Gesundheitswesen 2014; 76(08/09): 494-499
DOI: 10.1055/s-0033-1361149
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Verbale Aggressionen gegen Mitarbeitende im Gesundheitswesen: Ergebnisse einer qualitativen Studie

Verbal Aggression against Health-Care Staff: Results of a Qualitative Study
D. Richter
1   Berner Fachhochschule, Fachbereich Gesundheit, Bern, Schweiz
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Publication Date:
22 January 2014 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Verbale Aggressionen gegen Mitarbeitende im Gesundheitswesen sind ein erheblicher Belastungsfaktor. Im Vergleich mit körperlichen Aggressionen sind bisher jedoch kaum systematische Studien unternommen worden.

Methode: Es wurde eine leitfadengestützte qualitative Fokusgruppenstudie in verschiedenen Settings des Gesundheitswesens durchgeführt: Akutpsychiatrie, forensische Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Wohnheim für psychisch kranke Menschen, somatische Akutklinik, Alten- und Pflegeheim. An 8 Fokusgruppeninterviews nahmen 74 Mitarbeitende aus verschiedensten Berufsgruppen teil.

Ergebnisse: Von den Befragten wurden verschiedene Formen verbaler Aggressionen berichtet, die von Beschimpfungen und Drohungen bis hin zu Verweigerungsverhalten reichten. Die mit aggressiven Äußerungen verbundenen Hintergründe waren oftmals Unzufriedenheit der Patienten mit der Situation und der Behandlung, Organisationsprobleme, aber auch psychische Störungen und kognitive Einschränkungen. Die befragten Mitarbeitenden berichteten über verschiedene Bewältigungsstrategien, unter anderem von Ignorierungs- und Rationalisierungsversuchen, aber auch von Hilflosigkeit. Der Schweregrad verbaler Aggressionen im Vergleich zu körperlicher Gewalt wurde uneinheitlich bewertet. Eine eindeutige Grenze zu ‚normalen‘ Sprechakten konnte ebenfalls nicht gezogen werden, da subjektive und individuelle Faktoren bei der Bewertung eine große Rolle spielen.

Schlussfolgerung: Verbale Aggressionen stellen im Alltag von Beschäftigten des Gesundheitswesens eine relevante Belastung dar, der bislang in der Praxis nur unzureichend begegnet wird. Präventionsmaßnahmen können sich auf den Umgang mit verbalen Aggressionen in der Situation beziehen (z. B. Kommunikationstrainings) sowie auf die individuelle psychische Bewältigung derartiger Belastungen (z. B. Resilienzförderung).

Abstract

Background:

Verbal aggression against health-care staff can induce considerable stress. Compared to physical aggression, systematic studies on verbal aggression are lacking.

Methods:

A qualitative focus group study was conducted in several clinical settings in north-western Germany: acute mental health care, forensic mental health care, children and adolescent psychiatry, residential care for mentally ill persons, general hospital, and nursing home. 74 staff members from various professions participated in 8 focus groups.

Results:

Various forms of verbal aggression were reported, from verbal abuse over threats to non-compliant behaviour. Backgrounds for verbal aggression by patients were usually non-satisfaction with the situation or the treatment, organisational problems, and mental disorders. Staff reported about various coping strategies such as ignorance and rationalisation, but also helplessness. Compared to physical aggression, the severity of verbal aggression was rated non-uniformly. A clear boundary between verbal aggression and ‘normal’ speech acts could not be drawn, as subjective and individual factors play an important role while interpreting aggressive acts.

Conclusion:

Verbal aggression is a relevant stressor for health-care staff which has been widely neglected in care institutions. Prevention efforts may include situational coping (e. g., communication training) and psychological coping (e. g., resilience enhancement).