Sprache Stimme Gehör 2011; 35(03): 129
DOI: 10.1055/s-0030-1280826
Editorial
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Prosodie – Sprache entdecken

Prosody – Discover Language
S. Sallat
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Publication Date:
20 September 2011 (online)

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Stephan Sallat

Prosodie ist in aller Munde. Das ist nicht nur einfach so dahin gesagt oder geschrieben. Eine sprachliche Äußerung ist ohne Prosodie kaum vorstellbar. Ebenso hat die Forschung der letzten Jahre die Prosodieverarbeitung wieder stärker in den Fokus genommen.

Jeder Mensch ergänzt und präzisiert den Inhalt seiner sprachlichen Äußerungen beispielsweise durch Konturverläufe, Pausen, Akzente und Variationen des Tempos. Auf diese Weise kann er seinen Kommunikationspartner noch besser erreichen und seine Sprecherintention verstärken. Wir hören Menschen länger interessiert zu, wenn Ihr Vortrag eine deutliche prosodische Gliederung enthält. Auch wenn wir eine Zweitsprache lernen wollen oder wenn wir uns neue Worte merken müssen, helfen uns Verstärkungen durch Betonungen, Konturverläufe und Pausen. Schon zum Beginn unseres Spracherwerbs im ersten Lebensjahr haben wir solche prosodischen Elemente in den Sprachäußerungen unserer Eltern und Bezugspersonen beachtet, um den Sprachcode zu knacken und die ersten sprachlichen Elemente der Muttersprache zu lernen. Ganz selbstverständlich und unbewusst haben es uns unsere Eltern aber auch leicht gemacht. Sie sprachen mit einer höheren Stimme (Sprechstimmlage) zu uns, vereinfachten die Äußerungen, fügten deutlich Pausen und Akzente ein und wiederholten diese Muster. Diese Art mit Säuglingen und Kleinkindern zu sprechen wird als Motherese oder auch Baby Talk bezeichnet. Zu welch erstaunlichen sprachlichen Unterscheidungsleistungen der Säugling mithilfe der Prosodie in der Lage ist, berichten Schröder und Höhle in ihrem Beitrag „Prosodie und Spracherwerb“ in dieser Ausgabe. Mit einer ausgefeilten Methodik gelingt es in den letzten Jahren immer besser, die Verarbeitungsleistungen von Säuglingen zu verstehen.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die nicht in der Lage sind, prosodische Zusatzinformationen zu nutzen. Dies bedeutet für sie erhebliche Einschränkungen in ihrer Kommunikation sowie für das Erlernen von Sprache. Die Ursachen können einerseits anatomisch oder physiologisch bedingt sein; zum anderen gibt es Menschen, die in der Folge oder als Begleitsymptom einer Sprachstörung nicht in der Lage sind, prosodische Zusatzinformationen für eine bessere Sprachverarbeitung zu nutzen.

Mit der ersten Gruppe beschäftigt sich Meister in seinem Beitrag „Prosodische Verarbeitung bei Cochlea-Implantat“. Er zeigt, inwieweit prosodische Aspekte wie Satzmodus oder Satzakzente von erwachsenen CI-Trägern für ein besseres Sprachverstehen genutzt werden können und welchen Einfluss sie auf das Verstehen von Sprache haben. Ebenso stellt er die Perzeption und Produktion prosodischer Merkmale bei CI-versorgten Kindern und Jugendlichen dar und zeigt auf, wie sich die Prosodiewahrnehmung mit Cochlea-Implantaten verbessern lässt.

Stellvertretend für die zweite Gruppe wird im Beitrag von Sallat die „Musikalische und prosodische Verarbeitung im gestörten Spracherwerb“ beschrieben. Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (SSES) zeigen Auffälligkeiten in der prosodischen Verarbeitung. Sie sind nicht in der Lage, Sprache besser zu lernen, wenn sie ihnen mit deutlicher Akzentuierung, überhöhter Kontur oder mit zusätzlichen Pausen dargeboten wird. Im Beitrag wird dargestellt, dass die Probleme nicht nur im Bereich der Prosodie, also bei der „Musik in der Sprache“ auftreten, sondern auch bei der Verarbeitung von Melodien und Rhythmen zu beobachten sind. Ausgehend von diesen Befunden wird ein Modell über den Einfluss der musikalischen Verarbeitung im normalen und gestörten Spracherwerb beschrieben und Schlussfolgerungen für Diagnostik und Therapie bei SSES gezogen.

Mit Möglichkeiten der Diagnostik prosodischer Verarbeitungsauffälligkeiten beschäftigt sich der 4. Beitrag des Prosodie-Themenheftes. Spreer und Sallat geben einen Überblick über die Erfassung prosodischer Verarbeitungsaspekte in den gängigen deutschen Verfahren der Sprachentwicklungsdiagnostik sowie in der Diagnostik bei neurologischen Störungen. Als theoretische Grundlage für den Beitrag und das gesamte Themenheft werden zudem eine kurze theoretische Einführung zur Prosodie mit ihren Merkmalen und Komponenten gegeben und ihre Funktionen erläutert.

Abgerundet wird das Themenheft durch ein Interview mit Hermann Schöler, das über die klinische Relevanz hinaus die Bedeutung der Prosodieverarbeitung im schulischen Bereich behandelt.

Ich wünsche den Lesern, dass sie die Prosodieverarbeitung auf der Grundlage der Beiträge in ihrem medizinischen und therapeutischen Alltag noch stärker berücksichtigen! Prosodie ist in aller Munde, aber auch in aller Ohren – Prosodie hilft die Sprache entdecken!·

Ich danke den Autoren für die Mitarbeit an diesem Heft.