Sprache Stimme Gehör 2010; 34(3): 155-164
DOI: 10.1055/s-0029-1246202
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Langzeiteffekte der Intensiv-Modifikation Stottern (IMS)

Long-Term Effects of the Intensiv-Modifikation StotternU. Natke1 , A. Alpermann2 , W. Heil3 , S. Kuckenberg4 , H. Zückner5
  • 1Natke Verlag, Neuss
  • 2Hogeschool Zuyd, Heerlen, Niederlande
  • 3Logopädische Praxis Poststraße, Köln
  • 4Praxis für Logopädie, Solingen
  • 5RWTH Aachen, Lehranstalt für Logopädie, Aachen
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Publication History

Publication Date:
10 March 2010 (online)

Zusammenfassung

Der Zweck der vorliegenden Untersuchung bestand darin, die Langzeiteffekte einer Intensivtherapie nach dem Ansatz der Stottermodifikation bei stotternden Jugendlichen und Erwachsenen zu ermitteln. Dabei wurden die Auswirkungen auf die Sprechflüssigkeit mit 2 bislang wenig verbreiteten Methoden erhoben, mit denen die Ziele der Therapie – sowohl leichter als auch weniger zu stottern sowie lokale Sprechtechniken einzusetzen – überprüft werden können. Weiterhin wurden mittels Fragebögen Selbsteinschätzungen sowie Änderungen in den Bereichen Gefühle, Einstellungen und Vermeidungsverhalten ermittelt. Bei 3 aufeinander folgenden Therapiekursen der Intensiv-Modifikation Stottern (IMS) wurden Daten bei 18 Teilnehmern direkt vor, im Anschluss an die 1-jährige Intensivphase sowie 1 und 2 Jahre nach der Intensivphase gesammelt. Sprechproben wurden mittels Telefongesprächen erhoben. Dies geschah, indem die Patienten nicht terminiert von einer unbekannten Person angerufen wurden. Die Anrufe erfolgten vor der Durchführung von Nachsorgetreffen. Die Erhebung der Sprechproben geschah damit außerhalb des therapeutischen Kontexts und unbeeinflusst von der Auffrischung von Therapieinhalten. Auf diese Weise wurde versucht, ein realistisches Bild der Sprechflüssigkeit aus dem Alltag der Patienten zu erhalten. In allen abhängigen Variablen zeigt sich ein typisches Bild: Im Anschluss an die Intensivphase sind große positive Effekte zu verzeichnen. Nach 1 Jahr verschlechtern sich die Ergebnisse etwas, bleiben jedoch im 2. Jahr nach der Intensivphase stabil. Damit werden die sprechbezogenen und die nicht sprechbezogenen Ziele der Therapie langfristig erreicht. Beim Percentage of Discontinuous Speech Time, mit dem der Zeitverlust durch Stottern gemessen wird, ergab sich eine langfristige Verbesserung um 10,8 Prozentpunkte gegenüber dem Stand vor der Therapie. Die Intervall-Messung, mit der 3-Sekunden-Intervalle kategorisiert werden, zeigte eine Reduktion der gestotterten Intervalle um 18,5 Prozentpunkte zugunsten der flüssig gesprochenen Intervalle. Der Anteil der Intervalle, in denen Sprechtechnik eingesetzt wurde, war langfristig gering. Mögliche Gründe und Konsequenzen für die Therapie werden diskutiert.

Abstract

The purpose of the present study was to measure the long-term effects of an intensive stuttering modification therapy for adolescents and adults who stutter. The effects on fluency were assessed with 2 quite unknown methods, which seemed to be appropriate to cover 2 important therapy goals: to lessen and ease stuttering as well as the use of stuttering modification techniques. The assessments also included questionnaires regarding self-evaluation and changes in feelings, attitudes and avoidance behaviour. The speech of 18 clients of 3 consecutive courses of the “Intensiv-Modifikation Stottern (IMS)” was assessed via telephone calls pre- and post-treatment as well as 1 or, respectively, 2 years after treatment. The telephone calls were surprise calls by an unknown person and were explicitly done outside the context of therapy or refreshers. The purpose of this approach was to get a realistic view of the fluency in every day situations of the clients. All measures showed typical results. Post-treatment there are large effects, at the follow-up one year later the results fall off, but stabilise in the 2nd year after treatment. Hence, the goals of the IMS regarding fluency and the coping of stuttering are achieved on a long-term basis. Measurements of the percentage of discontinous speech time, which reflects the loss of time by stuttering events, showed an improvement of 10.8 percentage points after therapy in comparison to the pre-assessment. Time-interval measurement with intervals of 3 seconds showed a reduction of 18.5 percentage points of stuttered intervals. Two years after therapy the amount of intervals which contained stuttering modification techniques was low. Potential reasons and consequences for stuttering therapy are discussed.

Literatur

1 Es wird allerdings davon ausgegangen, dass die erfolgreiche Anwendung von Blocklösetechniken nur auf der Grundlage einer Desensibilisierung gegenüber dem Stottern möglich ist.

2 Unter Sprechtechnik werden hier sowohl global eingesetzte Techniken wie beim Fluency Shaping als auch lokal beim Auftreten von Stotterereignissen angewandte Blocklösetechniken wie der Pull-Out verstanden.

3 Der 1. Kurs wurde von Sabine Kuckenberg, Ulrich Natke und Hartmut Zückner in Solingen durchgeführt, der 2. und 3. Kurs von Winfried Heil, Ulrich Natke und Hartmut Zückner in Köln.

Korrespondenzadresse

Dr. U. Natke

Ricarda-Huch-Weg 38

41469 Neuss

Email: mail@natke-verlag.de