklung der auf Managed-Care aufbauenden Strukturen im Gesundheitswesen sowie für die Evaluationsforschung in diesem Bereich. Nur so können Methoden der Evaluation in der Wissenschaft diskutiert und weiterentwickelt werden.

Abstract

Aim: Currently, elements of managed care are being implemented in the German health-care system. The legal basis for these innovations are § 140, § 73, § 137, and §§ 63 et seq. of the German Social Code – Part 5 (SGB V). For the model projects according to §§ 63 et seq. of the German Social Code a scientific evaluation and publication of the evaluation results is mandatory. The present study examines the status of evaluation of German model projects.

Methods: The present study has a mixed method design: A mail and telephone survey with the German Federal Social Insurance Authority, the health insurance funds, and the regional Associations of Statutory Health Insurance Physicians has been conducted. Furthermore, an internet research on “Medpilot“ and ”Google“ has been accomplished to search for model projects and their evaluation reports.

Results: 34 model projects met the inclusion criteria. 13 of these projects had been terminated up to 30/9/2008. 6 of them have published an evaluation report. 4 model projects have published substantial documents. One model project in progress has published a meaningful interim report. 12 model projects failed to give information concerning the evaluator or the duration of the model projects.

Implications: The results show a significant deficit in the mandatory reporting of the evaluation of model projects in Germany. There is a need for action for the legislator and the health insurance funds in terms of promoting the evaluation and the publication of the results. The institutions evaluating the model projects should obligate themselves to publish the evaluation results. The publication is an essential precondition for the development of managed care structures in the health-care system and in the development of scientific evaluation methods.

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Korrespondenzadresse

Prof. Dr. H. Pfaff

Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und

Rehabilitationswissenschaft – eine gemeinsame Einrichtung

der Humanwissenschaftlichen

und der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln & Zentrum für Versorgungsforschung Köln

Eupener Straße 129

50933 Köln

eMail: holger.pfaff@uk-koeln.de

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